

Indien
Die Schatten auf dem Mond
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 4 Min.

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Die Schatten auf dem Mond
Vor sehr langer Zeit, als die Welt noch jung war und die Menschen aufmerksamer zum Himmel blickten, erzählten die Khasi von einer himmlischen Familie.
Die Mutter hatte vier Kinder.
Die älteste Tochter hieß Ka Um, Wasser.
Die zweite Ka Ding, Feuer.
Die dritte Ka Sngi, Sonne.
Und der jüngste Sohn hieß U Bnai, Mond.
Jeder von ihnen besaß seine eigene Kraft.
Wasser brachte Kühle und Leben.
Feuer spendete Wärme.
Die Sonne erhellte die Welt am Tag.
Und der Mond leuchtete damals beinahe ebenso hell wie die Sonne.
Lange lebte die himmlische Familie in Frieden.
Die Kinder achteten ihre Mutter und einander.
Doch als U Bnai älter wurde, wollte er nur noch nach seinem eigenen Willen leben.
Er verschwand für lange Zeit, ohne jemandem Bescheid zu sagen.
Er zog durch ferne Gegenden, schloss flüchtige Bekanntschaften und lachte über die Ratschläge seiner Mutter.
„Du darfst deinen eigenen Weg wählen“, sagte sie. „Aber Freiheit bedeutet nicht, diejenigen zu vergessen, die dich lieben.“
Auch Ka Um und Ka Ding versuchten ruhig mit ihrem Bruder zu reden.
Sogar Ka Sngi, die sich jedes Mal über seine Rückkehr freute, bat:
„Verlier dich nicht in fremden Welten, U Bnai. Komm zu uns zurück, ohne dich selbst zu verlieren.“
Doch der Mond hörte nicht zu.
Eines Tages reiste er in ein besonders fernes, dunkles Land.
Dort gab es weder klares Wasser noch warmes Feuer noch sonnige Morgen.
Er blieb so lange, dass er sich an die Finsternis gewöhnte und beinahe vergaß, wie hell seine Heimat war.
Schließlich wurde U Bnai der Dunkelheit müde.
Er erinnerte sich an sein Zuhause, seine Mutter und seine Schwestern und kehrte zurück.
Ka Sngi begegnete ihm zuerst.
Als sie ihm entgegenkam, wurde ringsum alles hell.
Nach seiner langen Reise erschien ihr Licht U Bnai überwältigend.
Zuerst schwieg er.
Dann kehrte sein alter Stolz zurück.
„Ich habe viele Welten gesehen“, sagte er zu seiner Mutter. „Niemand leuchtet so hell wie ich. Nur Ka Sngi ist mir ebenbürtig. Sie soll ihren eigenen Weg verlassen und nur noch mit mir gemeinsam leuchten.“
Die Mutter sah ihn streng an.
„Ka Sngi ist deine Schwester. Ihr Licht gehört nicht dir, sondern der ganzen Welt. Du kannst keinen anderen Menschen besitzen, nur weil du dich selbst für besonders hältst.“
Doch U Bnai wollte nicht nachgeben.
Als Ka Sngi von seiner Forderung hörte, wurde sie traurig.
„Bruder“, sagte sie, „du bist nach Hause zurückgekehrt, aber noch nicht zu dir selbst. Du siehst mein Licht, aber nicht mich.“
U Bnai sprach weiter voller Stolz, als hätte er das Recht, für sie zu entscheiden.
Da ging Ka Sngi zum Feuer, nahm eine Handvoll graue Asche und warf sie in die Luft.
„Diese Asche soll dich daran erinnern: Das Licht eines anderen kann man nicht zu seinem Eigentum machen.“
Der Wind trug die Asche zu U Bnai.
Sie verletzte ihn nicht.
Doch dunkle Spuren blieben auf seinem Gesicht zurück.
Der Mond verstummte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit widersprach er nicht.
Er sah seine Mutter an.
Wasser.
Feuer.
Sonne.
Und er begriff, wie viel Sorge sein Stolz und seine langen Reisen in die Familie gebracht hatten.
Von da an versuchte U Bnai nicht mehr, mit der Sonne zu konkurrieren.
Ka Sngi zog weiter auf ihrem Weg durch den Tag.
Der Mond wählte die Nacht.
Sein Licht wurde ruhiger und sanfter.
Auf seinem silbernen Gesicht aber blieben die dunklen Schatten.
Wenn die Khasi zum Mond blickten, erzählten sie ihren Kindern:
„Siehst du diese dunklen Stellen? Sie erinnern daran, dass Schönheit und Stärke ohne Respekt wenig wert sind.“
Und der Mond zog still durch die Nacht, als würde er sich jeden Abend wieder an diese Lektion erinnern.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
