Cover: Das Mädchen, das ständig weinte

Kanada

Das Mädchen, das ständig weinte

Gefühle, Familie, Verhaltensänderung, Mitgefühl

Land
Kanada
Alter
5–9 Jahre
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Das Mädchen, das ständig weinte

Weit im Westen, am Großen Wasser, lag ein kleines Dorf. Dahinter erstreckte sich ein Wald, und zwischen den Bäumen floss ein klarer Bach.

Nahe dem Bach lebte in einem niedrigen Häuschen der einsame Eulenmann.

Er mochte keine lauten Gesellschaften. Tagsüber verbarg er sich im Schatten, und gegen Abend ging er in den Wald. Er blickte mit großen, aufmerksamen Augen umher und sprach wenig. Deshalb kam er den Menschen seltsam vor.

Wenn jemand fragte:

„Warum schweigt er die ganze Zeit?“

antwortete ein anderer:

„Wer weiß. Vielleicht hört er dem Wald zu.“

Doch nach und nach begannen die Leute, unheimliche Geschichten über ihn zu erfinden. Besonders die Erwachsenen, wenn sie die Kinder schnell beruhigen wollten.

„Sei nicht so unartig, sonst hört es der Eulenmann!“

„Weine nicht so laut, sonst kommt er!“

Solche Worte sagten sie leichthin, fast ohne darüber nachzudenken.

Im selben Dorf lebte ein Mädchen. Es wuchs bei Pflegeeltern auf, die es sehr liebten, aber nicht immer verstanden.

Das Mädchen weinte oft.

Manchmal, weil es etwas haben wollte, das es nicht bekommen konnte. Manchmal vor Müdigkeit. Manchmal, weil es sich verletzt fühlte. Und manchmal wusste es selbst nicht, weshalb ihm plötzlich Tränen in die Augen stiegen.

„Schon wieder?“, seufzten die Nachbarn.

„Was fehlt dir denn?“

„Du hast doch alles!“

Diese Worte machten es dem Mädchen nicht leichter. Im Gegenteil: Nun wollte es noch mehr weinen.

Eines Abends gingen fast alle Dorfbewohner ans Ufer des Großen Wassers, um gemeinsam zu Abend zu essen. Der Mond schien hell, die Wellen rauschten leise, und die Menschen lachten und unterhielten sich.

Das Mädchen blieb zu Hause. Zuvor hatte es sich mit seiner Familie gestritten und gesagt:

„Ich gehe nirgendwohin!“

„Gut“, antwortete der Älteste der Familie müde. „Dann bleib hier, wenn du das willst.“

Ohne nachzudenken, fügte er hinzu:

„Wenn der Eulenmann dieses Weinen hören würde, könnte er uns vielleicht allen ein wenig Ruhe beibringen.“

Die Worte flogen in die Abendluft hinaus.

Und in alten Märchen haben Worte manchmal lange Beine.

Bald darauf war vor der Tür ein Rascheln zu hören.

Auf der Schwelle stand der Eulenmann mit einem großen Korb.

„Ich habe gehört, dass man mich gerufen hat“, sagte er.

Das Mädchen wischte sich die Augen.

„Ich habe dich nicht gerufen.“

„Aber jemand in diesem Haus hat meinen Namen genannt.“

„Das waren die Erwachsenen. Sie haben etwas Dummes gesagt.“

Der Eulenmann dachte nach.

„Auch Erwachsene reden manchmal Unsinn“, stimmte er zu. „Aber da ich nun schon hier bin, komm mit in den Wald. Dort ist es still.“

„Ich will nicht.“

„Du weinst die ganze Zeit. Vielleicht hilft dir die Stille.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

„Ich habe gesagt: Ich will nicht.“

Doch der Eulenmann war seine Einsamkeit sehr gewohnt und überhaupt nicht daran gewöhnt, anderen zuzuhören. Er beschloss, dass er es besser wusste.

„Nur für eine kleine Weile“, sagte er und setzte sie in den großen Korb, um sie rasch über den Pfad zu seinem Häuschen zu tragen.

„Lass mich heraus!“, schrie das Mädchen.

Jetzt war sein Weinen keine Laune mehr. Es hatte Angst, und dazu hatte es jedes Recht.

Der Eulenmann trug den Korb immer tiefer in den Wald. Schließlich kamen sie an seinem Haus neben dem Bach an.

„Hier wirst du dich beruhigen“, sagte er.

„Ich beruhige mich erst, wenn ich wieder zu Hause bin.“

Doch der Eulenmann verstand das nicht. Er glaubte, wenn er dem Mädchen Beeren, eine warme Decke und einen Platz am Feuer gab, würde es ganz bestimmt bleiben wollen.

Ein Tag verging.

Dann ein zweiter.

Dass das Mädchen nicht mehr schrie, lag nicht daran, dass es ihm im Wald gefiel. Es hatte einfach begriffen, dass es nachdenken musste.

Es begann, den Eulenmann genau zu beobachten.

Er liebte alles Ungewöhnliche. Wenn er eine glänzende Muschel sah, betrachtete er sie lange. Wenn er einen seltsamen Stein fand, legte er ihn ins Regal. Außerdem interessierte ihn sehr, wie Menschen ihr Haar und ihr Gesicht schmückten.

Eines Tages fand das Mädchen etwas duftendes Öl und rieb sich damit das Haar ein. Im Licht des Feuers glänzte es.

Der Eulenmann bemerkte es sofort.

„Was hast du gemacht?“

„Mein Haar gepflegt“, antwortete es.

„Ich möchte auch, dass meines glänzt.“

Beinahe hätte das Mädchen gelächelt.

„Dann bring Baumharz mit. Aber weiches.“

Der Eulenmann ging hinaus und brachte eine ganze Schüssel duftendes Harz.

Das Mädchen erwärmte es ein wenig, damit es klebrig wurde.

„Mach die Augen zu“, sagte es. „Und öffne sie erst, wenn ich es dir sage.“

Gehorsam schloss der Eulenmann die Augen.

Vorsichtig strich das Mädchen so viel Harz in sein Haar, dass die Strähnen zusammenklebten.

„Bleib still sitzen. Es muss etwas trocknen.“

Dann schlich es selbst zur Tür hinaus.

Zuerst ging es.

Dann lief es.

Immer schneller.

Durch den Farn, zwischen den Kiefern hindurch, über den schmalen Bach, geradewegs zum Großen Wasser.

Als der Eulenmann begriff, was geschehen war, brauchte er lange, um das klebrige Harz aus seinen Haaren zu lösen.

„He!“, rief er. „Wo bist du?“

Seine Stimme hallte zwischen den Bäumen:

„Hu-hu-hu! Hu-hu-hu!“

Die Menschen hörten ihn bis weit in die Nacht hinein.

Inzwischen war das Mädchen zu Hause angekommen. Seine Pflegemutter schloss es fest in die Arme.

„Wir haben dich überall gesucht!“

Der Älteste der Familie senkte den Kopf.

„Ich habe etwas Unbedachtes gesagt. Ich hätte nicht damit scherzen dürfen, dass dich jemand mitnimmt.“

Das Mädchen schwieg.

Dann sagte es:

„Wenn ich weine, muss man mich nicht immer zum Schweigen bringen. Manchmal wäre es besser zu fragen, was passiert ist.“

„Da hast du recht“, antwortete er.

Bald erschien der Eulenmann vor dem Haus.

Er war zornig und ratlos.

„Sie ist mir davongelaufen!“

„Weil sie dich gebeten hatte, sie gehen zu lassen“, antwortete die Pflegemutter. „Und du hast nicht zugehört.“

„Ich wollte, dass es ihr besser geht.“

„Gutes tun zu wollen reicht nicht, wenn man dem Menschen, dem man hilft, nicht zuhört.“

Der Eulenmann stand lange schweigend da.

In diesem Moment kehrte ein alter Zauberkundiger zurück, der bei der Familie lebte. Er betrachtete die zerkratzten Zweige, die Spuren auf dem Pfad, das Mädchen und den Eulenmann und sagte:

„Heute müssen alle hier etwas begreifen.“

Er wandte sich an den Eulenmann:

„Du liebst die Nacht, den Wald und das Alleinsein. Dort ist dein Platz. Aber entscheide nie wieder für einen anderen Menschen, wo er leben und was er wollen soll.“

Dann wandte er sich dem Mädchen zu:

„Und du hast eine kräftige Stimme. Schäme dich nicht dafür. Aber lerne, deine Gefühle in Worte zu fassen, wenn du kannst: Ich bin traurig. Ich bin wütend. Ich habe Angst. Ich brauche Hilfe.“

Da geschah ein Wunder.

Der Eulenmann spürte, wie seine Arme zu Flügeln wurden und seine großen, aufmerksamen Augen im Dunkeln noch besser sahen. Er verwandelte sich in eine Eule und flog in den Wald.

„Hu-hu-hu“, rief er zwischen den Bäumen.

Nicht aus Rache und nicht vor Wut. So klang einfach seine neue Stimme im nächtlichen Wald.

Auch das Mädchen spürte, wie seine Schultern leicht wurden. Seine Arme verwandelten sich in Flügel, und es wurde zu einem Fischadler, der über dem Großen Wasser kreiste.

Sein Ruf war laut und durchdringend.

Doch nun sagte niemand mehr:

„Sei still.“

Die Menschen blickten zum Himmel und sagten:

„Das ist die Stimme eines Vogels. Sie bedeutet etwas.“

Seitdem hält sich die Eule im Wald auf, und der Fischadler liebt das Wasser und den offenen Himmel.

Ihre Stimmen sind sehr verschieden.

Die eine ertönt im Dunkeln:

„Hu-hu-hu …“

Die andere klingt über die Wellen:

„Kiiiii!“

Wenn die alten Menschen sie hören, erinnern sie Kinder und Erwachsene an etwas ganz Einfaches: Eine Stimme muss nicht immer zum Schweigen gebracht werden. Manchmal muss man ihr zuhören.