Cover: Die Königstochter aus dem Ei

Estland

Die Königstochter aus dem Ei

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Estland
Alter
7–11 Jahre
Dauer
10 Min.
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Die Königstochter aus dem Ei

In einem fernen Königreich lebten ein König und eine Königin.

Sie hatten einen hellen Palast, einen großen Garten, treue Diener, friedliche Städte und fruchtbare Felder.

Nur eines fehlte der Königin:

In ihrem Haus hörte sie kein Kinderlachen.

Wenn der König auf lange Reisen ging, saß sie gern unter einer alten Linde an einer Quelle.

Eines Tages kam eine unbekannte ältere Frau mit einem kleinen Korb aus Birkenrinde zu ihr.

„Seid nicht traurig, Majestät“, sagte sie. „Vielleicht komme ich genau zur richtigen Zeit.“

Die Königin staunte.

Die Fremde bat, ihre Hand ansehen zu dürfen, betrachtete lange die Linien und sagte leise:

„In Eurem Herzen leben zwei Sorgen. Die eine gilt dem König, der weit fort ist. Er wird gesund und mit guten Nachrichten zurückkehren. Die andere ist älter. Ihr wünscht Euch ein Kind.“

Die Königin senkte den Blick.

„Das stimmt.“

Da reichte die Frau ihr den kleinen Korb.

„Darin liegt ein Ei. Haltet es warm. In drei Monaten geschieht ein Wunder. Und was danach geschieht, behaltet für Euch, bis die richtige Zeit kommt.“

Die Fremde ging davon.

Die Königin sah ihr nur einen Augenblick später nach.

Statt einer gebeugten alten Frau sah sie nun eine junge Frau in hellem Gewand, die so leicht ging, als trüge der Wind sie.

Die Königin legte den Korb in eine goldene Truhe und kümmerte sich sorgsam darum.

Nach drei Monaten bekam die Schale einen feinen Riss.

Aus dem Ei erschien ein winziges Mädchen, kaum größer als ein Finger.

Es lag auf weicher Wolle und wuchs von Tag zu Tag.

Ein Jahr später bekam die Königin einen Sohn.

Zur selben Zeit war das kleine Mädchen aus dem Ei so groß geworden wie ein gewöhnliches Baby.

Die Königin legte beide Kinder nebeneinander in die Wiege.

Den Jungen nannte man Willem.

Das Mädchen Dotterina.

Zu einem Fest kam eine ungewöhnliche Besucherin in den Palast.

Sechs goldfarbene Pferde zogen ihre Kutsche.

Ihr Kleid schimmerte rosa und golden.

Die Königin erkannte sofort die zauberhafte Frau von damals.

Sie nahm Dotterina auf den Arm, küsste sie und flüsterte:

„Bewahrt den Birkenkorb, die Schalenhälften und die kleine Feder, die unter der Wolle liegt. Darin ruht ein Teil ihres Glücks. Wenn sie größer ist, gebt ihr alles. Wenn sie einmal dringend Hilfe braucht, soll sie die Feder aus einem offenen Fenster fliegen lassen.“

Danach verschwand die Patin ebenso geheimnisvoll, wie sie gekommen war.

Willem und Dotterina wuchsen gemeinsam auf.

Sie liefen durch den Garten, erfanden Spiele und hörten Geschichten ihrer alten Kinderfrau.

Für sie beide war es selbstverständlich, Bruder und Schwester zu sein.

Als sie noch jung waren, wurde die Königin schwer krank.

Bevor sie den Palast für immer verließ, rief sie die Kinderfrau und gab ihr den Zauberkorb.

„Wenn Dotterina zehn Jahre alt ist, gib ihn ihr. Sag ihr, sie soll ihn gut bewahren.“

Die Kinderfrau versprach es.

Einige Jahre später heiratete der König erneut.

Die neue Königin mochte die Kinder nicht besonders und hielt sie möglichst auf Abstand.

Sie war streng, kühl und sagte Dotterina oft verletzende Dinge.

Die Kinderfrau beschützte beide, so gut sie konnte.

Der König war mit den Angelegenheiten des Reiches beschäftigt und begriff lange nicht, wie schwer es für die Kinder geworden war.

An Dotterinas zehntem Geburtstag gab die Kinderfrau ihr den Korb.

„Das hat deine Mutter für dich zurückgelassen. Bewahre ihn, auch wenn er ganz gewöhnlich aussieht.“

Dotterina blickte hinein.

Darin lagen ein Stück weiche Wolle, zwei Schalenhälften und eine kleine Feder.

„Das ist alles?“

„Manchmal sieht das Wertvollste sehr unscheinbar aus.“

Dotterina stellte den Korb in eine Truhe und dachte lange nicht mehr daran.

Einige Jahre vergingen.

Nach einem besonders unangenehmen Streit mit der Stiefmutter lief Dotterina in ihr Zimmer.

Sie fühlte sich allein und verletzt.

Da erinnerte sie sich an den Korb.

Sie öffnete ihn, nahm die Feder und ging ans Fenster.

Ein leichter Luftzug ergriff sie und trug sie in den Garten.

Im selben Augenblick erschien die schöne Frau in rosa-goldenem Gewand.

„Hab keine Angst, Dotterina. Ich bin deine Patin.“

Das Mädchen sah sie überrascht an.

„Ihr kanntet meine Mutter?“

„Ja. Und ich kenne auch deine wahre Geschichte. Aber alles hat seine Zeit. Für jetzt merke dir nur: Bewahre diesen Korb. Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich wieder. Der Korb kann dir etwas geben, das du wirklich brauchst. Keine Laune, kein fremdes Unglück, keinen Reichtum nur um des Reichtums willen. Nur etwas, das dir hilft, deinen Weg weiterzugehen.“

Sie setzten sich unter die alte Linde.

Die Patin sprach einige Worte über den Korb.

Vor ihnen erschien ein kleiner Tisch mit warmem Essen.

Dotterina lachte.

„Was für ein Wunder!“

„Das beste Wunder ist eines, nach dem du mutiger wirst und nicht fauler.“

Von da an trug Dotterina den Korb bei sich und fühlte sich sicherer.

Sogar die Stiefmutter schien eine unsichtbare Grenze zu spüren und ließ sie häufiger in Ruhe.

Weitere Jahre vergingen.

Dotterina wurde erwachsen.

Dann geriet das Königreich in große Gefahr.

Ein fremdes Heer näherte sich der Hauptstadt.

Straßen wurden gesperrt.

Die Stadt war voller Unruhe.

Dotterina ließ die Feder aus dem Fenster fliegen.

Die Patin erschien sofort.

„Ich kann dich unbemerkt aus der Stadt bringen. Danach musst du dich auf deine eigenen Hände und deinen Verstand verlassen.“

Sie gab Dotterina einfache Bauernkleidung und führte sie auf einem geheimen Weg an den Wachen vorbei.

Außerhalb der Stadt veränderte sie Dotterinas Aussehen, sodass niemand die Königstochter erkennen konnte.

„Wenn die Gefahr vorüber ist, gibt dir der Korb dein gewohntes Aussehen zurück. Jetzt lerne zu leben, nicht als Prinzessin, sondern als Mensch, der seinen Tag selbst gestaltet.“

Dotterina zog durch Dörfer.

Am Anfang konnte sie weder einen Haushalt führen noch ein Feuer richtig anzünden oder Wasser tragen, ohne den halben Eimer zu verschütten.

Doch sie gab nicht auf.

Ihre Hände gewöhnten sich an die Arbeit.

Bald half sie anderen genauso geschickt wie Menschen, die damit aufgewachsen waren.

Eine freundliche Hausherrin bemerkte ihren Fleiß und nahm sie auf ihrem Hof auf.

Dort arbeitete Dotterina still und verriet ihren wirklichen Namen nicht.

Eines Morgens kam eine Nachricht aus der Hauptstadt:

Willem hatte die schwierige Zeit überstanden, Verbündete gesammelt und das Königreich zurückgewonnen.

Die Menschen hatten ihn zum jungen König gemacht.

Der alte König war nach schweren Jahren gestorben.

Das Land brauchte nun Frieden und Wiederaufbau.

Dotterina weinte um ihren Vater.

Gleichzeitig freute sie sich, dass Willem lebte.

Ein Jahr später wurde in der Hauptstadt ein großes Friedensfest gefeiert.

Menschen aus dem ganzen Reich waren eingeladen.

Die Hausherrin, bei der Dotterina lebte, reiste mit ihren Töchtern dorthin.

Als alle fort waren, blieb Dotterina allein.

„Vielleicht ist jetzt auch für mich die Zeit zurückzukehren.“

Sie nahm den Korb und sprach die geheimen Worte.

Ihre einfache Kleidung wurde zu einem Festgewand.

Ihr Gesicht sah wieder aus wie früher.

Vor dem Tor wartete eine Kutsche mit goldfarbenen Pferden.

Dotterina stieg ein.

Da wurde sie plötzlich blass.

„Der Korb! Ich habe ihn im Zimmer vergessen!“

Im selben Moment flog eine Schwalbe ans Fenster der Kutsche.

Im Schnabel trug sie den kleinen Birkenkorb.

„Danke“, flüsterte Dotterina und drückte ihn an sich.

Im Palast war es voll und laut.

Doch als Dotterina die große Halle betrat, blieb Willem reglos stehen.

„Dotterina? Bist du es wirklich?“

Bevor sie antworten konnte, füllte leichter Nebel den Saal.

Darin erschien die Patin.

„Jetzt ist die Zeit für die Wahrheit“, sagte sie. „Dotterina wurde nicht in diesem Palast geboren. Sie war einst die verzauberte Tochter eines fernen Königshauses. Ihr Leben war in einem kleinen Ei verborgen. Eure Mutter erklärte sich bereit, sie neben ihrem eigenen Sohn großzuziehen. Sie liebte beide Kinder gleichermaßen. Darum seid ihr für das Herz wirklich Familie geworden.“

Willem trat zu Dotterina und nahm ihre Hände.

„Du bist am schwersten Tag verschwunden. Ich wusste nicht, ob ich dich je wiedersehe.“

„Ich habe immer geglaubt, dass ich zurückkomme.“

Die Patin lächelte.

„Den Zauberkorb brauchst du nicht mehr. Was er dir beibringen sollte, weißt du inzwischen: Fürsorge zu schätzen, Arbeit nicht zu fürchten, gute Menschen zu bewahren und zu wissen, wer du bist, selbst wenn niemand um dich herum es weiß.“

Der Nebel verschwand.

Mit ihm die Patin.

Der Korb in Dotterinas Händen wurde plötzlich ganz leicht.

Als sie ihn öffnete, waren die Eierschalen verschwunden.

Nur eine goldene Feder lag darin.

Dotterina blieb im Königreich.

Willem regierte.

Sie wurde seine engste Ratgeberin.

Sie kannte das Leben nicht nur aus Palastfenstern, sondern auch aus Höfen, Dörfern und einfachen Häusern.

Darum bemerkte sie oft Dinge, die Höflinge übersahen.

Die alte Linde an der Quelle ließ man niemals fällen.

Unter ihren Zweigen stand eine Bank für alle, die eine Weile still sitzen und sich erinnern wollten:

Manchmal beginnt das größte Wunder mit etwas, das sehr klein aussieht.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨