Cover: Die vier kunstreichen Brüder

Deutschland

Die vier kunstreichen Brüder

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Deutschland
Alter
6–10 Jahre
Dauer
11 Min.
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Die vier kunstreichen Brüder

Ein armer Mann hatte vier Söhne. Ihr Haus war klein, der Garten noch kleiner, und das Geld reichte nur für das Nötigste.

Der Vater beklagte sich trotzdem nie.

„Nicht jeder kann seinen Kindern eine Truhe voller Gold hinterlassen“, sagte er. „Aber jeder kann ihnen beibringen, zu arbeiten, nachzudenken und zusammenzuhalten.“

Als die Söhne erwachsen wurden, rief er sie zu sich.

„Ein großes Erbe habe ich nicht. Zieht hinaus in die Welt und lernt ein Handwerk, das euch wirklich liegt. In vier Jahren treffen wir uns wieder hier.“

Die Brüder packten kleine Taschen und gingen gemeinsam los.

Bald teilte sich die Straße in vier Wege.

„Hier müssen wir uns trennen“, sagte der Älteste. „Aber genau in vier Jahren kommen wir an diesen Ort zurück.“

Sie legten die Hände übereinander und versprachen es.

Der älteste Bruder ging nach Westen.

Unterwegs traf er einen sonderbaren Meister, der Dinge aus den schwierigsten Stellen holen konnte: einen Schlüssel aus einem schmalen Spalt, eine Münze aus einem tiefen Gefäß oder ein Tier aus einer Falle, ohne den Mechanismus auszulösen.

„Möchtest du Geschicklichkeit lernen?“, fragte der Meister.

„Wenn ich sie benutzen kann, um Menschen zu helfen.“

„Genau diese Art von Geschick bringe ich dir bei. Wahre Fingerfertigkeit braucht man nicht, um fremde Dinge zu stehlen, sondern um dort etwas zu erreichen, wo andere nicht hinkommen.“

Der zweite Bruder zog nach Norden und traf einen Sterndeuter.

Dieser beobachtete nachts den Himmel durch ein langes glänzendes Fernrohr und fand seinen Weg anhand der Sterne.

„Ich bringe dir bei, weit zu sehen“, sagte der Sterndeuter. „Nicht nur mit den Augen. Du musst auch lernen, Dinge zu bemerken, an denen andere vorbeigehen.“

Vier Jahre später konnte der junge Mann den Himmel lesen, Wege finden und mit seinem Zauberfernrohr sehr weit entfernte Orte sehen.

Der dritte Bruder zog nach Osten und wurde Schüler eines hervorragenden Bogenschützen.

Sein Lehrer erlaubte keine unbedachten Schüsse.

„Treffsicherheit bedeutet nicht, Schaden anzurichten“, sagte er. „Sie bedeutet, genau das Notwendige zu treffen und nichts anderes zu gefährden.“

Der jüngste Bruder zog nach Süden und traf einen Schneider.

„Ein Schneider?“, fragte der Junge. „Soll ich vier Jahre lang nur Ärmel flicken?“

Der Meister lachte.

„Du hast meine Nadel noch nicht gesehen.“

Sie war tatsächlich ungewöhnlich. Mit ihr konnte man Seide, grobes Segeltuch, Leder und sogar gesprungenes Holz so fest zusammennähen, dass man die Naht kaum fand.

„Ein guter Meister schämt sich nicht für kleine Arbeit“, sagte der Schneider. „Manchmal rettet ein winziger Stich eine große Sache.“

Vier Jahre vergingen.

Am vereinbarten Tag kamen alle vier Brüder zur Kreuzung zurück. Sie liefen einander entgegen, lachten, umarmten sich und erzählten durcheinander, was sie gelernt hatten.

Gemeinsam gingen sie nach Hause.

Der Vater freute sich, wollte aber sehen, ob die Jahre wirklich gut genutzt worden waren.

Er führte sie in den Garten.

„Zeigt mir eure Fähigkeiten, ohne dass jemand oder etwas dabei Schaden nimmt.“

Der zweite Bruder nahm sein Fernrohr.

„Oben in der alten Apfelbaumkrone ist ein Vogelnest. Darin liegen fünf Eier, und der Vogel sitzt ruhig daneben.“

„Gut. Das Nest lassen wir in Ruhe.“

Der Vater ließ seinen Ring in einen Krug mit sehr engem Hals fallen.

Der älteste Bruder nahm eine dünne Schnur und einen kleinen Haken und holte den Ring in wenigen Augenblicken heraus.

Dann hängte der Vater fünf Holzscheiben an einen Zaun.

Der dritte Bruder spannte den Bogen.

Surr!

Ein Pfeil durchtrennte genau die Schnur. Alle fünf Scheiben fielen ins Gras, der Zaun blieb unbeschädigt.

Für den Jüngsten brachte der Vater ein altes zerrissenes Segel.

Der Bruder nahm seine Zaubernadel. Nach wenigen Minuten war das Loch so sauber geschlossen, dass selbst der Vater die Naht kaum fand.

„Nun sehe ich, dass jeder von euch etwas Besonderes gelernt hat. Noch interessanter wird es, wenn ihr eure Fähigkeiten eines Tages gemeinsam einsetzen könnt.“

Lange mussten sie nicht warten.

Bald geriet die Königstochter in Gefahr. Auf einer Seereise erschien ein großer Drache, flog über das Schiff und brachte die Prinzessin auf eine einsame Felseninsel.

Der König schickte Schiffe zur Suche, doch niemand wusste, wo sie war.

Die vier Brüder kamen zum Palast.

„Wir wollen versuchen, sie zu finden und zurückzubringen.“

Der König stellte ihnen ein starkes Schiff und eine Mannschaft zur Verfügung.

Kaum waren sie auf offener See, hob der zweite Bruder sein Fernrohr.

Lange suchte er den Horizont ab.

„Da! Weit im Süden liegt ein schwarzer Felsen. Die Prinzessin sitzt darauf. Neben ihr schläft der Drache.“

Der Kapitän nahm Kurs nach Süden.

Am Abend erreichten sie den Felsen.

Der Drache schlief so tief, dass das Wasser bei jedem Schnarchen vibrierte.

„Ich könnte ihn treffen“, flüsterte der dritte Bruder, „aber die Prinzessin ist zu nah. Das Risiko ist zu groß.“

„Dann bin ich dran“, sagte der Älteste.

In einem kleinen Boot ruderte er lautlos zum Felsen, kletterte hinauf und gab der Prinzessin ein Zeichen.

Gemeinsam schlichen sie zurück zum Wasser.

Als das Boot fast beim Schiff war, erwachte der Drache.

Er sah den leeren Felsen, brüllte und flog hinter ihnen her.

„Jetzt bin ich dran“, sagte der dritte Bruder.

Am Mast hing ein großes Ersatznetz. Er band eine dünne Schnur an einen Pfeil und zielte nicht auf den Drachen, sondern auf den Ring, der das Netz hielt.

Surr!

Der Pfeil durchschnitt die Schnur.

Das Netz entfaltete sich vor dem Drachen. Er verhedderte sich darin und fiel ins Wasser.

Der Drache war stark und befreite sich bald, aber er gab die Verfolgung auf und flog zu seinem Felsen zurück.

Doch noch war nicht alles vorbei.

Eine große Welle traf das kleine Boot. Es stieß gegen einen Felsen und bekam einen Riss.

Wasser drang ein.

„Die Nadel!“, rief der jüngste Bruder.

Er sprang ins Boot und nähte mit der magischen Nadel den Riss zusammen, als wäre Holz Stoff.

Nach wenigen Minuten war das Boot wieder dicht.

Alle erreichten sicher das Schiff und kehrten nach Hause zurück.

Im Palast fragte der König:

„Wer von euch hat meine Tochter gerettet und verdient die größte Belohnung?“

Der zweite Bruder sagte:

„Ohne mich hätten wir den Felsen nicht gefunden.“

Der Älteste sagte:

„Ohne mich wäre die Prinzessin nicht vom Felsen gekommen.“

Der dritte sagte:

„Ohne meinen Schuss hätte der Drache uns eingeholt.“

Der Jüngste lächelte.

„Und ohne die reparierte Stelle im Boot hätte all das wenig genutzt.“

Die Brüder sahen einander an und verstummten.

Die Prinzessin lachte.

„Dann ist die Antwort einfach. Nicht einer von euch hat mich gerettet. Ihr habt es gemeinsam getan.“

Der König nickte.

„Vier verschiedene Fähigkeiten wurden zu einer großen Stärke.“

In alten Geschichten versprachen Könige einem Helden gern die Hand einer Prinzessin. Doch diese Prinzessin entschied selbst, wen sie lieben und später heiraten wollte. Die Brüder hatten sie gerettet, nicht gewonnen.

Der König schenkte jedem genug Land und Geld, um eine eigene Werkstatt zu eröffnen und andere auszubilden.

Der zweite Bruder wurde Sterndeuter und Wegweiser.

Der Älteste half Menschen und Gegenstände aus schwer erreichbaren Orten zu bergen.

Der dritte lehrte Treffsicherheit und sagte immer, der beste Schuss sei einer, bei dem niemand verletzt werde.

Der jüngste wurde ein berühmter Meister für Kleidung, Segel und ungewöhnliche Reparaturen.

Vor allem holten die Brüder ihren Vater zu sich.

Am Abend saßen sie oft zusammen.

Wenn einer von ihnen zu stolz auf seine eigene Kunst wurde, lächelte der Vater nur.

„Ein Meister kann ein Wunder schaffen. Vier Meister, die einander vertrauen, können etwas schaffen, das keiner allein könnte.“

Und diesmal widersprach ihm niemand.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨