

Norwegen
Die zwölf wilden Enten
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Norwegen
- Alter
- 7–11 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

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Die zwölf wilden Enten
In einem nördlichen Königreich lebten ein König und eine Königin mit ihren zwölf Söhnen.
Die Jungen waren sehr verschieden. Einer liebte Bücher. Einer schnitzte gern Holz. Einer ging nie an einem verletzten Vogel vorbei. Ein anderer konnte stundenlang kleine Boote bauen.
Wenn alle zwölf zusammen waren, erfüllten Lachen, Schritte und Stimmen den ganzen Palast.
Die Königin liebte ihre Söhne sehr.
An einem Wintertag stand sie jedoch am Fenster und sah in den weißen Schnee.
Unbedacht sagte sie:
„Wenn ich nur noch eine Tochter hätte, weiß wie Schnee und rosig wie die Wintersonne, dann wäre ich vollkommen glücklich.“
Eine alte Zauberin, die gerade in der Nähe vorbeiging, hörte diese Worte.
„Eine Tochter wirst du bekommen“, flüsterte sie. „Aber für unbedachte Wünsche muss man manchmal bezahlen.“
Bald wurde in der königlichen Familie ein Mädchen geboren.
Man nannte sie Rosana, denn ihre Wangen waren rosig, und ihr Haar war hell wie Morgenreif.
Mehrere Tage wurde im Palast gefeiert.
Doch am nächsten Morgen waren die zwölf Prinzen verschwunden.
Über dem Schloss flog eine Schar großer wilder Enten.
Dreimal kreisten sie um die Türme und riefen, als wollten sie etwas sagen.
Die Königin wusste sofort:
Das waren ihre Söhne.
Bitter bereute sie ihre unbedachten Worte.
Doch sie konnte nichts rückgängig machen.
Die Jahre vergingen.
Rosana wurde zu einem freundlichen und neugierigen Mädchen.
Sie bemerkte oft, dass ihre Mutter traurig in den Himmel blickte.
Eines Abends fragte sie:
„Mutter, warum stehen im alten Saal zwölf leere Stühle?“
Die Königin konnte die Wahrheit nicht länger verbergen.
Sie erzählte von den Brüdern und von den zwölf wilden Enten.
„Ich wollte nicht, dass ihnen etwas geschieht“, sagte sie. „Doch Worte haben manchmal einen längeren Weg, als wir denken.“
Rosana schwieg die ganze Nacht.
Am Morgen sagte sie:
„Ich werde sie finden.“
„Die Welt ist groß“, sagte ihre Mutter erschrocken.
„Gerade deshalb muss ich jetzt losgehen.“
Der König gab seiner Tochter einen warmen Mantel, feste Stiefel und einen kleinen silbernen Löffel. Einen solchen hatte früher jeder der zwölf Brüder besessen.
Rosana wanderte lange.
Sie durchquerte Täler, übernachtete in Dörfern und ging durch Wälder.
Sie fragte Hirten, Fischer und Reisende:
„Habt ihr zwölf große wilde Enten gesehen, die immer zusammen fliegen?“
Die meisten schüttelten den Kopf.
Eines Tages sagte ein alter Förster:
„Ja. Jeden Morgen fliegen sie über das Moor nach Norden. Am Abend kehren sie in einen einsamen Wald zurück.“
Rosana ging dorthin.
Tief im Wald fand sie ein kleines Holzhaus.
Darin standen zwölf Betten, zwölf Stühle und zwölf silberne Löffel.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Sie machte Feuer, räumte die Stube auf, kochte ein einfaches Abendessen und legte ihren eigenen Löffel zu den anderen.
Kaum war die Sonne verschwunden, hörte man über dem Dach:
Flapp! Flapp! Flapp!
Eine wilde Ente nach der anderen flog ins Haus.
Sobald ihre Füße den Boden berührten, verschwanden die Federn.
Vor Rosana standen zwölf junge Männer.
„Jemand war hier“, sagte der älteste.
„Und jemand hat einen dreizehnten Löffel hingelegt“, sagte ein anderer.
Der jüngste nahm ihn in die Hand.
„Das ist ein königlicher Löffel. So einen hatte unsere kleine Schwester.“
Rosana trat aus ihrem Versteck.
„Ich habe euch drei Jahre lang gesucht.“
Die Brüder erstarrten.
Der jüngste ging als Erster auf sie zu.
„Bist du wirklich Rosana?“
„Ja.“
Er umarmte sie.
Bald redeten alle gleichzeitig.
Sie fragten nach den Eltern, dem Palast, dem Garten und sogar nach dem alten Hund, den sie noch als Welpen gekannt hatten.
Als die erste Freude etwas ruhiger geworden war, fragte Rosana:
„Wie kann ich den Zauber brechen?“
Der älteste Bruder seufzte.
„Es gibt einen Weg. Im Moor wachsen silbrige Disteln. Du musst ihren Flaum sammeln, trocknen, kämmen, zu Fäden spinnen und daraus Stoff weben. Dann musst du für jeden von uns ein Hemd, eine Weste und einen leichten Mantel nähen. Während der ganzen Arbeit darfst du kein einziges Wort sprechen.“
„Wie lange wird das dauern?“
„Vielleicht mehrere Jahre.“
Rosana sah ihre zwölf Brüder an.
„Dann fange ich morgen an.“
Von diesem Tag an schwieg sie.
Am Morgen wurden die Brüder wieder zu Enten und flogen über die Wälder.
Rosana ging ins Moor, sammelte Distelflaum und spann am Abend Fäden.
Im ersten Monat schmerzten ihre Finger.
Im zweiten arbeitete sie schon schneller.
Nach einem Jahr waren die ersten Hemden fertig.
Nach einem weiteren Jahr die Westen.
Im dritten Jahr fehlten nur noch die Mäntel.
Eines Tages sammelte Rosana auf einer weiten Heidefläche Distelflaum.
Ein junger König aus einem Nachbarland ritt dort vorbei.
Er sah das schweigende Mädchen mit dem großen Sack voller silbriger Fasern.
„Guten Tag. Habt Ihr Euch verirrt?“
Rosana schüttelte den Kopf.
„Braucht Ihr Hilfe?“
Wieder schüttelte sie den Kopf und zeigte auf ihre Säcke und den Weg zum Wald.
Der König begriff nur eines:
Das Mädchen sprach nicht.
Er drängte sie nicht.
„Wenn Ihr irgendwann Schutz braucht, liegt mein Schloss hinter jenem Hügel“, sagte er. „Dort bekommt Ihr ein Zimmer, ohne dass man Euch mit Fragen bedrängt.“
Einige Wochen später kamen kalte Regenfälle.
Das Dach des Waldhauses wurde undicht. Ihre Brüder waren tagsüber Enten und konnten es im Licht nicht reparieren.
Rosana erinnerte sich an den König.
Sie brachte ihre Arbeit ins Schloss.
Man gab ihr ein ruhiges Zimmer beim Garten.
Dort arbeitete sie jeden Tag.
Der König kam manchmal vorbei, legte ihr einen Apfel oder ein Bilderbuch auf den Tisch und ging wieder, ohne eine Antwort zu verlangen.
Im Schloss lebte auch die verwitwete Königin, seine Stiefmutter.
Ihr gefiel es nicht, dass ein fremdes, schweigendes Mädchen im Palast ein Zimmer bekommen hatte.
„Wer ist sie?“, fragte sie. „Warum erklärt sie nichts? Was ist das für ein seltsamer Stoff?“
„Ich weiß es nicht“, sagte der König. „Aber ein Mensch wird nicht gefährlich, nur weil wir seine Geschichte nicht kennen.“
Die Stiefmutter wurde trotzdem immer misstrauischer.
Eines Nachts nahm sie einen alten Silberbecher aus der Schatzkammer und versteckte ihn in Rosanas Zimmer.
Am nächsten Morgen gab es großen Aufruhr.
„Da ist der Beweis“, sagte die Stiefmutter. „Sie ist eine Diebin. Vielleicht sogar eine Zauberin. Wer sonst schweigt jahrelang und näht Kleidung aus Distelflaum?“
Rosana hätte alles erklären können.
Es wären nur ein paar Sätze gewesen.
Doch dann hätte ihre jahrelange Arbeit ihre magische Kraft verloren.
Ihre Brüder wären für immer Vögel geblieben.
Darum schwieg sie.
Der König sah sie besorgt an.
„Ich will keinen Menschen verurteilen, der sich nicht verteidigen kann. Aber ich kann die Sache auch nicht einfach ignorieren.“
Er bestrafte Rosana nicht.
Doch er bat sie, das Schloss am nächsten Morgen zu verlassen.
Er gab ihr Essen, ein Pferd und Begleitung bis zum Waldweg.
In derselben Nacht nähte Rosana den elften Mantel fertig.
Nur der zwölfte fehlte.
Bis zum Morgengrauen arbeitete sie so schnell sie konnte.
Ein Ärmel.
Der Kragen.
Nur ein kleines Stück blieb übrig.
Da läuteten draußen die Glocken.
Es war Zeit zu gehen.
Rosana trug die zwölf Kleidungsstücke auf die Wiese vor dem Schloss und legte sie ins Gras.
Die Stiefmutter stand auf der Treppe.
„Seht nur“, sagte sie. „Schon wieder ihre seltsame Magie.“
Plötzlich rauschten über dem Schloss Flügel.
Flapp! Flapp! Flapp!
Zwölf wilde Enten kamen aus den Wolken.
Sie landeten auf der Wiese, jede bei ihrem eigenen Kleidungsstück.
Sobald die Federn den silbrigen Stoff berührten, wurden die Enten wieder zu Menschen.
Der erste Bruder.
Der zweite.
Der dritte.
Bis zum elften.
Auch der jüngste Bruder verwandelte sich zurück.
Nur sein linker Arm blieb ein kleines Entenflügelchen, denn Rosana hatte den letzten Ärmel nicht fertig nähen können.
Er sah es an und lachte.
„Das macht nichts. Ich bin froh, wieder Beine zu haben.“
Zum ersten Mal seit drei Jahren durfte Rosana sprechen.
„Das sind meine Brüder“, sagte sie.
Ihre Stimme klang leise vom langen Schweigen.
Doch jeder hörte sie.
Die Brüder erzählten dem König vom Zauber, vom Distelflaum und von der Arbeit ihrer Schwester.
Dann bemerkte der älteste Bruder einen silbernen Faden am Ärmel der Stiefmutter, der zum verschwundenen Becher gehörte.
Ein Diener gestand, er habe gesehen, wie sie nachts in die Schatzkammer gegangen war.
Die Wahrheit kam ans Licht.
Der König stellte Rosanas guten Namen wieder her.
„Ich hätte dir mehr vertrauen müssen“, sagte er.
„Und ich verstehe, warum es für dich schwer war“, antwortete sie. „Schweigen lässt viel Platz für die Vermutungen anderer.“
Die Stiefmutter wurde nicht grausam bestraft.
Sie musste den Hof verlassen und den Silberbecher zurückgeben.
Vor ihrer Abreise bat sie zum ersten Mal ehrlich um Verzeihung.
Rosana kehrte mit ihren Brüdern zu ihren Eltern zurück.
Als die Königin ihre zwölf Söhne und ihre Tochter zusammen sah, konnte sie lange nichts sagen.
Dann versuchte sie, alle gleichzeitig zu umarmen.
„Ich habe so lange bereut, was ich damals gesagt habe“, flüsterte sie.
„Jetzt liegt es hinter uns“, sagte Rosana.
Der jüngste Bruder behielt seinen kleinen Entenflügel.
Er störte ihn nicht.
Später wurde er sogar zu einer Familienbesonderheit.
Wenn Kinder ihn fragten, woher er kam, sagte er:
„Er erinnert daran, dass Liebe nicht immer alles vollkommen machen kann. Manchmal gibt sie einfach nicht auf, bis sie alles getan hat, was möglich ist.“
Der junge König besuchte Rosana später noch oft.
Jetzt konnten sie miteinander reden, so lange sie wollten.
Und nach drei Jahren Schweigen hatte die Prinzessin wirklich viel zu erzählen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
