

Philippinen
Die kluge Marcela
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Philippinen
- Alter
- 7–11 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Die kluge Marcela
Auf den Philippinen lebte ein Mann, der am Hof des Königs diente.
Er war ehrlich und fleißig.
Am stolzesten war er jedoch nicht auf seine Arbeit, sondern auf seine Tochter Marcela.
Schon als Kind war sie neugierig.
Sie liebte Rätsel.
Sie bemerkte Widersprüche schnell.
Und sie hatte keine Angst zu sagen:
„Das ist nicht gerecht.“
Wenn ein Auftrag unsinnig klang, stritt Marcela nicht nur um des Streitens willen.
Sie stellte eine einzige genaue Frage.
Oft genügte das, damit alle das Problem erkannten.
Schließlich hörte sogar der König von ihrer Klugheit.
„Alle erzählen, die Tochter meines Dieners sei außergewöhnlich scharfsinnig. Prüfen wir das.“
Er gab seinen Boten einen winzigen Vogel.
„Bringt ihn Marcela. Sie soll daraus zwölf verschiedene Gerichte zubereiten.“
Die Boten kamen zu ihrem Haus.
Marcela saß am Fenster und nähte.
„Befehl des Königs. Aus diesem einen kleinen Vogel sollen zwölf Gerichte werden.“
Marcela sah den Vogel an.
Dann die Boten.
Dann zog sie aus ihrer Näharbeit eine dünne Nadel.
„Gebt das dem König. Wenn er aus dieser einen Nadel zwölf Löffel macht, bereite ich aus dem kleinen Vogel zwölf Gerichte.“
Die Boten kehrten zurück.
Der König drehte die Nadel zwischen den Fingern und lachte.
„Gut. Ein Punkt für Marcela.“
Doch aufgeben wollte er nicht.
Am nächsten Tag brachten die Boten ein Schaf zu ihrem Hof.
„Der König befiehlt, dieses Schaf für sechs Reales zu verkaufen. Aber zusammen mit den sechs Reales soll dasselbe lebende Schaf zurück in den Palast kommen.“
Marcela runzelte die Stirn.
„Das Schaf verkaufen und das Schaf zurückbringen...“
Sie ging einmal durch den Raum.
Dann noch einmal.
Plötzlich lächelte sie.
„Ich hab's.“
Sie schor das Schaf vorsichtig.
Die Wolle verkaufte sie auf dem Markt genau für den verlangten Betrag.
Das Tier bekam Wasser und Futter.
Am nächsten Morgen gingen Schaf und sechs Reales zurück zum König.
Der König sah beides.
„Was hat sie verkauft?“
„Die Wolle, Majestät.“
Der König schüttelte den Kopf.
„Zwei Punkte für Marcela.“
Eine Woche verging.
Dann eine zweite.
Der König dachte so lange über eine dritte Aufgabe nach, dass die Höflinge bereits vermuteten, diesmal wolle er unbedingt gewinnen.
Schließlich klopfte wieder ein Bote an Marcelas Tür.
„Der König fühlt sich unwohl. Er verlangt eine Schale Milch von einem Stier. Du musst sie beschaffen. Sonst verliert dein Vater seine Stelle.“
Marcela schwieg einige Sekunden.
„Milch von einem Stier?“
„Genau.“
Diesmal war sie nicht nur verwundert.
Sie wurde wütend, weil der König ihren Vater wegen eines absichtlichen Unsinns bedrohte.
„Gut. Sagt ihm, ich habe verstanden.“
Noch am selben Tag erfuhr sie, dass der König am nächsten Morgen im Fluss baden wollte.
Er hatte befohlen, niemand solle dort Wäsche waschen, solange er sich am Wasser befand.
Marcela lächelte.
„Perfekt. Dann hört er meine Antwort selbst.“
Am Abend nahm sie ein altes Laken und färbte einige Stellen mit rotem Beerensaft.
Am Morgen ging sie genau zu dem Abschnitt des Flusses, an dem der König war.
Sie stellte sich oberhalb der Strömung und begann das Tuch auszuwaschen.
„Marcela!“, rief der König. „Hast du meinen Befehl nicht gehört? Heute darf hier niemand Wäsche waschen!“
Marcela verbeugte sich.
„Doch, Majestät. Aber bei uns zu Hause ist etwas Außergewöhnliches geschehen. Ich konnte nicht warten.“
„Was denn?“
„Mein Vater hat heute Nacht ein Kind zur Welt gebracht. Ich wasche nun die Tücher.“
Der König sprang beinahe auf.
„Was für ein Unsinn! Ein Mann kann kein Kind gebären!“
Marcela sah ihn ruhig an.
„Genau, Majestät. Und ein Stier kann keine Milch geben.“
Einen Augenblick lang war es völlig still.
Ein Höfling hustete, um sein Lächeln zu verbergen.
Ein anderer sah schnell zum Wasser.
Der König wurde erst rot.
Dann lachte er laut.
„Drei Punkte für Marcela. Diesmal habe ich wohl endgültig verloren.“
Im Palast warteten alle neugierig darauf, was nun geschehen würde.
Nach altem Brauch sagte der König:
„Eine so kluge junge Frau wäre eine hervorragende Ehefrau für meinen Sohn. Ich werde ihr diese Ehe als Belohnung anbieten.“
Marcela hob eine Augenbraue.
„Majestät, darf ich noch eine Antwort geben?“
„Sprich.“
„Kann man einem Menschen die Entscheidung schenken, mit wem er sein ganzes Leben verbringen soll?“
Der König öffnete den Mund.
Dann schloss er ihn wieder.
„Wenn Euer Sohn mich kennenlernen möchte und ich ihn kennenlernen möchte, können wir miteinander sprechen“, fuhr Marcela fort. „Aber eine Ehe sollte nicht die vierte Aufgabe in Eurem Spiel sein.“
Der Saal wurde ganz still.
Der König sah Marcela an.
Dann seine Ratgeber.
Schließlich nickte er.
„Schon wieder hast du recht.“
Er setzte sich auf seinen Thron.
„Dann mache ich dir ein anderes Angebot. Komm in meinen Rat. Offenbar brauche ich jemanden, der unsinnige Befehle erkennt, bevor ich sie erteile.“
Marcela lächelte.
„Über dieses Angebot denke ich gern nach.“
Bald arbeitete sie tatsächlich am Hof.
Wenn jemand etwas Unmögliches vorschlug, schrie sie nicht.
Sie machte niemanden lächerlich.
Sie stellte einfach die richtige Frage.
Und manchmal genügt eine einzige gute Frage, damit ein ganzes Königreich ein wenig vernünftiger wird.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
