

Deutschland
Die wunderbare Rübe
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

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Die wunderbare Rübe
Zwei Brüder hatten einst gemeinsam im königlichen Heer gedient. Beide trugen dieselben roten Jacken und konnten gleich gut im Takt der Trommel marschieren.
Doch später entwickelte sich ihr Leben sehr unterschiedlich.
Der ältere Bruder sparte Geld, kaufte ein schönes Haus, Pferde und Felder. Seine Scheunen waren voller Korn.
Der jüngere blieb arm. Faul war er nicht. Das Glück schien nur selten seine Adresse zu kennen.
Eines Tages legte er seine Soldatenjacke in eine Truhe und sagte:
„Wenn meine Hände ein Schwert halten können, schaffen sie bestimmt auch eine Schaufel.“
Er wurde Gärtner.
Am Anfang war es schwer. Die Erde war klumpig, der Regen kam entweder gar nicht oder drei Tage hintereinander, und die Spatzen hielten frisch ausgesäte Beete offenbar für ein persönliches Frühstücksbuffet.
Doch der Gärtner gab nicht auf.
Er grub, goss, jätete und sprach mit seinen Pflanzen.
„Nur Mut, Karotten.“
„Sehr gut heute, Kohl.“
„Und ihr Rüben könntet wenigstens so tun, als würdet ihr wachsen.“
Die Rüben wuchsen tatsächlich.
Eine davon besonders.
Zuerst war sie nur etwas größer als die anderen.
Dann doppelt so groß.
Bald bedeckten ihre Blätter ein halbes Beet.
„Was für eine Rübe“, sagte der Gärtner.
Eine Woche später sagte er:
„Was für eine Riesenrübe.“
Noch später kam ein Nachbar, betrachtete sie lange und meinte:
„Ich weiß nicht mehr, wie man dieses Ding nennen soll. ‘Rübe’ klingt inzwischen zu klein.“
Schließlich beschlossen sie, sie auszugraben.
Der Gärtner zog allein.
Nichts.
Der Nachbar half.
Nichts.
Sie holten zwei weitere Männer, lockerten die Erde mit Stangen und schafften es endlich.
Die Rübe war so groß, dass sie fast einen ganzen Wagen füllte.
Zwei Ochsen zogen sie langsam über die Straße.
„Was willst du damit machen?“, fragten die Leute.
Der Gärtner kratzte sich am Kopf.
Verkaufen? Wer kaufte eine Rübe, für die man einen eigenen Wagen brauchte?
Kochen? Damit konnte man eine halbe Stadt satt machen und die andere Hälfte für immer von Rüben abschrecken.
Schließlich sagte er:
„Ich bringe sie dem König. Wenigstens im Palast sollen sie einmal staunen.“
Die Wachen am Tor trauten ihren Augen nicht.
„Was bringst du da?“
„Eine Rübe.“
„Und wo ist sie?“
„Direkt vor euch.“
„Wir dachten, das wäre ein gelbes Fass.“
Auch der König staunte.
Er ging einmal rechts herum, dann links und schließlich noch einmal rechts.
„Ich habe große Pferde, riesige Kürbisse und einmal einen außergewöhnlich großen Kater gesehen. Aber so eine Rübe noch nie. Wie hast du sie gezogen?“
„Aus der Erde, Majestät.“
Der König lachte.
„Das hatte ich vermutet. Aber wie wurde sie so groß?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe einfach gearbeitet wie immer.“
Der König fragte nach seinem Leben und erfuhr, dass der Mann früher Soldat gewesen war und nun sehr bescheiden als Gärtner lebte.
„Du hast mir das ungewöhnlichste Geschenk seit Jahren gebracht“, sagte der König. „Und du hast es ohne Hintergedanken gebracht. Deshalb möchte auch ich dir etwas schenken.“
Er gab dem Gärtner ein gutes Stück Land, einige Kühe und Geld für neue Werkzeuge.
Der jüngere Bruder dankte ihm und ging nach Hause.
Bald hörte der ältere Bruder davon.
„Was? Für eine Rübe hat der König ihm Land, Vieh und Geld gegeben?“
„Es war keine ganz gewöhnliche Rübe“, bemerkte ein Diener.
„Das spielt keine Rolle!“
Der ältere Bruder dachte:
Wenn man für eine Rübe so viel bekommt, was gibt der König dann erst für ein wirklich kostbares Geschenk?
Er wählte zwei prächtige Pferde, legte Goldmünzen in eine Truhe, fügte kostbaren Stoff hinzu und brachte alles zum König.
„Ein Geschenk für Euch, Majestät.“
Der König bedankte sich.
Der Bruder wartete.
Der König wartete ebenfalls.
Schließlich räusperte sich der Mann.
„Vielleicht möchtet Ihr mir auch etwas zur Erinnerung schenken?“
„Natürlich“, sagte der König. „Großzügigkeit soll man mit Großzügigkeit beantworten. Und ich besitze gerade etwas besonders Seltenes und Wertvolles.“
Der ältere Bruder richtete sich auf.
Die Tore öffneten sich.
Ein Wagen rollte herein.
Darauf lag die riesige Rübe.
„Hier!“, sagte der König feierlich.
Der Mann öffnete den Mund.
Schloss ihn.
Öffnete ihn wieder.
„Da... danke, Majestät.“
Auf dem Heimweg saß er neben der Rübe und wurde immer ärgerlicher.
„Ich habe Gold, Pferde und Stoff gegeben und bekomme Gemüse!“
Am meisten störte ihn jedoch, dass sein jüngerer Bruder nichts geplant hatte und trotzdem Glück gehabt hatte.
Neid ist eine merkwürdige Sache.
Zuerst flüstert er: „Das ist unfair.“
Dann: „Du bist besser.“
Und wenn man zu lange zuhört, erzählt er irgendwann richtigen Unsinn.
Der ältere Bruder hörte leider weiter zu.
Er bezahlte zwei zwielichtige Männer.
„Erschreckt meinen Bruder ordentlich. Er soll eine Weile in einem Sack sitzen und über sein Glück nachdenken.“
Dann sagte er zum jüngeren:
„Bruder, ich habe im Wald ein altes Versteck entdeckt. Vielleicht liegt dort ein Schatz. Komm mit.“
Der Gärtner ahnte nichts.
Im Wald sprangen die beiden Männer aus dem Gebüsch, steckten ihn in einen großen Sack und hängten diesen mit einem Seil so an einen Ast, dass er nur wenig über dem Boden schwebte.
„Denk ein bisschen nach!“
Da hörten sie Hufschläge.
Aus Angst, entdeckt zu werden, rannten sie davon.
Der Gärtner blieb im Sack.
Er drehte sich, zog am Knoten und suchte einen Ausweg.
Dann kam ein junger Student auf einem Pferd vorbei und sang laut ein Lied, bei dem die Melodie deutlich besser war als der Text.
Dem Gärtner kam eine Idee.
„Guten Tag!“, rief er aus dem Sack.
Der Student zog erschrocken die Zügel.
„Wer spricht da?“
„Ich, hier oben.“
Der Student sah hinauf.
„Warum sitzt Ihr in einem Sack am Baum?“
Der Gärtner machte eine sehr ernste Stimme.
„Das ist kein gewöhnlicher Sack. Das ist der Sack der Weisheit.“
„Der was?“
„Wer darin sitzt, bekommt schärfere Gedanken. Bleibt man länger, versteht man sogar Dinge, die vorher unmöglich schienen.“
Die Augen des Studenten leuchteten.
„Was habt Ihr schon gelernt?“
„Zum Beispiel, dass Neid einen Menschen lächerlicher machen kann als eine Riesenrübe auf einem kleinen Wagen.“
„Erstaunlich! Darf ich auch hinein?“
„Ich weiß nicht...“
„Bitte!“
„Nun gut. Aber zuerst müsst Ihr mich herunterlassen.“
Der Student löste das Seil und befreite den Gärtner.
„Jetzt ich!“
Der Student kletterte in den Sack.
Der Gärtner band ihn zu, zog ihn aber nur so weit hoch, dass seine Füße beinahe den Boden berührten.
„Und?“, fragte er.
„Noch nichts.“
„Weisheit mag keine Eile.“
„Wie lange muss ich bleiben?“
„Genau so lange, bis du dir merkst, dass man nicht jedes erstaunliche Versprechen sofort glauben sollte.“
Der Student schwieg.
„Ich glaube, die erste Weisheit ist angekommen“, sagte er.
Der Gärtner lachte und ließ ihn sofort wieder frei.
„Verzeih den Scherz. Ich wurde selbst gerade von anderen hier eingesperrt und musste irgendwie herauskommen.“
Der Student runzelte erst die Stirn und lachte dann ebenfalls.
„Gut. Aber die zweite Weisheit habe ich auch gelernt: Wenn ein Sack aus einem Baum spricht, sollte man ein paar zusätzliche Fragen stellen.“
Gemeinsam gingen sie ins nächste Dorf und erzählten, was geschehen war.
Bald fand man heraus, wer die Männer bezahlt hatte.
Der jüngere Bruder ging zu seinem älteren.
„Du wolltest mein Glück so sehr, dass du beinahe deinen Bruder verloren hättest.“
Der Ältere sah zu Boden.
„Ich dachte nur daran, dass du plötzlich mehr bekommen hattest.“
„Und erinnerst du dich, wie viele Jahre du mehr hattest als ich? Ich war nie wütend wegen deines Hauses oder deiner Pferde. Ich wollte nur meinen Garten bestellen.“
Nun schämte sich der ältere Bruder wirklich.
Er entschuldigte sich und half später sogar dabei, auf dem neuen Land einen Brunnen zu bauen.
Die riesige Rübe schnitten sie schließlich gemeinsam auf. Ein Teil wurde Suppe, ein Teil Futter, und aus dem Rest machten die Dorfbewohner ein Festessen.
Seitdem lachten die Brüder manchmal über die berühmte Rübe.
Doch der ältere Bruder sagte dann:
„Sie war nicht nur groß. Sie war groß genug, damit sogar mein Neid darin Platz hatte.“
Und der jüngere antwortete:
„Zum Glück haben wir ihn herausgeschnitten.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
