Cover: Die weiße Katze von Écija

Spanien

Die weiße Katze von Écija

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Spanien
Alter
6–10 Jahre
Dauer
10 Min.
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Die weiße Katze von Écija

Nicht weit von der Stadt Écija, dort, wo Olivenbäume silbern in der Sonne glänzen, stand ein alter Palast.

Früher führte eine breite Straße dorthin, über die Reiter und Wagen fuhren.

Doch mit der Zeit wuchs Gras über den Weg, Efeu bedeckte die Tore, und die Menschen begannen, den Ort zu meiden.

Denn im Palast lebte die Weiße Katze.

Zumindest erzählte man das in der Stadt.

Man sah sie nur selten, meist im Morgengrauen.

Dann saß sie auf einer steinernen Mauer, weiß wie ein kleines Stück Wolke, und blickte mit großen hellen Augen zur Straße.

Rund um den Palast lag ein ungewöhnlicher Garten.

Zwischen Orangenbäumen befanden sich kleine Teiche, und am Wasser standen Statuen junger Männer und Frauen.

Sie waren so kunstvoll gearbeitet, dass es wirkte, als würde gleich jemand blinzeln oder seufzen.

Am Abend gingen in den Fenstern des Palastes Lampen an, obwohl niemand sah, wer sie entzündete.

Und manchmal erklang aus dem Inneren leise Musik.

Nicht fröhlich.

Nicht traurig.

Eher so, als würde jemand schon sehr lange warten.

Eines Tages kam ein junger Reisender namens Mateo nach Écija.

Er war kein berühmter Ritter und trug keine prächtige Rüstung.

Er hatte ein gutes Pferd, einen einfachen Mantel und einen alten Schild, den er von seinem Großvater geerbt hatte.

In der Herberge hörte er die Geschichte von der Weißen Katze.

„Zu diesem Palast solltest du besser nicht gehen“, sagte der Wirt. „Mehrere Mutige wollten sein Geheimnis schon lösen. Keiner von ihnen kam auf demselben Weg zurück.“

„Was ist mit ihnen geschehen?“, fragte Mateo.

„Das weiß niemand.“

Eine alte Frau am Fenster fügte leise hinzu:

„Ich weiß nur eines. Die Katze greift niemanden an. Sie sitzt am Tor und sieht einen an, als würde sie um Hilfe bitten.“

Diese Worte gingen Mateo nicht mehr aus dem Kopf.

Am nächsten Morgen ritt er zum Palast.

Als sein Pferd den überwucherten Weg betrat, verstummte plötzlich der Wind.

Sogar die Vögel wurden still.

Am Tor saß die Weiße Katze.

Sie lief nicht davon, als Mateo näherkam.

„Wartest du wirklich auf jemanden?“, fragte er leise.

Die Katze stand langsam auf und ging zum Tor.

Dann blickte sie zurück.

„Gut“, sagte Mateo. „Ich habe verstanden.“

Das Tor öffnete sich von selbst.

Dahinter lagen der Garten mit seinen Teichen und die schweigenden Statuen.

Die Weiße Katze ging voraus, Mateo führte sein Pferd am Zügel.

Plötzlich bebte der Boden.

Aus einem dunklen Bogen vor dem Palast trat ein riesiger Drache.

Er sah nicht aus wie die wütenden Ungeheuer aus alten Liedern.

Seine Schuppen glänzten kupferfarben, und in seinen Augen lagen Zorn und Müdigkeit zugleich.

Der Drache versperrte den Weg und stieß eine hohe Flamme aus.

Mateos Pferd scheute zurück.

Mateo hätte sein Schwert ziehen können.

Aber er tat es nicht.

Er bemerkte, dass der Drache nicht näher kam.

Er hinderte ihn nur daran, weiterzugehen.

„Bewachst du den Palast?“, fragte Mateo.

Der Drache knurrte.

Die Weiße Katze trat vor.

Sofort wich der Drache einen halben Schritt zurück.

„Also willst du ihr nichts tun“, sagte Mateo. „Du bewachst etwas. Oder jemanden.“

Da brach aus den Fenstern des Palastes ein starker Wind hervor.

Er wirbelte Blätter und Staub auf.

Die steinernen Figuren rund um die Teiche begannen in mattem Blau zu leuchten.

Vor Mateo erschienen drei Tore.

Über dem ersten stand:

„KRAFT“.

Über dem zweiten:

„RUHM“.

Über dem dritten:

„WAHRHEIT“.

Eine Stimme, die von überall zugleich zu kommen schien, sagte:

„Wähle deinen Weg.“

Mateo musste nicht lange überlegen.

„Wahrheit.“

Das dritte Tor öffnete sich.

Der Drache verschwand, als wäre er aus Rauch gewesen.

Die Weiße Katze ging weiter.

Hinter dem Tor lag ein langer Korridor voller Spiegel.

Im ersten sah Mateo sich selbst in goldener Rüstung.

„Du kannst der berühmteste Held Spaniens werden“, flüsterte der Spiegel.

Im zweiten saß er auf einem Thron.

„Du kannst Reichtum und Macht besitzen.“

Im dritten standen Menschen um ihn herum und applaudierten.

„Jeder wird deinen Namen kennen.“

Mateo lächelte.

„Deshalb bin ich nicht gekommen.“

Die Spiegel wurden dunkel.

Am Ende des Korridors stand eine Tür ohne Klinke.

Die Weiße Katze berührte sie mit der Pfote.

Nichts geschah.

Mateo berührte sie ebenfalls.

Nichts.

Dann bemerkte er unten eine kleine Inschrift:

„Es öffnet der, der bittet, nicht der, der befiehlt.“

„Bitte öffne dich“, sagte Mateo.

Die Tür schwang leise auf.

Im großen Saal gab es weder Gold noch Schätze.

In der Mitte stand nur eine runde Steinplatte.

Darauf lag eine lange weiße Feder.

Die Katze sprang auf die Platte.

Mateo nahm die Feder und fragte:

„Was soll ich damit tun?“

Zum ersten Mal sprach die Weiße Katze.

Ihre Stimme war ruhig und klar.

„Zerbrich sie nicht. Wirf sie nicht fort. Gib mir einfach zurück, was mir einst genommen wurde.“

Mateo hielt ihr die Feder hin.

Kaum berührte die Katze sie mit der Nase, füllte sanftes Licht den Saal.

Die Katze begann sich zu verwandeln.

Vor Mateo stand nun eine junge Frau in weißem Gewand.

„Ich heiße Mizpa“, sagte sie. „Dieser Palast gehörte einst meiner Familie.“

Sie trat ans Fenster.

„Wir lebten hier friedlich, bis die Erwachsenen begannen, sich zu streiten. Die einen hielten ihre Sitten für besser als die der anderen. Die anderen antworteten genauso. Die Menschen hörten einander nicht mehr zu und sahen plötzlich Feinde dort, wo früher Nachbarn und Freunde gewesen waren.“

Mateo schwieg und hörte zu.

„Meine Stiefmutter kannte alte Zauberei“, fuhr Mizpa fort. „Sie glaubte, der beste Weg, den Streit zu beenden, wäre, alle im Palast einzuschließen, bis sie lernen würden, wieder miteinander auszukommen. Doch der Zauber geriet außer Kontrolle. Ich wurde zur Weißen Katze. Meine Freunde verwandelten sich in Stein. Unsere Wächter verloren ihre Stimmen. Und der Drache wurde zum Hüter des Fluchs.“

„Und die Reisenden, die vor mir kamen?“, fragte Mateo.

„Sie wollten den Palast mit Gewalt besiegen“, sagte Mizpa. „Und wurden selbst zu Statuen. Schau in den Garten.“

Mateo blickte hinaus.

Zwei steinerne Gestalten am Teich begannen sich zu bewegen.

Ein junger Mann rieb sich die Schultern.

„Nie wieder werde ich mit einem Steintor streiten!“, sagte er.

Ein anderer sah sich um.

„Und ich werde nie wieder behaupten, dass ein Schwert auf jede Frage die richtige Antwort ist.“

Mizpa lachte.

Im selben Augenblick erwachten auch die anderen Statuen.

Die Menschen sahen einander überrascht an, berührten ihre Hände, lachten und weinten vor Freude.

Unten im Garten rumpelte es.

Der Drache erschien wieder.

Doch nun war er viel kleiner.

Er ging zu Mizpa und legte den Kopf vor ihre Füße.

„Auch du warst verzaubert, nicht wahr?“, fragte sie.

Der Drache nickte.

Mizpa berührte seine Stirn mit der weißen Feder.

An seiner Stelle stand plötzlich ein alter Gärtner.

„Ich habe dieses Haus so viele Jahre bewacht, dass ich schon vergessen hatte, wie Orangenblüten ohne Rauch riechen“, sagte er.

Alle gingen hinaus in den Garten.

Lampen zwischen den Bäumen leuchteten golden.

Auf den Teichen zitterten die Spiegelbilder.

Und die Musik, die so viele Jahre traurig geklungen hatte, wurde leicht und fröhlich.

Mizpa trat zu Mateo.

„Du hast den Zauber gebrochen. Was möchtest du als Belohnung?“

„Nichts“, antwortete er. „Außer vielleicht zu wissen, dass dieser Palast kein Ort der Angst mehr sein wird.“

„Dann bleib wenigstens zum Fest.“

Am Abend wurden die Menschen aus Écija in den Palast eingeladen.

Zuerst fürchteten sie sich, durch das Tor zu gehen.

Doch als sie die früheren Statuen lebendig und lächelnd sahen, fassten sie Mut.

Jemand brachte Brot.

Jemand Trauben und Früchte.

Jemand spielte Gitarre.

Und die alte Frau aus der Herberge, die Mateo als Erste gesagt hatte, dass die Katze um Hilfe zu bitten schien, setzte sich am Brunnen nieder und sagte zufrieden:

„Ich habe es doch gesagt. Sie wartete nicht auf einen Sieger. Sie wartete auf jemanden, der zuhört.“

Von da an nannte niemand den Palast mehr den verzauberten Palast.

Man nannte ihn das Haus der Weißen Katze.

Mizpa legte die weiße Feder neben den Haupteingang, damit jeder Gast sich erinnerte:

Kraft kann ein Tor öffnen.

Doch ein wirklicher Zauber verschwindet erst dann, wenn Menschen aufhören, voreinander Angst zu haben, und anfangen, einander zuzuhören.

Mateo reiste noch lange durch die Welt.

Aber wenn sein Weg ihn wieder nach Écija führte, saß auf der Steinmauer immer eine weiße Katze.

Eine ganz gewöhnliche Katze.

Vielleicht.

Sie sah ihn mit hellen Augen an, schnurrte und ging zum Tor.

Und Mateo ging jedes Mal hinein, um alte Freunde zu besuchen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨