

Portugal
Die Tanten
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Portugal
- Alter
- 6–9 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Die Tanten
In einer portugiesischen Kleinstadt lebten eine Großmutter und ihre Enkelin. Das Mädchen war freundlich, neugierig und in vielen Dingen geschickt. Die Großmutter hatte jedoch eine Angewohnheit: Wenn sie ihre Enkelin loben wollte, übertrieb sie gern ein wenig.
Eines Tages ritt ein junger König an ihrem Haus vorbei. Er bemerkte das Mädchen am Fenster, grüßte und hielt an, um ein paar Worte zu wechseln.
Die Großmutter freute sich so sehr über den wichtigen Gast, dass sie sofort sagte:
„Majestät, meine Enkelin ist eine solche Meisterin, dass sie ein Hemd nähen kann, so fein, dass man es durch ein Nadelöhr ziehen kann!“
Das Mädchen riss die Augen auf.
„Großmutter …“
Doch der König war bereits neugierig geworden.
„Wirklich? So etwas habe ich noch nie gesehen. Wenn du das kannst, zeig es mir morgen.“
Als er fort war, setzte sich das Mädchen auf die Bank und hätte beinahe geweint.
„Ich kann nähen, aber keine Zauberei. Wie soll ein ganzes Hemd durch ein Nadelöhr passen?“
Da klopfte es leise an der Tür.
Draußen stand eine unbekannte ältere Frau mit einem Korb voller Garn.
„Ich habe gehört, du brauchst Hilfe“, sagte sie. „Ich kenne ein altes Geheimnis für sehr feines Tuch. Ich helfe dir, wenn du mich bei deinem großen Fest eines Tages Tante nennst und neben dich setzt, ohne dich für die schlichte Kleidung einer alten Handwerkerin zu schämen.“
„Sehr gern!“, antwortete das Mädchen. „Aber warum ist Euch dieses Versprechen wichtig?“
„Weil Menschen manchmal das Wunder bewundern und vergessen, wessen Hände es geschaffen haben.“
Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit. Die alte Frau brachte außergewöhnlich feines Tuch, das Mädchen nähte winzige, gleichmäßige Stiche, und am Abend war das Hemd fertig. Auf besondere Weise zusammengerollt passte es tatsächlich durch das große Öhr einer alten Nadel.
Am nächsten Tag war der König beeindruckt.
Als die Großmutter seine Begeisterung sah, konnte sie sich wieder nicht bremsen.
„Und das ist noch gar nichts! Meine Enkelin kann ein Gespräch hören, das drei Meilen entfernt geführt wird!“
Dem Mädchen wäre beinahe die Nadel aus der Hand gefallen.
Der König lachte.
„Das ist nun wirklich ein Rätsel. Morgen reite ich zur Jagd. Wenn du mir danach sagen kannst, worüber wir tief im Wald gesprochen haben, glaube ich, dass deine Großmutter nicht übertreibt.“
Nachdem er gegangen war, fasste sich das Mädchen an den Kopf.
„Großmutter! Warum hast du das gesagt?“
„Ich wollte nur, dass alle wissen, wie außergewöhnlich du bist“, antwortete sie beschämt.
Am Abend klopfte es wieder.
Diesmal kam eine zweite ältere Frau. Auf der Schulter trug sie ein langes hölzernes Hörrohr, wie es Hirten in den Bergen manchmal für Signale verwendeten.
„Ich kenne einen Pfad zu diesem Wald“, sagte sie. „Von einem Hügel dort hört man bei günstigem Wind Jagdhörner und Stimmen. Ich helfe dir, wenn du mich beim Fest Tante nennst.“
„Abgemacht, Tante“, lächelte das Mädchen.
Sie stiegen auf den Hügel. Der Wind kam aus der richtigen Richtung, und durch das Rohr konnte man Bruchstücke eines fernen Gesprächs verstehen. Gerade sagte der König zu seinen Begleitern:
„Heute riecht der Wind nach Meer. Wahrscheinlich regnet es am Abend.“
Am nächsten Tag wiederholte das Mädchen diese Worte.
„Erstaunlich!“, rief der König.
Die Großmutter hatte das vorige Gespräch offenbar vollkommen vergessen und fügte sofort hinzu:
„Außerdem kann meine Enkelin in einer halben Stunde einen riesigen Strang Garn vollständig aufwickeln!“
Das Mädchen schloss die Augen.
„Großmutter …“
Der König lachte diesmal nicht.
„Wir müssen keine neuen Prüfungen erfinden“, sagte er. „Aber wenn ihr noch eine Kunst zeigen möchtet, sehe ich sie mir an.“
Zu Hause sprach das Mädchen ernst mit seiner Großmutter.
„Ich liebe dich, aber ich möchte nicht mein ganzes Leben lang deine Übertreibungen beweisen müssen. Ich bin gut genug so, wie ich bin.“
Die Großmutter wurde rot.
„Du hast recht. Ich habe mich hinreißen lassen.“
Der große Strang lag jedoch bereits auf dem Tisch, und das Mädchen wollte beenden, was begonnen hatte.
Zum dritten Mal klopfte es.
Die dritte ältere Frau brachte einen erstaunlichen Spinnrahmen mit, auf dem der Faden so schnell glitt wie ein kleiner Bach.
„Zu zweit schaffen wir es“, sagte sie. „Und beim Fest nennst du mich Tante.“
„Ganz bestimmt.“
Nach einer halben Stunde war das ganze Garn aufgewickelt.
Der König betrachtete die drei Wunder und sagte:
„Jetzt interessiert mich weniger, wie du das alles geschafft hast. Viel interessanter ist, warum du jedes Mal so aussiehst, als möchtest du mir etwas erklären.“
Das Mädchen nahm seinen Mut zusammen und erzählte die Wahrheit: Die Großmutter hatte geprahlt, und drei unbekannte Frauen hatten ihr geholfen, die unmöglichen Versprechen zu erfüllen.
Der König wurde nicht böse.
Im Gegenteil, er lachte.
„Dann besteht deine größte Begabung gar nicht darin, Zauberhemden zu nähen oder über drei Meilen hinweg zu hören. Du kannst Hilfe annehmen, dich an die Helfenden erinnern und schließlich die Wahrheit sagen. Das ist viel nützlicher.“
Mit der Zeit sahen das Mädchen und der König einander oft. Sie redeten viel und wurden enge Freunde. Als sie später beide beschlossen zu heiraten, wurde im Palast ein großes Fest vorbereitet.
Während des Festmahls klopfte es an der Tür.
Die erste alte Frau trat ein. Auf ihrer Nase saßen riesige runde Brillen, und in der Hand hielt sie eine Nadel, die fast so lang war wie ein Löffel.
Das Mädchen stand sofort auf.
„Kommt herein, Tante! Setzt Euch neben mich.“
Die Gäste lächelten.
„Diese Brille brauche ich“, erklärte die Frau feierlich, „weil ich so viele Jahre winzige Stiche betrachtet habe, dass ich jetzt alles groß sehen möchte!“
Eine Minute später erschien die zweite Tante. Sie trug ein Hörrohr, das so lang war, dass sie beinahe den Kronleuchter damit traf.
„Auch Ihr kommt zu mir, Tante!“
„Und dieses Rohr“, sagte die Alte, „soll mich daran erinnern, nie wieder drei Meilen weit lauschen zu müssen. Man kann auch einfach direkt fragen!“
Schließlich kam die dritte Tante mit ihrem Spinnrahmen. Daran hatte sie zwei lächerlich lange Holzgriffe befestigt.
„Warum sind die so groß?“, fragte der König.
„Damit jeder sieht“, antwortete sie, „wie unsinnig es ist, von einem Menschen eine riesige Arbeit in winzig kurzer Zeit zu verlangen.“
Der Saal brach in Gelächter aus.
Auch die Großmutter lachte. Dann hob sie einen Becher mit Fruchtgetränk.
„Ich muss noch etwas verkünden. Meine Enkelin kann nicht alles auf der Welt. Und das ist wunderbar. Niemand kann alles.“
„Endlich ein Lob, das stimmt“, sagte das Mädchen und umarmte sie.
Von da an nannte man die drei älteren Handwerkerinnen wirklich die Tanten. Sie kamen oft in den Palast, brachten Kindern Nähen und Spinnen bei, lehrten sie, dem Wind zuzuhören und vor allem, sich nicht dafür zu schämen, um Hilfe zu bitten.
Der König führte außerdem eine einfache Regel ein: Wenn jemand mit den Fähigkeiten eines anderen prahlt, fragt man zuerst diese Person selbst, ob sie das wirklich versprochen hat.
Denn manchmal besteht das schwierigste Wunder nicht darin, ein Hemd durch ein Nadelöhr zu ziehen, sondern rechtzeitig zu sagen: „Das kann ich nicht. Aber ich kann es lernen oder jemanden um Hilfe bitten.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
