Cover: Die Taubenfrau und ihr Kamm

Frankreich

Die Taubenfrau und ihr Kamm

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Frankreich
Alter
6–9 Jahre
Dauer
11 Min.
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Die Taubenfrau und ihr Kamm

Zwischen den grünen Hügeln und Wäldern des Baskenlandes lebte eine arme Witwe mit ihrem Sohn. Sie besaßen ein kleines Haus, ein paar einfache Dinge und nur sehr wenig Geld. Der Sohn sah, wie seine Mutter jeden Tag die letzten Münzen zählte, und sagte eines Morgens:

„Mutter, ich gehe Arbeit suchen. Ich möchte nicht, dass wir unser ganzes Leben wegen der Armut sorgen müssen.“

Die Mutter ließ ihn nur ungern weit fortziehen, doch sie wusste, dass ihr Sohn erwachsen geworden war. Sie gab ihm Brot für den Weg, umarmte ihn und bat ihn, den Heimweg niemals zu vergessen.

Der junge Mann wanderte lange. Sein Pfad führte durch Dörfer, über Wiesen und schließlich in einen dichten Wald. Gegen Abend sah er zwischen den Bäumen ein großes, altes Schloss. Die Tür öffnete ein düsterer einäugiger Riese, den man in alten baskischen Geschichten Tartaro nannte.

„Was willst du, kleiner Mensch?“, dröhnte er.

„Arbeit“, antwortete der junge Mann ehrlich. „Meine Mutter und ich sind arm, und ich möchte meinen Lebensunterhalt verdienen.“

Der Riese betrachtete ihn lange und nickte dann.

„Weil du die Wahrheit sagst, werde ich dir nichts tun. Ich gebe dir sogar einen Rat. In meinem Garten liegt ein Teich. Morgen werden drei Mädchen in Taubengewändern dorthin kommen. Sie legen ihre Zauberkleider an einem Stein ab und gehen baden. Merk dir die mittlere. Sie kann dir eine große Hilfe sein, wenn sie dir verspricht, beizustehen.“

Am nächsten Tag geschah es genau so. Flügel rauschten über dem Garten, und drei weiße Tauben ließen sich am Wasser nieder. Als sie den Boden berührten, verwandelten sie sich in drei junge Frauen und versteckten ihre Taubengewänder unter einem großen Stein.

Der junge Mann nahm vorsichtig das mittlere Gewand. Als die beiden Schwestern wieder zu Tauben wurden und davonflogen, blieb die dritte am Wasser zurück.

„Gib mir bitte mein Gewand wieder“, sagte sie.

„Das werde ich, wenn du mir versprichst, mir zu helfen, falls ich wirklich in Not gerate.“

Das Mädchen dachte kurz nach.

„Ich verspreche es. Komm morgen zum Haus meines Vaters. Er wird dich in seinen Dienst nehmen. Fürchte dich nicht vor seinen Aufgaben. Ich lasse dich nicht allein.“

Der junge Mann gab ihr das Taubengewand zurück. Sie lächelte, verwandelte sich in eine weiße Taube und verschwand zwischen den Bäumen.

Am nächsten Morgen fand er tief im Wald ein anderes Haus. Sein Besitzer war streng und misstrauisch.

„Hier gibt es viel zu tun“, sagte er. „Bis zum Mittag räumst du ein großes Stück Land von den Eichen frei, bereitest den Boden vor, säst Weizen, erntest ihn und bringst mir einen Fladen aus dem neuen Korn.“

Der junge Mann starrte ihn an.

„Bis zum Mittag?“

„Bis zum Mittag.“

Er ging in den Wald und setzte sich auf einen Baumstumpf. Nicht einmal zehn kräftige Männer hätten diese Arbeit an einem ganzen Tag geschafft.

Doch bald erschien die Taubenfrau.

„Warum bist du so traurig? Ich habe dir doch mein Wort gegeben.“

Sie holte einen kleinen Kamm hervor.

„Schließ die Augen und schau nicht heimlich hin.“

Der Kamm flog in die Luft wie ein silberner Vogel. Die Zweige rauschten. Die Eichen räumten von selbst den Platz frei, die Stämme legten sich ordentlich zu Stapeln, und der Boden wurde weich und eben. Der Kamm blitzte ein zweites Mal, und grüne Halme bedeckten das Feld. Beim dritten Mal reifte der Weizen, die Körner wurden gemahlen, und auf einem warmen Stein lag plötzlich ein duftender Fladen.

„Lauf“, sagte das Mädchen. „Es ist fast Mittag.“

Der Hausherr konnte seinen Augen nicht trauen. Am folgenden Tag erfand er eine neue Prüfung.

„In einem weit entfernten Fluss liegt mein verlorener Ring. Bring ihn mir bis Mittag.“

Am Fluss wusste der junge Mann nicht, wo er beginnen sollte. Das Wasser war tief, und die Strömung stark.

Wieder erschien die Taubenfrau.

„Hab keine Angst. Die alte Magie kennt einen Weg zu diesem Ring, aber wir werden vorsichtig sein.“

Sie berührte das Wasser mit dem Kamm. Ihre Gestalt zerfiel in unzählige silberne Tropfen, die in der Strömung tanzten. Einen Augenblick später leuchtete das Wasser auf, und das Mädchen stand wieder heil am Ufer. In ihrer Hand lag der Ring.

„Hier ist er. Nun beeil dich.“

Der junge Mann brachte den Ring rechtzeitig zurück.

Daraufhin befahl der Hausherr ihm, ein wildes Pferd und drei junge Stuten zu zähmen. Die Taubenfrau warnte ihn:

„Auch das ist eine verzauberte Prüfung. Tu den Tieren nicht weh. Zeig ihnen, dass du keine Angst hast, und sprich ruhig, aber bestimmt.“

Genau das tat er. Das Pferd schnaubte zunächst und stampfte mit dem Huf, doch der junge Mann wich nicht zurück. Er streckte ihm die Hand entgegen und sprach leise auf es ein. Bald ließ es sich satteln. Auch die drei Stuten wurden ruhig.

Nun begriff der Hausherr, dass ein gewöhnlicher Diener so viele unmögliche Aufgaben nicht ohne Hilfe hätte bestehen können. Statt zornig zu werden, sagte er:

„Du hast Mut und Verstand bewiesen. Du darfst eine meiner drei Töchter zur Frau wählen. Dabei musst du jedoch die Augen geschlossen halten.“

Die Taubenfrau flüsterte ihm zuvor zu:

„Ich werde deine Hand zweimal berühren. So erkennst du mich.“

Bei der Wahl spürte er die erste Hand, dann die zweite und schließlich zwei leichte Berührungen hintereinander.

„Das ist meine Braut“, sagte er.

So heirateten sie.

Einige Tage später sagte die Taubenfrau zu ihrem Mann:

„Wir müssen fort. Mein Vater ahnt, dass ich dir geholfen habe. Bald wird sein Zorn stärker sein als seine Vernunft.“

In der Nacht machten sie sich heimlich auf den Weg. Als der Vater ihre Flucht bemerkte, jagte er ihnen nach.

„Schau zurück“, bat das Mädchen. „Kannst du ihn sehen?“

„Ja. Er ist schon ganz nah.“

Die Taubenfrau warf den Kamm hinter sich.

„Kamm, breite vor uns einen ebenen Weg aus und lass hinter uns dichte Hecken wachsen.“

Sofort öffnete sich vor dem Paar ein freier Pfad, während hinter ihnen ein Gewirr aus Sträuchern emporwuchs.

Doch der Verfolger kämpfte sich hindurch.

Die Taubenfrau warf einen zweiten Kamm. Nebel senkte sich zwischen sie und ihren Vater, Regen prasselte herab, und der Wind pfiff durch die Bäume. Auch das hielt ihn nicht auf.

Da warf sie den letzten Kamm. Zwischen ihnen entstand ein breiter, reißender Fluss. Der strenge Zauberer musste am anderen Ufer stehen bleiben. Weiter konnte er ihnen nicht folgen.

„Jetzt sind wir frei“, sagte die Taubenfrau.

Bald erreichten sie die Grenze zur Heimat des jungen Mannes. Dort blieb das Mädchen stehen.

„Nach den Regeln der alten Geschichte darf ich diese Grenze nicht überschreiten, bis ein Priester kommt und mich tauft. Und noch etwas: Lass dich auf dem Weg zu ihm von niemandem küssen. Sonst wird der Zauber alles aus deinem Gedächtnis löschen, was zwischen uns geschehen ist.“

„Ich werde daran denken“, versprach ihr Mann.

Er eilte in sein Dorf. Gleich am ersten Haus erkannte ihn jedoch eine alte Tante. Sie freute sich so sehr, dass sie von hinten heranlief und ihren Neffen zweimal küsste.

Im selben Augenblick wurde seine Erinnerung trüb. Er wusste noch, wer seine Mutter war, erinnerte sich an sein Haus und seine Kindheit, doch die Taubenfrau, die jenseits der Grenze auf ihn wartete, war aus seinem Gedächtnis verschwunden.

Die Tage vergingen. Das Mädchen begriff, was geschehen war. Sie weinte nicht endlos, sondern berührte den Boden mit einem kleinen Zauberstab. Am Weg entstand ein schönes Gasthaus mit einem Garten. Dort bekam jeder Reisende ein Abendessen.

Eines Tages kehrten drei Jäger ein. Unter ihnen waren ihr Mann und zwei seiner Freunde. Die Taubenfrau erkannte ihn sofort, doch er sah sie an wie eine Fremde.

Die Freunde blieben über Nacht. Dem ersten gab sie einen Zauberkamm.

„Du darfst dich erst ausruhen, wenn du den ganzen Reisestaub aus deinem Haar gekämmt hast.“

Er kämmte bis zum Morgengrauen, doch immer wieder rieselte neuer Staub heraus.

Dem zweiten stellte sie eine große Schüssel mit Wasser hin.

„Wasch dir die Füße nach der Reise.“

Sobald er einen Fuß sauber hatte, wurde der andere wieder schmutzig. So verging noch ein Abend.

Schließlich blieb ihr Mann. Als es Zeit wurde, das Licht zu löschen, sagte die Taubenfrau:

„Mach bitte die Lampe aus.“

Er löschte sie. Sofort brannte sie wieder. Er löschte sie ein zweites Mal, und wieder leuchtete sie auf. Das ging so weiter, bis der Morgen grau vor den Fenstern stand.

Da fragte die Taubenfrau leise:

„Erinnerst du dich wirklich gar nicht an mich? An den Wald? Die drei Tauben? Den Kamm? Das Weizenfeld? Den Ring aus dem Fluss? Den Weg durch den Nebel?“

Die Worte waren wie ein Schlüssel zu einer verschlossenen Tür in seinem Gedächtnis.

„Du bist es!“, rief er. „Ich erinnere mich! Ich ging doch fort, um den Priester zu holen, und kam nicht zurück. Verzeih mir. Meine Tante hat mich überraschend geküsst, und der Zauber hat getan, wovor du mich gewarnt hattest.“

Die Taubenfrau lächelte.

„Wichtig ist, dass du dich wieder erinnerst.“

Diesmal hielt er sein Versprechen. Er brachte den Priester, und nach der Taufe überschritten sie gemeinsam die Grenze.

Als sie bei seiner Mutter ankamen, berührte die Taubenfrau mit ihrem Zauberstab den Boden. Auf einem Hügel entstand ein helles Haus, davor blühte ein Garten. Dort war Platz für die alte Mutter, für Gäste und für weiße Tauben, die jeden Morgen zu den Fenstern flogen.

Den Zauberkamm bewahrte die Taubenfrau in einer kleinen Truhe auf. Sie benutzte ihn nur selten, denn sie wusste: Das größte Wunder war längst ohne Zauberei geschehen. Zwei Menschen hatten gelernt, ihr Wort zu halten, einander zu helfen und den Weg zueinander wiederzufinden, selbst wenn die Erinnerung eine Zeit lang die Spur verlor.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨