Cover: Die Schneekönigin

Dänemark

Die Schneekönigin

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Dänemark
Alter
7–12 Jahre
Dauer
13 Min.
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Die Schneekönigin

Vor langer Zeit erfand ein böser Zauberer einen seltsamen Spiegel.

In ihm wurde alles Gute und Schöne klein und unbedeutend. Alles Hässliche, Lächerliche oder Unfreundliche dagegen erschien zehnmal größer.

Ein Lächeln sah darin aus wie eine Grimasse. Ein guter Mensch wirkte naiv. Eine schöne Blume erschien plötzlich wie ein armseliges Unkraut.

Der Zauberer war sehr stolz auf seine Erfindung.

Seine Schüler trugen den Spiegel durch die Welt und lachten darüber, wie er alles verzerrte.

Schließlich wollten sie ihn höher und höher tragen, bis hinauf in den Himmel.

Doch je höher sie kamen, desto stärker zitterte der Spiegel in ihren Händen.

Plötzlich glitt er ihnen aus den Fingern.

Er fiel hinab und zerbrach in Millionen winziger Splitter.

Seitdem wurden die Scherben über die ganze Welt verstreut.

Manche waren kleiner als ein Sandkorn.

Wenn solch ein Splitter in das Auge eines Menschen geriet, sah dieser zuerst das Schlechte.

Und wenn eine Scherbe ins Herz drang, wurde es kalt wie ein Stück Eis.

In einer großen Stadt lebten zwei Kinder: Kai und Gerda.

Ihre Familien wohnten in zwei Häusern, die so dicht nebeneinanderstanden, dass man sich beinahe von Fenster zu Fenster die Hand reichen konnte.

Zwischen den Häusern standen Holzkästen voller Rosen.

Im Sommer saßen Kai und Gerda bei den Blumen, lasen Bücher, hörten den Geschichten der Großmutter zu und erfanden eigene Abenteuer.

Sie hatten einander lieb wie die engsten Freunde.

Im Winter bedeckten Frostblumen die Fensterscheiben.

Eines Abends erzählte die Großmutter von der Schneekönigin.

„Sie reist mit dem Schneesturm“, sagte sie. „Die Schneeflocken tanzen um sie herum wie weiße Bienen.“

Kai drückte die Nase an die Scheibe.

„Wenn sie käme, würde ich sie neben den warmen Ofen setzen. Dann würden wir sehen, ob sie wirklich so mächtig ist.“

Gerda lachte.

In genau diesem Augenblick blieb draußen eine besonders große Schneeflocke am Fenster hängen.

Sie schien größer und größer zu werden.

Für einen Moment sah Kai darin die Gestalt einer hohen Frau in weißem Gewand.

Ihr Gesicht war wunderschön, aber vollkommen ruhig, fast wie aus Eis.

Dann war sie verschwunden.

Der Frühling kam.

Die Rosen blühten wieder.

Eines Tages rief Kai plötzlich:

„Au! Da ist etwas in meinem Auge. Und in der Brust sticht es auch.“

Gerda lief zu ihm.

Sie konnte nichts entdecken.

Sie wusste nicht, dass zwei winzige Splitter des Zauberspiegels Kai gefunden hatten.

Einer war in sein Auge geraten.

Der andere in sein Herz.

Von diesem Tag an begann Kai sich zu verändern.

„Wie albern diese Rosen aussehen“, sagte er.

„Die eine ist schief, die andere hat einen Fleck.“

Gerda sah ihn erstaunt an.

„Gestern fandest du sie noch schön.“

„Gestern habe ich eben nicht genau hingesehen.“

Kai begann über die Geschichten der Großmutter zu lachen.

Er machte Nachbarn nach und fand es lustig, wenn Gerda verletzt war.

Am meisten gefielen ihm nun Dinge, die vollkommen gerade, kühl und regelmäßig waren.

Scharfe Schneekristalle.

Gerade Linien.

Eisige Muster.

Sie erschienen ihm vollkommen.

Dann kam der Winter.

Die Jungen der Stadt banden kleine Schlitten an große Wagen und ließen sich durch die Straßen ziehen.

Eines Tages sah Kai einen wunderschönen weißen Schlitten.

Darin saß eine Gestalt in hellem Pelz.

Um den Schlitten wirbelte funkelnder Schnee.

Kai band seinen kleinen Schlitten hinten fest.

Der weiße Schlitten wurde schneller.

„He! Wartet!“, rief Kai.

Doch die Stadt lag schon hinter ihnen.

Der Wind pfiff.

Kai wollte das Seil lösen, doch es gelang ihm nicht.

Die Gestalt im Schlitten drehte sich um.

Es war die Schneekönigin.

„Frierst du?“, fragte sie.

Sie berührte seine Stirn.

Ein eisiger Schauer durchfuhr ihn.

Danach spürte er die Kälte kaum noch.

Die Schneekönigin küsste ihn noch einmal.

Die Erinnerung an Gerda, die Rosen und sein Zuhause rückte weit fort, als gehörte sie zu einem Traum.

So nahm die Schneekönigin Kai mit nach Norden.

In der Stadt suchten alle nach dem Jungen.

Sein Schlitten war verschwunden.

Man glaubte, er habe sich weit entfernt verirrt.

Der Winter ging vorbei.

Der Frühling kam.

Kai kehrte nicht zurück.

Gerda wollte nicht glauben, dass er für immer verschwunden war.

„Er lebt“, sagte sie immer wieder. „Ich werde ihn finden.“

Sie zog ihre festesten Schuhe an und ging zum Fluss.

„Fluss, hast du Kai mitgenommen?“, fragte sie. „Wenn du weißt, wo er ist, hilf mir.“

Am Ufer lag ein kleines Boot.

Gerda setzte sich hinein.

Das Seil glitt ihr aus der Hand.

Die Strömung erfasste das Boot und trug es fort.

Zuerst bekam Gerda Angst.

Dann dachte sie:

„Vielleicht zeigt mir der Fluss den Weg.“

Nach einiger Zeit sah sie ein kleines Haus in einem Garten.

Dort lebte eine alte Frau, die ein wenig zaubern konnte.

Die Frau nahm Gerda freundlich auf, gab ihr Essen und kämmte ihr Haar.

Sie mochte ihre kleine Besucherin sofort.

„Sie soll eine Weile bei mir bleiben“, dachte die Alte. „Hier ist es sicher und schön.“

Mit einem Zauberkamm strich sie durch Gerdas Haar.

Nach und nach vergaß Gerda, warum sie überhaupt unterwegs war.

Im Garten herrschte immer Sommer.

Dort blühten Tulpen, Lilien, Glockenblumen und Mohn.

Nur Rosen gab es keine.

Die alte Frau hatte sie verschwinden lassen, weil sie fürchtete, die Blumen könnten Gerda an Kai erinnern.

Eines Tages bemerkte Gerda jedoch auf dem Hut der Frau eine gemalte Rose.

Ihr Herz zog sich zusammen.

„Rosen! Wo sind die Rosen in eurem Garten?“

Sie begann zu suchen.

Eine Träne fiel auf die Erde.

Und dort, wo sie aufkam, wuchs plötzlich ein Rosenstrauch.

Da kehrten alle Erinnerungen zurück.

„Kai! Ich suche doch Kai!“

Gerda verabschiedete sich von der alten Frau und lief weiter.

Außerhalb des Gartens war längst Herbst geworden.

Erst jetzt begriff sie, wie viel Zeit vergangen war.

Auf einem Feld traf sie einen schwarzen Raben.

„Krah! Wen suchst du?“

Gerda erzählte ihm von Kai.

Der Rabe legte den Kopf schief.

„Vielleicht habe ich deinen Jungen gesehen. In unserem Palast lebt ein junger Mann, der vor einiger Zeit gekommen ist. Er ist klug und mutig und hat eine Prinzessin geheiratet.“

Gerdas Herz schlug schneller.

Der Rabe führte sie zum Palast.

In der Nacht schlich Gerda in das Zimmer des jungen Prinzen.

Sie hob eine Lampe.

Doch der Schlafende war nicht Kai.

Gerda begann zu weinen.

Der Prinz und die Prinzessin wachten auf.

Als sie Gerdas Geschichte hörten, wurden sie nicht ärgerlich.

Im Gegenteil.

Sie gaben ihr warme Kleidung, Essen und eine Kutsche für die Weiterreise.

Doch in einem Wald wurde die Kutsche von einer Räuberbande umringt.

Die Räuber nahmen die Pferde und die wertvollen Sachen mit und brachten Gerda in ihr Lager.

Unter ihnen war ein Mädchen ungefähr in Gerdas Alter.

Sie war wild, mutig und gewohnt, allen Befehle zu geben.

„Du schläfst heute neben mir“, erklärte sie. „Und du erzählst mir, warum du allein durch den Wald gefahren bist.“

Gerda erzählte ihr von Kai.

Das Räubermädchen schwieg lange.

In einem Gehege stand ein Rentier.

Es hatte die Geschichte mitangehört.

„Ich kenne die Schneekönigin“, sagte es. „Ihr Palast liegt weit im Norden, in Lappland. Vielleicht ist der Junge dort.“

Das Räubermädchen runzelte die Stirn.

„Wenn das stimmt, musst du weiter.“

Sie öffnete das Gehege.

„Los, Rentier. Bring Gerda nach Norden. Und pass auf, dass du sie unterwegs nicht verlierst!“

Gerda gab sie warme Handschuhe und etwas Proviant mit.

Das Rentier lief Tag und Nacht.

Die Wälder wurden dünner.

Die Erde immer weißer.

Der Himmel immer größer.

Schließlich erreichten sie die kleine Hütte einer Lappländerin.

Die Frau hörte sich alles an.

Da sie kein Papier hatte, schrieb sie einige Worte auf ein Stück getrockneten Fisch.

„Bringt das zur Finnin“, sagte sie. „Sie ist weise und kennt den Weg zum Palast.“

Die Finnin lebte in einer Hütte, die so warm war, dass Gerdas Wangen sofort rot wurden.

Das Rentier bat:

„Gib dem Mädchen die Kraft von zwölf starken Männern. Dann kann sie die Schneekönigin besiegen!“

Die Finnin schüttelte den Kopf.

„Mehr Kraft, als Gerda bereits besitzt, kann ich ihr nicht geben.“

„Welche Kraft meinst du?“, fragte das Rentier.

„Sie ist durch die halbe Welt gegangen, nicht wegen Gold und nicht wegen Ruhm. Sie geht weiter, weil sie ihren Freund liebt und ihn nicht aufgeben will. Eine größere Kraft kann ich ihr nicht schenken.“

Die Finnin erklärte Gerda, wo das Reich der Schneekönigin begann.

Das Rentier trug sie weiter.

Doch an der Grenze des Eisreiches wurde der Schneesturm so stark, dass es stehenbleiben musste.

„Von hier an musst du allein gehen“, sagte es traurig.

Gerda stand mitten im Schnee.

In der Eile hatte sie sogar ihre warmen Handschuhe vergessen.

Da begannen die Schneeflocken um sie herum zu wachsen.

Sie wurden zu seltsamen weißen Tieren und Reitern.

Gerda erschrak.

Doch sie drehte nicht um.

Sie faltete die Hände und erinnerte sich an alles Gute, das sie kannte.

An die Worte der Großmutter.

An die Rosen vor dem Fenster.

An Kais Lachen im Sommer.

Da hatte sie plötzlich das Gefühl, helle Gestalten würden neben ihr gehen und sie vor dem eisigen Wind schützen.

Die Schneegestalten wichen zurück.

Vor Gerda erschien der Palast der Schneekönigin.

Er hatte keine gemütlichen Türen und kein Feuer.

Die Wände bestanden aus Schnee und Eis.

Die riesigen Hallen leuchteten im kalten Licht des Nordens.

In der Mitte lag ein gefrorener See.

Seine Oberfläche war in Tausende gleichförmige Eisstücke zerbrochen.

Dort saß Kai.

Er war blass, doch die Kälte störte ihn nicht.

Vor ihm lagen Eisstücke.

Er legte daraus Muster, Formen und Wörter.

Die Schneekönigin hatte ihm gesagt:

„Wenn du aus diesen Eisstücken das Wort Ewigkeit legen kannst, bist du frei.“

Seit langer Zeit versuchte Kai, die Aufgabe zu lösen.

Die Schneekönigin selbst war gerade nicht im Palast.

Sie war über die warmen Länder geflogen, um die Gipfel der Berge mit Schnee zu bedecken.

„Kai!“, rief Gerda.

Der Junge hob den Kopf.

Sein Blick blieb kalt.

„Wer bist du?“

Gerda tat das Herz weh.

Sie lief zu ihm und nahm ihn in die Arme.

„Ich bin es. Gerda. Ich habe dich so lange gesucht.“

Sie begann zu weinen.

Warme Tränen fielen auf Kais Brust.

Es war, als schmolzen sie den eisigen Splitter in seinem Herzen.

Plötzlich kamen auch Kai die Tränen.

Eine Träne spülte den kleinen Splitter aus seinem Auge.

Er sah Gerda an.

Diesmal sah er sie wirklich.

„Gerda...“

Alles kehrte zurück.

Die kleinen Fenster.

Die Rosen.

Die Großmutter.

Die Sommertage.

„Gerda! Wo warst du? Und wo war ich?“

Sie lachten und weinten gleichzeitig.

Ringsum begannen sich die Eisstücke zu bewegen.

Sie glitten über den gefrorenen See, drehten sich, als würden sie tanzen, und legten sich schließlich von selbst zu einem Wort zusammen:

EWIGKEIT.

Kai war frei.

Gerda und Kai nahmen sich an den Händen und verließen den Palast.

Auf dem Rückweg trafen sie wieder das Rentier, die Lappländerin und die Finnin.

Gerda dachte auch an das Räubermädchen und lächelte.

Wahrscheinlich war dieses längst in sein nächstes Abenteuer aufgebrochen.

Als Kai und Gerda ihre Stadt endlich erreichten, war Frühling.

Sie stiegen die vertrauten Treppen hinauf und sahen die alten Fenster.

Zwischen den beiden Häusern standen wieder die Blumenkästen mit Rosen.

Die Großmutter saß am Fenster und las.

Als sie die Kinder sah, legte sie das Buch weg.

„Ihr seid zurück“, sagte sie nur und nahm beide in die Arme.

Kai und Gerda setzten sich zu den Rosen.

Sie merkten plötzlich, dass sie älter geworden waren.

Die lange Reise hatte sie verändert.

Doch wenn sie einander ansahen, sahen sie immer noch dieselben Freunde, die früher an warmen Sommertagen bei den Rosen gesessen und Geschichten gehört hatten.

Kai berührte vorsichtig eine Blüte.

„Sie ist schön“, sagte er.

Gerda lächelte.

Und diesmal konnte kein verzerrter Spiegel der Welt ihn vom Gegenteil überzeugen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨