

Portugal
Die Tochter der Hexe
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Portugal
- Alter
- 7–10 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Die Tochter der Hexe
Am äußersten Rand einer Stadt lebte eine Frau, die alle nur die Hexe nannten. Sie kannte die Namen der Kräuter, konnte Zeichen im Wind lesen und brauchte eine Kerze nur anzusehen, damit sich die Flamme zu ihr neigte, als würde sie lauschen.
Die Hexe hatte eine Tochter namens Giomar. Anders als ihre Mutter gab Giomar Menschen nicht gern Befehle und benutzte Magie nie nur zum Vergnügen. Am liebsten hielt sie sich im Garten auf, zwischen Weinreben, Rosmarin und kleinen weißen Rosen.
Dort lernte sie einen jungen Prinzen aus einem benachbarten Königreich kennen. Er kam oft ohne Gefolge und kostbare Kleidung in die Stadt, weil er sehen wollte, wie gewöhnliche Menschen lebten. Giomar und der Prinz unterhielten sich lange an der Gartenmauer, und mit der Zeit merkten sie, dass sie zusammen sein wollten.
Giomars Mutter war dagegen.
„Prinzen versprechen leicht etwas“, sagte sie. „Und später kehren sie in ihre Paläste zurück.“
„Dann lass ihn beweisen, dass er Schwierigkeiten nicht fürchtet“, antwortete Giomar.
Die Mutter stimmte zu, dachte sich aber Prüfungen aus, von denen sie überzeugt war, dass niemand sie bestehen könne.
Eines Abends kam der Prinz in einem einfachen Mantel zum Haus, als wäre er ein gewöhnlicher Reisender, und bat um ein Nachtlager.
Die Hexe betrachtete ihn lange.
„Gut. Du kannst bleiben. Aber morgen früh wartet Arbeit auf dich.“
Am nächsten Tag gab sie ihm einen großen Tontopf.
„Bis Sonnenuntergang bringst du mir diesen Topf voll mit trockenem Vogeldünger für den Garten.“
Der Prinz war ratlos. Wie sollte er an einem einzigen Tag so viel finden?
Giomar sagte leise:
„Mach dir keine Sorgen. Stell den Topf bei der alten Stadtmauer auf, wo die Schwalben nisten. Komm am Abend zurück.“
Er tat, was sie sagte. Als die Sonne unterging, war der Topf voll.
Die Mutter kniff die Augen zusammen.
„Giomar hat dir geholfen.“
„Ich habe die Aufgabe erfüllt“, antwortete der Prinz ruhig.
Da sagte die Hexe:
„Morgen pflanzt du eine Weinrebe. Bis zum Abend bringst du mir einen Korb reifer Trauben genau von diesem Setzling.“
Das schien noch unmöglicher.
Doch Giomar half ihm wieder.
„Pflanze die Rebe beim warmen Stein hinter dem Garten und gieße sie mit Wasser aus der kleinen Quelle.“
Der Prinz setzte den dünnen Trieb in die Erde. Am Abend stand dort eine grüne Rebe mit schweren violetten Trauben.
Die Hexe nahm den Korb entgegen und seufzte.
„Jetzt weiß ich sicher, dass meine Tochter auf deiner Seite steht.“
In dieser Nacht sagte Giomar zum Prinzen:
„Meine Mutter wird nicht aufhören. Sie wird immer neue Prüfungen erfinden, bis wir einander aufgeben. Ich möchte nicht länger mit Magie gegen sie kämpfen. Lass uns lieber fortgehen und selbst entscheiden, wie wir leben wollen.“
Bei Sonnenaufgang brachen sie auf.
Als Giomars Mutter bemerkte, dass ihre Tochter fort war, schickte sie Giomars Vater hinter ihnen her.
Giomar sah zurück und entdeckte ihn weit hinten auf der Straße.
„Ich will nicht, dass er uns mit Gewalt zurückbringt. Verstecken wir uns.“
Sie berührte die Erde. Der Prinz verwandelte sich in eine lange Landstraße, Giomar selbst in einen grauhaarigen Wanderer mit einem Sack auf der Schulter.
Der Vater kam näher und fragte:
„Guter Mann, habt Ihr ein junges Paar vorbeikommen sehen?“
Der grauhaarige Wanderer antwortete listig:
„Nüsse verkaufe ich, Knoblauch kaufe ich. Knoblauch verkaufe ich, Nüsse kaufe ich.“
Der Vater verstand kein Wort und kehrte nach Hause zurück.
Als die Mutter seinen Bericht hörte, begriff sie sofort, dass Magie im Spiel war.
„Geh zurück!“, sagte sie. „Das war Giomar.“
Er lief wieder los.
Diesmal verwandelte Giomar den Prinzen in eine kleine Kapelle am Weg. Sie selbst wurde zu einem alten Wächter mit einem Glöckchen.
„Sind hier zwei junge Leute vorbeigekommen?“, fragte der Vater.
Der Wächter klingelte:
„Klingeling, klingeling, jeden Tag zum Kirchgang hin.“
So oft der Vater fragte, antwortete der Wächter nur mit seinem Glöckchen und dem kleinen Reim. Schließlich kehrte er erneut um.
Da beschloss die Mutter, selbst hinterherzugehen.
Giomar sah sie von weitem und wurde unruhig.
„Meine Mutter kennt alle meine Tricks. Aber versuchen wir es ein letztes Mal.“
Der Prinz verwandelte sich in einen breiten Fluss und Giomar in einen kleinen silbrigen Fisch.
Die Hexe kam ans Ufer und verstand sofort.
„Giomar, komm nach Hause.“
Der Fisch schlug dreimal mit dem Schwanz ins Wasser: Nein.
Die Mutter schwieg lange. Dann sagte sie:
„Ich kann dich nicht zwingen zurückzukommen. Aber der Prinz soll sein Gedächtnis und seine Treue prüfen. Wenn er seinen Palast betritt, wird der erste ehrliche Kuss eines nahen Menschen ihn deinen Namen vergessen lassen.“
Dann ging sie fort.
Als der Zauber verschwunden war, sagte Giomar:
„Sei vorsichtig. Im Palast werden sich alle über deine Rückkehr freuen.“
Der Prinz versprach, sie nicht zu vergessen.
Doch der Weg war lang. Als er den Palast erreichte, war er so erschöpft, dass er in einem Sessel einschlief. Seine jüngere Schwester sah den Bruder, der so lange fort gewesen war, umarmte ihn und küsste ihn auf die Stirn.
Als er erwachte, stand Giomar vor ihm.
„Wer seid Ihr?“, fragte der Prinz höflich.
Giomar verstand sofort, dass sich die Worte ihrer Mutter erfüllt hatten.
Sie weinte nicht vor allen Leuten und verlangte auch nicht, dass man ihr sofort glaubte. Stattdessen zog sie in ein kleines Haus gegenüber dem Palast und beschloss, seine Erinnerungen nicht mit Gewalt, sondern mit vertrauten Bildern zurückzubringen.
Einige Tage später sah der Prinz eine fremde junge Frau am Fenster. Etwas an ihrem Blick kam ihm merkwürdig bekannt vor.
Er besuchte sie.
„Ich habe das Gefühl, wir sind uns schon einmal begegnet.“
„Vielleicht“, sagte Giomar. „Möchtest du einen Weg entlanggehen?“
Sie öffnete die Tür zum nächsten Zimmer.
Plötzlich sah der Prinz eine lange Landstraße. Ein grauhaariger Wanderer mit einem Sack ging darauf entlang.
„Nüsse verkaufe ich, Knoblauch kaufe ich“, hörte er.
Der Prinz blieb stehen.
„Das habe ich schon einmal gehört.“
Sie öffneten die zweite Tür. Dahinter stand eine kleine Kapelle, davor ein Wächter mit einem Glöckchen.
„Klingeling, klingeling …“
Der Prinz legte eine Hand an die Schläfe.
„Ich erinnere mich an die Straße. Und an die Verfolgung.“
Hinter der dritten Tür glänzte ein breiter Fluss. Im Wasser huschte ein silbriger Fisch vorbei.
Da kehrte alles zurück: der Garten, die Weinrebe, die Prüfungen, die Flucht und sein Versprechen, Giomar nicht zu vergessen.
„Giomar!“, rief er. „Ich habe dich wirklich vergessen. Aber nicht, weil ich es wollte.“
„Ich weiß“, antwortete sie. „Wichtig ist, dass du dich jetzt aus eigener Kraft erinnerst.“
Der Prinz bat sie um Verzeihung, und Giomar nahm seine Entschuldigung an.
Bald heirateten sie. Vor der Hochzeit schrieb Giomar jedoch ihrer Mutter einen Brief:
„Ich laufe nicht für immer vor dir davon. Ich wähle nur mein eigenes Leben. Wenn du ohne Prüfungen und Flüche kommen möchtest, stehen unsere Türen offen.“
Einige Monate vergingen. Eines Tages hielt eine schlichte Kutsche vor dem Palast. Giomars Mutter stieg aus. Kein Donner, keine Magie, keine Befehle.
In den Händen trug sie einen Korb voller Trauben.
„Diesmal sind sie auf ganz gewöhnliche Weise gewachsen“, sagte sie.
Giomar lächelte und umarmte ihre Mutter.
Im Palastgarten pflanzten sie später eine Rebe wie jene, mit der die Prüfungen begonnen hatten. Sie wuchs langsam, wie es sich für eine echte Weinrebe gehört, schenkte ihnen aber jedes Jahr süße Trauben.
Und alle erinnerten sich daran: Die stärksten Dinge entstehen nicht über Nacht. Vertrauen, Liebe und Versöhnung müssen ebenfalls wachsen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
