

Südkorea
Die Menagerie des Tokkebi
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Südkorea
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

Märchen anhören
Die Menagerie des Tokkebi
Im alten Korea erzählte man unzählige Geschichten über Tokkebi.
Diese magischen Wesen liebten nächtliche Wege, Scherze, Rätsel und unerwartete Geschenke.
Ein Tokkebi konnte etwas Verlorenes so gut verstecken, dass ein ganzes Dorf danach suchte.
Ein anderer half plötzlich jemandem, der sich freundlich verhalten hatte.
Man sagte sogar, Tokkebi hätten eine eigene seltsame Menagerie.
Darin besaß jedes Tier einen besonderen Charakter.
Der Hund stand für Treue.
Die Katze für Klugheit.
Die Schildkröte für Geduld.
Der Hase für Schnelligkeit.
Diese Geschichte handelt von einem Hund und einer Katze.
An einem breiten Fluss lebte ein alter Mann namens Tip Pul.
Er führte einen kleinen Laden, in dem er ein duftendes Fruchtgetränk aus Birnen, Beeren und Kräutern verkaufte.
Die Menschen kamen nicht nur zum Trinken.
Sie redeten dort, ruhten sich von ihren Reisen aus und blieben gern ein wenig sitzen.
Tip Pul war nicht reich, aber sehr gastfreundlich.
Einmal half er in den Bergen einem erschöpften Wanderer.
Er gab ihm Essen, Wasser und einen Platz zum Ausruhen.
Der Wanderer war in Wahrheit ein Berggeist.
„Güte sollte nicht unbeantwortet bleiben“, sagte der Geist.
In derselben Nacht rief er einen Tokkebi und bat ihn, den alten Mann zu belohnen.
Der Tokkebi schlich in den Laden, kicherte leise und warf einen kleinen glänzenden Stein in ein hohes Tongefäß.
Am nächsten Morgen schenkte Tip Pul einen Becher Getränk aus.
Dann einen zweiten.
Einen dritten.
Einen zehnten.
Doch das Gefäß wurde nicht leer.
„Was für ein Wunder!“, rief er.
Von da an reichte das Getränk für alle.
Tip Pul wurde trotzdem nicht gierig.
Der Preis blieb gleich.
Arme Reisende bekamen manchmal sogar kostenlos etwas.
Der alte Mann lebte mit zwei Tieren.
Sein Hund hieß Su Nap, doch Tip Pul nannte ihn liebevoll Snap.
Die Katze hieß Mi You.
Snap war kräftig, ernst und wusste immer genau, wo er seinen Knochen liegen gelassen hatte.
Mi You war schnell, neugierig und konnte durch Öffnungen schlüpfen, die selbst für einen Sonnenstrahl zu klein schienen.
Trotz ihrer unterschiedlichen Art waren sie gute Freunde.
Eines Morgens öffnete Tip Pul das Gefäß.
Es war leer.
Er sah hinein.
Er schüttelte es.
Er lauschte.
Nichts.
Der magische Stein war verschwunden.
„Wo ist er nur?“, fragte der alte Mann traurig.
Ohne den Stein leerte sich der Laden schnell.
Tip Pul zählte seine letzten Münzen und saß immer häufiger schweigend an der Tür.
Snap und Mi You bemerkten seine Sorge.
„Wir müssen den Stein finden“, sagte die Katze.
„Einverstanden“, sagte der Hund. „Du suchst oben. Ich suche überall dort, wo ich einer Spur folgen kann.“
Mi You begann auf Dachböden.
Sie kletterte über Balken, schaute hinter Körbe und Truhen und prüfte dunkle Ecken, in denen Mäuse lebten.
Manchmal stieß sie dabei eine Holzschale oder einen Topfdeckel um.
Mitten in der Nacht erklang dann:
Rums!
Kling!
Bumm!
Die Menschen wachten auf.
„Treibt wieder ein Tokkebi Scherze?“, flüsterten sie.
Im Dunkeln leuchteten nur zwei grüne Katzenaugen.
Snap lief währenddessen durch die ganze Gegend.
Er schnupperte am Weg zur Brücke.
Er ging zum Markt.
Er suchte in Ställen, Speichern und Höfen.
Er suchte im Winter, als Eis auf dem Fluss lag.
Und im Frühling, als das Eis verschwand.
Der Stein blieb verschwunden.
Viele Wochen vergingen.
Eines Tages jagte Mi You auf dem Dachboden eines großen Hauses auf der anderen Seite des Flusses eine Maus.
Die Maus verschwand hinter einer grünen Steintruhe.
Die Katze wollte weitergehen.
Dann schnupperte sie.
Von der Truhe kam ein vertrauter Duft nach Birnen und Kräutern.
„Der Stein!“
Mi You versuchte, den Deckel mit der Kralle anzuheben.
Keine Chance.
Mit den Zähnen ebenfalls nicht.
Sie holte Snap.
Der Hund schob mit der Nase und der Pfote gegen die Truhe.
„Stabil.“
Da erschien hinter einem Balken eine kleine graue Maus.
„Sucht ihr das, was darin liegt?“, piepste sie.
Mi You machte sich schon zum Sprung bereit.
Snap hielt sie auf.
„Heute sind wir nicht zum Jagen hier. Wir brauchen Hilfe.“
Die Maus holte ihre Familie.
Nach einer kurzen Beratung gab es eine Abmachung:
Die Mäuse würden helfen, die Truhe zu öffnen.
Dafür würden Snap und Mi You sie und ihre Vorräte sechs Monate lang in Ruhe lassen.
„Abgemacht“, sagte Snap.
„Abgemacht“, sagte auch Mi You.
Die Mäuse arbeiteten die ganze Nacht.
Sie nagten abwechselnd am Holz beim Schloss, damit niemand zu müde wurde.
Schließlich entstand eine kleine Öffnung.
Mi You schob die Pfote hinein.
Sie zog den glänzenden Stein heraus.
„Wir haben ihn!“
Snap schlug vor Freude mit dem Schwanz auf den Boden.
Nun mussten sie nach Hause zurück.
Doch zwischen ihnen und Tip Puls Laden lag der breite Fluss.
Das Eis war bereits geschmolzen.
Das Wasser war schnell und kalt.
Snap konnte gut schwimmen.
Mi You mochte Wasser überhaupt nicht.
„Setz dich auf meinen Rücken“, sagte der Hund. „Ich bringe dich hinüber.“
„Und der Stein?“
„Ich muss beim Schwimmen atmen. Halte du ihn im Maul. Aber öffne den Mund nicht, bevor wir am Ufer sind.“
Mi You biss fest auf den Stein und klammerte sich in Snaps Fell.
Sie schwammen los.
Platsch, platsch.
Snap schwamm sicher.
Doch die Strömung war stark.
In der Mitte des Flusses atmete er schon schwer.
„Nur noch ein Stück“, dachte Mi You. „Den Stein nicht verlieren.“
Fast hatten sie das Ufer erreicht.
Da sahen einige Kinder, die von der Schule nach Hause kamen, die beiden.
„Schaut! Eine Katze reitet auf einem Hund!“
Die Kinder lachten.
Mi You wollte ihnen unbedingt mit einem fröhlichen Miauen antworten.
Sie hielt sich zurück.
Die Kinder lachten noch stärker.
Snap stand schon im flachen Wasser.
Mi You saß auf seinem Rücken, nass, zerzaust und sehr würdevoll.
Da hielt die Katze es nicht mehr aus.
„Miaaa...“
Plumps!
Der Stein fiel ins Wasser.
Für einen Augenblick erstarrten alle.
„Der Stein!“, rief Snap und tauchte.
Mi You tastete im seichten Wasser mit den Pfoten.
Die Kinder verstanden, dass etwas passiert war, und hörten auf zu lachen.
Sie brachten lange Stöcke, Körbe und Netze.
Alle suchten bis zum Abend.
Doch der Fluss hatte den Stein zwischen dunklen Steinen am Grund verborgen.
Snap kam erschöpft ans Ufer.
„Ich habe dich gebeten, den Mund nicht zu öffnen.“
Mi You senkte den Kopf.
„Ich weiß. Ich wollte nur einmal miauen. Verzeih.“
Der Hund war wütend.
Sehr wütend.
Er ging allein zum Laden zurück.
Die Katze folgte mit Abstand.
Tip Pul hörte ihre ganze Geschichte an.
„Ihr habt so lange für mich gesucht“, sagte er. „Und selbst nachdem der Stein zum zweiten Mal verloren ging, habt ihr versucht, ihn zurückzuholen. Ich kann euch nicht böse sein.“
Mi You rieb sich an seinem Bein.
Snap legte sich vor die Tür.
Das magische Gefäß füllte sich nie wieder von selbst.
Tip Pul musste sein Getränk wieder mit eigenen Händen herstellen.
Doch während der langen Suche hatten viele Menschen von seinem Laden erfahren.
Die Nachbarn erinnerten sich an seine Güte.
Einer brachte Birnen.
Ein anderer Honig.
Jemand Kräuter.
Langsam ging es dem Laden wieder gut.
Und Snap und Mi You?
Ganz so sorglos wie früher waren sie nicht mehr miteinander.
Wenn die Katze zu laut miaute, erinnerte sich der Hund an den Fluss.
Wenn Snap knurrte, sprang Mi You sofort auf einen höheren Platz.
Darum erzählt man in Korea scherzhaft:
Wenn Hund und Katze miteinander streiten, glänzt vielleicht irgendwo in ihrer alten Erinnerung noch immer Tip Puls magischer Stein.
Und der Tokkebi, der den Stein einst verschenkt hatte, beobachtete das alles vermutlich von den Bergen aus und lächelte.
Denn selbst in seiner seltsamen Menagerie geschahen die besten Geschichten nicht mit denen, die niemals Fehler machten.
Sondern mit denen, die nach einem Fehler trotzdem wieder nach Hause gingen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
