

Laos
Die treue Ehefrau
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Laos
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 10 Min.

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Die treue Ehefrau
In Laos lebte ein einflussreicher Herrscher, den die Menschen Chao nannten. Er hatte einen einzigen Sohn, jung, gebildet und sehr überzeugt davon, die Welt bereits gut zu kennen.
Eines Tages besuchte der junge Mann einen Weisen.
„Sag mir, was für eine Frau ich suchen sollte“, fragte er.
Der Weise sah ihn an und antwortete mit einer Gegenfrage:
„Wem bist du heute auf dem Weg zu mir begegnet?“
„Niemandem Besonderen“, sagte der junge Mann achselzuckend.
„Denk genauer nach.“
„Bei einem Garten arbeitete eine junge Frau. Sie schnitt Gras für die Tiere. Aber das ist doch unwichtig.“
Der Weise schüttelte den Kopf.
„Gerade sie könnte ein Mensch sein, mit dem du glücklich wirst.“
Der junge Mann wurde ärgerlich.
„Unmöglich! Ich bin der Sohn eines Herrschers, und sie ist nur eine einfache Arbeiterin.“
„Ich habe nicht über ihren Rang gesprochen“, antwortete der Weise ruhig. „Ich habe über den Menschen gesprochen.“
Doch solche Worte konnte der junge Mann damals noch nicht hören.
Er glaubte, man mache sich über ihn lustig, verließ das Haus seines Vaters und zog in ferne Länder.
Die Zeit verging.
Eines Tages fiel dem Herrscher tatsächlich jene junge Frau auf.
Sie arbeitete fleißig, trat anderen mit Würde entgegen, nahm niemals etwas, das ihr nicht gehörte, und half Menschen selbst dann, wenn sie selbst müde war.
„Wie heißt du?“, fragte der Chao.
Sie nannte ihren Namen.
„Möchtest du gemeinsam mit den jungen Frauen in meinem Haus lernen?“, fragte er. „Ich sehe, dass du klug bist und ein gutes Herz hast.“
So zog sie in das Haus des Herrschers.
Sie lernte lesen, Haushaltsbücher führen, Gäste empfangen, Heilkräuter erkennen und einen großen Haushalt organisieren.
Doch das Wichtigste an ihr änderte sich nicht:
Sie blieb aufmerksam gegenüber anderen Menschen.
Einige Jahre später kehrte der Sohn des Herrschers heim.
Im Hof sah er eine junge Frau, die nach einer schlechten Ernte Reis unter mehreren Familien verteilte.
Sie sprach ruhig, behandelte niemanden von oben herab und löste einen Streit zwischen zwei älteren Männern so klug, dass der junge Mann stehen blieb und zuhörte.
„Wer ist sie?“, fragte er.
„Dieselbe junge Frau, die du damals für nicht beachtenswert hieltest“, sagte sein Vater.
Dem jungen Mann wurde unbehaglich.
Sie begannen miteinander zu sprechen.
Zuerst nur kurz.
Dann immer öfter.
Er erkannte, dass sie klug, geduldig und mutig war.
Sie wiederum bemerkte, dass die Jahre auf Reisen ihn verändert hatten. Er war nicht mehr ganz so selbstsicher wie früher, obwohl seine alte Überheblichkeit manchmal noch hervorkam.
Schließlich verliebten sie sich ineinander und heirateten.
Eines Tages erinnerte ihn jedoch jemand am Hof gehässig daran:
„Du weißt doch noch, wer sie früher war?“
Ein altes Vorurteil, das längst verschwunden schien, regte sich in ihm wieder.
Anstatt mit seiner Frau zu sprechen, beschloss der junge Mann fortzugehen.
„Ich muss eine lange Reise machen“, sagte er.
Seine Frau sah ihn lange an.
„Wirst du zurückkommen?“
Er antwortete nicht direkt.
„Ich weiß nicht, wie lange die Reise dauert.“
Sie hielt ihn nicht zurück.
„Dann geh. Aber denk daran: Vor der Wahrheit kann man nicht weit genug fliehen, selbst wenn man sieben Flüsse überquert.“
Sein Vater verstand, dass der Sohn wieder einmal seinen Stolz für sich entscheiden ließ.
Er wollte ihn nicht mit Gewalt festhalten, beschloss aber, ihm eine Lektion zu erteilen.
Vor der Abreise kontrollierten Diener die Ladung seines Bootes.
Unter den Dingen fand sich plötzlich eine kleine goldene Figur aus der Schatzkammer des Palastes.
„Sie gehört nicht mir!“, rief der junge Mann.
„Aber sie liegt in deinem Boot“, sagte sein Vater. „Nach unseren Regeln musst du bleiben, bis wir geklärt haben, wie sie dorthin gekommen ist.“
Der junge Mann protestierte, musste aber zurückkehren.
Sein Vater ließ ihn nicht einsperren.
Stattdessen sagte er:
„Lebe eine Weile nicht als Sohn eines Herrschers, sondern als gewöhnlicher Arbeiter. Vielleicht verstehst du dann besser die Menschen, die du so gern nach ihrem Rang beurteilst.“
Der junge Mann wurde in eine entfernte Provinz geschickt, wo er den Elefantenpflegern half.
Die Arbeit war schwer.
Er trug Wasser, bereitete Futter vor, reinigte die Plätze der Tiere und begleitete sie weit in den Wald.
Die Wochen vergingen.
Seine Frau wartete.
Dann bat sie um Erlaubnis, ihren Mann zu suchen.
„Fahr“, sagte der Chao. „Ich gebe dir ein Boot und Menschen, denen ich vertraue.“
Unter ihren Begleitern waren zwei besonders aufmerksame Diener.
Den einen nannten sie scherzhaft Scharfes Auge, weil er jede kleinste Bewegung bemerkte.
Den anderen nannten sie Feines Ohr, weil er selbst durch starken Regen Gespräche hören konnte.
Viele Tage fuhren sie flussabwärts.
Manchmal standen die Ufer dicht wie ein grüner Korridor.
Dann öffnete sich die Landschaft wieder, und Reisfelder und ferne Berge wurden sichtbar.
Schließlich erreichten sie die Provinz, in der der junge Mann arbeitete.
Der örtliche Herrscher hörte, dass eine wohlhabende, angesehene Besucherin angekommen war.
Er wollte ihren Besitz an sich bringen und griff zu einer alten List.
In der Nacht schickte er einen Diener, der eine goldene Figur in ihrem Boot verstecken sollte.
Doch Feines Ohr hörte ein Flüstern am Ufer.
„Jemand nähert sich dem Boot“, sagte er leise.
Scharfes Auge blickte in die Dunkelheit.
„Ich sehe ihn. Er trägt etwas in Stoff gewickelt.“
Sie warteten, bis der Fremde gegangen war, fanden die goldene Figur und vergruben sie weit entfernt vom Boot im Sand.
Am Morgen erschien ein Bote des örtlichen Herrschers.
„Unserem Herrn fehlt ein goldenes Stück. Man sagt, es könnte sich in eurem Boot befinden.“
„Ich habe nichts Fremdes genommen“, antwortete die Frau.
„Und wenn wir es finden?“
„Dann gestehe ich meine Schuld ein und überlasse euch den Besitz, den ich mitgebracht habe. Wenn ihr aber nichts findet, wird euer Herr öffentlich zugeben, mich ohne Beweise beschuldigt zu haben, und mir helfen, meinen Mann zu finden.“
Der Bote stimmte zu.
Das Boot wurde vollständig durchsucht.
Körbe wurden umgedreht, Stoffe entfaltet, Bretter angehoben.
Die goldene Figur war nicht da.
Der örtliche Herrscher musste sein Versprechen halten.
Er entschuldigte sich und ließ allen Dorfältesten ausrichten, sie sollten melden, wenn sie einen jungen Fremden gesehen hätten, der mit Elefanten arbeitete.
Um schnell viele Menschen zusammenzubringen und Neuigkeiten zu hören, veranstaltete die Frau ein großes gemeinsames Essen.
Handwerker, Bauern, Bootsleute, Waldarbeiter und Tierpfleger kamen.
Das Fest hatte bereits begonnen, als auf der Straße ein Mann in staubiger Kleidung erschien.
Auf der Schulter trug er einen schweren Stoßzahn eines alten Elefanten, den man nach dem natürlichen Tod des Tieres im Wald gefunden hatte.
Die Frau erkannte ihn schon von weitem.
„Er ist es“, sagte sie leise.
Der junge Mann trat näher und blieb stehen.
„Du bist wegen mir gekommen?“
„Ja.“
„Nach dem, was ich dir aus dummem Stolz angetan habe?“
„Ja.“
„Warum?“
Sie antwortete nicht sofort.
„Weil ich mich nicht nur an deine schlechteste Entscheidung erinnert habe. Ich erinnerte mich auch an den Menschen, der du sein kannst. Aber du musst nicht aus Schuldgefühl oder Pflicht mit mir zurückkehren. Entscheide selbst.“
Der junge Mann senkte den Blick.
Während der Monate harter Arbeit hatte er viel gelernt.
Unter den Elefantenpflegern waren Menschen, die klüger waren als viele Höflinge.
Unter einfachen Arbeitern gab es Menschen, denen er sein Leben anvertraut hätte.
Kein Titel machte einen Menschen automatisch gut oder schlecht.
„Ich möchte mit dir zurückkehren“, sagte er. „Aber zuerst muss ich um Verzeihung bitten.“
„Dann bitte.“
„Ich habe mich nicht für dich geschämt. Ich hatte Angst davor, was andere sagen würden. Und weil ich diese Angst wichtiger nahm als dich, habe ich dir wehgetan. Verzeih mir.“
„Ich verzeihe dir“, sagte sie. „Aber vergiss die Lektion nicht.“
Gemeinsam kehrten sie nach Hause zurück.
Der alte Chao hörte seinem Sohn zu und gestand auch seinen eigenen Fehler ein.
„Ich habe Unrecht getan, als ich die goldene Figur in dein Boot legen ließ, selbst wenn ich dich damit aufhalten wollte. Täuschung wird nicht gut, nur weil wir ihr eine gute Absicht geben.“
Von da an galt in ihrem Haus eine neue Regel:
Weder Herkunft noch Reichtum noch Amt bestimmen den Wert eines Menschen.
Scharfes Auge und Feines Ohr wurden gern gesehene Gäste im Palast.
Wenn jemand prahlte, vor ihm könne man nichts verbergen, sahen die beiden einander nur an und lächelten.
Denn der eine konnte sehr gut sehen, was ringsum geschah.
Der andere konnte sehr gut hören.
Und die treue Ehefrau hatte allen etwas noch Schwierigeres beigebracht:
einen Menschen nicht nach seiner Kleidung zu betrachten und nicht auf Gerüchte über ihn zu hören, sondern auf sein eigenes Herz.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
