

Weltweit
Das Mädchen in der Truhe
Drei Schwestern, Mut, Truhe, Prüfungen, Güte
- Land
- Weltweit
- Alter
- 7–11 Jahre

Märchen anhören
Das Mädchen in der Truhe
Einst lebte am Rand einer kleinen Stadt eine arme Frau mit ihren drei Töchtern. Die Mädchen waren fleißig, hielten zusammen und waren daran gewöhnt, alles miteinander zu teilen: Brot, Hausarbeit, Haarbänder und sogar Geheimnisse.
Eines Tages kam ein Fremder zu ihnen. Er war höflich, gut gekleidet und sprach so süß, dass jedes seiner Worte blank poliert schien.
„Ich wohne weit von hier“, sagte er zu der Mutter. „Ich habe ein Haus und einen Hof. Ich möchte Eure älteste Tochter heiraten. Eine Mitgift brauche ich nicht. Sie soll nur mitnehmen, was ihr lieb ist.“
Die Mutter zögerte. Doch der Fremde wirkte angesehen, und die älteste Tochter erklärte sich schließlich bereit, mitzugehen und sein Haus anzusehen.
Lange waren sie unterwegs. Gegen Abend bog der Weg in einen einsamen Wald ab und verlor sich dann zwischen den Steinen. Der Fremde schob einen efeubewachsenen Felsblock beiseite. Dahinter öffnete sich ein unterirdischer Gang.
„Wir sind beinahe da“, sagte er.
Doch kaum waren sie in der Höhle, verschwand seine Höflichkeit.
Es stellte sich heraus, dass er ein nächtlicher Zauberer war, der seine Gestalt verändern konnte. Er sperrte das Mädchen in ein Zimmer und befahl ihr, einen bitteren Zaubertrank zu trinken.
„Nein“, sagte sie fest. „Ich trinke nichts, von dem ich nicht weiß, was es ist.“
Der Zauberer wurde zornig und verriegelte ihre Tür mit einem weiteren Schloss.
Ein paar Tage später kehrte er zu der Mutter zurück.
„Eure älteste Tochter ist krank geworden“, log er. „Sie bittet darum, dass ihre Schwester zu ihr kommt.“
So gelangte auch die mittlere Tochter in die Höhle. Auch sie weigerte sich, den seltsamen Trank zu trinken, und der Zauberer sperrte sie in das Nebenzimmer.
Beim dritten Mal kam er, um die jüngste zu holen.
Doch dieses Mädchen bemerkte schon unterwegs etwas Seltsames. Am Ärmel des Fremden hing ein Faden aus dem blauen Tuch ihrer Schwester. Und als sie das unterirdische Gewölbe betraten, hörte sie hinter einer Tür ein leises Klopfen.
Tock, tock. Pause. Tock, tock, tock.
So hatten die Schwestern seit ihrer Kindheit einander durch die Wand gerufen.
Sie sind hier, begriff das Mädchen.
Sie ließ sich ihre Angst nicht anmerken.
„Ich bin müde von der Reise“, sagte sie zu dem Zauberer. „Lass mich ausruhen.“
Als er fort war, begann das Mädchen, die Höhle zu untersuchen. Am Gürtel des Zauberers hatte sie zuvor einen Schlüsselbund gesehen, doch ein kleiner Schlüssel lag unter der Bank. Er musste heruntergefallen sein.
Das Mädchen probierte ihn im ersten Schloss, im zweiten und im dritten. Schließlich öffnete sich eine Tür.
Dahinter war ihre älteste Schwester.
„Leise!“, flüsterte die jüngste. „Wo ist unsere mittlere Schwester?“
Bald waren alle drei zusammen.
Hinter den verbotenen Türen fanden sie mehrere unterirdische Gänge. Einer führte hinauf in den Wald.
„Geht ihr beide“, sagte die jüngste. „Haltet euch an die rechte Wand. Ich nehme einen anderen Gang und hinterlasse Spuren, damit der Zauberer mir folgt.“
„Nein!“, widersprachen die Schwestern.
„So haben wir bessere Chancen. Und im ersten Dorf bittet ihr die Leute, hierher zurückzukommen und mich zu suchen.“
Sie nahm eine Handvoll glänzender Steinchen vom Regal und lief durch den linken Tunnel. Ab und zu warf sie einen Stein auf den Boden.
Als der Zauberer zurückkam und die offenen Türen sah, jagte er der glänzenden Spur nach. Genau darauf hatte das Mädchen gehofft.
Der Tunnel hatte viele Abzweigungen. An der richtigen Stelle warf sie mehrere Steinchen in verschiedene Richtungen, schlüpfte selbst durch einen schmalen Spalt und kam weit von der Höhle entfernt ins Freie.
Doch der Wald war groß, und sie erreichte das Dorf nicht vor Einbruch der Dunkelheit.
„Ich brauche einen Ort, an dem ich sicher übernachten kann“, flüsterte sie.
Hinter den Büschen glänzte etwas. Dort stand eine feste Holztruhe mit einem glatten Deckel. Innen gab es einen kleinen Riegel, den man leicht von drinnen schließen konnte.
Das Mädchen legte sich in die Truhe und schlief ein.
So lebte sie ein paar Tage im Wald: Tagsüber sammelte sie Beeren und Nüsse und suchte den Weg, nachts versteckte sie sich in ihrer seltsamen kleinen Behausung.
Eines Morgens ritt ein Königssohn durch den Wald. Er bemerkte das Mädchen bei den Büschen, doch als sie die Pferde hörte, erschrak sie und versteckte sich.
Die Leute des Prinzen fanden nur die Truhe.
„Brecht sie nicht auf“, befahl der Prinz. „Wenn sie jemandem gehört, dürfen wir sie nicht beschädigen. Bringen wir sie in den Palast und suchen ihren Besitzer.“
Man stellte die Truhe in ein Gästezimmer. Als alle fort waren, blickte das Mädchen vorsichtig hinaus. Auf dem Tisch stand ein Abendessen.
Sie war sehr hungrig und aß etwas Brot, einen Apfel und eine Schale Suppe. Dann versteckte sie sich wieder.
Am nächsten Tag geschah dasselbe.
„Merkwürdig“, sagte der Prinz zu seinem Diener. „Die Truhe ist verschlossen, die Zimmertür ebenfalls, und trotzdem verschwindet das Abendessen.“
Am dritten Abend blieb er hinter einem Wandschirm und wartete.
Der Truhendeckel hob sich. Das Mädchen kletterte heraus, trat zum Tisch und hatte gerade die Hand nach dem Brot ausgestreckt, als sie eine Stimme hörte:
„Hab keine Angst. Ich komme nicht näher, wenn du es nicht möchtest.“
Sie drehte sich rasch um.
„Habt Ihr die Truhe hergebracht?“
„Ja. Und nun sehe ich, dass ich mit ihr auch einen Gast gebracht habe. Du darfst so lange hierbleiben, wie du musst. Aber sag mir wenigstens, ob du Hilfe brauchst.“
Das Mädchen schwieg lange und erzählte dann von ihren Schwestern, der Höhle und dem Zauberer.
Der Prinz stellte keine unnötigen Fragen. Schon am nächsten Morgen machten sich königliche Leute nach ihren Angaben auf den Weg. Die Schwestern fand man im nächsten Dorf: Sie hatten es tatsächlich erreicht und suchten bereits Helfer, um ihre Schwester zu finden.
Auch die Höhle wurde entdeckt, die verschlossenen Zimmer wurden geöffnet, und niemand sollte mehr in die Falle des nächtlichen Zauberers geraten. Als dieser die Schar sah, floh er in ferne Berge und erschien nie wieder in jener Gegend.
Die Zeit verging. Das Mädchen blieb am Hof, während ihre Mutter und ihre Schwestern sich von dem Abenteuer erholten. Sie sprach oft mit dem Prinzen, ging im Garten spazieren und lachte darüber, dass ihre Bekanntschaft mit einem leeren Teller begonnen hatte.
Später fragte der Prinz:
„Würdest du eines Tages meine Frau werden? Nicht, weil ich ein Prinz bin. Und nicht, weil du mir etwas schuldest. Einfach, weil ich mich an deiner Seite wohlfühle.“
Das Mädchen lächelte.
„Mir geht es genauso. Aber lass uns nichts überstürzen.“
Sie vereinbarten, ihre Verlobung erst nach einigen Monaten bekannt zu geben.
Nicht alle am Hof freuten sich darüber. Der alte Palastverwalter hatte schon lange davon geträumt, dass der Prinz seine Tochter heiraten würde. Er beschloss, die Nebenbuhlerin loszuwerden, und bezahlte einen Mann dafür, das Mädchen heimlich aus dem Palast fortzubringen.
Nachts wickelte der Fremde sie in einen weiten Mantel und trug sie durch das Diensttor hinaus. Doch außerhalb der Stadt erschrak er über das, wozu er sich bereit erklärt hatte.
„Ich werde dir nichts antun“, sagte er. „Aber ich habe Angst, dich in den Palast zurückzubringen. Der Verwalter würde sich rächen. Geh zu den Lichtern dort. Da wohnen Menschen.“
So kam das Mädchen zu einer kleinen Hütte, in der eine alte Frau allein lebte. Als diese die müde Reisende sah, ließ sie sie ohne viele Fragen herein.
„Bleib so lange, wie du musst“, sagte die Alte. „Zu zweit macht das Teetrinken mehr Freude.“
Unterdessen suchten im Palast alle nach der verschwundenen Braut. Der Prinz schlief kaum und aß wenig.
Auf dem Markt hörte die alte Frau, der König habe eine Belohnung für denjenigen versprochen, der ein Gericht zubereitete, das dem Prinzen wenigstens etwas Appetit zurückgab.
„Ich weiß, was wir machen“, sagte das Mädchen.
Sie kochte einfache Bohnen mit Kräutern und legte eine dünne goldene Locke ihres Haars an den Tellerrand.
Der Prinz bemerkte sie sofort.
Am nächsten Tag kam wieder ein Gericht von derselben alten Frau. Und wieder ein kleines Zeichen.
Am dritten Tag fragte der Prinz die Alte:
„Wohnt jemand bei Euch?“
Die alte Frau konnte nicht gut lügen und antwortete:
„Ein Mädchen lebt bei mir. Ein sehr gutes. Und Bohnen kocht sie besser als ich.“
Der Prinz kündigte an, am Sonntag zu kommen.
Als das Mädchen davon hörte, bekam sie plötzlich Angst.
„Ich werde mich verstecken. Wenn er wirklich nach mir sucht, soll er erst zeigen, dass er nicht bloß wegen eines hübschen Rätsels gekommen ist.“
Sie kletterte in einen großen hölzernen Teigtrog, und die Alte deckte sie mit einem Leinentuch zu.
Der Prinz kam, sah sich um und fragte:
„Wo ist Eure Helferin?“
„Sie ist ausgegangen.“
„Dann warte ich.“
Er setzte sich. Eine Minute verging, eine zweite und eine dritte.
Plötzlich bewegte sich das Tuch auf dem Trog ein wenig.
„Euer Teig ist heute ziemlich unruhig“, sagte der Prinz.
Die Alte wurde rot.
„So ist dieser Teig eben … Er hat seinen eigenen Kopf.“
Unter dem Tuch erklang ein gedämpftes Lachen.
Der Prinz trat näher.
„Ich werde das Tuch nicht ohne Erlaubnis heben. Aber wenn darunter diejenige sitzt, die ich suche, soll sie selbst entscheiden, ob sie herauskommen möchte.“
Das Tuch hob sich.
„Das möchte ich“, sagte das Mädchen.
Sie erzählte ihm von der nächtlichen Entführung und davon, wer dahinterstand. Der Prinz wurde zornig, doch das Mädchen hielt ihn zurück:
„Keine Rache. Es soll eine Untersuchung und ein gerechtes Urteil geben.“
So geschah es. Der bezahlte Entführer gestand von selbst, und der Verwalter verlor sein Amt und musste den Hof verlassen. Seine Tochter wurde nicht bestraft: Sie hatte an dem Plan ihres Vaters keinen Anteil gehabt.
Bald kehrte das Mädchen zu ihrer Mutter und ihren Schwestern zurück. Erst später, als sie selbst bereit war, feierte sie ihre Hochzeit mit dem Prinzen.
Im Palast bewahrte man noch lange dieselbe Truhe auf. Doch nun stand sie offen.
Denn das Mädchen, das sich einst darin vor der ganzen Welt versteckt hatte, brauchte kein Versteck mehr.
Sie wusste: Mut bedeutet nicht immer, einer Gefahr entgegenzugehen. Manchmal bedeutet Mut, einen Ausweg zu finden, um Hilfe zu bitten, die Wahrheit zu sagen und selbst zu entscheiden, wem man die Tür öffnet.
