

Deutschland
Die sieben Raben
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Die sieben Raben
Ein Mann und eine Frau hatten sieben Söhne.
Die Jungen waren laut, schnell und hielten fest zusammen. Einer kletterte höher als alle anderen auf Bäume, einer fand jedes verlorene Ding wieder, einer erkannte jeden Vogel am Ruf, und auch die übrigen hatten ihre eigenen besonderen Fähigkeiten.
Dann wurde in der Familie eine kleine Tochter geboren.
Alle freuten sich sehr.
Das Mädchen war schwach, und die Eltern wollten schnell frisches Quellwasser für sie holen lassen.
„Lauft zum Brunnen“, bat der Vater seine Söhne. „Aber seid vorsichtig. Macht keinen Wettlauf daraus.“
Die sieben hörten jedoch nur das Wort schnell und wollten alle die Ersten sein.
„Ich schöpfe das Wasser!“
„Nein, ich!“
„Gebt mir den Krug!“
Am Brunnen drängelten sie, stritten und reichten den Krug hektisch weiter.
Dabei glitt er ihnen aus den Händen und fiel ins Wasser.
Die Brüder starrten hinunter.
„Was sagen wir jetzt zu Hause?“
„Wir müssen ihn herausholen.“
„Aber wie?“
Während sie berieten, verging die Zeit.
Zu Hause wurde der Vater immer unruhiger.
Er wusste nicht, warum die Jungen so lange fortblieben.
In seiner Sorge rief er unbedacht:
„Was treiben sie dort nur? Sollen sie doch mit ihrem ganzen Durcheinander zu Raben werden!“
Kaum waren die Worte ausgesprochen, hörte man über dem Haus:
„Krah! Krah!“
Der Vater lief hinaus.
Sieben schwarze Raben kreisten am Himmel.
Da verstand er sofort: In einer Märchenwelt besitzen zornige Worte manchmal eine Kraft, die niemand ihnen geben wollte.
„Kommt zurück! So habe ich es nicht gemeint!“, rief er.
Doch die Raben flogen bereits über den Wald hinweg.
Der Vater bereute seine Worte bitter.
Die Mutter trauerte ebenfalls.
Sie suchten ihre Söhne oft, fanden sie jedoch nicht.
Die kleine Tochter wurde währenddessen kräftiger und wuchs heran.
Die Eltern wollten sie nicht mit dem alten Unglück belasten und erzählten lange nichts von ihren Brüdern.
Sie wusste nur, dass im Haus ein alter Familienring aufbewahrt wurde, der früher von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben worden war.
Eines Tages hörte das Mädchen zwei Nachbarn am Tor sprechen.
„Was für ein gutes und freundliches Kind.“
„Ja. Schade, dass ihre sieben Brüder vor so langer Zeit verschwunden sind.“
Das Mädchen blieb stehen.
Am Abend fragte sie ihre Eltern:
„Habe ich Brüder?“
Der Vater senkte den Blick.
„Ja. Und was ihnen passiert ist, war nicht deine Schuld. Das musst du zuerst wissen.“
Dann erzählte er alles.
Vom Brunnen.
Vom Krug.
Von seiner Sorge.
Und von dem zornigen Satz, den er nie wirklich gewünscht hatte.
Das Mädchen schwieg lange.
„Wenn sie irgendwo leben, möchte ich sie finden.“
„Die Reise kann sehr schwer werden“, sagte ihre Mutter.
„Vielleicht. Aber sie sind meine Familie.“
Die Eltern gaben ihr Brot, eine Flasche Wasser, einen warmen Mantel und den Familienring.
„Trag ihn bei dir“, sagte der Vater. „Wenn du deine Brüder findest, erkennen sie ihn.“
Das Mädchen machte sich auf den Weg.
Sie ging über Felder, durch Wälder und über steinige Pfade.
Sie schlief in Häusern freundlicher Menschen, hörte auf Vogelrufe und fragte jeden Morgen:
„Habt ihr sieben Raben gesehen, die immer zusammen fliegen?“
Niemand wusste etwas.
Schließlich kam sie so weit, dass die Welt selbst fremd und wunderbar zu werden schien.
Zuerst begegnete sie der Sonne.
Sie stand glühend über dem Horizont.
„Sonne, du siehst die Erde den ganzen Tag. Hast du sieben Raben gesehen?“
„Ich sehe viele Wege“, antwortete die Sonne. „Doch deine Brüder leben dort, wohin meine Tagesstrahlen nicht reichen. Geh weiter, und hüte dich vor der Hitze.“
Das Mädchen dankte ihr.
In der Nacht kam sie zum Mond.
„Mond, du beleuchtest die Wege der Nacht. Weißt du, wo die sieben Raben sind?“
„Ich habe ihre Flügel gehört“, sagte der Mond leise. „Den genauen Weg kenne ich nicht. Frag die Sterne. Sie stehen höher und sehen weiter.“
So kam das Mädchen zu den Sternen.
Sie waren freundlich.
Jeder leuchtete an seinem kleinen Platz.
Der Morgenstern kam ein wenig tiefer und sagte:
„Deine Brüder leben in einem Schloss auf dem Glasberg.“
„Wie komme ich hinein?“
Der Morgenstern gab ihr einen kleinen silbernen Schlüssel.
„Er öffnet die Tür im Berg. Pass gut auf ihn auf.“
Das Mädchen wickelte den Schlüssel in ein Tuch und ging weiter.
Der Weg zum Glasberg war lang.
Seine Hänge glänzten wie Eis in der Sonne.
Am Fuß stand eine kleine Tür ohne Griff.
Das Mädchen öffnete das Tuch.
Der Schlüssel war fort.
„Nein“, flüsterte sie.
Vielleicht war er irgendwo auf dem steinigen Weg herausgefallen.
Sie suchte im Staub.
Sie tastete ihre Taschen ab.
Sie ging ein Stück zurück.
Nichts.
Das Mädchen setzte sich vor die Tür und hätte beinahe geweint.
„Ich bin so weit gekommen. Muss ich jetzt wirklich umkehren?“
Da spürte sie kaltes Metall in ihrer Hand.
Den Familienring.
„Wenn meine Brüder mich daran erkennen sollen, ist vielleicht er mein wirklicher Schlüssel.“
Sie legte den Ring in eine runde Vertiefung in der Tür.
Klick.
Die Tür öffnete sich.
Dahinter lag kein finsterer Abgrund, sondern ein stilles Steinhaus.
Ein kleiner Hausherr mit grauer Mütze kam ihr entgegen.
„Wen suchst du?“
„Meine Brüder. Sieben Raben.“
„Sie kommen bald zurück. Komm herein und warte.“
In der Stube stand ein Tisch.
Darauf lagen sieben kleine Teller und sieben Gläser.
Nach der langen Reise war das Mädchen sehr hungrig.
Der Hausherr erlaubte ihr, von jedem Teller ein kleines Stück Brot zu nehmen und aus jedem Glas einen Schluck Wasser zu trinken.
Beim siebten Glas nahm sie den Familienring ab.
„Dann sehen sie, dass ich hier bin“, dachte sie.
Sie ließ den Ring ins Glas fallen.
Plötzlich hörte man draußen Flügel schlagen.
„Krah! Krah!“
„Da sind sie“, sagte der Hausherr.
Sieben schwarze Raben flogen herein.
Sie setzten sich an den Tisch.
Der erste sah auf seinen Teller.
„Jemand hat mein Brot berührt.“
Der zweite schaute ins Glas.
„Und jemand hat von meinem Wasser getrunken.“
Das sagten auch der dritte, vierte, fünfte und sechste.
Der siebte hob sein Glas an.
Auf dem Boden lag der Ring.
Er erstarrte.
„Den kenne ich.“
Die anderen kamen näher.
„Das ist der Ring unserer Familie!“
„Hat uns unsere kleine Schwester gefunden?“
Das Mädchen trat hinter der Tür hervor.
„Ich bin hier.“
Im selben Augenblick füllte sanftes Licht den Raum.
Schwarze Federn wirbelten wie Herbstlaub.
Einer nach dem anderen wurden die Raben wieder zu jungen Männern.
Das Mädchen konnte zuerst kein Wort sagen.
„Unsere Schwester!“, rief der Älteste.
„Du bist wirklich gekommen.“
„Ich wollte, dass wir gemeinsam nach Hause gehen“, sagte sie.
Die Brüder umarmten sie.
Auf dem Rückweg redeten sie viel.
Das Mädchen erzählte von der Sonne, dem Mond und den Sternen.
Die Brüder erzählten von ihren Jahren als Raben, von Flügen über Wälder und davon, wie sie jeden Tag gehofft hatten, der Zauber würde eines Tages enden.
Als sie sich ihrem Haus näherten, sah der Vater sie schon von weitem.
Er traute seinen Augen nicht.
„Meine Kinder... alle meine Kinder.“
„Wir sind wieder da“, sagten seine Söhne.
Der Vater bat sie um Verzeihung für die Worte, die er im Zorn gesprochen hatte.
„Ich wusste nicht, dass ein einziger wütender Augenblick euch so weit forttragen könnte.“
„Jetzt wissen wir alle, dass man mit Worten vorsichtig sein muss“, sagte der älteste Sohn.
Die Mutter umarmte die Tochter.
„Und wir wissen, dass Liebe einen sehr langen Weg gehen kann.“
Von diesem Tag an versuchte die Familie, niemals im Zorn etwas auszusprechen, das sie eigentlich gar nicht wünschte.
Den Familienring bewahrten sie sorgfältiger als je zuvor.
Nicht, weil er magische Türen öffnen konnte.
Sondern weil er eines Tages acht Geschwistern geholfen hatte, den Weg zueinander wiederzufinden.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
