Cover: Dudelsack-Tiidu

Estland

Dudelsack-Tiidu

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Estland
Alter
6–10 Jahre
Dauer
9 Min.
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Dudelsack-Tiidu

In einem estnischen Dorf stand eine kleine Hütte, in der eine große Familie lebte.

Alle arbeiteten von morgens bis abends.

Der eine holte Wasser.

Der nächste kümmerte sich um den Garten.

Andere halfen auf dem Feld.

Nur einer der Söhne, Tiidu, fand lange keine Arbeit, die ihm wirklich gefiel.

Schickte man ihn Holz hacken, lauschte er lieber dem Wind in den Kiefern.

Gab man ihm einen Beerenkorb, setzte er sich auf einen Baumstumpf und trommelte mit den Fingern einen Rhythmus auf den Boden des Korbes.

Und wenn er eine Weidenflöte in der Hand hielt, konnte er stundenlang spielen.

Die Nachbarn schüttelten den Kopf.

„Von Musik wird kein Brot gebacken.“

Eines Tages kam ein alter Wanderer am Hof vorbei.

Er hörte Tiidu spielen, blieb am Zaun stehen und lauschte lange.

„Wer hat dir das beigebracht?“

„Niemand. Meine Finger wissen einfach selbst, wohin sie wollen.“

Der Alte lächelte.

„Vielleicht besteht deine Aufgabe nicht darin, alles genauso zu tun wie die anderen. Aber auch Talent braucht Arbeit. Spiel, übe, verdiene deine ersten Münzen und kauf dir einen richtigen Dudelsack. Dann siehst du weiter.“

Tiidu vergaß diese Worte nicht.

Von da an lief er nicht einfach mit seiner Flöte herum.

Er lernte jeden Tag neue Melodien.

Er lauschte Vogelstimmen, dem Regen auf dem Dach und dem Knarren der Wagenräder.

Auf Märkten und Dorffesten spielte er zum Tanz.

Die Leute gaben ihm Brot, Äpfel und manchmal Münzen.

Nach einiger Zeit konnte Tiidu einen Dudelsack kaufen.

Was für ein Instrument!

Sobald er spielte, hüpften die Kinder.

Junge Leute tanzten.

Selbst die würdigsten Bauern klopften mit dem Fuß im Takt.

Bald kannte man Tiidu auch in den Nachbardörfern.

Man lud ihn zu Hochzeiten, Herbstfesten und Erntefeiern ein.

Er kam mit Geschenken und Geld nach Hause.

Seine Familie verstand endlich:

Musik kann echte Arbeit sein.

Am Anfang freute Tiidu sich über jede Gelegenheit zu spielen.

Dann bemerkte er etwas anderes.

Sein Geldbeutel wurde nach jedem Fest schwerer.

Immer häufiger dachte er nicht mehr an Musik.

Er dachte an Münzen.

Eines Tages hörte er:

„Im fernen Kungla sind die Leute reich. Dort zahlt man einem guten Musiker sehr viel.“

„Wenn ich hier schon so viel verdiene, was bekomme ich dann erst dort?“

Tiidu machte sich auf den Weg.

Im Hafen stellte er fest, dass eine Schiffspassage teuer war.

Er wollte seine Münzen nicht ausgeben.

Ein Bekannter schlug eine dumme List vor:

Tiidu sollte sich heimlich an Bord schleichen und später so tun, als wäre er auf wundersame Weise zum Schiff gelangt.

Der Plan ging beinahe schlecht aus.

Als der Kapitän die Wahrheit erfuhr, verzog er das Gesicht.

„Ein Musiker kann geschickte Finger haben. Ein ehrliches Herz wäre ebenso nützlich.“

Tiidu wurde rot.

„Ich zahle, sobald ich kann.“

Der Kapitän ließ ihn trotzdem mitfahren.

Am Abend spielte Tiidu für die Seeleute.

Die Wellen schienen den Rhythmus zu übernehmen.

So erreichte er Kungla.

Die Hauptstadt überwältigte ihn.

Hohe Häuser.

Laute Plätze.

Prächtige Kleidung.

Plötzlich erschien ihm sein alter Dudelsack zu einfach.

„Damit lachen sie mich aus.“

Er versteckte das Instrument und nahm Arbeit in einer großen Küche an.

Eines Tages traf er am Stadttor wieder den alten Wanderer.

„Wo ist deine Musik?“

„Hier braucht sie niemand.“

„Du hast dich schon einmal geirrt, als du glaubtest, dein Talent sei nichts wert. Mach denselben Fehler nicht noch einmal. Setz dich morgen unter die große Linde auf dem Platz und spiel.“

Tiidu tat es.

Zuerst blieb ein Kind stehen.

Dann ein Händler.

Dann eine Frau mit einem Korb.

Wenige Minuten später stand eine Menge um ihn.

Tiidu spielte eine fröhliche Melodie.

Die Leute lachten und tanzten.

Dann eine ruhige.

Der ganze Platz wurde still.

Als er endete, lagen Münzen vor seinen Füßen.

Von da an spielte er täglich.

Man lud ihn in reiche Häuser und zu Festen ein.

Tiidu wurde immer bekannter.

Mit seinem Ruhm wuchs jedoch auch seine alte Schwäche.

Er wollte nicht mehr nur genug haben.

Er wollte immer mehr.

Einige Jahre später hatte er ein Vermögen angesammelt.

Dann beschloss er, wieder über das Meer zu reisen.

Unterwegs kam ein starker Sturm.

Das Schiff wurde beschädigt.

Die Reisenden mussten sich retten.

Tiidu hielt sich an einer breiten Planke fest, bis die Wellen ihn an einen einsamen Strand trugen.

Er lebte.

Doch sein gesamtes Geld war fort.

Auch sein Dudelsack war verloren.

Tiidu saß im Sand und hörte dem Meer zu.

„Ich bin so lange hinter Münzen hergelaufen, dass ich fast vergessen habe, warum ich überhaupt angefangen habe zu spielen.“

Auf der Insel wuchsen Bäume mit roten Äpfeln.

Hungrig pflückte Tiidu einen.

Er biss hinein.

Da geschah etwas Merkwürdiges mit seiner Nase.

Sie begann zu wachsen.

Erst um einen Fingerbreit.

Dann um eine ganze Hand.

Schließlich musste Tiidu sie mit beiden Händen halten.

„Was für ein Apfel!“

Lange suchte er nach Hilfe.

Dann fand er einen Strauch mit harten Nüssen.

Er biss eine auf.

Seine Nase wurde etwas kürzer.

Nach der zweiten noch kürzer.

Nach der dritten war sie wieder normal.

Tiidu lachte erleichtert.

Zur Sicherheit sammelte er einige rote Äpfel und die heilenden Nüsse.

Bald kam ein Schiff an der Insel vorbei.

Die Seeleute entdeckten ihn und nahmen ihn mit.

So kehrte Tiidu fast ohne Geld nach Kungla zurück.

Nur die merkwürdigen Früchte hatte er noch.

Da flüsterte die alte Gier wieder:

„Verkaufe die Äpfel. Dann kannst du für die Heilung viel Geld verlangen.“

Tiidu hörte auf diese Stimme.

Die roten Äpfel gelangten in den königlichen Palast.

Bald liefen dort mehrere Menschen mit so langen Nasen herum, dass sie kaum durch die Türen kamen.

Zuerst wollte Tiidu sich als fremder Arzt ausgeben.

Doch als er die erschrockenen Leute sah, schämte er sich.

Er nahm den Hut ab.

„Das ist meine Schuld. Ich wusste, was die Äpfel tun. Ich wollte an eurer Not verdienen. Verzeiht mir. Ich habe das Heilmittel, und ich nehme kein Geld dafür.“

Er zermahlte die Nüsse.

Kurz darauf waren alle Nasen wieder normal.

Der König sah Tiidu lange an.

„Du hast etwas Dummes getan. Aber du hattest den Mut, es zuzugeben und wiedergutzumachen. Was möchtest du jetzt?“

Tiidu dachte nach.

Früher hätte er eine Truhe Gold verlangt.

Nun sagte er:

„Nur genug, um zu Hause ein kleines Stück Land kaufen zu können. Ich möchte nicht mehr durch die Welt laufen, nur um reich zu werden.“

Der König gab ihm genug für den Heimweg und einen neuen Anfang.

Vor seiner Abreise suchte Tiidu den Kapitän auf, dem er einst die Passage versprochen hatte.

„Ich habe meine Schuld nicht vergessen.“

Er legte die Münzen vor ihn.

Der Kapitän lächelte.

„Jetzt sehe ich: Deine Finger sind geschickt geblieben, und dein Herz ist klüger geworden.“

Als Tiidu in sein Dorf zurückkehrte, hatte sich vieles verändert.

Kinder waren erwachsen geworden.

Bäume waren höher.

Der Weg zum Haus wirkte kürzer als in seiner Kindheit.

Tiidu kaufte einen kleinen Hof nahe seiner Familie.

Er half seinen Angehörigen.

Und er baute sich einen neuen Dudelsack.

Von da an spielte er nicht mehr, um einen möglichst schweren Geldbeutel zu haben.

Er spielte, weil Musik Menschen fröhlicher machte.

Wenn jemand fragte:

„Wie viel kann man mit einer guten Melodie verdienen?“

lachte Tiidu.

„Münzen kann man zählen. Aber wie viel Freude in ein Lied passt, kann niemand zählen.“

Dann nahm er seinen Dudelsack.

Und über dem Dorf erklang wieder die Musik, mit der einst seine ganze lange Reise begonnen hatte.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨