Cover: Die zwölf Jäger

Deutschland

Die zwölf Jäger

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Deutschland
Alter
7–11 Jahre
Dauer
9 Min.
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Die zwölf Jäger

Ein junger Prinz liebte eine Prinzessin sehr. Sie kannten einander schon lange, hatten oft über ihre Zukunft gesprochen und sich versprochen, eines Tages zu heiraten.

Eines Morgens kam ein Bote zum Palast geritten.

„Hoheit, Euer Vater ist schwer erkrankt. Er bittet Euch, sofort nach Hause zu kommen.“

Der Prinz war tief betroffen.

Vor seiner Abreise nahm er einen Ring vom Finger und gab ihn seiner Verlobten.

„Bewahre ihn“, sagte er. „Er ist das Zeichen meines Versprechens. Ich komme zu dir zurück.“

Sie steckte den Ring an.

„Ich werde warten.“

Der Prinz eilte in das Reich seines Vaters.

Der alte König war sehr schwach. Er wollte sicher sein, dass nach seinem Tod im Land alles geordnet blieb.

Darum bat er seinen Sohn, eine alte Vereinbarung zwischen zwei Königshäusern zu erfüllen und eine Prinzessin aus dem Nachbarreich zu heiraten.

Der Prinz war verwirrt und traurig.

In diesem Augenblick dachte er nur an seinen kranken Vater.

Er stimmte zu, ohne daran zu denken, dass er bereits jemand anderem ein Versprechen gegeben hatte.

Bald starb der alte König.

Der Prinz wurde selbst König.

Nach der Trauerzeit erinnerten ihn seine Ratgeber an das Wort, das er dem Vater gegeben hatte.

Er schickte Boten in das Nachbarreich, und dort begannen die Vorbereitungen für eine Hochzeit.

Als seine erste Verlobte davon hörte, traf es sie schwer.

Doch sie wollte nicht einfach sitzen und darauf warten, dass andere über ihr Leben entschieden.

„Vater“, sagte sie zu ihrem eigenen König, „hilf mir, elf mutige Mädchen zu finden, die mit mir reisen.“

„Wozu?“

„Ich möchte an den Hof dessen gelangen, der mir sein Wort gegeben hat. Aber nicht als Gast. Ich will mit eigenen Augen sehen, was geschehen ist, und die Wahrheit verstehen.“

Ihr Vater versuchte nicht, sie davon abzubringen.

Bald fanden sich elf Mädchen, ungefähr so groß und kräftig wie sie. Alle konnten reiten, sich im Wald orientieren, mit Pfeil und Bogen umgehen oder kannten sich hervorragend mit Pferden aus.

Für alle zwölf wurde dieselbe Jagdkleidung angefertigt.

Die Prinzessin verbarg ihr Haar unter einem Hut. Die anderen taten es ihr gleich.

So machte sich die kleine Gruppe auf den Weg.

Am Palast sagten sie zu den Torwachen:

„Wir sind zwölf Jäger. Wir haben gehört, dass der König oft in die Wälder reitet. Vielleicht braucht er geschickte Begleiter.“

Der König kam selbst, um die Neuankömmlinge anzusehen.

Er erkannte seine frühere Verlobte nicht.

Die Jäger wirkten sicher, ihre Pferde waren gut gepflegt, ihre Ausrüstung ordentlich.

„Bleibt“, sagte der König. „Solche Leute kann ich gebrauchen.“

So wurden die Prinzessin und ihre elf Freundinnen am Hof als die zwölf Jäger bekannt.

Im Palast lebte ein ungewöhnlicher Löwe.

Er verstand die Sprache der Menschen und tat gern so, als kenne er alle Geheimnisse der Welt.

Eines Abends sagte er zum König:

„Deine zwölf Jäger sind überhaupt nicht das, was sie vorgeben zu sein.“

„Und was sind sie dann?“, fragte der König lächelnd.

„Mädchen!“

„Woher willst du das wissen?“

Der Löwe schüttelte wichtig seine Mähne.

„Das lässt sich leicht prüfen. Streu Erbsen vor ihre Tür. Ich habe gehört, Männer treten so fest auf, dass die Erbsen liegen bleiben, während Frauen sie ganz bestimmt wegrollen.“

Der König lachte.

„Eine seltsame Wissenschaft hast du da. Aber gut, wir sehen nach.“

Ein freundlicher Diener hörte das Gespräch und warnte die Jäger.

„Der Löwe will euch prüfen.“

Die Prinzessin lächelte.

„Dann schaut morgen einfach auf den Boden und geht vorsichtig. Erbsen sind für jeden rutschig, egal wer man ist.“

Am nächsten Morgen gingen alle zwölf so aufmerksam durch den Gang, dass kaum eine Erbse rollte.

„Siehst du?“, sagte der König zum Löwen.

Doch der Löwe gab nicht auf.

„Sie wurden gewarnt. Wir brauchen einen anderen Beweis. Stell zwölf Spinnräder in den Vorraum. Mädchen werden bestimmt stehen bleiben, Männer interessieren sich nicht dafür.“

Wieder informierte der Diener die Jäger.

„Merkwürdig“, sagte eines der Mädchen. „Mein Bruder spinnt zu Hause besser als ich.“

Alle lachten leise.

„Wir gehen einfach weiter“, entschied die Prinzessin. „Der Löwe kann seine eigenen Vorstellungen selbst sortieren.“

Am nächsten Tag gingen die zwölf Jäger an den Spinnrädern vorbei, ohne stehen zu bleiben.

Der König schüttelte den Kopf.

„Löwe, vielleicht sollte man Menschen nicht danach beurteilen, wie sie gehen oder wofür sie sich interessieren.“

Der Löwe schnaubte und schlug keine weiteren Prüfungen mehr vor.

Wochen vergingen.

Die zwölf Jäger begleiteten den König auf Reisen durch den Wald, fanden verborgene Wege, kümmerten sich um die Pferde und halfen der Gruppe mehr als einmal, wenn sie sich verirrte.

Am meisten vertraute der König ihrem Anführer.

Es kam ihm vor, als könne er mit diesem jungen Jäger über Dinge sprechen, die er sonst niemandem anvertraute.

Eines Tages kehrte die Jagdgesellschaft gerade aus dem Wald zurück, als ein Bote herangeritten kam.

„Majestät! Die Prinzessin aus dem Nachbarreich ist unterwegs. Ihr Gefolge trifft morgen hier ein.“

Als der Anführer der zwölf Jäger das hörte, wurde er plötzlich blass.

Alles, was die Prinzessin so lange in sich getragen hatte, traf sie in einem einzigen Augenblick: das alte Versprechen, der Ring, die Reise und die Monate der Ungewissheit.

Sie schwankte und sank ins Gras.

Der König sprang sofort vom Pferd.

„Was ist mit dir? Bist du verletzt?“

Er beugte sich zu ihr und sah zufällig den vertrauten Ring an ihrer Hand.

Der König erstarrte.

Er kannte diesen Ring.

Er hatte ihn selbst einst dem Menschen gegeben, dem er versprochen hatte zurückzukehren.

„Du bist es?“, fragte er leise.

Die Prinzessin nahm den Hut ab.

„Ja.“

Eine lange Weile sagte keiner etwas.

„Warum hast du mir nicht geschrieben?“, fragte der König.

„Ich wollte die Wahrheit von dir hören und nicht von deinen Boten. Und ich wollte wissen, ob du dich an dein Versprechen erinnerst, auch wenn niemand dich daran erinnert.“

Der König senkte den Kopf.

„Ich habe mich erinnert. Aber in der schwersten Stunde meines Lebens gab ich meinem Vater ein zweites Versprechen. Danach ließ ich Pflicht und Angst entscheiden, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Das war unfair zu dir und ebenso zu der Prinzessin, die jetzt auf dem Weg hierher ist.“

Sofort schickte er einen Boten mit einem ehrlichen Brief entgegen.

Er erklärte, was geschehen war, stoppte die Hochzeitsvorbereitungen und entschuldigte sich dafür, dass er sie in eine Geschichte hineingezogen hatte, die er selbst nicht geklärt hatte.

Die Prinzessin aus dem Nachbarreich war enttäuscht, aber froh, die Wahrheit noch vor ihrer Ankunft zu erfahren. Sie kehrte nach Hause zurück.

Der König und seine erste Verlobte sprachen noch lange miteinander.

Sie taten nicht so, als sei nichts passiert.

Die Prinzessin erzählte von ihrem Schmerz.

Der König von seiner Angst und Verwirrung nach dem Tod seines Vaters.

Erst als beide einander wirklich verstanden, beschlossen sie, wieder zusammen zu sein.

Später feierten sie ihre Hochzeit.

Die elf Gefährtinnen der Prinzessin saßen auf Ehrenplätzen.

Der freundliche Diener war ebenfalls eingeladen.

Und der magische Löwe lag bei der Treppe und tat so, als hätte er alles von Anfang an genauso vorausgesehen.

„Aber keine Prüfungen mehr mit Erbsen“, sagte die neue Königin zu ihm.

Der Löwe blinzelte würdevoll.

„Abgemacht. Von nun an urteile ich erst über Menschen, nachdem ich sie kennengelernt habe.“

Und vermutlich war das das Klügste, was er je gesagt hatte.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨