

Rumänien
Die zwei Stiefschwestern
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Rumänien
- Alter
- 7–10 Jahre
- Dauer
- 10 Min.

Märchen anhören
Die zwei Stiefschwestern
In einem kleinen Dorf lebte ein Witwer mit seiner Tochter.
Das Mädchen war still, aufmerksam und nicht arbeitsscheu. Schon früh lernte sie, Wasser zu tragen, Teig zu kneten, Wolle zu spinnen und Nachbarn zu helfen.
Nach einiger Zeit heiratete der Vater wieder.
Seine neue Frau brachte ebenfalls eine Tochter mit.
So lebten nun zwei Stiefschwestern unter einem Dach.
Zuerst sagte die Stiefmutter, das Haus werde nun fröhlicher.
Doch bald zeigte sich, dass sie die Mädchen sehr unterschiedlich behandelte.
Ihre eigene Tochter schützte sie vor jeder unangenehmen Arbeit.
Der Stieftochter gab sie alles Schwere.
„Hol Holz.“
„Bring das Korn zur Mühle.“
„Feg den Hof.“
„Spinn bis zum Abend einen ganzen Korb voll Fäden.“
Das Mädchen erledigte die Aufgaben ruhig.
Nicht weil sie es richtig fand, ungerecht behandelt zu werden.
Sie wollte nur nicht jeden Tag in Streit verwandeln.
Die Stiefschwester dagegen rühmte sich gern mit Arbeit, die andere getan hatten.
Eines Abends gingen beide mit anderen jungen Frauen spinnen.
Die fleißige Schwester erledigte fast alles.
Die andere schaffte kaum ein Knäuel.
Als sie heimkamen, lief die faule Schwester zuerst ins Haus.
„Mutter, sieh nur, wie viel ich gesponnen habe!“
„Mein kluges Mädchen!“, freute sich die Frau.
Die Stieftochter versuchte zu erklären, wie es wirklich gewesen war.
Niemand glaubte ihr.
So ging es lange weiter.
Schließlich überzeugte die Stiefmutter ihren Mann, seine Tochter sei an allen Schwierigkeiten im Haus schuld.
„Schick sie irgendwohin in Dienst. Sie soll ihren eigenen Weg suchen.“
Der Vater zögerte lange.
Er liebte seine Tochter.
Doch er war schwach und ließ sich zu leicht von anderen beeinflussen.
Eines Tages rief er sie zu sich.
„In unserem Haus gibt es keinen Frieden. Ich will nicht, dass du unter ständigem Streit leidest. Vielleicht wäre es wirklich besser, wenn du eine Zeit lang anderswo lebst und Arbeit suchst.“
Die Worte taten weh.
Doch das Mädchen stritt nicht.
Sie umarmte ihren Vater, nahm ein kleines Bündel und ging die Straße entlang.
Die Sonne stand schon hoch, als sie einen dünnen Hund am Weg sah.
Sein Fell war zerzaust, seine Pfoten staubig.
„Hilf mir bitte“, sagte der Hund. „Allein bekomme ich mich nicht sauber.“
Das Mädchen kniete sich zu ihm.
„Natürlich. Komm zum Bach.“
Sie wusch seine Pfoten, kämmte sein Fell, gab ihm etwas Brot und kraulte ihn hinter den Ohren.
„Danke“, sagte der Hund. „Güte geht unterwegs nicht verloren.“
Das Mädchen lächelte und ging weiter.
Bald sah sie einen Birnbaum.
Er blühte, doch viele Zweige waren trocken, und Raupen saßen auf den Blättern.
„Reisende“, raschelte der Baum, „hilfst du mir? Ich kann die trockenen Äste nicht selbst loswerden.“
Das Mädchen legte ihr Bündel ab, säuberte den Stamm, entfernte trockene Zweige und schüttelte die Raupen ab.
„Wachs gesund“, sagte sie.
„Und du sollst glücklich wachsen“, flüsterte der Baum.
Weiter am Weg stand ein alter Brunnen.
Der Rand war mit Gras überwachsen.
Blätter waren ins Wasser gefallen.
„Kannst du mich reinigen? Meine Quelle ist noch gut, aber niemand kommt mehr richtig an das Wasser.“
Das Mädchen räumte Steine zur Seite, holte die Blätter heraus und säuberte die Rinne.
Bald glänzte wieder klares Wasser.
Noch weiter stand ein alter Ofen bei einem verlassenen Haus.
An mehreren Stellen war der Lehm abgebröckelt.
Die Tür hing schief.
„Wenn du etwas Zeit hast, repariere mich.“
Das Mädchen war müde.
Trotzdem holte sie Lehm, verschloss die Risse, richtete Steine und fegte die Asche weg.
„Jetzt kannst du wieder Brot backen.“
Am Abend erreichte sie eine grüne Lichtung.
Dort stand ein kleines Haus, ganz von Weinreben umgeben.
Eine ältere Frau mit hellem Kopftuch kam auf die Veranda.
„Wen suchst du, Kind?“
„Arbeit und einen Schlafplatz. Ich kann kochen, sauber machen, Tiere versorgen und Wasser holen.“
„Dann bleib einen Tag. Ich heiße Frau Sonntag. Hilf mir im Haus, und morgen gehst du nicht mit leeren Händen.“
Am Morgen sagte Frau Sonntag:
„Ich muss kurz fort. Füttere meine kleinen Bewohner und koche das Mittagessen.“
„Wo sind sie?“
„Ruf sie. Dann kommen sie selbst.“
Das Mädchen trat in den Hof.
„Kleine Bewohner, es gibt Frühstück!“
Aus Gras, Wald und Büschen kamen die seltsamsten Wesen:
zottelige Tiere,
bunte Vögel,
kleine Drachen,
Waldkatzen,
verschlafene Bärenjunge
und sogar ein runder Igel mit goldenen Spitzen.
Einige knurrten.
Andere schnauften.
Manche wollten direkt in die Schüssel klettern.
Das Mädchen staunte.
Dann lachte sie.
„Einer nach dem anderen. Es ist genug für alle da.“
Sie gab ihnen Wasser und Futter.
Sie wischte schmutzige Pfoten ab.
Einem kleinen Drachen putzte sie sogar Ruß von der Nase.
Dann kochte sie das Mittagessen und deckte es zu, damit es warm blieb.
Als Frau Sonntag zurückkam, sah sie satte, ruhige Tiere, einen sauberen Hof und einen gedeckten Tisch.
„Gut gearbeitet. Geh auf den Dachboden. Dort stehen Truhen. Such dir eine als Lohn aus.“
Oben standen große geschnitzte Truhen.
Glänzende Kästen mit Kupfergriffen.
Und in einer Ecke eine kleine alte Truhe, vom Alter abgenutzt.
„Die reicht mir“, dachte das Mädchen. „Eine große könnte ich sowieso nicht tragen.“
Frau Sonntag lächelte nur.
„Öffne sie erst zu Hause neben deinem Vater.“
Auf dem Rückweg warteten merkwürdige Begegnungen.
Der Ofen duftete warm.
„Für deine Hilfe darfst du dich bedienen.“
Darin lagen frische Pasteten.
Das Mädchen nahm einige und bedankte sich.
Dann stieg das Wasser im Brunnen so hoch, dass sie nicht einmal den Eimer heraufziehen musste.
„Trink auf deine Gesundheit.“
Der Birnbaum senkte seine Äste voller goldener Früchte.
„Nimm etwas für unterwegs.“
Und der Hund lief freudig zu ihr.
An seinem Halsband hing ein kleiner Beutel mit Münzen.
„Das ist für dich. Du hast mir geholfen, als du nichts von mir erwarten konntest.“
Schließlich erreichte das Mädchen sein Zuhause.
Der Vater freute sich so sehr, dass er lange nichts sagen konnte.
Sie stellte Pasteten, Birnen und den Münzbeutel auf den Tisch.
„Und was ist das für eine alte Kiste?“, fragte er.
„Mein Lohn für einen Arbeitstag.“
Gemeinsam öffneten sie den Deckel.
Da geschah ein Wunder.
Die Truhe war nicht voller Schmuck.
Stattdessen kamen nützliche Dinge hervor:
Säcke mit Getreide,
warme Decken,
Werkzeuge,
Samen,
Geschirr,
Wolle.
Dann erschienen im Hof einige Schafe, eine Kuh und ein starkes Pferd.
Kein Luxus um des Luxus willen.
Nur alles, was man brauchte, um selbstständig und gut zu leben.
Die Stiefmutter und ihre Tochter sahen schweigend zu.
Schließlich sagte die Stiefschwester:
„Wenn sie für einen Tag so viel bekommen hat, bringe ich zehnmal mehr!“
Am nächsten Morgen ging sie denselben Weg.
Der Hund bat um Hilfe.
„Keine Zeit.“
Der Birnbaum raschelte.
Sie ging vorbei.
Der Brunnen bat um Reinigung.
„Das soll jemand anderes machen.“
Der Ofen bat um etwas Lehm.
„Ich werde doch meine Hände nicht schmutzig machen.“
So kam sie zu Frau Sonntag.
„Ich will Arbeit und eine Belohnung.“
„Gut. Kümmere dich um meine Bewohner und koche.“
Doch die junge Frau hatte es eilig.
Sie achtete nicht darauf, welches Tier welches Futter brauchte.
Sie verschüttete Wasser.
In der Küche vergaß sie den Topf.
Als die Tiere unruhig wurden, schimpfte sie:
„Seid endlich still!“
Frau Sonntag kehrte zurück und schalt sie nicht.
Sie sagte nur:
„Geh auf den Dachboden und wähle die Truhe, die du für deinen Lohn hältst.“
Die junge Frau nahm die größte und glänzendste mit vergoldeten Ecken.
„Die passt zu mir.“
Auf dem Heimweg gab der Ofen ihr keine Pasteten.
Der Brunnen hob kein Wasser.
Der Birnbaum senkte keine Äste.
Der Hund trat nur zur Seite.
„Wie undankbar ihr seid!“, rief sie.
Niemand antwortete.
Zu Hause stürzte ihre Mutter sofort zur Truhe.
„Mach auf!“
Der Deckel sprang hoch.
Doch statt Reichtum fiel ein ganzer Berg unnützen Gerümpels heraus:
löchrige Körbe,
zerbrochene Löffel,
verknotete Seile,
einzelne alte Schuhe
und eine Wolke Federn.
Mutter und Tochter standen mitten im Durcheinander.
Dann begannen sie schweigend aufzuräumen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit mussten sie alles selbst erledigen.
Von da an änderte sich vieles.
Der Vater begriff endlich, wie unfair er seine Tochter behandelt hatte, und bat um Verzeihung.
Sie verzieh ihm.
Aber sie entschied sich, in einem kleinen Haus in der Nähe selbstständig zu leben.
Sie arbeitete viel.
Nun jedoch nicht mehr, um jemandem zu gefallen, sondern um ihr eigenes Leben aufzubauen.
Sie half Nachbarn, kümmerte sich um Tiere und pflanzte jedes Frühjahr Birnbäume.
Auch die Stiefschwester lernte mit der Zeit etwas.
Denn wenn man jeden Tag selbst Wasser trägt, Dinge repariert und hinter sich aufräumt, versteht man schnell, wie viel Arbeit hinter Dingen steckt, die vorher selbstverständlich wirkten.
Im Dorf sagte man noch lange:
„Die wertvollste Belohnung bekommt nicht derjenige, der sie fordert, sondern derjenige, der bemerkt, wer neben ihm Hilfe braucht.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
