

Serbien
Gute Taten gehen nicht verloren
Güte, Großzügigkeit, Meer, Belohnung
- Land
- Serbien
- Alter
- 6–10 Jahre

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Gute Taten gehen nicht verloren
Es lebte einmal in einer Stadt am Meer ein wohlhabender Kaufmann. Er hatte einen einzigen Sohn, den er sehr liebte und dem er eines Tages sein Geschäft übergeben wollte.
Der Sohn wurde zu einem gütigen, neugierigen jungen Mann. Gern stand er am Hafen und sah zu, wie die Schiffe aus fernen Ländern einliefen. Auf ihren Decks duftete es nach Gewürzen, Holz und Meersalz. Die Matrosen erzählten von Inseln, großen Flüssen und Städten, in denen es niemals schneite.
Eines Tages sagte der junge Mann zu seinem Vater:
„Lass mich selbst zu einer Handelsreise aufbrechen. Ich möchte nicht nur aus Büchern lernen, wie man Geschäfte führt.“
Der Kaufmann überlegte und war einverstanden. Er rüstete ein gutes Schiff aus, belud es mit Waren und gab seinem Sohn einen Rat mit:
„Handle ehrlich, überstürze nichts und gib auf das Acht, was du hast.“
„Ich werde es versuchen, Vater“, antwortete der junge Mann.
Das Schiff stach in See.
Nach einigen Tagen begegneten sie einem anderen Schiff. Darauf waren viele Menschen, die gegen ihren Willen weit von zu Hause fortgebracht wurden. Der junge Mann sah ihre erschöpften Gesichter und fragte den Kapitän dieses Schiffes:
„Kann man sie freilassen?“
„Ja, wenn du für alle das Lösegeld bezahlst“, antwortete er.
Die Summe war riesig. Der junge Mann zählte sein Geld und begriff: Selbst der Erlös für sämtliche Waren würde nicht genügen.
Lange schwieg er. Dann sagte er:
„Dann gebe ich die Ladung und das Schiff dazu. Die Menschen sind wichtiger.“
Die Matrosen staunten. Doch der junge Mann blieb dabei.
Bald waren alle Gefangenen frei. Jeder konnte seinen eigenen Weg gehen. Unter ihnen waren eine junge Frau und ihre ältere Begleiterin. Sie wollten ihren Retter nicht allein lassen und baten darum, mit ihm bis in eine sichere Stadt reisen zu dürfen.
So kehrte der junge Mann fast ohne Besitz, aber mit reinem Herzen nach Hause zurück.
Als sein Vater hörte, was geschehen war, wurde er zunächst sehr zornig.
„Ich habe dir ein Schiff und Waren gegeben, und du kommst mit leeren Händen zurück!“
„Nicht ganz mit leeren Händen“, antwortete der Sohn leise. „Ich habe Menschen ihre Freiheit zurückgegeben.“
Der Kaufmann murrte noch lange, doch mit der Zeit sah er, dass sein Sohn die Tat nicht bereute. Außerdem erwies sich die junge Frau, die er gerettet hatte, als klug und gütig. Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten bald.
Einige Zeit verging. Der Vater beruhigte sich und erlaubte seinem Sohn erneut, aufs Meer hinauszufahren.
„Diesmal“, sagte er, „bring wenigstens das Schiff zurück.“
Der junge Mann lächelte.
„Ich werde mir große Mühe geben.“
Die zweite Reise begann gut. Doch in einer Hafenstadt erfuhr der junge Mann, dass einige arme Familien wegen alter Schulden und Steuern in große Not geraten waren. Sie durften die Stadt erst verlassen, wenn sie bezahlt hatten.
Der junge Mann ging zu den Stadtältesten.
„Wie viel braucht ihr, damit all diese Menschen nach Hause zurückkehren können?“
Man nannte ihm eine Summe.
Wieder war sie höher als alles, was er besaß.
Der junge Mann sah sein Schiff an, seufzte und sagte:
„Nehmt die Ladung. Wenn es nicht reicht, verkauft auch das Schiff.“
So kehrte er zum zweiten Mal ohne Gewinn nach Hause zurück.
Sein Vater schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Mein Sohn! Du bist wohl der einzige Kaufmann auf der Welt, der jedes Mal sein Schiff verkauft, ohne damit ein Handelsgeschäft zu machen!“
Der junge Mann lachte.
„Dafür kenne ich viele Menschen, die heute zu Hause bei ihren Kindern schlafen.“
Diesmal blieb der Vater nicht lange zornig. Tief in seinem Herzen begann er bereits, stolz auf seinen Sohn zu sein, obwohl er es nicht gern zugab.
Einige Jahre später rüstete er ein drittes Schiff für ihn aus, noch größer und stärker.
Am Bug des Schiffes malte ein Künstler das Gesicht der jungen Frau des Kaufmannssohnes, am Heck das ihrer älteren Begleiterin. Es war eine Erinnerung an die erste wundersame Reise.
Das neue Schiff fuhr weit übers Meer und lief eines Tages in den Hafen eines großen Königreichs ein.
Als der dortige König die gemalten Gesichter sah, wurde er blass.
„Woher stammen diese Bilder?“
Der junge Mann erzählte von seiner ersten Seereise.
Der König hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Dann sagte er mit Tränen in den Augen:
„Die junge Frau am Bug ist meine Tochter. Sie verschwand vor vielen Jahren auf einer Reise. Wir hatten die Hoffnung, sie zu finden, beinahe verloren.“
Der junge Mann konnte kaum glauben, was er hörte.
„Eure Tochter lebt. Sie ist meine Frau.“
Der König ließ Geschenke vorbereiten und bat:
„Kehre nach Hause zurück. Bring sie zu mir. Und bring deine Eltern mit. Für euch alle ist hier Platz.“
Der König schickte einen seiner hohen Höflinge mit dem jungen Mann, damit er ihm unterwegs half. Früher hatte dieser Mann selbst gehofft, die Prinzessin zu heiraten. Als er erfuhr, dass sie mit einem anderen glücklich war, ließ er den Neid in sein Herz einziehen.
Eines Nachts, als das Schiff an einer kleinen Felseninsel vorbeifuhr, ließ der Höfling den jungen Mann durch eine List am Ufer zurück und befahl dem Schiff, weiterzufahren.
Der junge Mann erwachte allein mitten im Meer. Um ihn rauschten die Wellen, über seinem Kopf kreisten Möwen.
„Soll ich nach allem wirklich hierbleiben müssen?“, dachte er.
Doch am nächsten Morgen erschien in der Nähe ein kleines Fischerboot.
Ein alter Fischer hörte seine Rufe und ruderte zum Felsen.
„Steig ins Boot“, sagte er. „Ich bringe dich ans Festland.“
Der junge Mann bedankte sich.
„Wie kann ich dir danken?“
Der Alte scherzte:
„Wenn du einmal sehr reich wirst, gib mir die Hälfte von dem, was du hast.“
„Abgemacht“, antwortete der junge Mann ernst. „Ich werde es nicht vergessen.“
Sie schrieben das Versprechen sogar auf ein Stück Papier, weil dem Alten die Feierlichkeit des Augenblicks gefiel.
Inzwischen kehrte der Höfling ins Königreich zurück und erfand die Geschichte, der junge Mann sei auf See umgekommen.
Doch dessen Frau glaubte ihm nicht.
„Ich spüre, dass er lebt“, wiederholte sie.
Einige Wochen vergingen. Der junge Mann erreichte die Hauptstadt in alten Reisekleidern. Am Schloss erkannte man ihn nicht und ließ ihn nicht hinein. Da gab er einer Magd einen kleinen Ring, den seine Frau ihm am Hochzeitstag geschenkt hatte.
Sobald die Prinzessin den Ring sah, rief sie:
„Er ist es! Er ist zurück!“
Sofort brachte man den jungen Mann ins Schloss. Er erzählte die Wahrheit von der Insel und dem Fischer.
Der König wurde zornig auf den neidischen Höfling, doch der junge Mann bat:
„Bestraft ihn nicht grausam. Er soll den Hof verlassen und lernen, ehrlicher zu leben.“
So geschah es.
Bald übertrug der alte König seiner Tochter und ihrem Mann einen Teil seiner Aufgaben. Später wurden sie weise Herrscher. Der junge Mann erinnerte sich daran, wie er selbst einst Ungerechtigkeit gesehen hatte, und kümmerte sich besonders um diejenigen, denen es schlecht ging.
Eines Tages kam der alte Fischer ins Schloss.
„Erinnerst du dich an unsere Abmachung?“, fragte er und zeigte das vergilbte Stück Papier.
„Natürlich“, antwortete der junge König. „Ich habe dir die Hälfte von allem versprochen, was ich haben werde.“
Die Höflinge erstarrten. Sie erwarteten, dass der König versuchen würde, sich aus dem seltsamen Versprechen herauszureden.
Doch er rief den Schatzmeister.
„Fangen wir an zu teilen.“
„Auch das Gold?“, fragte der Schatzmeister nach.
„Die Hälfte.“
„Auch die Ländereien?“
„Die Hälfte.“
„Auch die Pferde, Schiffe und Gärten?“
„Alles, was wirklich mir gehört und was ich teilen darf.“
Der alte Fischer betrachtete ihn und lächelte immer breiter.
Schließlich hob er die Hand.
„Es reicht.“
„Aber wir sind noch nicht fertig“, sagte der König erstaunt.
„Ich möchte nichts mitnehmen“, sagte der Alte. „Ich wollte nur wissen, ob du noch derselbe Mensch bist, der einst sein Schiff für Fremde hergegeben hat.“
Plötzlich kam es allen vor, als würde es um ihn herum etwas heller.
„Gute Taten verschwinden nicht“, sagte er. „Sie reisen länger durch die Welt als Schiffe. Und eines Tages kehren sie zu dem zurück, der sie getan hat.“
Nach diesen Worten verabschiedete sich der Alte und ging zum Meer. Ob er ein gewöhnlicher Fischer, ein guter Zauberer oder ein Bote des Schicksals war, erfuhr niemand.
Der junge König aber dachte noch lange an seine Worte.
Seitdem sagte man in diesem Königreich: Wenn du etwas Gutes getan hast und sich niemand bei dir bedankt, sei nicht traurig. Das Gute ist nicht verloren gegangen. Es ist nur noch unterwegs.
