

Ukraine
Die Ziege Dereza
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Ukraine
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Die Ziege Dereza
Ein alter Mann lebte mit seiner Frau und zwei Söhnen zusammen. Eines Tages fuhr er zum Markt und sah dort eine Ziege: weiß, munter, mit glänzenden Augen und spitzen kleinen Hörnern.
„Eine schöne Ziege“, dachte er. „Dann werden wir Milch haben.“
Er kaufte sie und führte sie nach Hause.
Am nächsten Morgen rief er seinen älteren Sohn.
„Bring die Ziege Dereza auf die Weide. Sie soll genug Gras fressen und Wasser trinken.“
Der Junge führte sie auf eine grüne Wiese. Dort fraß sie Klee, zupfte junge Blätter ab und trank aus einem klaren Bach. Gegen Abend brachte der Sohn sie heim.
Der alte Mann wartete am Tor auf die Ziege.
„Meine liebe kleine Ziege, hast du getrunken, hast du gefressen?“
Die Ziege verzog das Maul und antwortete:
„Nein, lieber Vater, ich habe weder getrunken noch gefressen! Nur als ich über die Brücke lief, schnappte ich mir ein Ahornblatt. Als ich über den Damm lief, schluckte ich ein Tröpfchen Wasser. Das war alles!“
Der alte Mann runzelte die Stirn.
„Wie kann das sein? Ich habe doch gesagt, dass man dir genug zu fressen geben soll.“
Er rief den älteren Sohn.
„Warum ist die Ziege hungrig?“
„Sie hat den ganzen Tag geweidet!“, sagte der Junge erstaunt. „Und Wasser hat sie auch getrunken.“
Doch der alte Mann glaubte der Ziege.
„Morgen bringst du sie nicht auf die Weide.“
Am nächsten Tag schickte er den jüngeren Sohn. Der suchte eine noch bessere Wiese aus, führte die Ziege zum Wasser und passte bis zum Abend auf sie auf.
Aber am Tor sang Dereza wieder dasselbe Lied.
„Ich habe weder getrunken noch gefressen! Nur ein Blatt habe ich geschnappt und ein Tröpfchen Wasser geschluckt!“
„Hast du auch nicht auf mich gehört?“, fragte der alte Mann bekümmert.
„Doch!“, empörte sich der jüngere Sohn. „Sie ist sogar zweimal zum Bach gegangen!“
Nun war der alte Mann noch verwirrter.
Am dritten Tag brachte seine Frau die Ziege auf die Weide. Sie suchte ihr das saftigste Gras, gab ihr Wasser und sprach sogar freundlich mit ihr.
„Friss nur, Dereza, damit du gesund bleibst.“
Doch am Abend behauptete die Ziege wieder:
„Ich habe nichts gefressen und nichts getrunken!“
Die alte Frau breitete die Arme aus.
„Das ist doch sonderbar!“
Da dachte der Mann: „Vielleicht ist es die Ziege, die uns alle gegeneinander aufbringt?“
Am vierten Tag ging er selbst mit ihr auf die Weide. Die Ziege fraß so eifrig, dass sich nur noch ihre Ohren bewegten. Sie trank am Teich und zupfte danach noch lange Gras.
Der alte Mann kehrte auf einem kurzen Weg heim und stand früher am Tor als die Ziege.
Als sie ankam, fragte er wieder:
„Meine liebe kleine Ziege, hast du getrunken, hast du gefressen?“
Dereza wusste nicht, dass er alles gesehen hatte, und begann:
„Nein, lieber Vater! Nur ein Blatt und ein Tröpfchen Wasser!“
Jetzt verstand der alte Mann alles.
„Aha, Dereza! Du hast dir das also ausgedacht. Deinetwegen hätten wir uns beinahe alle zerstritten!“
Sogleich rief er seine Frau und seine Söhne.
„Verzeiht mir, dass ich nicht früher nach der Wahrheit gefragt habe. Ich hätte euch zuerst anhören müssen, statt ärgerlich zu werden.“
Zur Ziege sagte er:
„Auf unserem Hof kann man nicht mit Lügen leben.“
Die Ziege sah, dass ihre Tricks entdeckt worden waren, schlüpfte durchs Tor und rannte in den Wald.
Sie lief und lief, bis sie ein hübsches Häuschen fand. Es gehörte der Füchsin.
Die Füchsin war nicht zu Hause. Dereza ging hinein, kletterte auf den Ofen und machte es sich bequem, als wäre sie die Herrin des Hauses.
Als die Füchsin zurückkam, hörte sie jemanden in ihrer Hütte poltern.
„Wer ist in meinem Häuschen?“
Die Ziege antwortete mit drohender Stimme:
„Ich bin die Ziege Dereza! Stampfe mit den Hufen laut, drehe meine Hörner schnell. Komm ich erst vom Ofen runter, fliehst du besser von der Stell!“
Die Füchsin erschrak und lief hinaus.
Unter einer Eiche setzte sie sich hin und weinte.
Da kam der Wolf vorbei.
„Warum bist du traurig, liebe Füchsin?“
„In meinem Haus sitzt ein schreckliches Tier. Ich bekomme es nicht hinaus.“
„Das erledige ich!“, sagte der Wolf mutig.
Er ging zur Tür.
„Wer ist da drin?“
„Ich bin die Ziege Dereza! Stampfe mit den Hufen laut, drehe meine Hörner schnell!“
„Oje, die muss wirklich furchtbar sein“, dachte der Wolf und wich zurück.
Dann kam der Bär. Er war groß und stark. Doch als er das Stampfen und die drohende Stimme vom Ofen hörte, entschied auch er:
„Lieber nichts riskieren.“
Sogar ein Löwe, der gerade durch den Wald wanderte, schaute in die Hütte. Die Ziege donnerte so laut mit den Hufen, dass er sich wunderte.
„Ich sehe kein Tier, aber es macht Lärm für den ganzen Wald. Soll es lieber sitzen bleiben.“
Die Füchsin wurde ganz verzagt.
Da kam ein Hahn in roten Stiefeln den Weg entlang.
„Warum weinst du, liebe Füchsin?“
Sie erzählte ihm alles.
„Der Wolf konnte nichts tun, der Bär auch nicht. Nicht einmal der Löwe wollte hineingehen.“
„Ich versuche es“, sagte der Hahn.
„Aber du bist doch klein!“
„Klein sein bedeutet nicht, feige zu sein.“
Der Hahn trat vor das Haus, richtete sich auf und sang laut:
„Kikeriki! In roten Stiefeln stehe ich hier. Wer fremde Häuser einfach besetzt, muss mit dem Eigentümer rechnen. Komm raus, Ziege, hör auf zu drohen, jetzt wird die Wahrheit ausgesprochen!“
Dereza lugte vom Ofen herunter. Sie sah den Hahn, der überhaupt keine Angst vor ihr hatte, und wusste nicht mehr, was sie sagen sollte.
„Ich habe doch nur einen Scherz gemacht.“
„Ein Scherz macht allen Freude“, antwortete der Hahn. „Wenn jemand deswegen weint, ist es kein Scherz mehr.“
Leise stieg die Ziege vom Ofen, verließ das Haus und ging den Waldweg entlang davon.
Die Füchsin kehrte nach Hause zurück.
„Danke, lieber Hahn! Warum hast du keine Angst gehabt?“
„Ich habe zuerst nachgedacht und mich erst danach gefürchtet“, lachte er. „Dabei habe ich verstanden: Wer wirklich stark ist, versteckt sich nicht in einem fremden Haus und brüllt von drinnen mit einer schrecklichen Stimme.“
Dereza suchte danach lange einen Platz für sich. Man sagt, mit der Zeit habe sie begriffen, dass man mit Lügen jemanden ein- oder zweimal erschrecken kann. Vertrauen gewinnt man dadurch aber nicht.
Der alte Mann auf seinem Hof behielt eine andere Lehre im Gedächtnis: Bevor man auf seine Lieben ärgerlich wird, sollte man prüfen, ob man wirklich die Wahrheit gehört hat.
Hier endet das Märchen. Und wer gut zugehört hat, weiß: Eine laute Stimme gibt niemandem recht.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
