

Italien
Die Wolke
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Italien
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 13 Min.

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Die Wolke
An der Küste Italiens lebte ein Fischer mit seiner Frau und einer großen Familie. Jeden Tag fuhr er aufs Meer hinaus, doch in einer schlechten Saison kamen seine Netze fast leer zurück.
Eines Morgens warf er das Netz noch einmal aus und zog einen riesigen silbernen Fisch heraus.
Plötzlich sprach der Fisch:
„Lass mich frei, und das Meer wird heute großzügig zu dir sein.“
Der Fischer staunte, wollte aber nicht mit einem Wunder streiten. Vorsichtig löste er den Fisch aus dem Netz und setzte ihn zurück ins Wasser.
Im selben Augenblick begann das Meer rund um das Boot zu glitzern. Der Fischer warf sein Netz erneut aus und fing so viele Fische, wie er sicher nach Hause bringen konnte.
Bevor der Zauberfisch in der Tiefe verschwand, ließ er drei große silberne Schuppen im Boot zurück.
„Häng sie über eure Feuerstelle“, erklang seine Stimme aus dem Wasser. „Sie sollen deiner Familie Glück bringen. Wenn eines deiner Kinder in Gefahr gerät, wird seine Schuppe dunkel.“
Mit der Zeit bekam der Fischer drei Söhne.
Sie wuchsen freundlich, neugierig und einander erstaunlich ähnlich auf.
Als sie größer wurden, bekam jeder ein Pferd und einen Hund. Alle drei halfen ihren Eltern und einander.
Eines Tages sagte der älteste Sohn:
„Ich möchte die Welt sehen. Nicht für immer. Ich möchte nur wissen, was hinter unseren Hügeln liegt.“
Die Eltern gaben ihm ihren Segen.
Er nahm sein Pferd, seinen Hund und etwas Proviant und zog los.
Im Wald hörte er laute Stimmen.
Auf einer Lichtung stritten ein Löwe, ein Adler und eine kleine Ameise. Jeder wollte den besten Teil einer gefundenen Mahlzeit.
„Du bist ein Mensch“, sagte der Löwe. „Urteile zwischen uns.“
Der junge Mann überlegte und teilte alles so, dass jeder bekam, was wirklich zu ihm passte.
Der Löwe erhielt den größten Teil.
Der Adler bekam etwas, das er leicht in die Luft tragen konnte.
Die Ameise erhielt kleine nahrhafte Krümel, genug für ihre ganze Familie.
„Gerecht“, sagte der Löwe.
„Und vernünftig“, ergänzte der Adler.
Die Ameise stellte sich auf die Hinterbeine.
„Dafür schenken wir dir drei Kräfte.“
Der Löwe sagte:
„Wenn du Mut und Stärke brauchst, sprich: Mein Herz werde zum Herzen eines Löwen. Dann kannst du für kurze Zeit selbst ein Löwe werden.“
Der Adler sagte:
„Wenn du weit sehen oder hoch fliegen musst, sprich: Meine Flügel werden zu Adlerflügeln.“
Die Ameise sagte:
„Wenn du Geduld und einen winzigen unbemerkten Schritt brauchst, sprich: Mein Schritt werde zum Schritt einer Ameise.“
Der junge Mann bedankte sich und zog weiter.
Am Meer fand er einen großen Fisch, den eine Welle auf den Sand geworfen hatte. Er schlug mit dem Schwanz und konnte nicht zurück ins Wasser.
Der junge Mann stellte seine Tasche ab, schob den Fisch Stück für Stück zu den Wellen und wartete, bis die nächste Flut ihn erfasste.
„Wenn du mich eines Tages brauchst, ruf am Meer nach mir“, sagte der Fisch. „Ich werde dich hören.“
Bald erreichte der junge Mann eine Stadt.
An allen Häusern hingen dunkle Bänder.
„Warum ist hier alles so traurig?“, fragte er.
Die Bewohner erzählten:
„Jedes Jahr kommt von den Bergen eine große Zauberwolke. Sie nimmt ein Mädchen mit in ihren fernen Palast. Die Mädchen, die sie früher fortgebracht hat, können nicht zurückkehren. Diesmal hat sie die Königstochter ausgewählt.“
Der junge Mann konnte nicht einfach weitergehen.
Er stieg auf den Berg und versteckte sich zwischen Büschen.
Bald wurde der Himmel dunkel.
Wind wirbelte Staub auf.
Eine dichte silbergraue Wolke sank auf den Gipfel.
Sie hüllte die Prinzessin in kalten Nebel.
Das Mädchen wurde sofort schläfrig, als würde die Wolke ihm die Kraft entziehen.
Dann erhob sich der Nebel und trug sie davon.
„Meine Flügel werden zu Adlerflügeln!“, rief der junge Mann.
Er verwandelte sich in einen Adler.
Über Berge und Täler folgte er der Wolke, bis er einen seltsamen Palast auf einem einsamen Felsen entdeckte.
Die Wolke glitt hinein.
Der Adler setzte sich in einen Baum und blickte durch ein Fenster.
In einem großen Zimmer lagen die Mädchen, die früher entführt worden waren.
Sie lebten, waren aber zu schwach, um zu fliehen.
Als die Wolke fortging, flüsterte der junge Mann:
„Mein Schritt werde zum Schritt einer Ameise.“
Er wurde winzig, kroch unter der Tür hindurch und nahm im Zimmer wieder seine menschliche Gestalt an.
„Fürchtet euch nicht“, sagte er. „Ich bin gekommen, um euch zu helfen.“
Die Prinzessin nahm einen Ring vom Finger.
„Wenn du meine Eltern erreichen kannst, gib meiner Mutter diesen Ring. Dann weiß sie, dass ich lebe.“
Der junge Mann wurde wieder zum Adler, flog zur Stadt, brachte der Königin den Ring und kehrte mit einem Korb voller Essen und Wasser zurück.
„Wir müssen herausfinden, worauf die Macht der Wolke beruht“, sagte er zu den Gefangenen.
Als die Wolke zurückkehrte, sprachen die Mädchen besonders freundlich mit ihr.
„Du bist so mächtig. Gibt es denn überhaupt etwas auf der Welt, das deinen Zauber auflösen könnte?“
Die Wolke lachte.
„Fast nichts. Auf einem fernen Berg lebt eine siebenköpfige Zaubertigerin. Um jeden ihrer sieben Hälse liegt ein silberner Knoten. Solange alle sieben Knoten geschlossen sind, bleibt ein Ei verborgen, in dem meine Macht eingeschlossen ist. Niemand wird alle sieben lösen.“
Am nächsten Morgen machte sich der junge Mann auf den Weg zu diesem Berg.
Dort saß tatsächlich eine riesige Tigerin mit sieben Köpfen.
Sie griff ihn nicht an, bewachte aber die sieben silbernen Knoten und ließ ihn nicht näher kommen.
„Mein Herz werde zum Herzen eines Löwen!“
Der junge Mann verwandelte sich in einen Löwen.
Am ersten Tag kam er nur an einen Kopf heran und löste einen Knoten.
Die Tigerin brüllte.
Die Erde bebte.
Der Löwe musste sich zurückziehen.
Am zweiten Tag löste er den zweiten Knoten.
So ging es sieben Tage lang.
Er schlug die Tigerin nicht und versuchte nicht, sie zu vernichten.
Er wartete.
Er lenkte sie ab.
Er suchte sichere Augenblicke.
Und nach und nach löste er jedes verzauberte Band.
Als der letzte Knoten fiel, hörte die siebenköpfige Tigerin plötzlich auf zu knurren.
Ihre sieben Schatten wurden zu einer einzigen gewöhnlichen großen Tigerin.
Sie gähnte, als erwache sie aus einem sehr langen Schlaf, und wanderte in die Berge davon.
Unter einem Stein rollte ein glattes silbernes Ei hervor.
Der junge Mann griff danach.
Doch das Ei rollte den Hang hinunter, sprang von einem Stein in einen Bach und wurde von der Strömung zum Meer getragen.
„Ausgerechnet jetzt!“
Der junge Mann rannte ans Ufer.
„Fisch, dem ich geholfen habe! Ich brauche dich!“
Das Wasser bewegte sich.
Der bekannte große Fisch tauchte auf.
„Suchst du das?“
Auf seinem Rücken lag das silberne Ei.
„Genau das!“
Der junge Mann bedankte sich und brachte das Ei zum Palast der Wolke.
Als die Zauberin es sah, füllte dichter Nebel das ganze Gebäude.
„Gib mir das Ei!“
„Lass zuerst alle Mädchen frei und gib ihnen ihre Kraft zurück.“
„Nein!“
„Dann bleibt das Ei bei mir.“
Die Wolke wirbelte, donnerte und versuchte, ihn einzuschüchtern.
Doch der junge Mann blieb ruhig.
Schließlich gab sie nach.
Ein Mädchen nach dem anderen konnte wieder aufstehen.
Farbe kehrte in ihre Gesichter zurück.
Ihre Augen wurden klar.
Vor dem Palast erschienen Wagen, die sie nach Hause bringen sollten.
Als die letzte Gefangene das Tor verlassen hatte, legte der junge Mann das silberne Ei auf einen Stein und klopfte vorsichtig gegen die Schale.
Knack!
Dunkler Nebel quoll heraus und wurde vom Wind fortgetragen.
Die große Zauberwolke verlor ihre Macht.
Sie wurde zu einer gewöhnlichen leichten Wolke, stieg über den Felsen und zog zum Horizont.
Die Königstochter kehrte heim.
In der Stadt wurde mehrere Tage gefeiert.
Später beschlossen sie und der junge Mann, zu heiraten. Zuvor nahmen sie sich jedoch viel Zeit, einander von ihren Wünschen zu erzählen und darüber zu sprechen, wie ihr gemeinsames Leben aussehen sollte.
Es schien, als sei das Abenteuer vorbei.
Eines Morgens bemerkte der junge Mann jedoch weit außerhalb der Stadt einen merkwürdigen Nebel.
„Ich sehe nur nach, was dort ist“, sagte er zu seiner Frau.
Hinter dem Nebel stand ein anderer Palast.
Am Eingang warteten zwei elegant gekleidete Zauberinnen.
„Komm herein, Reisender“, sagten sie. „Spiel eine Partie Schach mit uns.“
Der junge Mann wusste nicht, dass sie die Schwestern der ehemaligen Wolke waren.
Er stimmte zu.
Sobald er die Partie verlor, berührten die Zauberinnen das Schachbrett.
Der junge Mann, sein Pferd und sein Hund wurden zu Marmorstatuen.
Weit entfernt zu Hause verdunkelte sich eine der drei silbernen Schuppen über der Feuerstelle.
„Unser Bruder ist in Gefahr“, sagte der mittlere Sohn des Fischers und machte sich auf den Weg.
Er erreichte dieselbe Stadt.
Die Prinzessin hielt ihn zunächst für ihren Mann, so ähnlich sahen die Brüder einander.
Doch sie merkte rasch den Irrtum.
„Er ritt in den Nebel und kam nicht zurück.“
Der mittlere Bruder folgte dem gleichen Weg.
Auch er spielte Schach.
Auch er verlor.
Und auch er wurde zu Marmor.
Die zweite silberne Schuppe wurde dunkel.
Nun brach der jüngste Bruder auf.
Vor dem Nebel begegnete er einem alten Mann.
„Spiele nicht mit ihren Figuren“, warnte der Alte. „Hier sind zwei einfache hölzerne Bauern. Sag, dass du nur mit deinen eigenen spielen wirst. Und vereinbare vorher: Der Gewinner darf einen Wunsch äußern, aber niemand darf dem anderen Schaden zufügen.“
Der jüngste Bruder bedankte sich.
Im Palast warteten die Zauberinnen.
„Schach?“
„Gern“, sagte er. „Aber mit diesen beiden Bauern.“
Die Partie dauerte lange.
Schließlich setzte der junge Mann sie matt.
„Mein Wunsch ist einfach“, sagte er. „Gebt allen Menschen und Tieren ihr Leben zurück, die ihr in Statuen verwandelt habt.“
Die Zauberinnen runzelten die Stirn.
Doch eine Vereinbarung war eine Vereinbarung.
Sie berührten das Brett mit ihren Zauberstäben.
Der Marmor bekam Risse.
Zuerst wurden Pferde und Hunde wieder lebendig.
Dann fremde Reisende.
Schließlich die beiden Brüder.
Menschen, die jahrelang als Statuen im Palast gestanden hatten, umringten die Zauberinnen.
Die beiden erschraken.
„Wir haben verloren. Was nun?“
„Ihr verzaubert niemanden mehr“, sagte der jüngste Bruder. „Und aus diesem Nebel soll wieder gewöhnlicher Nebel werden.“
Die Zauberinnen gaben ihre Stäbe ab.
Das düstere Leuchten des Palastes erlosch.
Alle Befreiten konnten nach Hause gehen.
Die drei Brüder kehrten gemeinsam zur Prinzessin zurück.
Als sie drei fast identische junge Männer vor sich sah, musste sie erst einmal lachen.
„Das wird jetzt schwierig.“
Der älteste Bruder lächelte und zeigte den Ring, den sie ihm einst im Palast der Wolke gegeben hatte.
„Hilft das?“
„Sehr.“
Bald kamen auch die Eltern der Brüder in die Stadt.
Die drei silbernen Schuppen über ihrer Feuerstelle waren wieder hell geworden.
Von da an sagte die Familie oft:
Große Kraft ist nicht immer das Wichtigste.
Manchmal retten Adlerflügel.
Manchmal ein Löwenherz.
Und manchmal entscheidet ein winziger Ameisenschritt oder zwei ganz gewöhnliche hölzerne Bauern über alles.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
