

Tschechien
Langbein, Breitbauch und Scharfblick
Freundschaft, Zauberkräfte, Rettung, Zusammenarbeit
- Land
- Tschechien
- Alter
- 7–11 Jahre

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Langbein, Breitbauch und Scharfblick
Es war einmal ein alter König, der hatte einen einzigen Sohn.
Eines Tages rief der König den Prinzen zu sich und sagte:
„Mein Sohn, ich bin nicht mehr jung. Ich würde gern wissen, dass du nicht einsam sein wirst und einen Menschen an deiner Seite hast, mit dem du dein Leben teilen möchtest. Aber die Wahl liegt bei dir, nicht bei mir.“
Der Prinz dachte nach.
„Ich würde einen solchen Menschen gern kennenlernen, Vater. Aber bisher kenne ich niemanden.“
Der König zog einen goldenen Schlüssel aus der Tasche.
„Dann steig ganz hinauf in den alten Turm. Dort gibt es ein Zimmer, das du noch nie gesehen hast. Schau, was es dir zeigen wird.“
Der Prinz nahm den Schlüssel und ging hinauf.
Die Treppe wand sich immer höher. Schließlich erschien über ihm eine kleine eiserne Tür. Der goldene Schlüssel drehte sich im Schloss, die Tür öffnete sich, und der Prinz trat in einen runden Saal.
Die Decke war blau und silbern wie der Nachthimmel. Unter seinen Füßen lag ein grüner Teppich, und ringsum leuchteten zwölf hohe Fenster in goldenen Rahmen.
Auf jedem Fenster war eine junge Prinzessin gemalt.
Doch die Bilder waren verzaubert. Sobald der Prinz näher trat, schienen die Mädchen auf dem Glas lebendig zu werden: Sie lächelten, drehten den Kopf und hoben grüßend die Hand.
Elf Fenster waren frei zu sehen. Das zwölfte war von einem weißen Vorhang verdeckt.
Der Prinz zögerte, doch seine Neugier siegte. Er schob den Stoff beiseite.
Dahinter erschien ein Mädchen in einem weißen Gewand, mit einem silbernen Gürtel und einer Perlenkrone. Anders als die übrigen lächelte es nicht. Sein Gesicht war sehr traurig.
Der Prinz sah sie lange an.
„Ich weiß nicht, wer du bist“, sagte er leise, „aber ich glaube, du brauchst Hilfe.“
Das Mädchen auf dem Glas nickte kaum merklich.
Im selben Augenblick verschwanden alle zwölf Bilder.
Der Prinz eilte zu seinem Vater und erzählte, was geschehen war.
Der König wurde blass.
„Ich hätte dich nicht dorthin schicken sollen“, sagte er. „Dieses Mädchen ist im Eisernen Schloss. Ein Zauberer hält sie gefangen. Viele tapfere Menschen haben versucht, zu ihr zu gelangen, aber niemand ist zurückgekehrt.“
Der Prinz schwieg einen Moment.
„Dann werde ich trotzdem hinreiten. Nicht wegen des Bildes und nicht wegen der Krone. Einfach, weil ich jetzt weiß, dass sie dort allein ist.“
Der König umarmte seinen Sohn.
„Dann sei vorsichtig. Und denk daran: Auch der tapferste Mensch muss nicht alles allein tun.“
Diese Worte sollten sich als sehr wichtig erweisen.
Der Prinz stieg auf sein Pferd und machte sich auf den Weg.
Schon am ersten Tag verirrte er sich in einem dichten Wald. Die Pfade liefen kreuz und quer, die Sonne verschwand hinter den Baumwipfeln, und der Prinz wusste nicht mehr, wohin er reiten sollte.
Plötzlich rief jemand hinter ihm:
„He, wartet!“
Ein großer, schlanker Mann lief auf ihn zu.
„Nehmt mich mit“, sagte der Fremde. „Ich kann Euch nützlich sein.“
„Wie heißt du?“
„Langbein. Weil ich mich lang machen kann.“
„Wie lang?“
Langbein lächelte.
„Seht Ihr das Nest im Wipfel jener Kiefer?“
Er richtete sich auf und begann zu wachsen.
Höher als die Büsche.
Höher als die jungen Bäume.
Höher als die höchste Kiefer.
Er erreichte das Nest mit der Hand, rückte behutsam einen verrutschten Zweig zurecht und war im nächsten Augenblick wieder so groß wie zuvor.
„Beeindruckend“, sagte der Prinz. „Aber im Moment ist es für mich wichtiger, den Weg aus dem Wald zu finden.“
„Das ist noch einfacher.“
Langbein streckte sich so hoch, dass sein Kopf beinahe die Wolken berührte.
„Ich sehe den Ausgang! Dort entlang.“
Bald kamen sie auf eine weite Ebene.
In der Ferne sah man graue Felsen und noch weiter dahinter Berge.
Langbein kniff die Augen zusammen.
„Dort geht mein Freund. Auch er wird uns helfen können.“
„Ruf ihn her.“
„Er hört mich nicht. Zu weit weg.“
Langbein machte zwei riesige Schritte, gelangte bis zum Horizont und kam mit einem rundlichen, kräftigen Mann auf der Schulter zurück.
„Das ist Breitbauch“, stellte er seinen Freund vor.
„Und was kannst du?“, fragte der Prinz.
„Mich breit machen“, antwortete Breitbauch.
„Zeigst du es uns?“
„Ja. Aber geht erst ein Stück zurück.“
Der Prinz und Langbein eilten zum Wald zurück.
Breitbauch holte Luft und begann, in die Breite zu wachsen.
Noch ein bisschen.
Noch mehr.
Und noch mehr.
Bald war er so groß wie ein Hügel und nahm fast die ganze Ebene ein.
Dann atmete er aus und wurde wieder kleiner.
„Mit dir sollte man sich besser nicht in einem engen Zimmer streiten“, lachte der Prinz. „Komm mit uns.“
Bei den grauen Felsen begegneten sie einem dritten Mann. Er trug eine Binde vor den Augen.
„Und das ist Scharfblick“, sagte Langbein.
„Wenn du Scharfblick heißt, warum verdeckst du dann deine Augen?“, fragte der Prinz erstaunt.
„Weil ich ohne die Binde zu gut sehe“, antwortete er. „Durch Bäume, Mauern und Steine hindurch. Und wenn ich meinen Blick ganz fest auf etwas richte, kann sogar ein Felsen zerfallen.“
Er nahm die Binde für einen Moment ab und blickte auf einen großen Felsen.
Der Stein knisterte, zerbröckelte zu Sand, und in seinem Inneren blitzte ein Stück Gold auf.
Scharfblick band sich die Augen sofort wieder zu.
„Man sollte vorsichtig damit umgehen“, sagte er.
Der Prinz nickte.
„Deine Einstellung gefällt mir. Sag, kannst du das Eiserne Schloss sehen?“
Scharfblick wandte den Kopf.
„Ich sehe es. Allein würdest du sehr lange brauchen, um dorthin zu gelangen. Mit uns wirst du noch vor dem Abend dort sein.“
„Und das Mädchen?“
„In einem hohen Turm. Der Zauberer bewacht sie.“
„Helft ihr mir?“
Alle drei antworteten zugleich:
„Wir helfen Euch.“
So lernte der Prinz das erste Geheimnis einer großen Aufgabe: Manchmal liegt die wichtigste Stärke eines Helden darin, rechtzeitig Hilfe anzunehmen.
Langbein fand die kürzesten Pfade.
Breitbauch schob schwere Hindernisse beiseite.
Scharfblick erkannte den Weg durch die Felsen.
Vor Sonnenuntergang erreichten sie das Eiserne Schloss.
Es stand in einem Land, in dem eine unheimliche Stille herrschte. Die Bäume hatten keine Blätter. Der Fluss bewegte sich nicht. Im Hof standen versteinerte Pferde, in den Zimmern versteinerte Ritter und Diener.
Es schien, als hätte jemand hier die Zeit selbst angehalten.
Im großen Saal wartete bereits ein Abendessen auf die vier Reisenden.
„Seltsam“, flüsterte der Prinz.
„Man hat uns erwartet“, erwiderte Scharfblick.
Kaum hatten sie gegessen, da flogen die Türen auf.
Der Zauberer trat ein, gekleidet in ein langes schwarzes Gewand. Um seine Taille lagen drei eiserne Reifen.
Neben ihm ging dasselbe Mädchen, das auf dem Zauberfenster zu sehen gewesen war.
Sie war blass und schweigsam.
„Ich weiß, warum ihr gekommen seid“, sagte der Zauberer. „Ihr wollt sie befreien. Nun gut, versucht es.“
Er stellte eine Bedingung:
„Drei Nächte soll sie hierbleiben. Wenn ihr sie jeden Morgen zurückbringen könnt, verlieren meine Zauber ihre Kraft. Wenn nicht, werdet auch ihr unbeweglich in diesem Schloss bleiben, wie alle anderen.“
Der Zauberer ging fort.
Der Prinz wandte sich an das Mädchen:
„Ich weiß nicht, wie du heißt. Aber wir sind nicht gekommen, um dir Befehle zu geben oder für dich zu entscheiden. Wir wollen dir helfen, von hier fortzukommen.“
Das Mädchen antwortete nicht. Der Zauber ließ sie nicht sprechen.
Die erste Nacht kam.
Langbein streckte sich an den Wänden entlang.
Breitbauch setzte sich so dicht in die Tür, dass niemand hindurchkonnte.
Scharfblick stellte sich neben eine Säule.
Der Prinz saß bei dem Mädchen.
Doch über dem Schloss lag ein Schlafzauber.
Einem nach dem anderen fielen die Augen zu.
Am Morgen erwachte der Prinz und sah, dass das Mädchen verschwunden war.
„Scharfblick!“
Dieser blickte durch das Fenster.
„Ich sehe sie. Hundert Meilen von hier liegt ein Wald. Im Wald steht eine alte Eiche. An der Eiche hängt eine Eichel. Der Zauberer hat sie in dieser Eichel verborgen.“
„Langbein, komm mit mir“, sagte er.
Scharfblick setzte sich auf die Schulter seines Freundes.
Langbein machte ein paar gewaltige Schritte, und bald standen sie bei der Eiche.
Scharfblick zeigte ihm die richtige Eichel.
Eine Minute später waren die Freunde zurück.
„Leg sie auf den Boden“, sagte Scharfblick.
Der Prinz legte die Eichel hin.
Ein Licht blitzte auf, und das Mädchen stand wieder vor ihnen.
In diesem Augenblick ging die Sonne auf.
Der Zauberer trat ein, sah sie und zog die Brauen zusammen.
Krach!
Einer der eisernen Reifen um seine Taille sprang entzwei.
Die zweite Nacht war noch schwerer.
Alle versuchten, wach zu bleiben: Sie gingen umher, unterhielten sich und wuschen sich mit kaltem Wasser.
Doch der Zauber war stärker.
Am Morgen war das Mädchen wieder verschwunden.
Scharfblick blickte lange in die Ferne.
„Zweihundert Meilen von hier steht ein Berg. Darin liegt ein Felsen. In dem Felsen steckt ein Edelstein. Dort ist sie.“
Langbein nahm Scharfblick mit und eilte davon.
Als sie den Berg erreichten, nahm Scharfblick vorsichtig die Binde ab.
Sein Blick bahnte einen Weg durch den Stein. Der Felsen zerfiel, und in seinem Inneren glänzte ein kleiner Edelstein.
Die Freunde brachten ihn ins Schloss.
Sobald er den Boden berührte, nahm das Mädchen wieder seine eigene Gestalt an.
Der Zauberer kam herein.
Krach!
Der zweite Reifen zersprang.
Nun blieb noch die dritte Nacht.
„Heute wird er sie noch weiter fort verstecken“, sagte Scharfblick.
„Dann müssen wir heute noch einfallsreicher sein“, antwortete der Prinz.
Doch der Zauberschlaf siegte wieder.
Bei Tagesanbruch war das Mädchen verschwunden.
Scharfblick schaute lange, sehr lange.
Schließlich sagte er:
„Sehr weit von hier liegt ein schwarzes Meer. Auf dem Meeresgrund liegt eine Muschel. In der Muschel steckt ein goldener Ring. Das Mädchen ist in diesen Ring verwandelt worden.“
„Diesmal brauchen wir alle“, sagte Langbein.
Er setzte Scharfblick auf die eine Schulter, Breitbauch auf die andere und ging los.
Ein Schritt.
Noch ein Schritt.
Die Berge lagen hinter ihnen.
Bald erstreckte sich das schwarze Meer vor ihnen.
Scharfblick zeigte die Stelle.
Langbein streckte die Hand ins Wasser, konnte den Grund aber nicht erreichen.
„Jetzt bin ich an der Reihe“, sagte Breitbauch.
Er machte sich breit, wurde riesengroß und begann, wie ein gewaltiger Schwamm Wasser in sich aufzunehmen.
Der Meeresspiegel sank.
„Noch ein wenig!“, rief Scharfblick.
Langbein streckte die Hand noch tiefer hinunter und ertastete die Muschel.
Darin lag der goldene Ring.
„Ich habe ihn!“
Doch es blieb kaum noch Zeit.
Langbein eilte zurück, aber Breitbauch war voller Meerwasser und ungeheuer schwer geworden.
„So schaffen wir es nicht rechtzeitig!“, sagte Langbein.
„Dann lass mich das Wasser loswerden“, antwortete Breitbauch.
Sie hielten über einem weiten, menschenleeren Tal an. Breitbauch atmete aus, das Wasser ergoss sich hinein und bildete einen neuen See.
„Eines Tages werden Enten hierherfliegen“, sagte er zufrieden.
Und die Freunde eilten weiter.
Im Schloss brach bereits der Morgen an.
Der Zauberer erschien in der Tür und lächelte.
„Diesmal habt ihr verloren.“
Doch genau in diesem Augenblick erkannte Scharfblick die Gefahr aus der Ferne.
„Langbein! Wirf!“
Langbein holte aus und warf den goldenen Ring durch das offene Fenster.
Kling!
Der Ring fiel auf den Boden.
In einem Lichtblitz erschien das Mädchen.
Der dritte eiserne Reifen um die Taille des Zauberers bekam einen Riss.
Krach!
Der Zauberer wirbelte wie ein schwarzer Sturm herum, verwandelte sich in einen Raben und flog durch das zerbrochene Fenster hinaus.
Sein Zauber war gebrochen.
Das Mädchen atmete tief ein.
„Endlich kann ich sprechen“, sagte sie.
Der Prinz lächelte.
„Wie heißt du?“
Sie nannte ihren Namen und dankte allen vieren.
Im selben Augenblick erwachte das ganze Schloss zum Leben.
Der versteinerte Ritter senkte sein Schwert.
Ein Diener, der mit seinem Abendessen in der Hand erstarrt war, führte endlich den Löffel zum Mund.
Die Pferde wieherten.
Vor den Fenstern entfalteten sich Blätter an den Bäumen.
Der Fluss begann wieder zu fließen.
Auf den Wiesen blühten Blumen auf.
Am Himmel sang eine Lerche.
Die Menschen, die der Zauberer im steinernen Schlaf gefangen gehalten hatte, versammelten sich im Saal.
„Wir danken Euch, Prinz!“, sagten sie.
Doch der Prinz schüttelte den Kopf.
„Nicht mir allein. Ohne Langbein, Breitbauch und Scharfblick hätte ich es schon am ersten Tag nicht bis hierher geschafft.“
Das Mädchen fügte hinzu:
„Und wenn nicht jeder von euch seine Kraft für andere eingesetzt hätte, wäre das Schloss verzaubert geblieben.“
Als es Zeit war, heimzukehren, entschied sie selbst, mit ihnen zu reisen, um das Königreich des Prinzen zu sehen und seine Familie kennenzulernen.
Der alte König, der schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, seinen Sohn wiederzusehen, empfing sie mit Freudentränen.
Nach einiger Zeit beschlossen der Prinz und die befreite Prinzessin zu heiraten. Die Hochzeit war fröhlich und dauerte lange, doch am lebhaftesten erinnerten sich die Menschen später weder an die gedeckten Tische noch an die Musik.
Sie erinnerten sich an die drei seltsamen Freunde.
Nach dem Fest machten sich Langbein, Breitbauch und Scharfblick zur Reise bereit.
„Bleibt doch“, bat der Prinz. „Ihr sollt alles haben, was ihr euch wünscht.“
Langbein lachte.
„Warum sollten wir untätig herumsitzen?“
Breitbauch klopfte sich auf den Bauch.
„Ich habe noch so viele Orte nicht gesehen.“
Scharfblick rückte seine Augenbinde zurecht.
„Und irgendwo braucht bestimmt wieder jemand Hilfe.“
Sie verabschiedeten sich und gingen die Straße entlang.
Man sagt, sie seien noch heute irgendwo auf der Welt unterwegs.
Einer sieht weiter als alle anderen.
Der zweite kann dorthin reichen, wo niemand sonst hinkommt.
Der dritte kann größer werden als ein ganzes Hindernis.
Doch darin liegt nicht ihre wahre Stärke.
Sie liegt darin, dass drei ganz verschiedene Menschen gelernt haben, gemeinsam zu handeln.
