

Mongolei
Die Macht der Zaubersprache
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Mongolei
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

Märchen anhören
Die Macht der Zaubersprache
Ein König hatte einen Sohn, den er sehr liebte.
Der Junge war neugierig und aufmerksam. Er konnte stundenlang seinen Lehrern zuhören und stellte anschließend Fragen, über die selbst alte Gelehrte lange nachdenken mussten.
Als der Prinz älter wurde, sagte der König:
„Eine Krone kann jeder tragen, dem man sie aufsetzt. Weisheit kann dir niemand einfach auf den Kopf legen. Die musst du selbst erwerben.“
Er schickte seinen Sohn in das ferne Land der Diamanten, wo berühmte Lehrer lebten.
Mit dem Prinzen reiste auch der Sohn des obersten Ratgebers.
Auch er sollte lernen.
Doch mehr als Wissen liebte er Lob.
Die Jahre vergingen.
Der Prinz lernte Sprachen, Rechnen, Geschichte und vor allem die Kunst, anderen Menschen zuzuhören.
Dann unterrichteten ihn die Lehrer in einer seltsamen Wissenschaft, über die sie nur leise sprachen.
„Es gibt eine Sprache“, sagte eines Tages ein alter Lama, „die du in keinem Buch lernen kannst. Zuerst musst du lernen, die Welt zu hören.“
Er führte den Prinzen in den Garten.
„Was sagt der Wind?“
„Er bewegt die Blätter.“
„Das ist nur das Geräusch. Was sagt er?“
Der Prinz schloss die Augen.
„Dass es in der Nähe bald regnen wird.“
„Gut. Und was sagt die Krähe?“
„Dass sie Menschen auf der Straße gesehen hat.“
So begann die schwierigste Lektion.
Mit der Zeit lernte der Prinz nicht jedes einzelne Wort der Tiere zu verstehen, sondern ihre Zeichen, Warnungen und die bildhafte Sprache der Natur.
Sein Gefährte wurde unterdessen immer neidischer.
„Wenn wir zurückkehren, werden alle ihn loben“, dachte er. „Mich wird niemand beachten.“
Nach zwölf Jahren sagten die Lehrer:
„Nun dürft ihr heimkehren.“
Der Heimweg war lang.
Eines Tages verirrten sich die beiden Reisenden auf einer trockenen Ebene.
Seit drei Tagen hatten sie kein Wasser gefunden.
Der Sohn des Ratgebers setzte sich erschöpft auf den Boden.
„Ich kann nicht weiter.“
Über ihnen flog eine Krähe vorbei und krächzte laut.
Der Prinz hob den Kopf.
„Wir müssen nach Süden. Ungefähr fünfhundert Schritte.“
„Woher weißt du das?“
„Die Krähe kommt vom Wasser. Sie hat von einer Quelle erzählt.“
„Eine Krähe hat dir das gesagt?“
„Manchmal reicht es nicht, nur zu hören. Man muss verstehen.“
Sie gingen nach Süden.
Tatsächlich fanden sie eine klare Quelle.
Statt dankbar zu sein, wurde der Sohn des Ratgebers noch neidischer.
Am Abend sagte er:
„Gehen wir nicht auf der offenen Straße weiter. Durch den Wald ist es kürzer.“
Der Prinz stimmte zu.
Im Wald zeigte sein Gefährte auf eine verlassene Jagdhütte.
„Wir schlafen dort.“
Als der Prinz hineingegangen war, zog der Sohn des Ratgebers leise den Riegel von außen zu.
„Was tust du?“, rief der Prinz.
„Was ich schon lange hätte tun sollen. Ich kehre allein nach Hause zurück. Ich sage, du seist in den Bergen verschwunden. All dein Wissen wird dir hier nichts helfen.“
„Mach die Tür auf!“
Doch die Schritte entfernten sich.
Der Prinz begriff, dass Schreien nichts nützte.
Da erinnerte er sich an die Worte des alten Lama:
„Wenn du nicht viel sagen kannst, finde ein Wort, das das Wichtigste enthält.“
Auf einem Ast neben der Hütte saß eine Krähe.
Der Prinz sagte leise:
„Abarashika.“
Es war ein Wort der Zaubersprache.
Es bedeutete nicht nur einen Satz.
Es enthielt ein ganzes Bild:
„Mein Gefährte hat mich getäuscht, in einer Hütte im Wald eingeschlossen und ist allein weitergereist. Wer mich versteht, soll Hilfe holen.“
Die Krähe antwortete mit einem Krächzen und flog davon.
Der Sohn des Ratgebers erreichte inzwischen die Hauptstadt.
Der König kam ihm entgegen.
Als er seinen Sohn nicht sah, wurde er blass.
„Wo ist der Prinz?“
„Er ist unterwegs verschwunden“, log der junge Mann. „Wir wurden in einem Sturm getrennt. Ich habe ihn gesucht, aber nicht gefunden.“
„Hat er vorher nichts gesagt?“
Der Lügner erinnerte sich an das seltsame Wort.
„Nur Abarashika.“
Der König ließ die Gelehrten rufen.
„Wer kann mir dieses Wort erklären?“
Der eine hielt es für den Namen eines Sterns.
Der zweite für einen Zauberspruch.
Der dritte suchte in alten Büchern.
Ein Tag verging.
Dann ein zweiter.
Niemand kannte die Antwort.
Unter den Gelehrten war ein junger Helfer namens Samba.
Er hielt sich selbst nicht für besonders weise.
Deshalb sprach er weniger und hörte mehr zu.
In der Nacht ging Samba aus dem Palast und setzte sich unter einen Baum.
Über ihm hörte er Vögel.
Ein Jungvogel fragte seine Mutter:
„Warum sind die Menschen heute so unruhig?“
„Sie suchen die Bedeutung eines Wortes, das eine Krähe gebracht hat.“
„Kennst du es?“
„Ja. Es ist ein Wort über eine verschlossene Tür im Wald, über einen verratenen Reisenden und über den Weg zu ihm.“
Samba erstarrte.
„Zeigt mir den Weg“, flüsterte er.
Die Vögel flogen von Baum zu Baum.
Samba folgte ihnen.
Bis zum Morgen erreichte er den Wald.
Dann hörte er Klopfen.
„Ist da jemand?“
„Ja!“, rief der Prinz.
Samba fand den Riegel und öffnete die Tür.
Als der Prinz in die Hauptstadt zurückkehrte, konnte der König lange kein Wort sagen.
Dann nahm er seinen Sohn in die Arme.
„Jetzt verstehe ich Abarashika.“
Der Sohn des Ratgebers wurde in den Thronsaal gerufen.
Zuerst leugnete er alles.
Doch als er den Prinzen sah, senkte er den Kopf.
„Ich hatte Angst, neben ihm immer nur der Zweite zu sein.“
Der Prinz antwortete:
„Du bist nicht durch mein Wissen kleiner geworden. Du hast dich selbst kleiner gemacht, als du den Neid für dich entscheiden ließest.“
Der König ließ ihn nicht grausam bestrafen.
Er nahm ihm seine Stellung am Hof und schickte ihn in eine Schule, wo er jüngeren Schülern helfen und Ehrlichkeit neu lernen sollte.
Samba dagegen durfte bei den Gelehrten im Palast lernen.
„Warum ich?“, fragte er. „Ich kannte die Antwort doch gar nicht.“
„Du hast etwas Wichtigeres getan“, sagte der Prinz. „Du hast zugehört, als andere nur reden wollten.“
Später sagte der Prinz den Kindern in der Palastschule oft:
„Zaubersprache besteht nicht immer aus geheimnisvollen Wörtern. Manchmal liegt ihre Kraft darin, ein Zeichen zu bemerken, eine leise Stimme zu hören und etwas zu verstehen, an dem andere vorbeigehen.“
Das Wort Abarashika blieb noch lange im Gedächtnis des Reiches.
Es erinnerte die Menschen daran:
Man kann die Wahrheit hinter einer verschlossenen Tür verstecken.
Doch wenn jemand aufmerksam genug zuhört, findet sie trotzdem einen Weg nach draußen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
