

Südkorea
Der Spiegel, der für Aufregung sorgte
Spiegel, Missverständnis, Familie, Humor
- Land
- Südkorea
- Alter
- 4–8 Jahre

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Der Spiegel, der für Aufregung sorgte
Vor langer, langer Zeit, als Spiegel noch selten waren und eine Reise von einem entlegenen Dorf nach Seoul fast wie ein Abenteuer um die halbe Welt erschien, lebte ein Müller namens Kim.
Kim hatte eine große Familie: seine Frau, zwei Töchter, seine alten Eltern, eine Katze, einen Hund und einen so eigensinnigen Esel, dass auch er von allen als Familienmitglied betrachtet wurde.
Eines Tages wollte Kim in die Hauptstadt fahren, um Getreide zu verkaufen.
„Bring mir ein schönes Band mit“, bat seine ältere Tochter.
„Und mir eine Haarnadel“, sagte die jüngere.
„Ich brauche nichts“, sagte seine Frau. Dann dachte sie nach und fügte hinzu: „Vielleicht ein Stück guten Stoff.“
Die Großmutter wünschte sich Tee, der Großvater eine neue Pfeife. Und der Esel hätte, wenn er sprechen könnte, bestimmt um einen Sack Möhren gebeten.
Kim machte sich auf den Weg nach Seoul.
Die Hauptstadt versetzte ihn ins Staunen. Auf den Straßen waren so viele Menschen, dass es schien, als wolle sich das ganze Königreich an einem einzigen Ort treffen. In den Läden hingen Seidenstoffe, Metallgeschirr glänzte, und es duftete nach Tee, Süßigkeiten und frischem Gebäck.
Kim kaufte Geschenke für alle und wollte schon nach Hause, als der Verkäufer in einem Laden sagte:
„Wenn du etwas wirklich Erstaunliches sehen willst, geh einmal nach gegenüber. Dort verkauft man einen runden Gegenstand, in dem ein sehr vertrautes Gesicht wohnt.“
„Ein vertrautes Gesicht?“, fragte Kim neugierig.
Er überquerte die Straße und entdeckte auf dem Ladentisch eine runde, blank polierte Scheibe.
Darin war ein Mann.
Kim beugte sich näher heran.
Der Mann beugte sich ebenfalls vor.
Kim hob eine Augenbraue.
Der Fremde tat dasselbe.
Kim schaute sich rasch um.
Hinter ihm stand niemand.
Er blickte wieder in die Scheibe.
Der Mann war zurück.
„Dich habe ich doch schon einmal gesehen“, murmelte Kim.
Er lächelte. Der Mann lächelte auch.
Kim zog eine lustige Grimasse. Sofort antwortete der Fremde mit genau derselben.
„Was es nicht alles gibt!“
Kim beschloss, den runden Gegenstand zu kaufen, und brachte ihn in einer kleinen Schachtel nach Hause.
Zuerst verteilte er die Geschenke. Die Töchter drehten sich mit ihren Bändern vor der Großmutter im Kreis, der Großvater betrachtete seine neue Pfeife, und Kims Frau strich den Stoff glatt.
Die Schachtel mit dem seltsamen Gegenstand stellte Kim auf den Tisch. Dann ging er nach der Mühle sehen.
„Und was ist das?“, fragte die ältere Tochter.
Sie öffnete die Schachtel.
Das Mädchen im Spiegel sah sie überrascht an.
„Mama! Hier ist ein Mädchen drin!“
Die jüngere Schwester kam angelaufen.
„Gib mal her!“
Nun erschien ein anderes Mädchen in der runden Scheibe.
„Sie kann sich sogar verwandeln!“, flüsterte die Jüngere.
Kims Frau nahm ihren Töchtern den Gegenstand ab.
Und sah eine Frau, die ungefähr so alt war wie sie selbst.
„Wer ist denn das?“, empörte sie sich. „Und warum hat mein Mann sie aus Seoul mitgebracht?“
„Vielleicht wohnt sie in der Schachtel?“, vermutete die Tochter.
Vom Lärm angelockt kam die Großmutter hinzu.
„Warum schreit ihr alle so?“
Man reichte ihr den Spiegel.
Die Großmutter schaute hinein und fuhr zurück.
„Da ist ja eine alte Frau drin! Und sie sieht mich direkt an!“
„Da habt ihr es!“, rief ihre Schwiegertochter. „In diesem Ding steckt eine ganze Familie!“
Als er den Lärm hörte, kam auch der Großvater herein.
„Was ist denn los?“
„Schau selbst.“
Der Großvater blickte in den Spiegel.
„Das geht nun wirklich zu weit!“, sagte er. „Da ist ein alter Mann drin, genauso alt wie ich. Und er schaut, als wäre das hier sein Haus.“
Alle redeten durcheinander.
„Eine junge Frau!“
„Nein, eine alte!“
„Da ist ein Mädchen drin!“
„Ich habe einen alten Mann gesehen!“
Die Katze saß auf der Bank und betrachtete die Menschen mit einem Blick, der tiefe Enttäuschung über den menschlichen Verstand verriet.
In diesem Augenblick kam Kim zurück.
„Was ist denn hier für ein Trubel?“
Seine Frau hielt ihm die runde Scheibe hin.
„Erklär mir, wen du aus der Hauptstadt mitgebracht hast!“
Kim schaute hinein.
Dort war derselbe vertraute Mann aus dem Laden.
„Aha!“, rief er. „Da ist er! Ich konnte mich einfach nicht erinnern, wer das ist.“
„Du kennst ihn also?“, fragte seine Frau misstrauisch.
„Nein … also ja … irgendwie schon.“
Jetzt war sogar Kim verwirrt.
Die Familie beschloss, den seltsamen Gegenstand zum Dorfrichter zu bringen. Der wusste angeblich die Antwort auf fast jede Frage. Das sagte er jedenfalls selbst.
Feierlich nahm der Richter die Schachtel entgegen.
„Ihr behauptet also, dass darin nacheinander verschiedene Menschen erscheinen?“
„Genau so ist es, Euer Ehren.“
Der Richter hob den Spiegel hoch.
Ein Mann mit einem Richterhut sah ihn an.
Der Richter erstarrte.
„Wer hat einem anderen Richter erlaubt, in mein Dorf zu kommen?“
„Sehen Sie!“, flüsterte die Familie. „Wir haben es doch gesagt!“
Der Richter drehte den Spiegel nach links. Auch der Fremde drehte sich.
Nach rechts – und wieder machte der andere es ihm nach.
„Jetzt äfft er mich auch noch nach!“
Im Saal wurde es so laut, dass der Schreiber nicht mehr weiterschrieb und der Wächter nach draußen schaute, um zu sehen, ob ein Fest begonnen hatte.
Gerade da kam ein königlicher Inspektor aus der Hauptstadt ins Dorf.
Als er den Streit hörte, trat er ein.
„Was geht hier vor?“
Der Richter legte die runde Scheibe auf ein Kissen.
„Das ist der Grund. Dieses Ding zeigt fremde Menschen und hat schon eine ganze Familie entzweit. Und jetzt versucht auch noch irgendein Richter, meinen Platz einzunehmen.“
Der Inspektor betrachtete den Spiegel.
Dann den Richter.
Dann wieder den Spiegel.
Er konnte ein Lächeln kaum unterdrücken.
„Das ist weder ein Zaubergefängnis noch ein Haus für fremde Leute. Das ist ein Spiegel.“
„Ein Spie… was?“, fragte Kim.
„Er zeigt euch euer eigenes Spiegelbild. Seht her.“
Der Inspektor hob die rechte Hand. Der Mensch im Spiegel tat dasselbe.
„Und jetzt Sie“, sagte er zum Richter.
Der Richter hob seinen Hut an. Auch der Richter im Spiegel nahm den Hut ab.
Kims Frau warf vorsichtig einen Blick hinein.
„Diese Frau … das bin also ich?“
„Ganz genau.“
Die Töchter griffen gleichzeitig nach dem Spiegel.
„Und die Mädchen?“
„Das seid ihr selbst.“
Die Großmutter schaute noch einmal hinein, strich sich die Haare zurecht und sagte:
„Hm. Die alte Frau ist übrigens ganz hübsch.“
Alle verstummten.
Dann begann Kim zu lachen.
Nach ihm lachten die Töchter. Dann seine Frau, der Großvater, die Großmutter, der Richter und sogar der strenge Schreiber.
Sie lachten so lange, dass der Wächter wieder hereinschaute.
„Was ist denn jetzt passiert?“
„Wir haben endlich uns selbst kennengelernt!“, antwortete der Richter.
Der Inspektor sagte:
„Wisst ihr, ein Spiegel kann nicht nur beim Frisieren nützlich sein. Er erinnert uns daran: Bevor wir auf jemanden böse werden, sollten wir prüfen, ob wir vielleicht bloß unsere eigene Angst oder eine Vermutung vor uns sehen.“
Der Richter nickte feierlich, als hätte er gerade selbst genau das sagen wollen.
Kims Familie kehrte bestens gelaunt nach Hause zurück.
Von da an hing der Spiegel im schönsten Zimmer. Anfangs traten alle zehnmal am Tag davor. Der Großvater übte einen ernsten Gesichtsausdruck. Die Töchter probierten neue Frisuren aus. Die Großmutter lächelte jedes Mal ihr Spiegelbild an.
Und Kims Frau sagte eines Tages:
„Gut, dass du dieses Ding gekauft hast.“
„Das finde ich auch.“
„Aber wenn du das nächste Mal etwas Seltsames aus Seoul mitbringst, erklär bitte zuerst, was es ist.“
Kim war einverstanden.
Bald gab es im Dorf noch ein paar Spiegel. Die Menschen hatten keine Angst mehr vor den „Fremden“ darin. Und die Ladenbesitzer in Seoul wunderten sich, warum plötzlich so viele Kunden ausgerechnet aus einem einzigen entlegenen Dorf kamen.
Die alte Familienkatze aber verstand nie, was der ganze Lärm sollte. Sie schaute einmal in den Spiegel, sah eine Katze, schnupperte am Glas und ging schlafen.
Vielleicht war sie gerade deshalb in dieser Geschichte die Klügste.
