

Portugal
Die Patentochter des heiligen Petrus
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Portugal
- Alter
- 7–10 Jahre
- Dauer
- 12 Min.

Märchen anhören
Die Patentochter des heiligen Petrus
In Portugal lebte eine große Familie. Es gab so viele Kinder, dass es dem Vater immer schwerer fiel, für jedes Neugeborene einen Taufpaten zu finden.
Als wieder eine Tochter geboren wurde, ging er eines Tages die Straße entlang und dachte:
„Wen soll ich diesmal darum bitten?“
Bald kam ihm ein grauhaariger Wanderer in einem einfachen Mantel entgegen.
„Warum siehst du so besorgt aus?“, fragte er.
Der Vater erzählte von seiner neugeborenen Tochter und seinem Problem.
„Wenn du möchtest, werde ich ihr Pate“, sagte der Wanderer.
„Dafür wäre ich sehr dankbar.“
Das Mädchen wurde getauft und erhielt den Namen Petra. Einige Jahre später erschien ihr Pate wieder am Haus.
„Nun würde ich gern eine Weile mit Petra reisen“, sagte er zu den Eltern. „Sie soll die Welt sehen und lernen, nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen zu schauen.“
Die Eltern stimmten zu, denn sie spürten, dass sie diesem Mann vertrauen konnten.
Petra nahm eine kleine Tasche, verabschiedete sich von ihrer Familie und zog mit ihrem Paten los.
Am ersten Tag kamen sie an einem Birnbaum vorbei, der so voller Früchte hing, dass sich die Zweige bis zum Boden bogen. Trotzdem blieb niemand stehen.
„Warum gehen alle vorbei?“, wunderte sich Petra.
„Überfluss allein macht ein Geschenk nicht begehrenswert“, antwortete ihr Pate. „Es ist nicht nur wichtig, etwas geben zu können. Man muss auch lernen, mit Güte zu teilen.“
Später sahen sie auf einer kargen Weide wohlgenährte Schafe und auf einer grünen Wiese sehr magere.
Petra fragte wieder:
„Warum ist das so seltsam?“
„Weil im Leben nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick aussieht“, sagte ihr Pate. „Mancher besitzt wenig und ist für jede Kleinigkeit dankbar. Ein anderer hat viel und ist trotzdem ständig unzufrieden. Urteile nicht vorschnell nach dem Äußeren.“
Am Abend hielten sie an einem stillen Ort, wo in der Ferne ein Licht schimmerte.
„Was ist dort?“, flüsterte Petra.
„Ein Ort, an dem Menschen lernen, ihre Fehler zu verbessern“, antwortete der Pate. „Denk daran: Solange ein Mensch lebt, kann er Unrecht eingestehen, um Verzeihung bitten und seinen Weg ändern.“
Petra merkte sich diese Worte.
Die Jahre vergingen. Ihr Pate lehrte sie Geduld und Aufmerksamkeit. Er zeigte ihr, dass man um Hilfe nicht nur bitten darf, wenn man Angst hat, sondern auch dann, wenn man nicht weiß, was das Richtige ist.
Als Petra älter wurde, sagte er:
„Jetzt ist es Zeit, dass du unter Menschen lebst und deine eigenen Kräfte erprobst. Wenn es wirklich schwer wird, ruf mich. Aber vergiss nicht: Ein Wunder darf niemals die Wahrheit ersetzen.“
Bald kam Petra an einen Königshof. Dort suchte man jemanden, der sich um die Enten kümmern und bei den Arbeiten rund um den Hof helfen sollte.
Petra trug einfache Reisekleidung. Wegen ihres kurzen Namens und der Arbeitsjacke hielten alle den neuen Helfer für einen Jungen namens Peter. Sie korrigierte niemanden. Es gab viel zu tun, und sie wollte nicht ohne Anlass über sich selbst reden.
Petra arbeitete gewissenhaft. Die Enten hörten auf sie, die Vorratskammern waren ordentlich, und alle Aufträge wurden rechtzeitig erledigt. Der König lobte den neuen Arbeiter mehrmals.
Das gefiel der Königin nicht. Sie begann zu glauben, Peter gewinne viel zu schnell das Vertrauen des Hofes.
Eines Tages zog sie ihren Ring vom Finger und warf ihn heimlich ins Meer.
Dann sagte sie zum König:
„Unser Peter hat behauptet, er könne jeden verlorenen Gegenstand finden. Er soll meinen Ring zurückbringen.“
Der König wunderte sich und rief Petra.
„Hast du das wirklich gesagt?“
„Nein, Majestät“, antwortete sie.
„Dann ist das merkwürdig. Der Ring bedeutet unserer Familie viel. Wenn du helfen kannst, versuch es bitte.“
Petra ging ans Meer und wurde traurig.
„Pate“, flüsterte sie, „ich weiß nicht, wie ich einen Ring im ganzen Meer finden soll.“
Neben ihr erklang die vertraute Stimme:
„Hab keine Angst. Geh in die Küche. Heute bringen die Fischer einen großen Fisch. Schau genau hin, wenn er zubereitet wird.“
Genau so geschah es. Im Fisch fand der Koch den königlichen Ring.
Petra brachte ihn der Königin.
Doch statt sich zu bedanken, zog die Königin nur die Stirn kraus.
Einige Tage später dachte sie sich eine neue Prüfung aus.
„Peter hat gesagt, er könne in einer einzigen Nacht drei große Säcke Getreide mahlen“, verkündete sie.
„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete Petra ruhig.
Der König begann nun selbst zu bemerken, wie oft solche Behauptungen plötzlich auftauchten.
„Ich will dich nicht zwingen“, sagte er. „Aber wenn du einen Weg kennst, hilf den Müllern. Morgen brauchen wir für ein großes Fest viel Brot.“
In der Nacht rief Petra wieder ihren Paten.
„Bereite die Mühle vor, fülle das Getreide richtig ein und leg dich schlafen“, riet er. „Den Rest erledigen jene, die diesem Haus noch einen Gefallen schulden.“
Bei Sonnenaufgang war das gesamte Getreide gemahlen. Petra wusste nicht, wer in der Nacht die Mühlsteine gedreht hatte, bedankte sich aber ehrlich bei ihren unsichtbaren Helfern.
Die Königin wurde noch wütender.
Dann behauptete sie:
„Peter hat geprahlt, er könne Prinzessin Anna Deladana aus dem verzauberten Land Moirama befreien.“
Jetzt schüttelte selbst der König den Kopf.
„Das klingt inzwischen sehr nach einer erfundenen Geschichte“, sagte er. „Peter, hast du das versprochen?“
„Niemals.“
„Ich glaube dir. Aber von Anna Deladana haben wir lange keine Nachricht. Wenn du freiwillig versuchen möchtest, ihr zu helfen, bekommst du ein Pferd und alles, was du für die Reise brauchst.“
Petra dachte an die verschwundene junge Frau und sagte zu.
Am Waldrand wartete ihr Pate bereits.
„Nimm ein zweites Pferd für die Prinzessin und diese drei kleinen Röhrchen“, sagte er. „Benutze sie nur, wenn es keinen anderen Ausweg gibt.“
Petra ritt lange durch Berge und Täler, bis sie Moirama erreichte, ein altes verzaubertes Land hinter dunklen Mauern.
In einem hohen Turm fand sie Anna Deladana. Die Prinzessin schwieg, als wäre ihre Stimme eingeschlafen.
„Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu bringen“, sagte Petra.
Anna nickte.
Sie stiegen auf die Pferde und ritten zurück. Bald hörten sie hinter sich Reiter. Die Wächter des verzauberten Landes verfolgten sie.
Petra öffnete das erste Röhrchen. Hinter ihnen erhob sich dichter Nebel, und die Verfolger verloren den Weg.
Anna Deladana sagte leise:
„Ach.“
Später kam die Verfolgung wieder näher. Petra öffnete das zweite Röhrchen. Zwischen ihnen und den Reitern wuchs eine breite Hecke aus biegsamen Ästen. Niemand wurde verletzt, doch hindurchzukommen dauerte lange.
Die Prinzessin sagte ein zweites Mal:
„Ach.“
Zum dritten Mal holten die Wächter sie fast an einem Fluss ein. Petra öffnete das letzte Röhrchen. Das Wasser wurde breit und ruhig wie ein See. Die beiden jungen Frauen setzten mit einem Boot über, und die Verfolger blieben am anderen Ufer zurück.
Anna sagte zum dritten Mal:
„Ach.“
Den Rest des Weges sprach sie kein Wort.
Als sie zum Palast zurückkehrten, freuten sich alle. Nur die Königin erfand sofort eine neue Anschuldigung.
„Peter hat behauptet, er könne der Prinzessin ihre Stimme zurückgeben. Jetzt soll er es beweisen!“
Petra spürte, wie ihre Hände kalt wurden. Sie ging in den Garten und rief ihren Paten.
„Hilf mir noch einmal.“
Er erschien neben ihr, schüttelte diesmal aber den Kopf.
„Ich habe dir geholfen, einen Weg durch Dinge zu finden, die du allein nicht schaffen konntest. Jetzt brauchst du kein Wunder. Du brauchst die Wahrheit. Du hast die Prinzessin dreimal sprechen hören. Erinnere dich daran, wann sie die Worte sagte, und stelle die richtigen Fragen.“
Am nächsten Morgen versammelte sich der ganze Hof im großen Saal.
Die Königin verlangte, Petra wegen angeblicher Prahlerei und Täuschung zu bestrafen.
Der König hob die Hand.
„Niemand wird bestraft, bevor wir die Wahrheit gehört haben. Peter, sprich.“
Petra trat zu Anna Deladana.
„Prinzessin, unterwegs hast du dreimal 'Ach' gesagt. Sag uns bitte: Warum beim ersten Mal?“
Alle hielten den Atem an.
Plötzlich antwortete Anna mit klarer Stimme:
„Weil ich mich daran erinnerte, wie die Königin in Peters Zimmer nach etwas suchte, womit sie ihn beschuldigen könnte.“
Ein erstauntes Raunen ging durch den Saal.
„Und beim zweiten Mal?“
„Weil ich begriff, dass der grauhaarige Wanderer, der dir geholfen hat, dein Pate und Lehrer ist.“
„Und beim dritten Mal?“
Die Prinzessin lächelte.
„Weil der ganze Hof dich Peter nennt, obwohl du ein Mädchen namens Petra bist. Und du hast dich kein einziges Mal mit den Wundern gebrüstet, die man dir zugeschrieben hat.“
Es wurde so still, dass man draußen die Enten mit den Flügeln schlagen hörte.
Der König wandte sich an die Königin.
„Du hast Petra wiederholt Worte zugeschrieben, die sie nie gesagt hat. Das ist ungerecht.“
Die Königin musste ihre Aufgaben am Hof abgeben und für eine Zeit in ein Landhaus ziehen, um über ihr Verhalten nachzudenken. Niemand erniedrigte oder verletzte sie. Aber sie durfte nicht länger aus Neid über das Schicksal anderer bestimmen.
Der König fragte Petra:
„Was wünschst du dir für deinen Dienst?“
„Ich möchte zu meiner Familie zurückkehren und danach dort arbeiten, wo meine Arbeit wirklich gebraucht wird“, antwortete sie. „Und ich möchte, dass an diesem Hof niemand allein aufgrund einer Behauptung bestraft wird, bevor man sie überprüft hat.“
„Das ist eine gerechte Bedingung“, sagte der König.
Petra blieb noch eine Weile am Hof, nun nicht mehr als schweigsamer „Peter“, sondern unter ihrem eigenen Namen. Man bat sie um Rat, wenn eine Angelegenheit besonders verworren war.
Vor ihrer Abreise traf sie ihren Paten ein letztes Mal bei dem alten Birnbaum.
„Du hast das Wichtigste gelernt“, sagte er.
„Was genau?“
„Geduld bedeutet nicht, Ungerechtigkeit schweigend hinzunehmen. Ein gutes Herz darf weich sein. Die Wahrheit aber muss klar sein.“
Petra umarmte ihren Paten und machte sich auf den Heimweg.
Wenn später schwierige Straßen vor ihr lagen, erinnerte sie sich daran: Manchmal braucht man Hilfe, manchmal ein Wunder. Sehr oft aber genügt es, mutig die richtige Frage zu stellen und die Wahrheit laut auszusprechen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
