

Frankreich
Die magische Tabakdose
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Frankreich
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

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Die magische Tabakdose
Ein junger Mann wollte unbedingt die Welt sehen. In seinem Heimatdorf kannte er jeden Weg, jede kleine Brücke und sogar den Garten, in dem die Birnbäume zuerst blühten. Eines Morgens hängte er sich seinen Beutel über die Schulter, verabschiedete sich von zu Hause und ging dorthin, wo hinter den Hügeln eine unbekannte Straße begann.
Er wanderte einen Tag, dann einen zweiten. Am dritten sah er am Straßenrand eine kleine alte Dose liegen. Sie war dunkel und glatt und hatte einen winzigen silbernen Verschluss.
„Die hat wohl jemand verloren“, sagte der junge Mann und hob sie auf.
Er öffnete den Deckel.
Da erklang aus der Dose plötzlich eine dünne Stimme:
„Que quieres? Was wünschst du dir?“
Der junge Mann erschrak so sehr, dass ihm der Fund beinahe aus der Hand fiel. Schnell schloss er den Deckel und steckte die Dose in seine Tasche.
„Das habe ich mir bestimmt nur eingebildet“, murmelte er.
Doch während er weiterging, ließ ihm seine Neugier keine Ruhe.
Schließlich setzte er sich unter eine Eiche, nahm die Dose wieder heraus und öffnete sie vorsichtig.
„Que quieres? Was wünschst du dir?“, fragte die Stimme erneut.
Diesmal erschrak er nicht.
Er dachte daran, dass in seinem Reisebeutel nur noch ein Stück trockenes Brot lag und dass der Weg noch lang war.
„Mein Hut soll sich mit Goldmünzen füllen“, sagte er, ohne seinen eigenen Worten recht zu trauen.
Im selben Augenblick wurde der Hut in seiner Hand schwer.
Goldene Münzen glänzten in der Sonne.
Der junge Mann setzte sich einfach ins Gras.
„Was für eine Dose …“
Nun musste er keine Angst mehr haben, ohne Essen oder Unterkunft dazustehen.
Doch noch mehr als das Gold beschäftigte ihn die Frage, was man mit einem solchen Geschenk alles tun konnte und wie leicht es wohl wäre, immer mehr haben zu wollen.
Einige Tage später führte ihn die Straße zu einem großen königlichen Schloss.
Lange stand der junge Mann am Tor und betrachtete die hohen Türme, die geschnitzten Balkone und das Sonnenlicht in den Fenstern.
Der König, der gerade auf der Mauer spazieren ging, bemerkte den Fremden.
„Was siehst du dir so aufmerksam an?“, fragte er.
„Euer Schloss“, antwortete der junge Mann ehrlich. „Ich habe noch nie ein so großes gesehen.“
„Und würdest du gern ein eigenes haben?“
Der junge Mann lächelte nur.
Am Abend ging er aus der Stadt hinaus, öffnete die Dose und hörte die vertraute Frage:
„Was wünschst du dir?“
Er dachte einen Moment nach.
„Hier soll ein schöner Palast entstehen. Nicht damit alle von meinem Reichtum geblendet sind, sondern damit es darin hell und warm ist und genug Platz für Gäste gibt.“
Am nächsten Morgen stand gegenüber dem königlichen Schloss ein neuer Palast.
Sein Dach schimmerte wie Morgentau, die Fenster leuchteten golden, und im großen Saal standen lange Tische, an denen sich eine ganze Gemeinschaft versammeln konnte.
Der König war überwältigt.
Er lud den jungen Mann zu sich ein und stellte ihn seiner Familie vor. Bald war der junge Reisende ein häufiger Gast im Schloss.
Am liebsten sprach er mit der Königstochter. Sie hörte gern seine Geschichten über Straßen, Wälder und ferne Städte, und er bewunderte ihren ruhigen Verstand und ihre freundliche Art.
Mit der Zeit verliebten sie sich ineinander und heirateten.
Das junge Paar zog in den Zauberpalast.
Die Königin, die Mutter der Prinzessin, dachte jedoch immer häufiger nicht über das Glück ihrer Tochter nach, sondern über die außergewöhnliche kleine Dose.
Wenn sie wirklich jeden Wunsch erfüllt, dachte sie, warum sollte sie ihm gehören und nicht mir?
Sie fragte die Diener aus, beobachtete, wo der junge Mann die Dose aufbewahrte, und erfuhr schließlich ihr Geheimnis.
Eines Nachts, als alle schliefen, nahm die Königin die Dose heimlich an sich.
Sie öffnete sie und hörte sofort:
„Was wünschst du dir?“
„Bring mich, den König, unsere Diener und diesen wunderschönen Palast weit hinter das Rote Meer“, flüsterte sie. „Das junge Ehepaar soll hierbleiben.“
Am Morgen erwachten der junge Mann und seine Frau im alten königlichen Schloss.
Vor dem Fenster stand der leuchtende Palast nicht mehr.
Auch die magische Dose war verschwunden.
Der junge Mann suchte das Zimmer ab, die Schränke, den Garten und den Hof.
Vergeblich.
„Ich werde sie finden“, sagte er schließlich zu seiner Frau. „Nicht wegen des Goldes und nicht wegen des Palastes. Eine solche Macht darf nicht bei jemandem bleiben, der sie gestohlen hat.“
Die Prinzessin gab ihm einen Beutel mit Essen, einen warmen Mantel und umarmte ihn fest.
„Komm zurück. Auch wenn du ohne Palast zurückkommst.“
Der junge Mann machte sich auf den Weg.
Er suchte in Städten und Dörfern, fragte Reisende, Händler und Seeleute.
Aus Tagen wurden Wochen.
Seine Münzen gingen zur Neige. Das Pferd wurde müde.
Doch er kehrte nicht um.
Eines Abends sagte ein alter Wanderer zu ihm:
„Wenn du etwas suchst, das weit, weit fort verschwunden ist, frag den Mond. Er sieht viele Wege, während die Menschen schlafen.“
Also machte sich der junge Mann auf den Weg zum Haus des Mondes.
Die Reise war lang.
Schließlich erreichte er ein silbriges Tal, in dem ein kleines Haus stand. Vor der Tür saß eine grauhaarige Frau.
„Woher kommst du denn?“, fragte sie erstaunt. „Mein Sohn, der Mond, kehrt nach seiner nächtlichen Reise müde zurück und mag unerwartete Gäste nicht besonders.“
Der junge Mann erzählte ihr von der gestohlenen Dose und dem verschwundenen Palast.
Als der Mond nach Hause kam, hörte er dem Reisenden zu und schüttelte den Kopf.
„Ich bin über viele Länder gezogen, aber diesen Palast habe ich nicht gesehen. Geh zur Sonne. Sie sieht am Tag, was sich vor mir verbirgt.“
Der junge Mann bedankte sich und zog weiter.
Das Haus der Sonne erreichte er erschöpft und voller Staub.
Auch die Mutter der Sonne warnte ihn zunächst:
„Mein Sohn kehrt nach einem langen Tag heiß und gereizt zurück. Sprich ruhig mit ihm und streite nicht.“
Doch als die Sonne die Geschichte des jungen Mannes hörte, vertrieb sie ihn nicht.
„Ich habe viele Paläste gesehen“, sagte sie, „aber deinen habe ich nicht bemerkt. Der Südwind jedoch schaut in Gegenden, die selbst mein Licht nicht erreicht. Such ihn auf.“
Wieder machte sich der junge Mann auf den Weg.
Beim Haus des Südwinds bogen sich die Bäume so tief, dass ihre Blätter den Boden berührten. Die Mutter des Windes füllte gerade große Krüge mit Wasser.
„Halt deinen Hut fest“, riet sie ihm. „Mein Sohn kommt immer nach Hause, als wären ihm Türen nur im Weg.“
Tatsächlich brauste kurz darauf ein solcher Wirbel heran, dass die Fensterscheiben klirrten.
Der Südwind hörte dem jungen Mann zu, schwieg einen Augenblick und pfiff dann überrascht.
„Ich weiß, welchen Palast du meinst! Heute bin ich über ein Gebäude mit glänzendem Dach geflogen. Es steht weit hinter dem Roten Meer.“
„Wie komme ich dorthin?“
„Der Weg ist lang“, antwortete der Wind. „Aber wer schon den Mond, die Sonne und mich erreicht hat, fürchtet sich vermutlich nicht mehr vor einer großen Entfernung.“
Er zeigte ihm die Richtung.
Der junge Mann wanderte viele weitere Tage.
Dann sah er endlich den vertrauten Palast.
Sein Herz schlug schneller. Dort waren die Fenster, die Türme und der Garten, die einst nach einem einzigen Wunsch entstanden waren.
Doch er handelte nicht überstürzt.
In der Stadt suchte man gerade einen neuen Gärtner für den Palast.
Der junge Mann nahm die Arbeit an.
Er schnitt Rosen zurück, goss Bäume, säuberte die Wege und hörte aufmerksam auf die Gespräche der Diener.
Eines Tages sagte eine junge Dienerin stolz:
„Unsere Herrin hat eine merkwürdige kleine Dose. Wenn man sie öffnet, fragt sie, was man sich wünscht.“
Der junge Mann tat so, als hätte er davon noch nie gehört.
„Wirklich? So ein Wunder würde ich gern einmal sehen.“
Die Dienerin schöpfte keinen Verdacht und zeigte ihm, in welcher Truhe die Königin die Dose aufbewahrte.
In der Nacht schlich der junge Mann in das Zimmer, fand seine Dose und hielt sie fest in beiden Händen.
„Endlich.“
Er öffnete den Deckel.
„Was wünschst du dir?“, fragte die vertraute Stimme.
Er hätte nun alles verlangen können.
Aus alter Kränkung hätte leicht der Wunsch nach Rache werden können.
Doch er erinnerte sich an seine Frau, die gesagt hatte: „Komm zurück, auch ohne Palast.“
Er dachte an die Mütter des Mondes, der Sonne und des Windes, die einem Fremden geholfen hatten.
Und er begriff, dass die Gier eines anderen ihn nicht ebenfalls gierig machen sollte.
„Bring den Palast dorthin zurück, wo er vorher stand“, sagte er. „Und bring diejenigen, die eine gestohlene Sache benutzt haben, zusammen mit ihren eigenen Dingen an einen sicheren Ort. Sie sollen nach Hause zurückkehren können, aber dir keine Befehle mehr geben.“
Die Dose klickte leise.
Für einen Augenblick schwankte die Welt wie ein Boot auf einer Welle.
Im nächsten Moment stand der junge Mann wieder im vertrauten Garten.
Vor ihm lag seine Heimat.
Seine Frau lief ihm entgegen.
„Du bist zurück!“
„Ich bin zurück.“
„Und du hast die Dose gefunden?“
Er zeigte sie ihr.
Die Prinzessin lächelte, bat aber weder um Gold noch um Edelsteine.
„Dann verstecken wir sie so, dass sie nie wieder Menschen gegeneinander aufbringt.“
Von da an wurde die magische Dose nur sehr selten geöffnet.
Nicht für Launen und nicht, um reicher als die Nachbarn zu werden.
Man bat sie um Hilfe, wenn ein Sturm eine Brücke zerstört hatte, wenn ein Dorf ohne Wasser war oder wenn ein Reisender keinen Platz zum Schlafen fand.
Der Palast blieb neben dem alten Schloss stehen. Sein Dach schimmerte im Sonnenlicht, doch sein größtes Wunder waren weder das Gold noch die glänzenden Fenster.
Das Erstaunlichste war, dass seine Türen fast immer für Gäste offenstanden.
Denn der junge Mann hatte etwas Wichtiges verstanden:
Magische Macht zeigt nicht, wie viel du bekommen kannst.
Sie zeigt, wer du wirst, wenn du um alles bitten könntest.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
