Cover: Die listige Ileana

Rumänien

Die listige Ileana

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Rumänien
Alter
8–11 Jahre
Dauer
12 Min.
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Die listige Ileana

Ein König hatte drei Töchter.

Die älteste war ernst und zurückhaltend.

Die mittlere liebte schöne Kleider und Feste.

Die jüngste, Ileana, besaß einen scharfen Verstand und fand so schnell eine Antwort, dass die Höflinge manchmal scherzten:

„Während wir noch überlegen, hat Ileana die Idee schon gehabt, umgesetzt und ist wieder zurück.“

Eines Tages musste der König für längere Zeit fort, um einen großen Streit mit einem benachbarten Herrscher zu klären.

Vor seiner Abreise rief er seine Töchter zu sich.

Jeder gab er drei Dinge:

eine Blume im Topf,

einen kleinen Singvogel

und einen roten Apfel.

„Passt gut auf das auf, was ich euch anvertraue“, sagte er. „Nicht weil diese Dinge besonders teuer sind. Ich möchte nur sehen, ob ihr Verantwortung für ein Versprechen übernehmen könnt.“

Nachdem der König abgereist war, beschlossen die drei Söhne des benachbarten Herrschers, den Palast zu besuchen.

Sie wollten beweisen, dass sie mit schönen Worten jede junge Frau beeindrucken konnten.

Der älteste Prinz stand lange unter dem Fenster der ältesten Schwester und bat sie herauszukommen.

Mehrmals lehnte sie ab.

Schließlich stimmte sie einem kurzen Gespräch zu.

Der zweite Prinz gewann auf ähnliche Weise die Aufmerksamkeit der mittleren Schwester.

Der jüngste kam zu Ileana.

Sie stand gerade am Fenster und goss ihre Blume.

„Wohin habt Ihr es so eilig?“, fragte sie.

„Ich suche einen Sonnenstrahl“, antwortete der Prinz. „Man sagt, einer davon wohnt in diesem Palast.“

„Schöne Worte“, sagte Ileana. „Und was könnt Ihr außer schönen Worten?“

Der Prinz lächelte.

„Prüft mich.“

„Gut. Könnt Ihr eine Distel dazu bringen, Rosen zu tragen?“

„Nein.“

„Eine Fledermaus wie eine Nachtigall singen lassen?“

„Nein.“

„Auf einem trockenen Zweig einen Apfel wachsen lassen?“

Der Prinz überlegte.

„Wenn Ihr mir Zeit gebt, versuche ich es.“

Ileana lächelte.

„Das ist schon eine bessere Antwort. Jemand, der etwas nicht kann, aber bereit ist zu lernen, ist interessanter als jemand, der nur prahlt.“

Sie lud ihn in die Halle ein.

Der Prinz glaubte, ihre Wortspiele bereits gewonnen zu haben, und setzte sich selbstsicher in einen großen geschnitzten Stuhl.

Klick!

Langsam sank der Stuhl durch eine alte Hebeöffnung in das Stockwerk darunter.

„Ileana!“, rief der Prinz von unten. „Was soll diese Gastfreundschaft?“

„Eine Prüfung“, antwortete sie und blickte hinunter. „Ich wollte sehen, ob Ihr so gelassen seid, wie Eure schönen Worte klingen.“

Die Diener zogen den Stuhl sofort wieder hinauf.

Niemand war verletzt.

Doch der Prinz war so beleidigt, dass er nicht einmal Abschied nahm.

„Ich komme wieder!“, rief er, als er auf sein Pferd stieg.

„Dann klopft bitte an die Tür“, antwortete Ileana fröhlich.

Als die drei Prinzen wieder zu Hause waren, erzählte der jüngste von seinem Erlebnis.

Die Brüder lachten.

Doch auch sie waren ein wenig verärgert darüber, dass die Schwestern sich nicht so leicht hatten beeindrucken lassen.

Die älteste und die mittlere Prinzessin bereuten inzwischen, dass sie sich überhaupt auf diese Spiele eingelassen hatten.

Sie wurden unaufmerksam.

Die Blume der ältesten verwelkte.

Der Vogel der mittleren hörte auf zu singen.

Und die Äpfel beider Schwestern verdarben.

„Was wird Vater sagen?“, sorgten sie sich.

Anstatt ihre Fehler offen einzugestehen, zogen sie Ileana in neue Abenteuer hinein.

Eines Morgens legte sich die älteste Schwester ins Bett.

„Mir geht es so schlecht. Bestimmt würde mir nur ein Gericht aus der Küche der benachbarten Prinzen helfen.“

Ileana wurde sofort misstrauisch.

Aber sie liebte ihre Schwester.

„Gut. Ich hole etwas.“

Sie ging zum Palast der Prinzen.

In der Küche herrschte gerade große Betriebsamkeit.

„Koch!“, rief Ileana. „Man ruft Euch dringend in die große Halle.“

Der Koch lief los, um nachzusehen.

Ileana füllte schnell ein wenig von dem fertigen Gericht in einen kleinen Krug, legte eine Münze dafür hin und ging.

Als der Koch zurückkam, verstand er sofort, wer ihn ausgetrickst hatte.

„Ileana!“, lachte er. „Was für eine Schlaue.“

Der jüngste Prinz dagegen presste nur die Lippen zusammen.

Einige Tage später bat die mittlere Schwester um eine andere Speise.

Wieder ging Ileana zum Nachbarpalast.

Diesmal führte sie den Vorratsmeister an der Nase herum.

Nun beschlossen die Prinzen, im Garten bei einem goldenen Apfelbaum eine Falle zu stellen.

Rund um den Baum spannten sie fast unsichtbare Schnüre mit kleinen Glöckchen.

Auf den Boden legten sie klebrige Harzstreifen, damit ein ungebetener Gast hängenblieb und nicht einfach davonlaufen konnte.

Die Schwestern baten Ileana, zwei goldene Äpfel zu holen.

Ileana ging in den Garten.

Am Tor standen zwei Löwen.

Ruhig warf sie ihnen Fleischstücke hin, die sie von zu Hause mitgebracht hatte.

Die Löwen legten sich hin und hörten auf zu knurren.

Beim Apfelbaum sah Ileana sofort die dünnen Schnüre.

„Nicht schlecht“, flüsterte sie. „Nur etwas zu sichtbar für jemanden, der auf seine Füße achtet.“

Der jüngste Prinz versteckte sich hinter Büschen.

„Ileana!“, rief er. „Braucht Ihr Hilfe?“

„Natürlich. Kommt doch näher und zeigt mir, wo ich am besten hintreten soll.“

Der Prinz glaubte, sie habe nichts bemerkt.

Er machte einen Schritt.

Dann einen zweiten.

Und trat selbst gegen die Schnur, die er am niedrigsten gespannt hatte.

Klingelingeling!

Im nächsten Augenblick stand er zwischen Bändern und Schnüren, während Blütenblätter von den Zweigen auf ihn herabfielen.

Ileana pflückte zwei goldene Äpfel.

„Danke für die Hilfe“, sagte sie. „Nun wisst Ihr ganz genau, wo man nicht hintreten sollte.“

„Bindet mich los!“

„Natürlich. Aber zuerst versprecht Ihr, keine Fallen mehr zu bauen, bei denen jemand verletzt werden könnte.“

Der Prinz war wütend.

Und gleichzeitig beeindruckt.

Er versprach es.

Ileana löste die Schnüre und ging nach Hause.

Der jüngste Prinz konnte sie nicht vergessen.

Es ärgerte ihn, dass sie ihm immer einen Schritt voraus war.

Gleichzeitig verstand er immer mehr, dass genau das ihm an ihr gefiel.

„Wie kann man gleichzeitig wütend auf jemanden sein und unbedingt mit ihm reden wollen?“, fragte er einen alten Ratgeber.

Der Mann lachte.

„Ganz einfach. Vielleicht hast du zum ersten Mal einen Menschen getroffen, der keine Angst hat, dir die Wahrheit zu sagen.“

Bald hörte Ileana, dass der Prinz nach all seinen Abenteuern krank geworden war und niemanden sehen wollte.

Sie verkleidete sich als wandernde Heilerin und ging zu ihm.

„Was plagt Euch am meisten?“, fragte sie.

„Mein Stolz“, brummte der Prinz. „Und ein bestimmtes Mädchen.“

„Stolz ist schwerer zu heilen als eine Erkältung. Und was hat das Mädchen getan?“

„Sie überlistet mich jedes Mal.“

„Vielleicht solltet Ihr aufhören, gegen sie anzutreten.“

Der Prinz dachte nach.

„Vielleicht. Wenn sie mit mir sprechen würde, ohne Fallen und Spiele, würde ich sie um Verzeihung bitten. Und vielleicht würde ich sie später fragen, ob sie mich heiraten möchte. Aber nur, wenn sie selbst es will.“

Unter ihrem Tuch lächelte Ileana.

Das klang schon ganz anders.

Als ihr Vater nach Hause zurückkehrte, bekamen die beiden älteren Schwestern große Angst.

Sie wussten, dass sie nicht gut auf die ihnen anvertrauten Dinge aufgepasst hatten.

Ileana hätte versuchen können, ihre Fehler zu verbergen.

Sie brachte sogar ihre eigene Blume und ihren Vogel mit, um den Schwestern zu helfen.

Doch als der Vater Fragen stellte, merkten beide:

Eine neue Lüge würde alles nur schlimmer machen.

„Wir haben einen Fehler gemacht“, sagte die älteste.

„Wir haben mehr an die Prinzen und an unsere Angst vor einer Strafe gedacht als an unser Versprechen“, fügte die mittlere hinzu.

Der König war enttäuscht.

Doch er bestrafte sie nicht hart.

„Vertrauen gewinnt man nicht mit Strafe zurück“, sagte er. „Man gewinnt es durch Handlungen zurück. Ein Jahr lang werdet ihr selbst den Palastgarten und die Vögel versorgen. Was ihr vernachlässigt habt, soll euch Fürsorge lehren.“

Die Schwestern stimmten zu.

Nach einiger Zeit kam der jüngste Prinz in den Palast.

Er trat vor den König.

„Ich möchte um Erlaubnis bitten, mit Ileana zu sprechen.“

„Die Erlaubnis musst du von ihr bekommen“, antwortete der König.

Ileana kam dazu.

„Diesmal ohne Falltür, Schnüre und goldene Äpfel?“, fragte der Prinz.

„Wenn Ihr ohne Fallen kommt, komme ich auch ohne Fallen.“

Sie sprachen lange miteinander.

Der Prinz entschuldigte sich für seine Arroganz.

Ileana gab zu, dass sie selbst manchmal zu sehr darauf versessen gewesen war, unbedingt zu gewinnen.

Die Zeit verging.

Sie trafen sich noch oft.

Sie stritten.

Sie lachten.

Sie ritten gemeinsam aus.

Allmählich merkten sie, dass sie zusammen sein wollten.

Nicht weil jemand anderes es entschieden hatte.

Sondern weil sie einander respektierten.

Als sie beschlossen zu heiraten, konnte der Prinz einem letzten Scherz nicht widerstehen.

„In der ersten Nacht nach der Hochzeit“, sagte er zu seinen Brüdern, „erinnere ich Ileana an all ihre Tricks.“

Ileana hörte zufällig davon.

Sie ließ von den Zuckerbäckern eine große Zuckerfigur anfertigen, die ihr ähnlich sah.

Die Figur wurde hinter einem Wandschirm im Hochzeitszimmer aufgestellt.

Am Abend trat der Prinz mit einem dekorativen Zeremonialschwert ein, das beim Fest zum Durchschneiden von Bändern benutzt worden war.

„Ileana“, sagte er feierlich zu der Gestalt hinter dem Schirm, „warst du es, die mich in diesem Stuhl nach unten geschickt hat?“

„Ich war es“, antwortete die echte Ileana hinter einem Vorhang.

Der Prinz berührte die Zuckerfigur leicht mit dem Schwert.

Ein Stück Zucker brach ab.

„Und warst du es, die mich in meine eigene Falle gelockt hat?“

„Ich.“

Noch ein Stück fiel auf den Boden.

Da hielt der Prinz inne.

„Weißt du was? Genug. Selbst als Scherz möchte ich mich nicht mehr an dir rächen.“

Er legte das Schwert beiseite.

Ileana trat hinter dem Vorhang hervor.

„Endlich habt Ihr eine Prüfung gewonnen.“

„Welche?“

„Ihr habt rechtzeitig aufgehört.“

Der Prinz sah die Zuckerfigur und begann zu lachen.

„Also warst du schon wieder einen Schritt voraus.“

„Nein“, sagte Ileana. „Diesmal sind wir gleichzeitig am selben Ort angekommen.“

Von da an lebten sie nicht völlig ohne Streit.

Zwei kluge Menschen sind selten in allem derselben Meinung.

Doch in ihrem Haus galt eine Regel:

keine Fallen,

keine Rache,

und keine Kränkung, über die man nicht miteinander sprechen kann.

Wenn jemand am Hof sagte:

„Ileana kann man unmöglich überlisten“,

antwortete der Prinz:

„Das muss man auch nicht. Viel interessanter ist es, sie auf seiner Seite zu haben.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨