Cover: Die Unglückstage

Ukraine

Die Unglückstage

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ukraine
Alter
7–10 Jahre
Dauer
9 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Die Unglückstage

Am Rand eines Dorfes, dort, wo hinter den letzten Häusern die weite Steppe begann, lebten zwei Brüder.

Der ältere besaß gutes Land, volle Speicher und einen großen Hof. Dem jüngeren dagegen schien das Glück auszuweichen. So sehr er von früh bis spät arbeitete, immer geschah etwas: Mal fiel die Ernte schlecht aus, mal wurde das Dach undicht, mal musste der letzte Sack Korn für eine Schuld hergegeben werden.

Doch mehr als die Armut bedrückte ihn die Kälte seines Bruders.

Eines Tages kam der Jüngere zum Haus des Älteren, gerade als die Familie sich zum Mittagessen setzte.

Die Hausfrau wollte schon sagen: „Setz dich zu uns“, doch der ältere Bruder verzog das Gesicht.

„Mein Haus ist kein Gasthof. Geh lieber aufs Feld und verscheuche die Krähen vom Korn.“

Der Jüngere sagte nichts. Er nickte nur und ging hinaus vor das Dorf.

Am Feldrand setzte er sich hin, sah den schwarzen Krähen zu und dachte:

„Soll das mein ganzes Leben so weitergehen? Ich arbeite und gebe mir Mühe, und trotzdem scheint mir ein ganzer Zug schlechter Tage auf den Fersen zu sein.“

Da löste sich ein alter Rabe aus dem Schwarm, setzte sich in seine Nähe und sprach mit menschlicher Stimme:

„Vielleicht liegt es nicht nur an dir. Manchmal muss man einen alten Wagen nicht stärker ziehen, sondern einen anderen Weg wählen.“

Der Mann stand überrascht auf.

„Was soll ich also tun?“

„Versuch an einem anderen Ort neu anzufangen. Fürchte dich nicht vor dem Weg.“

Der Mann ging nach Hause und erzählte seiner Frau, was geschehen war. Sie packten ihre wenigen Sachen, riefen die Kinder und machten sich auf den Weg in ein Nachbardorf.

Lange wanderten sie durch die Steppe. Die Sonne stieg höher, sank wieder zum Horizont, und die Straße führte immer weiter.

Plötzlich spürte der Mann, als würde sich etwas an seinen alten Beutel hängen. Er drehte sich um und sah eine ganze Schar kleiner grauer Gestalten in langen Mänteln hinter sich hertrippeln.

„Wer seid ihr?“, fragte er erstaunt.

„Wir sind deine Unglückstage“, flüsterten sie alle zugleich. „Der Montag, an dem das Rad brach. Der Dienstag, an dem das Huhn verschwand. Der Mittwoch, an dem das Dach leckte. Und noch viele, viele andere. Wir gehören immer zu dir!“

„Nicht mehr“, sagte der Mann. „In mein neues Leben habe ich euch nicht eingeladen.“

Doch die Unglückstage klammerten sich nur noch fester an ihn.

Als die Familie einen Fluss erreichte, setzte sich der Mann hin, um Wasser zu trinken. Da kam ihm eine Idee.

„Wenn ihr schon meine Reisegefährten seid“, sagte er zu den grauen Gestalten, „dann helft mir wenigstens zu prüfen, ob mein Lederbeutel noch ganz ist. Klettert hinein und seht nach, ob er irgendwo ein Loch hat.“

Die Unglückstage waren sehr stolz darauf, wie viele sie waren, und zwängten sich alle zusammen hinein.

„Hier ist es eng!“

„Rutsch zur Seite!“

„Drängel nicht!“

Als der letzte im Beutel verschwunden war, band der Mann ihn rasch zu und versteckte ihn zwischen den Wurzeln einer alten Weide.

„Bleibt ein wenig hier“, sagte er. „Vielleicht könnt ihr euch einmal von mir erholen.“

Dann zog die Familie weiter.

Im Nachbardorf fanden sie ein verlassenes Häuschen. Es war alt, aber noch stabil. Der Mann reparierte das Dach, seine Frau wusch die Fenster, die Kinder räumten den Hof auf. Langsam begann sich ihr Leben zu ordnen.

Eines Abends ertönte vom Hügel her eine seltsame Stimme:

„Hilfe! Wer hilft mir?“

Der Mann nahm ein Seil und folgte dem Ruf. Am Hang stand ein sonderbarer alter Ziegenbock mit riesigen Hörnern. Er hatte sich zwischen den Steinen verfangen und kam nicht frei.

„Keine Angst“, sagte der Mann. „Wir versuchen es.“

Er legte das Seil so an, dass es dem Tier nicht wehtat, und führte es hinunter.

Kaum erreichten sie den Hof, verschwand der Ziegenbock plötzlich. Vom Dachboden aber regneten klingende Münzen herab. Es waren nicht unendlich viele und auch kein gewaltiger Schatz, doch genug, um Saatgut und ein Paar gute Ochsen zu kaufen, das Haus zu reparieren und ohne Schulden neu anzufangen.

„Zauberei!“, riefen die Kinder.

„Vielleicht“, lächelte der Vater. „Oder vielleicht eine Belohnung dafür, dass wir nicht an jemandem vorbeigegangen sind, der Hilfe brauchte.“

Die Familie wurde wegen des unerwarteten Glücks nicht faul. Im Gegenteil, sie arbeitete noch fleißiger. Von der ersten Ernte legten sie Korn fürs nächste Jahr zurück, verkauften einen Teil und gaben einen Teil an Nachbarn, die wenig hatten.

Einige Jahre vergingen. Der jüngere Bruder hatte nun einen gepflegten Hof, einen Garten und einen vollen Speicher. Trotzdem blieb seine Tür für Gäste offen.

Da dachte er an den älteren Bruder.

„Wir sollten ihn zu uns einladen“, sagte er zu seiner Frau. „Vielleicht ist es Zeit, alte Kränkungen loszulassen.“

Er schickte eine Einladung.

Unterwegs hörte der ältere Bruder, dass es dem Jüngeren nun gut ging. Statt sich darüber zu freuen, spürte er einen stechenden Neid.

„Wie hat der arme Kerl es geschafft, so weit zu kommen?“, murmelte er. „Bestimmt hat er einen Schatz gefunden.“

Beim Essen erzählte der jüngere Bruder die ganze Geschichte: vom Raben, von der Reise, von den Unglückstagen im Beutel und von dem seltsamen Ziegenbock, nach dessen Verschwinden die Münzen gekommen waren.

Der Ältere hörte sehr aufmerksam zu. Doch er hörte nicht die Geschichte vom Mut, neu anzufangen, nicht die von Arbeit und Hilfsbereitschaft. Er hörte nur eines: Irgendwo am Fluss lag ein Beutel vergraben.

„Und was steckt in diesem Beutel?“, fragte er.

Der Jüngere lächelte.

„Etwas, von dem ich mich einmal bewusst getrennt habe. Ich glaube nicht, dass du es haben möchtest.“

Aber der Neid ließ dem älteren Bruder keine Ruhe.

In der Nacht stand er heimlich auf, fand die alte Weide am Fluss und begann zu graben. Bald stieß die Schaufel auf den Lederbeutel.

„Da ist also das Geheimnis seines Reichtums!“, flüsterte er.

Er öffnete den Knoten.

Da sprangen die Unglückstage aus dem Sack, hustend, niesend und miteinander zankend.

„Endlich!“, schrien sie. „Wer hat uns befreit?“

„Ich“, antwortete der ältere Bruder unsicher.

„Dann kommen wir mit dir!“

Sie hängten sich an seinen Mantel, seine Stiefel und seinen Gürtel. Einer setzte sich auf seine Mütze, ein anderer baumelte an seinem Ärmel, der dritte kroch in seine Tasche.

Von diesem Tag an ging auf seinem Hof vieles schief. Einmal riss der Wind ein Stück vom Dach ab. Ein anderes Mal wurden die Getreidesäcke im Regen nass. Dann brach ein altes Wagenrad.

Und jedes Mal kicherten die grauen Gestalten:

„Wir haben es doch gesagt: Wir sind die Unglückstage!“

Zunächst war der ältere Bruder auf alle anderen wütend. Dann bemerkte er: Je mehr er sich ärgerte, geizte und neidisch war, desto lauter lachten die Gestalten.

Schließlich ging er zum jüngeren Bruder.

„Hilf mir“, bat er. „Ich dachte, in deinem Beutel wäre ein Schatz. Stattdessen habe ich nur Sorgen gefunden.“

Der Jüngere machte ihm keine Vorwürfe.

„Ich dachte früher auch, all mein Unglück käme nur von außen. Dann begriff ich: Manche Dinge können wir nicht ändern. Aber wir können entscheiden, wie wir danach handeln. Fang damit an, nicht mehr das Glück anderer zu zählen.“

Der ältere Bruder kehrte nach Hause zurück.

Am nächsten Tag reparierte er einem Nachbarn den Zaun, ohne dafür Geld zu verlangen. Dann gab er einer Witwe Saatgut, deren Speicher leer geworden war. Später entschuldigte er sich bei Menschen, die er verletzt hatte.

Und etwas Merkwürdiges geschah: Die Unglückstage wurden immer kleiner.

„Hier ist es inzwischen langweilig“, murrten sie.

Der erste verschwand, als der Mann lernte zu teilen. Der zweite, als er um Verzeihung bat. Der dritte, als er aufhörte zu klagen und sich an die Arbeit machte.

Der letzte saß noch lange auf dem Zaun, schlenkerte mit den Beinen und sagte schließlich:

„Ach, mit euch macht es überhaupt keinen Spaß mehr.“

Dann löste auch er sich im Morgennebel auf.

Von da an lebten die Brüder wieder als Nachbarn und halfen einander oft. Sie wurden nicht gleich reich, und ihre Tage waren nicht gleich leicht. Doch beide wussten nun: Glück kann kommen und gehen. Menschlichkeit, Fleiß und Großzügigkeit dagegen hängen davon ab, wie man selbst handelt.

Den alten Lederbeutel am Fluss suchte niemand mehr.

Denn der beste Schatz war am Ende gar nicht etwas, das man unter Wurzeln ausgraben konnte.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨