Cover: Die Taube und die Krähe

Indien

Die Taube und die Krähe

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
3–7 Jahre
Dauer
5 Min.
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Die Taube und die Krähe

In einem großen Haus gab es eine geräumige Küche. Unter dem Dach lebte in einem kleinen geflochtenen Korb eine graue Taube. Der Koch kannte sie gut und stellte ihr jeden Tag frisches Wasser und einige Körner hin.

Die Taube war ruhig und höflich. Morgens flog sie in den Hof und suchte Samen. Abends kehrte sie in ihren Korb zurück.

Eines Tages huschte eine schwarze Krähe am Küchenfenster vorbei.

Sie blickte hinein und sah so viele leckere Dinge auf den Tischen, dass ihre Flügel vor Ungeduld zuckten.

„Wenn ich doch nur einen Tag hier wohnen könnte“, flüsterte sie.

Doch sie wusste: Der Koch würde sie nicht einfach so in die Küche einladen.

Am nächsten Morgen wartete sie auf die Taube und flog ihr hinterher.

Die Taube sah sich um.

„Warum fliegst du mir nach?“

„Weil ich dich sympathisch finde“, sagte die Krähe süß. „Lass uns Freunde sein und gemeinsam Futter suchen.“

„Aber wir fressen doch unterschiedliche Dinge“, wunderte sich die Taube.

„Das macht nichts. Hauptsache gute Gesellschaft.“

Die Taube sah darin nichts Schlimmes und stimmte zu.

Den ganzen Tag flogen sie gemeinsam herum. Die Taube sammelte geduldig Körner. Die Krähe blieb mal zurück, kam mal wieder und tat so, als suche auch sie sehr fleißig.

Am Abend erreichten sie die Küche.

Der Koch sah den neuen Gast.

„Wenn das deine Freundin ist, Taube, soll auch sie einen Platz zum Schlafen bekommen.“

Er hängte einen zweiten kleinen Korb daneben.

Die Krähe war begeistert.

Wunderbar, dachte sie. Jetzt brauche ich nur noch den richtigen Moment.

Einige Tage später wurde in der Küche ein Festessen vorbereitet. Schüsseln standen auf den Tischen, Gewürze dufteten, und der Koch richtete Speisen an.

Die Krähe konnte kaum still in ihrem Korb sitzen.

Die Taube rief:

„Komm, wir fliegen nach draußen zum Frühstück.“

Die Krähe fasste sich an den Bauch.

„Ich kann heute nicht. Mir geht es nicht gut.“

Die Taube sah sie prüfend an.

„Seltsam. Vor einer Minute hast du so aufmerksam auf den Küchentisch gestarrt, dass du beinahe aus dem Korb gefallen wärst.“

„Ich habe nur das Geschirr bewundert“, antwortete die Krähe schnell.

„Gut“, sagte die Taube. „Aber nimm nichts, was dir nicht gehört. Wenn der Koch uns etwas geben will, wird er es tun. Stehlen ist nicht richtig.“

Dann flog sie hinaus.

Die Krähe blieb allein zurück.

Der Koch stellte die fertigen Speisen auf den Tisch und ging Wasser holen.

„Jetzt!“, flüsterte die Krähe.

Sie flog auf die Tischkante und hüpfte näher an einen großen Teller.

„Nur ein winziges Stück“, sagte sie zu sich selbst.

Doch als sie den Schnabel ausstreckte, klirrte der Teller.

Die Krähe erschrak, schlug mit den Flügeln und stieß gegen einen Löffel.

Kling!

Der Löffel fiel gegen eine Schüssel.

Klapper!

Die Schüssel wackelte, und ein Topfdeckel rollte über den Boden.

Rrrrr... kling!

Der Koch kam angerannt.

Auf dem Tisch stand die Krähe, umgeben von einem ganzen Berg wackelnden Geschirrs.

„Aha! Da will jemand meine Küche übernehmen!“, rief er.

Die Krähe flatterte so hektisch herum, dass sie direkt in einer Schüssel Mehl landete.

Puff!

Eine weiße Wolke stieg auf.

Als die Taube zurückkam, sah sie ein erstaunliches Bild: Aus dem Korb der schwarzen Krähe schaute ein beinahe weißer Vogel. Auf dem Kopf trug er eine flauschige Mehlfrisur.

„Wer ist denn das?“, fragte die Taube gespielt erstaunt. „Ich habe eine Krähe hiergelassen und finde einen weißen Vogel.“

Die Krähe ließ den Kopf hängen.

„Lach nicht. Ich habe nicht auf dich gehört.“

„Und was ist passiert?“

„Ich wollte nur eine Sache nehmen, ohne zu fragen, und habe ein ganzes Konzert mit Töpfen veranstaltet.“

Die Taube musste sich ein Lächeln verkneifen.

„Verstehst du jetzt, warum man lieber fragt, statt etwas Fremdes zu nehmen?“

Die Krähe nickte.

Am nächsten Morgen brachte sie zusammen mit der Taube einige glänzende Kastanien aus dem Garten und legte sie vor die Küchentür. Auf ihre Weise bat sie damit um Entschuldigung.

Der Koch verstand. Er lächelte und streute beiden Vögeln Körner hin.

Auch später schaute die Krähe noch manchmal sehnsüchtig auf die Leckereien in der Küche. Doch jedes Mal erinnerte sie sich an die weiße Mehlwolke und das klirrende Geschirr.

Dann sagte sie sich:

„Lieber erst fragen.“

Und die Taube nickte zufrieden.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨