Cover: Die zwei Brüder

Georgien

Die zwei Brüder

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Georgien
Alter
7–10 Jahre
Dauer
7 Min.
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Die zwei Brüder

Zwei Brüder lebten einst zusammen. Im Gesicht ähnelten sie einander, im Charakter jedoch überhaupt nicht.

Der ältere zählte gern alles, was er besaß: Münzen, Äpfel, Brote, sogar die Holzscheite neben dem Haus. Der jüngere teilte leicht und sagte oft:

„Zu zweit ist der Weg kürzer und das Abendessen schmeckt besser.“

Eines Morgens beschlossen sie, ihr Glück in der Welt zu suchen. Jeder nahm zehn Brote mit, dann gingen sie in die Berge.

Als sie Hunger bekamen, sagte der Ältere:

„Lass uns zuerst deine Brote essen. Meine heben wir für später auf.“

Der Jüngere stimmte zu. Mehrere Tage teilten sie seinen Vorrat gerecht. Als jedoch das letzte Brot aufgegessen war, band der Ältere seinen Sack zu.

„Von jetzt an sorgt jeder für sich.“

„Aber wir wollten doch teilen“, sagte der Jüngere erstaunt.

„Das habe ich nie gesagt“, erwiderte der ältere Bruder und ging einen anderen Weg.

Der Jüngere blieb ohne Essen zurück, aber nicht ohne Hoffnung. Gegen Abend entdeckte er in einem dichten Wald eine alte Mühle.

Der Müller war gerade dabei, die Tür zu schließen.

„Onkel, darf ich hier übernachten?“

„Ich selbst bleibe nachts nicht hier“, sagte der Müller. „Man sagt, nach Sonnenuntergang kommen Waldtiere zur Mühle.“

Der Junge war jedoch so müde, dass er wenigstens um ein Dach bat.

Der Müller erlaubte ihm, sich auf dem Dachboden zu verstecken, und ging nach Hause.

Um Mitternacht öffnete sich die Tür. Ein großer Bär kam herein. Hinter ihm folgten ein Wolf und ein Schakal. Sie setzten sich im Kreis hin, als wären sie alte Freunde.

„Jeder erzählt ein Geheimnis“, schlug der Bär vor.

Der jüngere Bruder hielt den Atem an und lauschte.

Der Bär sagte:

„Auf einem Hügel lebt eine Maus. Neben ihrem Bau liegt ein alter Schatz. Sie kann den schweren Deckel seit Langem nicht bewegen. Wer ihr hilft, den wird sie großzügig belohnen.“

Der Wolf sagte:

„Ich kenne eine Stadt, in der die Menschen Wasser von weit her tragen. Sie wissen nicht, dass mitten auf dem Platz unter einem großen Stein eine saubere Quelle entspringt.“

Der Schakal fügte hinzu:

„In einem fernen Königreich ist die Königstochter seit Jahren krank. Ein warmes Bad mit jungen Buchenblättern wird ihr helfen.“

Bei Sonnenaufgang gingen die Tiere fort.

Der Junge suchte zuerst den Mäusebau. Tatsächlich mühte sich eine Maus vergeblich mit einem flachen Stein ab.

„Soll ich helfen?“, fragte er.

Gemeinsam schoben sie den Stein weg. Darunter stand ein kleiner Krug mit alten Münzen.

„Das ist der Schatz meiner Vorfahren“, sagte die Maus. „Nimm einen Teil als Dank.“

Der Junge nahm nur so viel, wie er bequem tragen konnte.

Danach erreichte er die wasserarme Stadt. Er bat die Leute, den Stein auf dem Marktplatz wegzurollen. Zuerst glaubte ihm niemand, doch als Wasser aus der Erde sprudelte, war die Freude groß.

„Verlange eine Belohnung!“, sagte der Bürgermeister.

„Pflanzt Bäume um die Quelle und stellt Becher für Reisende hin“, antwortete der Junge. „Mir gebt nur Essen für den Weg.“

Schließlich kam er in das Königreich, in dem die Prinzessin krank war. Die Ärzte hatten alles versucht, was sie kannten.

Der Junge erzählte von den Buchenblättern. Junge, duftende Blätter wurden gesammelt, ein warmes Bad vorbereitet, und wenige Tage später ging es der Prinzessin deutlich besser.

Der König war begeistert.

„Du hast dem Menschen geholfen, der mir am wichtigsten ist. Bleib an meinem Hof.“

Der junge Mann sagte zu, bat jedoch nicht um Gold, sondern um die Möglichkeit zu lernen. Er wurde Ratgeber des Königs. Später heiratete er die Prinzessin, als beide das aus eigenem Wunsch wollten.

Die Nachricht von seinem Glück erreichte den älteren Bruder.

„Dann hat er irgendeinen Trick gefunden“, dachte dieser. „Ich mache dasselbe und bekomme noch mehr.“

Er suchte seinen Bruder auf und ließ sich die ganze Geschichte erzählen.

„Geh nachts nicht zu der Mühle“, warnte der Jüngere. „Ich habe die Tiere zufällig belauscht. Beim zweiten Mal werden sie vorsichtiger sein.“

Doch der Ältere hörte nicht darauf.

Er versteckte sich auf demselben Dachboden und wartete.

In der Nacht kamen Bär, Wolf und Schakal.

„Seltsame Dinge sind passiert“, brummte der Bär. „Jemand wusste von dem Schatz der Maus.“

„Und die Quelle wurde entdeckt“, sagte der Wolf.

„Die Prinzessin ist auch wieder gesund“, fügte der Schakal hinzu.

Die Tiere hoben die Köpfe.

„Jemand hat uns belauscht.“

Der ältere Bruder erschrak so sehr, dass er niesen musste.

„Hatschi!“

Die Tiere fanden ihn sofort.

Doch statt ihm etwas anzutun, fragte der Bär streng:

„Warum bist du hier?“

„Ich will einen Schatz, eine Belohnung und einen Platz am Königshof“, antwortete der Ältere ehrlich.

Der Wolf schüttelte den Kopf.

„Dein Bruder hat der Maus geholfen.“

„Er half einer ganzen Stadt“, sagte der Schakal.

„Und einem kranken Mädchen“, beendete der Bär den Gedanken. „Er rannte nicht einer Belohnung hinterher. Sie fand ihn von selbst.“

Die Tiere führten den älteren Bruder aus der Mühle.

„Komm wieder, wenn du gelernt hast, zuerst zu geben und erst danach zu bitten.“

Lange ging der Mann durch den Wald. Zum ersten Mal in seinem Leben zählte er weder seine Schritte noch die Brote in seiner Tasche.

Unterwegs traf er eine alte Frau mit einem schweren Korb. Er trug ihn bis zum Dorf.

Dann half er einem Hirten, ein verlorenes Lamm zu suchen.

Und sein letztes Brot teilte er mit einem jungen Reisenden.

Merkwürdigerweise wurde sein Herz umso leichter, je mehr er gab.

Einige Monate später kehrte er zu seinem Bruder zurück.

„Ich bin nicht wegen neuer Geheimnisse gekommen“, sagte er. „Ich möchte dich wegen der Brote auf unserer Reise um Verzeihung bitten.“

Der Jüngere lächelte.

„Dann setz dich. Wir essen gerade.“

Er brach ein Brot in zwei Hälften.

Der ältere Bruder sah seine Hälfte an und dachte zum ersten Mal nicht darüber nach, ob sie vielleicht kleiner war als die des anderen.

So wurden sie wieder echte Brüder.

Von der alten Mühle erzählte man noch lange, dass sich dort einmal im Jahr Bär, Wolf und Schakal treffen und Geheimnisse austauschen. Doch hören kann sie nur, wer nicht nach leichtem Reichtum sucht, sondern bereit ist, Gutes zu tun, selbst wenn niemand eine Belohnung versprochen hat.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨