Cover: Die verlorene Halskette

Philippinen

Die verlorene Halskette

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Philippinen
Alter
5–9 Jahre
Dauer
7 Min.
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Die verlorene Halskette

Alles, was glänzte, zog die Krähe magisch an. Lag ein glatter Stein auf dem Weg, blieb sie stehen. Funkelte ein Tautropfen in der Sonne, neigte sie den Kopf erst nach rechts und dann nach links. Und wenn irgendwo ein Schmuckstück klimperte, war die Krähe schon zur Stelle. Eines Tages entdeckte sie auf dem Markt eine Halskette. Sie war wunderschön: Kleine, glatte Perlen schimmerten in der Sonne, und in der Mitte hing ein heller, runder Anhänger. „Was für ein Schmuckstück!“, flüsterte die Krähe. Sie gab dem Händler fast alle ihre Ersparnisse. Dafür verließ sie den Markt so glücklich, als hätte sie ein Stück Sonnenlicht gekauft. Sofort legte sie sich die Kette um den Hals. Sie flog über die Gemüsegärten und betrachtete unterwegs immer wieder ihr Spiegelbild in den Pfützen. „Schön“, sagte sie zu sich. „Wirklich sehr schön.“ Bald landete die Krähe in einem kleinen Garten. Dort lebte ihre alte Freundin, die Henne, mit ihren Küken. Die Henne scharrte gerade trockenes Laub unter einem Baum zur Seite. „Guten Tag!“, sagte sie. „Oh, was hast du für eine schöne Halskette!“ Die Krähe richtete sich noch ein wenig auf. „Sie ist neu.“ Sofort liefen die Küken herbei. „Sie glänzt!“ „Darf ich sie anfassen?“ „Darf ich sie anprobieren?“ Die Henne lachte. „Nicht alle auf einmal. Ihr verknotet sie noch.“ Dann wandte sie sich an die Krähe. „Hör mal, morgen feiern wir ein Familienfest. Würdest du mir die Kette für einen einzigen Abend leihen? Am nächsten Morgen gebe ich sie dir zurück.“ Die Krähe überlegte. Sie liebte ihre Halskette. Sie liebte sie sehr. Aber der Henne vertraute sie seit vielen Jahren. „Gut“, sagte die Krähe. „Pass nur sorgfältig darauf auf.“ „Versprochen.“ Die Henne legte die Kette an und schloss vor Begeisterung sogar die Augen. „Wie leicht sie ist!“ „Und sehr teuer“, erinnerte die Krähe sie. „Ich weiß.“ Am nächsten Morgen kam die Krähe, um ihren Schmuck abzuholen. Die Henne empfing sie am Zaun. Sie sah besorgt aus. „Es ist etwas Unangenehmes passiert“, sagte sie. Die Krähe wurde sofort unruhig. „Was denn?“ „Die Kette ist verschwunden.“ „Verschwunden?!“ „Gestern nach dem Fest habe ich sie in den Korb neben der Bank gelegt. Die Küken haben dort gespielt. Und heute Morgen war der Korb leer.“ Die Küken senkten schuldbewusst die Köpfe. „Wir wollten sie nur ansehen“, piepste eines. „Und dann an einen sichereren Ort bringen“, fügte ein anderes hinzu. „Wohin?“ Die Küken sahen sich an. „Das wissen wir nicht mehr.“ Die Krähe wurde zornig. „Ich habe diese Kette von meinen Ersparnissen gekauft! Du hast versprochen, auf sie aufzupassen!“ „Ich weiß“, sagte die Henne leise. „Und ich werde nicht so tun, als wäre nichts geschehen.“ „Dann gib sie mir zurück.“ „Wenn ich sie finde, gebe ich sie dir zurück. Und wenn nicht, ersetze ich dir den Verlust.“ „Wann?“ „Gib mir ein paar Tage.“ Die Krähe krächzte ärgerlich. „Ein paar Tage? Ich will meine Kette jetzt!“ Die Henne widersprach nicht. „Du darfst wütend sein. Aber die Wut zeigt uns nicht, wo der Schmuck liegt. Hilf uns, uns zu erinnern, wo wir ihn zuletzt gesehen haben.“ Die Krähe wollte schon ablehnen. Doch die Kette würde sich nicht von allein finden. „Gut. Fangen wir an.“ Die Henne rief die Küken zu sich. „Wer hat die Kette zuerst angefasst?“ „Ich“, gestand das älteste Küken. „Ich wollte den Anhänger ansehen.“ „Und dann?“ „Habe ich sie meiner Schwester gegeben.“ „Ich habe sie zur Bank gebracht“, sagte die Schwester. „Und ich dachte, auf der Bank ist es nicht sicher“, fügte ein drittes Küken hinzu. „Deshalb habe ich sie im trockenen Laub versteckt.“ „Wo genau?“ „An der Mauer ... glaube ich.“ Alle liefen zur alten Mauer. Die Henne scharrte mit den Füßen das Laub auseinander. Scharr, scharr. Auch die Küken machten sich an die Arbeit. Scharr, scharr, scharr. Die Krähe ging hinter ihnen her und schaute in jedes kleine Loch. Sie fanden einen Knopf. Sie fanden zwei Bohnen. Sie fanden eine kleine Muschel. Sie fanden ein altes blaues Band. Doch die Halskette war nicht dabei. „Vielleicht hat jemand sie fortgetragen?“, fragte die Krähe. „Vielleicht hat der Wind das Laub verschoben“, sagte die Henne. Sie gingen zu den Sträuchern und suchten weiter. Scharr, scharr. Die Küken scharrten so eifrig in der Erde, dass kleine Staubwolken aufstiegen. Der Vormittag verging. Dann der ganze Tag. Die Kette blieb verschwunden. Am Abend setzte sich die Krähe auf den Zaun. „Ich bin immer noch wütend“, sagte sie. „Ich weiß“, antwortete die Henne. „Aber ich sehe, dass ihr wirklich sucht.“ Die Henne nickte. „Wenn wir sie bis zum Ende der Woche nicht finden, gebe ich dir einen Teil meines Getreidevorrats. Außerdem helfe ich dir beim Futtersammeln, bis ich den Wert der Kette ersetzt habe.“ Die Krähe dachte nach. „Das ist fair.“ Am nächsten Morgen ging die Suche weiter. Die Henne scharrte unter dem Feigenbaum. Die Küken untersuchten den Platz am Tor. Die Krähe flog über das Dach und schaute in die Regenrinne. So vergingen mehrere Tage. Und wisst ihr was? Sie fanden die Halskette nicht. Jedenfalls damals nicht. Doch die Henne hielt ihr Wort. Jeden Morgen half sie der Krähe eine Zeit lang, Körner und Beeren zu sammeln. Auch die Küken brachten alles, was sie Glänzendes fanden, und fragten: „Ist sie das?“ „Nein, das ist ein Stück Glas.“ „Und das?“ „Ein Tropfen Harz.“ „Und das?“ „Ein gewöhnlicher Stein. Aber ein schöner.“ Allmählich wurde die Krähe weniger zornig. Eines Tages sagte sie: „Weißt du, mir fehlt gar nicht so sehr der Glanz. Mir fehlt, dass es meine erste richtige Halskette war.“ „Darum werden wir auch nicht aufhören zu suchen“, antwortete die Henne. Seitdem, erzählt die Geschichte, scharren Hühner und Küken oft mit den Füßen in der Erde, als hofften sie, den längst verlorenen Schmuck doch noch zu finden. Scharr, scharr. Scharr, scharr. Und die Krähen sitzen manchmal in der Nähe und schauen aufmerksam hinunter. Vielleicht blitzt zwischen den Steinchen ja doch noch der helle Anhänger auf. Ob es die Halskette wirklich gegeben hat? Das weiß nur die alte Geschichte. Doch woran sie uns erinnert, ist leicht zu verstehen: Eine geliehene Sache gehört weiterhin jemand anderem. Wer verspricht, darauf aufzupassen, muss sorgsam mit ihr umgehen. Wer etwas verliert, darf sich nicht vor der Verantwortung verstecken. Und selbst nach einem Fehler zählen ehrliches Suchen und die Bereitschaft, ihn wiedergutzumachen, viel mehr als der lauteste Streit.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨