

Südkorea
Der Holzfäller und die Bergfeen
Bergfeen, Spiel, vergehende Zeit, Heimkehr
- Land
- Südkorea
- Alter
- 7–11 Jahre

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Der Holzfäller und die Bergfeen
Vor sehr langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf nahe Pjöngjang ein Holzfäller namens Kil Wi.
Er war nicht reich, doch er hatte ein warmes Zuhause, eine Frau, Kinder und einen großen, sanften Ochsen. Der Ochse half ihm, Brennholz aus den Bergen ins Dorf zu bringen. Die Kinder liebten ihn so sehr, dass sie seine Hörner mit Bändern schmückten, seine breite Stirn streichelten und ihm das saftigste Gras brachten.
An jedem fünften Tag war auf dem Dorfplatz Markt. Kil Wi verkaufte dort Reisigbündel und Holzscheite. Anschließend kaufte er Reis, Öl, Salz und alles, was seine Familie brauchte.
Eines Sommermorgens beschloss er, allein in die Berge zu gehen. Das Holz in der Nähe des Dorfes war längst geschlagen, deshalb mussten die Holzfäller immer weitere Wege zurücklegen.
„Komm zum Abendessen zurück!“, rief seine Frau von der Tür aus. „Unser ältester Sohn ist angeln gegangen. Heute gibt es eine schöne Fischsuppe.“
„Vor Sonnenuntergang bin ich zu Hause“, versprach Kil Wi.
Er legte die Axt über die Schulter und ging den Pfad hinauf.
Zuerst kannte er den Weg. Dann kam er an Stellen, die er selten besuchte. Die Kiefern standen dicht, dünne Bäche flossen zwischen den Steinen, und über den Farnen hing kühler Nebel.
Kil Wi fand eine kleine Lichtung und wollte gerade mit der Arbeit beginnen, als er vor sich zwei Fremde bemerkte.
Sie saßen auf flachen Steinen vor einem Brett mit schwarzen und weißen Spielsteinen und spielten Go. Sie trugen seltsame, altmodische Gewänder, als wären sie aus einem uralten Bild gestiegen. Langes Haar fiel ihnen auf die Schultern, und ihre Gesichter waren ruhig und aufmerksam.
Kil Wi begriff sofort: Das waren keine gewöhnlichen Wanderer.
„Wahrscheinlich Berggeister oder Feen“, dachte er.
Er verbeugte sich höflich und wollte schon gehen, um nicht zu stören. Doch einer der Spieler lächelte kaum merklich und deutete mit einem Nicken auf den freien Platz neben sich.
Kil Wi setzte sich.
Das Spiel war fesselnd. Schwarze Steine umschlossen weiße, und die weißen bahnten sich neue Wege. Kil Wi liebte Go und vergaß bald völlig, warum er in den Wald gekommen war.
„Hierhin“, dachte er. „Der weiße Stein muss hierhin!“
Er konnte sich nicht zurückhalten und streckte die Hand zum Brett aus.
Einer der Spieler hielt ihn sanft am Handgelenk fest und schüttelte den Kopf.
„Verzeiht“, sagte Kil Wi verlegen. „Ich war ganz im Spiel versunken.“
Da holte der andere Spieler ein kleines Körnchen hervor, das einem Kakikern ähnelte, und legte es Kil Wi in die Hand.
„Behalte es im Mund, solange du zuschaust“, sagte er leise. „Dann spürst du weder Hunger noch Durst. Aber misch dich nicht ins Spiel ein.“
Kil Wi schob sich das Körnchen seitlich in den Mund.
Und das Spiel ging weiter.
Stunde um Stunde verging. Jedenfalls kam es dem Holzfäller so vor. Die Sonne brannte nicht, der Abend brach nicht an, und sein Magen verlangte nicht nach dem Abendessen. Er sah auf das Brett und dachte nur an den nächsten Zug.
Manchmal wollte er einem der Spieler unbedingt einen Tipp geben. Er öffnete den Mund, doch das seltsame Körnchen schien ihn zu mahnen: Schweig und schau zu.
Kil Wi stützte sein Kinn auf den kräftigen Holzstiel seiner Axt.
Ein schwarzer Stein wurde an den Rand des Brettes gesetzt.
Ein weißer antwortete.
Noch ein schwarzer.
Noch ein weißer.
Kil Wi wusste längst nicht mehr, wie lange die Partie dauerte. Ihm schien es, als gebe es ringsum nur noch das Brett, die Steine und das leise Rauschen der Kiefern.
Dann knackte es plötzlich.
Der Axtstiel unter seinem Kinn zerfiel zu Staub.
Kil Wi verlor seine Stütze, kippte nach vorn und stieß versehentlich an den Rand des Brettes.
Die schwarzen und weißen Steine rollten über die Lichtung.
„Oh! Verzeiht mir!“, rief er.
Doch niemand war da, um zu antworten.
Die Spieler waren verschwunden.
Auch das Brett war verschwunden.
Kein einziger Spielstein lag mehr im Gras. Nur die beiden flachen Felsen waren noch warm, als hätte gerade jemand darauf gesessen.
Kil Wi sah sich um.
„Seltsam …“
Er griff nach seiner Axt und sah, dass der eiserne Kopf zur Hälfte in der Erde steckte und von einer dicken Rostschicht bedeckt war.
„Aber ich bin doch erst heute Morgen hierhergekommen!“
Er berührte sein Gesicht und erstarrte.
An seinem Kinn wuchs ein langer weißer Bart.
Kil Wi hielt seine Hände vor die Augen. Sie waren faltig geworden. Seine Kleidung bestand nur noch aus alten Fetzen, sein Hut war beinahe zerfallen, und sein Haar war grau und fiel ihm auf die Schultern.
Er spuckte das Zauberkörnchen aus.
Erst da hörte er seine eigene Stimme:
„Wie lange habe ich hier gesessen?“
Der Abstieg fiel ihm schwerer als am Morgen. Seine Beine waren schwächer, sein Rücken hatte sich gebeugt. Kil Wi fand einen langen, trockenen Ast und nahm ihn als Wanderstab.
Doch noch mehr als sein eigenes Alter erstaunte ihn der Berg.
Die Pfade hatten sich verändert. Wo alte Bäume gestanden hatten, wuchsen nun junge. Manche Felsen waren zerbröckelt, und die Bäche hatten sich neue Betten gesucht.
Endlich sah er das Tal.
„Da ist mein Dorf …“, flüsterte Kil Wi erleichtert.
Doch nach wenigen Schritten blieb er stehen.
Das Dorf sah anders aus.
Anstelle der vertrauten Hütten standen andere Häuser. Hohe Masten mit Drähten zogen sich durchs Tal. Die Straße war breiter geworden. Die Menschen trugen ungewohnte Kleidung.
Und das Seltsamste war: Niemand erkannte Kil Wi.
Er ging die Straße entlang und suchte sein Haus.
Hier müsste der Laden des alten Pak sein. Weg.
Hier hatte der große Kastanienbaum gestanden, unter dem die Kinder im Sommer spielten. Weg.
Und hier … hier hatte seine Hütte gestanden.
An ihrer Stelle lag ein ganz anderer Hof.
Kil Wi spürte, wie sich sein Herz zusammenzog.
Er hielt einen würdig aussehenden Mann an und verbeugte sich.
„Guter Herr, helft einem alten Mann. Ich suche die Familie eines Holzfällers namens Kil Wi. Seine Frau stammte aus der Familie Kim. Hier müsste ihr Haus stehen.“
Der Mann sah ihn erstaunt an.
„Kil Wi? Den Namen kenne ich aus einer alten Familiengeschichte. Man erzählt, dass hier vor vielen Generationen ein Holzfäller lebte, der eines Tages in die Berge ging und nicht zurückkehrte.“
„Vor vielen … Generationen?“, fragte Kil Wi.
„Ja. Seitdem sind Hunderte von Jahren vergangen.“
Der Holzfäller stützte beide Hände auf seinen Stab.
Es war ihm, als sei der Boden für einen Augenblick so leicht wie eine Wolke geworden.
„Und seine Frau? Seine Kinder?“
Der Mann antwortete behutsam:
„Sie haben ihr Leben längst gelebt. Doch ihre Nachkommen wohnen noch immer in dieser Gegend.“
Er führte Kil Wi zu einem alten Friedhof auf einer Anhöhe. Zwischen den Kiefern lagen dort Steine mit den Namen mehrerer Generationen derselben Familie.
Langsam las Kil Wi die Inschriften.
Hier der Name seiner Frau.
Hier der seines Sohnes.
Hier die Kinder seiner Kinder.
Und danach kamen Namen von Menschen, die er nie gesehen hatte und die doch zu seiner Familie gehörten.
Er setzte sich ins Gras.
Zuerst war er sehr traurig.
Am Morgen, so kam es ihm vor, hatte seine Frau ihm von der Tür aus zugerufen, er solle nicht zu spät zur Fischsuppe kommen. Die Kinder waren um den Ochsen herumgelaufen. Ein ganz gewöhnlicher Tag hatte vor ihm gelegen.
Nun lag dieser Tag Hunderte von Jahren zurück.
Doch nach einer Weile hörte Kil Wi unten im Dorf Kinder lachen. Er sah Rauch aus den Küchen steigen. Jemand kam vom Feld zurück, jemand trug einen Korb, jemand eilte nach Hause.
Das Leben war nicht stehen geblieben.
Es war einfach weitergegangen.
„Ihr wart also alle da“, sagte Kil Wi leise und berührte den Stein mit dem Namen seiner Frau. „Ihr habt geliebt, seid gewachsen, habt gestritten und euch versöhnt, habt Kinder bekommen. Und aus unserem kleinen Zuhause ist eine lange Kette von Menschen hervorgegangen.“
Er wurde ruhiger.
Gegen Abend brachte der freundliche Mann ihm Wasser und Essen, doch Kil Wi rührte die Mahlzeit kaum an.
„Danke“, sagte er. „Ich habe so viel Zeit in den Bergen verbracht. Jetzt möchte ich eine Weile hier sitzen bleiben.“
Die Sonne verschwand hinter dem Gebirgskamm.
Kil Wi lehnte sich mit dem Rücken an eine alte Kiefer, legte seinen Stab neben sich und schloss die Augen.
Er träumte, er sei wieder jung.
Der Ochse wartete am Tor.
Die Kinder riefen ihm vom Hof aus zu.
Seine Frau rührte die Suppe um und tat, als wäre sie böse:
„Ich habe doch gesagt, du sollst zum Abendessen zurück sein!“
Und Kil Wi lachte:
„Ich bin ein bisschen aufgehalten worden.“
Am Morgen kamen die Menschen auf die Anhöhe. Der alte Holzfäller war nicht mehr da. Neben der Kiefer lag nur sein Stab.
Rings um ihn waren über Nacht Blumen gewachsen, die noch niemand im Tal gesehen hatte. Solche Blumen blühten nur hoch in den Bergen, wo der Nebel die Steine berührt und wo man, so sagt man, manchmal das leise Klacken schwarzer und weißer Spielsteine auf einem Brett hören kann.
Von da an erzählten die Alten den Kindern Kil Wis Geschichte und erinnerten sie:
„In den Bergen geht die Zeit ihre eigenen Wege. Wenn du zwei Bergfeen beim Spielen siehst, begrüße sie höflich. Du darfst zuschauen. Aber beeile dich nicht, ihnen einen Zug vorzuschlagen.“
Denn für eine Fee ist eine Partie vielleicht nur ein Spiel. Für einen Menschen aber kann sie ein ganzes Jahrhundert sein.
