Cover: Doktor Allwissend

Deutschland

Doktor Allwissend

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Deutschland
Alter
6–10 Jahre
Dauer
7 Min.
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Doktor Allwissend

Ein armer Bauer namens Krabbe lebte mit seiner Frau Greta in einem kleinen Haus. Er besaß zwei Ochsen und einen alten Wagen. Um Geld für Brot zu verdienen, fällte er Holz, lud es auf den Wagen und brachte es in die Stadt.

Eines Tages verkaufte er eine ganze Wagenladung an einen wohlhabenden Arzt.

Der Arzt bat ihn zu warten, während er das Geld abzählte, und setzte sich gerade zum Mittagessen.

Auf dem Tisch dampfte Suppe, frisches Brot duftete, und in einem Krug glänzte Apfelsaft.

Krabbe sah das alles und dachte:

„Arzt zu sein muss schön sein. Die Leute achten einen, und man muss nicht im Regen im Wald arbeiten. Ob ich wohl auch Arzt werden könnte?“

Er fasste sich ein Herz.

„Herr Doktor, ist es sehr schwer, so einer zu werden wie Ihr?“

Der Arzt wollte einen Scherz machen.

„Überhaupt nicht“, sagte er. „Kauf dir ein dickes Buch mit einem Hahn auf dem Umschlag, zieh einen ordentlichen Rock an und häng über deine Tür ein Schild: Doktor Allwissend. Dann bist du fertig.“

Krabbe bemerkte nicht, dass der Arzt scherzte.

Er verkaufte seinen Wagen und die Ochsen, kaufte ein Lesebuch mit einem Hahn auf dem Einband, einen neuen Rock und ließ ein großes Schild anfertigen.

Bald stand über seiner Tür:

„DOKTOR ALLWISSEND“

Seine Frau Greta las die Aufschrift und schüttelte den Kopf.

„Krabbe, ein Schild macht einen Menschen noch nicht klug.“

„Aber jetzt weiß wenigstens jeder, wo er mich findet“, antwortete er würdevoll.

Einige Wochen vergingen.

Krabbe gab den Menschen einfache Ratschläge: sich auszuruhen, warmen Tee zu trinken, nicht barfuß über kalten Boden zu laufen.

Wenn er keine Antwort wusste, blätterte er sehr lange in seinem Lesebuch, als stünden darin sämtliche Geheimnisse der Welt.

Eines Tages hielt eine prächtige Kutsche vor seinem Haus.

Der Diener eines reichen Herrn stieg aus.

„Seid Ihr Doktor Allwissend?“

Krabbe sah auf sein Schild.

„So steht es dort.“

„Meinem Herrn ist eine große Geldsumme abhandengekommen. Man sagt, Ihr wisst alles. Kommt mit und helft uns, sie zu finden.“

Krabbe schluckte.

Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie man gestohlenes Geld suchte.

„Ich komme“, sagte er schließlich. „Aber meine Frau Greta muss mit.“

„Von mir aus.“

So gelangten Krabbe und Greta auf ein großes Gut.

Der Hausherr wollte die Gäste zuerst bewirten.

Als der erste Diener eine Speise hereintrug, stieß Krabbe seine Frau leicht mit dem Ellbogen an.

„Greta, da ist der erste.“

Er meinte die erste Speise.

Der Diener aber wurde blass.

Denn er war einer von denen, die wussten, wo das verschwundene Geld lag.

„Er hat mich erkannt!“, dachte er.

Kurz darauf kam ein zweiter Diener mit einem weiteren Gericht.

„Und da ist der zweite“, flüsterte Krabbe.

Der zweite hätte beinahe seine Platte fallen lassen.

Der dritte hörte:

„Jetzt kommt der dritte.“

Auch er erschrak.

Greta verstand gar nichts.

„Warum zählst du die Diener?“, fragte sie leise.

„Ich zähle nicht die Diener. Ich zähle die Gänge, damit ich weiß, wann der Nachtisch kommt.“

Ein vierter Diener brachte eine zugedeckte Schüssel.

Der Hausherr lächelte.

„Doktor Allwissend, zeigt uns Eure Weisheit. Was ist unter dem Deckel?“

Krabbes Hände wurden kalt.

Er sah auf die Schüssel.

Dann auf sein Buch.

Schließlich murmelte er traurig:

„Ach, armer Krabbe. Jetzt bist du wirklich gefangen.“

Der Hausherr hob den Deckel.

In der Schüssel lagen gekochte Krabben.

„Unglaublich!“, rief er. „Ihr wusstet sogar das!“

Krabbe blinzelte.

„Nun... heute habe ich offenbar wirklich Glück.“

Die drei Diener sahen einander an.

Nun waren sie überzeugt, dass Doktor Allwissend alles wusste.

Nach dem Essen zogen sie ihn in einen Flur.

„Herr Doktor“, flüsterte der erste. „Wir müssen mit Euch sprechen.“

Sie gestanden, dass sie das Geld selbst versteckt hatten.

Zunächst hatten sie geglaubt, niemand würde es bemerken. Jetzt bekamen sie Angst vor den Folgen und wollten alles zurückgeben.

„Zeigt mir, wo es liegt“, sagte Krabbe. „Und das Beste, was ihr tun könnt, ist jede einzelne Münze zurückzugeben und so etwas nie wieder zu tun.“

Die Diener führten ihn zum Versteck.

Krabbe kehrte mit sehr ernstem Gesicht in den Saal zurück.

Er legte sein Lesebuch vor sich, schlug es auf und blätterte langsam.

„Nun wird mir mein Buch sagen, wo wir suchen müssen.“

In diesem Moment hatte sich ein anderer Diener, der prüfen wollte, ob der Doktor wirklich alles wusste, hinter dem großen Ofen versteckt.

Krabbe blätterte und suchte den Hahn, den er vom Umschlag kannte. Doch er fand ihn nicht.

„Ich weiß, dass du irgendwo hier bist“, murmelte er ärgerlich zu dem Hahn. „Komm besser heraus.“

Der Diener hinter dem Ofen sprang auf.

„Er weiß sogar von mir!“, rief er und kam hervor.

Alle im Saal erstarrten.

Greta hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht zu lachen.

Krabbe stand auf und erklärte feierlich, wo das Geld versteckt war.

Bald war die gesamte Summe wieder da.

Der Hausherr war begeistert.

„Doktor Allwissend, Ihr habt Eurem Namen alle Ehre gemacht!“

Krabbe sah zu Greta.

Sie hob nur eine Augenbraue.

Da beschloss er, zum ersten Mal an diesem Tag ganz ehrlich zu sein.

„Nicht ganz, Herr. Heute hat mir der Zufall sehr geholfen. Und einige Leute hatten genug Gewissen, ihren Fehler zu korrigieren. Ich weiß ganz bestimmt nicht alles.“

Der Hausherr lachte.

„Dann wisst Ihr immerhin etwas Seltenes: wann man zugeben muss, dass man etwas nicht weiß.“

Er bezahlte Krabbe großzügig für seine Hilfe.

Zu Hause nahm Krabbe das Schild „Doktor Allwissend“ ab und stellte es in den Vorratsraum.

„Also kein Doktor mehr?“, fragte Greta.

„Vielleicht irgendwann“, sagte Krabbe. „Aber zuerst muss ich lernen. Ein Hahn auf einem Buch reicht für Weisheit nicht aus.“

Von da an las er viel, hörte anderen Menschen aufmerksam zu und schämte sich nie zu sagen:

„Das weiß ich noch nicht.“

Sein altes Schild zeigte er Gästen manchmal trotzdem.

Dann erzählte er die seltsame Geschichte von dem Tag, an dem der Zufall ihn für einige Stunden tatsächlich zu Doktor Allwissend gemacht hatte.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨