

Deutschland
Die zwölf tanzenden Prinzessinnen
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 12 Min.

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Die zwölf tanzenden Prinzessinnen
In einem großen Palast lebte ein König mit seinen zwölf Töchtern. Die Prinzessinnen waren sehr verschieden: Eine liebte Bücher, eine kannte jede Blume im Garten, eine spielte Flöte, eine andere konnte stundenlang Wolken zeichnen.
Eine Leidenschaft teilten sie alle: Sie liebten das Tanzen.
Die Schwestern schliefen in einem großen Zimmer mit zwölf Betten. Jeden Abend wurde die Tür geschlossen, die Schritte in den Gängen verstummten, und der Palast schlief ein.
Doch jeden Morgen geschah etwas Rätselhaftes.
Eine Dienerin trug zwölf Paar Schuhe zum Schuhmacher und seufzte:
„Schon wieder durchgetanzte Sohlen!“
Die Schuhe sahen aus, als hätten die Prinzessinnen die ganze Nacht getanzt.
Der König wunderte sich immer mehr.
„Die Tür ist verschlossen. Die Fenster liegen hoch. An den Wachen kommt niemand vorbei. Wo tanzt ihr?“
Die Prinzessinnen sahen einander an und lächelten.
„Das ist unser Geheimnis, Vater“, sagte die Älteste.
„Ist dieses Geheimnis schön oder gefährlich?“, fragte der König.
Darauf antworteten sie nicht.
Zuerst versuchte er, sich keine Sorgen zu machen. Doch Woche um Woche lagen morgens neue abgenutzte Schuhe bereit.
Schließlich verkündete er:
„Wer innerhalb von drei Nächten herausfindet, wo meine Töchter tanzen, erhält eine großzügige Belohnung und darf mich um einen gerechten Gefallen bitten. Aber niemand darf die Prinzessinnen erschrecken, zwingen oder in Gefahr bringen.“
Viele Abenteurer kamen in den Palast. Abends saßen sie im Nebenzimmer und versprachen, wach zu bleiben.
Doch die älteste Prinzessin brachte jedem einen Becher duftenden Abendtrunk.
„Damit die Nacht leichter vergeht.“
Der Gast trank, gähnte einmal, dann noch einmal und schlief kurz darauf so fest, dass er nicht einmal die Palastuhr hörte.
Am Morgen kehrten die Prinzessinnen mit abgetanzten Sohlen zurück.
„Ich habe nichts gesehen“, musste der Wächter gestehen.
So ging es lange.
Eines Tages wanderte ein ehemaliger Soldat durch das Königreich. Martin hatte seinen Dienst beendet und suchte nun ein ruhiges Leben.
Im Wald begegnete er einer alten Frau mit einem Korb voller Kräuter.
„Wohin gehst du?“, fragte sie.
„Ich weiß es noch nicht genau. Man erzählt von einem Rätsel im Königspalast. Vielleicht versuche ich es.“
Die Alte betrachtete ihn.
„Dann merke dir zwei Dinge. Trink den Abendtrunk nicht. Und glaube nicht, man könne ein Geheimnis nur mit den Augen entdecken.“
„Womit denn noch?“
„Mit Geduld.“
Sie nahm einen dunklen Umhang aus ihrem Korb.
„Wenn du ihn trägst, wirst du unsichtbar. Aber benutze ihn vorsichtig. Unsichtbarkeit gibt dir kein Recht, dich in das Leben anderer einzumischen.“
Martin bedankte sich und ging zum Palast.
Der König empfing ihn freundlich.
„Du hast drei Nächte. Ich möchte nur wissen, ob meine Töchter sicher sind.“
Am Abend wurde Martin in das Zimmer neben dem Schlafsaal geführt.
Die älteste Prinzessin brachte ihm den üblichen Becher.
„Trinkt. Das hilft beim Einschlafen.“
„Danke.“
Als sie sich umdrehte, goss Martin den Trank unbemerkt in einen Blumentopf. Danach legte er sich hin und schnarchte laut.
Hinter der Wand kicherte jemand.
„Er schläft.“
„Ich habe es doch gesagt.“
Nur die jüngste Schwester flüsterte:
„Heute habe ich ein komisches Gefühl.“
„Du machst dir immer Sorgen“, sagte eine andere. „Alles wird gut.“
Die Prinzessinnen holten Festkleider aus den Truhen, flochten ihre Haare und zogen Tanzschuhe an.
Dann schob die Älteste ihr Bett zur Seite.
Darunter erschien eine verborgene Treppe.
Martin warf den Unsichtbarkeitsmantel über und folgte ihnen.
Die Stufen führten tief hinunter, bis ein silberner Wald vor ihnen lag. Blätter und Zweige schimmerten wie Mondlicht.
Martin brach vorsichtig einen kleinen Zweig ab. Das leise Klingen ließ die jüngste Prinzessin zusammenzucken.
„Habt ihr das gehört?“
„Nur der Wind“, sagte die Älteste.
Danach kamen sie in einen goldenen Wald. Auch dort nahm Martin einen kleinen Zweig.
Schließlich erreichten sie einen Wald aus glitzerndem Kristall. Ein dritter Zweig wurde Martins Beweis.
Hinter dem Wald lag ein dunkler See. Zwölf kleine Boote warteten am Ufer. In jedem saß ein junger Mann aus dem unterirdischen Reich und ruderte eine Prinzessin hinüber.
Martin stieg unsichtbar in das Boot der Jüngsten. Der Ruderer wunderte sich.
„Heute ist das Boot schwerer als sonst.“
Auf der anderen Seite stand ein heller Palast voller Musik.
Die zwölf Schwestern tanzten dort stundenlang. Sie lachten, drehten sich unter leuchtenden Kronleuchtern und schienen sich in dieser geheimen Welt völlig frei zu fühlen.
Noch vor Sonnenaufgang fuhren alle zurück.
Martin war wieder in seinem Bett, bevor die Tür des Schlafsaals sich öffnete.
Auch in der zweiten Nacht folgte er ihnen. Nun achtete er weniger auf die Wege als auf die Schwestern selbst. Sie gingen freiwillig, kannten jeden Schritt und schienen nicht bedroht zu sein.
In der dritten Nacht nahm Martin im unterirdischen Palast einen kleinen goldenen Becher von einem verlassenen Tisch mit. Mehr berührte er nicht.
Am Morgen rief der König ihn in den Thronsaal.
Die zwölf Prinzessinnen standen daneben.
„Drei Nächte sind vorbei“, sagte der König. „Weißt du, wohin meine Töchter gehen?“
Martin legte den silbernen, goldenen und kristallenen Zweig sowie den Becher auf den Tisch.
„Ja.“
Die Schwestern wurden blass.
„Unter ihrem Zimmer führt eine Treppe hinab. Sie geht durch drei Zauberwälder zu einem See. Auf der anderen Seite steht ein Palast, in dem Eure Töchter jede Nacht tanzen.“
Der König sah die Prinzessinnen erstaunt an.
„Ist das wahr?“
Die Älteste wollte etwas sagen, doch die Jüngste nahm ihre Hand.
„Ja, Vater.“
Der König runzelte die Stirn.
„Warum habt ihr nichts erzählt?“
„Weil wir fürchteten, du würdest es uns verbieten, bevor du den Ort überhaupt gesehen hast“, sagte die Älteste. „Wir wollten die Musik, unsere Freunde und diese Nächte der Freiheit nicht verlieren.“
„Und ich hatte Angst, dass ihr verschwindet und eines Tages nicht zurückkehrt“, sagte der König.
Eine Weile schwieg jeder.
Dann sagte Martin:
„Das Geheimnis ist gelöst. Aber vielleicht lag das eigentliche Problem gar nicht in der Treppe unter dem Bett. Ihr hattet alle Angst davor, miteinander zu reden.“
Der König nickte langsam.
„Vermutlich hast du recht.“
Er bat seine Töchter, ihm den Weg zu zeigen.
In der folgenden Nacht versteckten sie nichts mehr. Der König und Martin stiegen mit hinunter, sahen den silbernen, den goldenen und den kristallenen Wald und fuhren über den See.
Als sie die Musik im unterirdischen Palast hörten, lächelte der König.
„Jetzt verstehe ich, weshalb ihr diesen Ort liebt.“
„Und wir verstehen, weshalb du dir Sorgen gemacht hast“, sagte die Jüngste.
Von da an war der geheime Weg nicht mehr geheim.
Die Prinzessinnen durften mehrmals in der Woche zum Tanz gehen. Sie versprachen, immer zu sagen, wohin sie gingen und wann sie zurückkehrten.
Der König wiederum versprach, nicht alles zu verbieten, nur weil es ungewöhnlich war.
Martin erhielt seine Belohnung, bat aber weder um Gold noch um ein Amt.
„Gebt mir ein kleines Haus beim königlichen Garten“, sagte er. „Ich wünsche mir schon lange ein ruhiges Leben.“
Der König lachte.
„Nach drei Nächten in einem verzauberten unterirdischen Palast hast du Ruhe wirklich verdient.“
Martin blieb am Hof und freundete sich mit allen Schwestern an, besonders mit der Ältesten, die Musik genauso liebte, wie er Geschichten gern hörte.
Erst viel später entschieden beide selbst, ihr Leben miteinander zu teilen. Niemand wurde jemandem als Preis zugesprochen.
Die zwölf Prinzessinnen tanzten weiterhin.
Und wenn man in einer stillen Nacht beim alten Palast das Ohr an den Boden legt, soll man tief unten silberne Blätter klingeln, Ruder übers Wasser gleiten und leise Musik hören können.
Über abgetanzte Schuhe wundert sich dort allerdings niemand mehr.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
