

Weltweit
Jack und seine Gefährten
Freundschaft, Abenteuer
- Land
- Weltweit
- Alter
- 5–9 Jahre

Märchen anhören
Jack und seine Gefährten
Es war einmal eine arme Witwe, die einen Sohn namens Jack hatte. In jenem Sommer fiel die Ernte schlecht aus. Die alten Vorräte waren fast aufgebraucht, und die jungen Kartoffeln im Garten waren noch nicht reif.
Eines Abends sagte Jack:
„Mutter, ich gehe auf Arbeitssuche. Wenn ich Glück habe, komme ich nicht mit leeren Händen zurück.“
Seine Mutter buk ihm einen runden Fladen, packte etwas Käse und einen Apfel dazu und begleitete ihn im Morgengrauen bis zum Tor.
„Mein Segen begleitet dich, mein Sohn“, sagte sie. „Und denk daran: Ein guter Weg beginnt mit einer guten Tat.“
Jack umarmte seine Mutter und brach auf.
Er ging von Hof zu Hof, doch nirgends gab es Arbeit. Gegen Abend führte ihn die Straße in eine sumpfige Niederung. Dort hörte Jack einen kläglichen Ruf:
„He, Freund! Hilf mir!“
Ein Eselchen steckte im Schlamm fest. Es streckte sich so sehr nach einem trockenen Grasbüschel, dass nur seine Ohren gerade herausragten wie zwei Kerzen.
„Halt durch“, sagte Jack.
Er trug Steine und Grassoden herbei, baute einen festen Pfad, und endlich konnte der Esel herauskommen.
„Danke!“, sagte er und schüttelte den Schlamm von den Beinen. „Ich heiße Neddy. Wohin gehst du?“
„Ich suche mein Glück und Arbeit bis zum Herbst.“
„Dann gehen wir zusammen. Zu zweit ist der Weg kürzer.“
So fand Jack seinen ersten Gefährten.
Im nächsten Dorf sahen sie einen Hund, den lärmende Jungen jagten. Der Hund rannte zu Jack, und Neddy schrie so laut, dass die Raufbolde auseinanderstoben.
„Was für eine Stimme!“, sagte der Hund begeistert. „Ich bin Cowley. Darf ich mit euch kommen?“
„Du bist willkommen“, antwortete Jack.
Hinter dem Dorf setzten sie sich zum Ausruhen hin. Jack teilte sein Essen mit Cowley, und Neddy fand eine saftige Distel. Da erklang hinter einer Steinmauer ein leises Miauen.
Ein dünner Kater kam zu ihnen.
„Du hast wohl lange nichts gegessen“, sagte Jack und reichte ihm ein Stück Käse.
„Ich heiße Tom“, schnurrte der Kater nach dem Essen. „Wohin geht denn diese vornehme Gesellschaft?“
„Unser Glück suchen.“
„Glück sucht man am besten gemeinsam. Ich komme mit.“
Bald hörten die Freunde ein Gerangel auf einem Feld. Ein Fuchs trug einen schwarzen Hahn im Maul. Cowley jagte ihm nach. Der Fuchs wollte sich mit einem so schnellen Hund nicht anlegen, ließ seine Beute fallen und verschwand im Gebüsch.
Der Hahn zitterte, erholte sich aber rasch.
„Ihr habt mich gerettet!“, krähte er. „Wenn ihr erlaubt, werde auch ich euer Gefährte.“
„Platz ist genug“, sagte Neddy. „Wenn du müde wirst, setz dich auf meinen Rücken.“
Nun gingen schon fünf die Straße entlang: Jack, Neddy, Cowley, Tom und der Schwarze Hahn.
Als die Sonne unterging, war weit und breit kein Haus zu sehen. Die Freunde suchten sich einen Schlafplatz im Wald. Jack legte sich ins trockene Gras, Hund und Kater kuschelten sich an Neddys warme Seite, und der Hahn flog auf einen Ast.
Mitten in der Nacht wachte der Schwarze Hahn plötzlich auf.
„Kikeriki! Ich sehe ein Licht!“
„Was denn für ein Licht?“, murmelte Neddy verschlafen.
Jack stand auf und schaute genau hin.
„Das ist nicht die Morgendämmerung. Dort leuchtet ein Fenster. Vielleicht dürfen wir dort übernachten.“
Sie gingen durch die Büsche und entdeckten bald ein Haus in der Senke. Doch als sie näher kamen, hörten sie laute Stimmen.
Jack legte einen Finger auf die Lippen.
„Still. Erst schauen wir, wer da ist.“
Drinnen saßen sechs Räuber. Auf dem Tisch lagen Beutel mit Münzen, silberne Gegenstände und Schmuck.
„Heute haben wir im Schloss von Lord Dunlavin ordentlich Beute gemacht“, prahlte einer. „Ohne seinen unehrlichen Torwächter wären wir niemals hineingekommen!“
Jack hatte alles gehört.
„Freunde“, flüsterte er, „diese Sachen sind gestohlen. Wir müssen die Räuber vertreiben, aber so, dass sie von selbst weglaufen wollen.“
Rasch dachte er sich einen Plan aus.
Neddy stellte die Vorderhufe auf die Fensterbank. Cowley kletterte auf seinen Rücken. Tom setzte sich auf Cowley, und der Schwarze Hahn saß ganz oben.
Jack hob die Hand.
„Eins … zwei … drei!“
„I-A-A-A!“, schrie Neddy.
„WAU, WAU, WAU!“, bellte Cowley wie ein Donner.
„MIA-A-A-U!“, kreischte Tom.
„KIKERIKI-I-I!“, rief der Hahn.
Und Jack fügte mit tiefer Stimme hinzu:
„Ihr seid umzingelt! Sofort herauskommen!“
Die Räuber sprangen auf. Im dunklen Fenster sahen sie ein seltsames hohes Wesen mit Ohren, Zähnen, leuchtenden Augen und einem Kamm auf dem Kopf.
„Ein Waldungeheuer!“, brüllte einer.
„Und nicht nur eines!“, rief ein anderer.
Die sechs Räuber stürzten durch die Hintertür und rannten so schnell in den Wald, dass sie ihre Beute völlig vergaßen.
Die Freunde gingen ins Haus.
„Erst Abendessen, dann Wache halten“, beschloss Jack.
Sie fanden Brot, Gemüse und warme Suppe. Nach dem langen Weg war das ein richtiges Festmahl. Dann suchte sich jeder einen Schlafplatz: Jack im Zimmer, Neddy im Stall, Cowley an der Tür, Tom am Herd und der Hahn auf einer Stange.
Unterdessen bereuten die Räuber im Wald, ihre Schätze zurückgelassen zu haben.
„Wer geht nachsehen, was im Haus los ist?“, fragte ihr Anführer.
Plötzlich interessierten sich alle für den Mond, die Bäume und ihre eigenen Schuhe.
„Na gut, dann gehe ich selbst“, brummte der Anführer.
Auf Zehenspitzen kehrte er zum Haus zurück. Drinnen war es dunkel.
Am Herd leuchteten zwei grüne Lichtchen auf.
„Wer ist da?“, flüsterte er.
„Mrrr-miau!“ Plötzlich sprang Tom auf ein Regal, und ein paar Löffel fielen klirrend auf den Boden.
Der Räuber fuhr zurück und trat auf eine Holzschüssel.
„Wau!“, meldete sich Cowley an der Tür.
Von oben schmetterte der Schwarze Hahn:
„KIKERIKI!“
Der Anführer stürzte zum Stall, doch gerade nieste Neddy so laut, dass die Tür bebte.
Das reichte dem Räuber.
Er rannte in den Wald und berichtete seinen Gefährten, das Haus werde von einem schrecklichen grünäugigen Geist, einem grimmigen Wächter, einem geflügelten Aufpasser und einem Donnerwesen im Stall bewacht.
„Dort setze ich keinen Fuß mehr hinein!“
„Wir auch nicht!“, antworteten die anderen im Chor.
Bei Tagesanbruch packten Jack und seine Gefährten Gold und Silber in einen Sack und legten ihn auf Neddys Rücken.
„Wir bringen alles seinem Besitzer zurück“, sagte Jack.
Am Nachmittag erreichten sie das Schloss von Lord Dunlavin. Am Tor stand jener Torwächter, von dem die Räuber gesprochen hatten.
„Was wollt ihr?“, fragte er unfreundlich.
„Den Herrn des Schlosses sprechen“, antwortete Jack.
„Geht weiter. Hier ist kein Platz für Wanderer und einen ganzen Tiergarten.“
Da legte der Schwarze Hahn den Kopf schief und fragte:
„Sagen Sie doch, guter Mann: Wer hat letzte Nacht sechs Räubern die Tür geöffnet?“
Der Torwächter wurde blass.
„Was für sechs? Ich weiß von nichts!“
Genau da schaute Lord Dunlavin aus einem Fenster.
„Interessant“, sagte er. „Wir haben noch gar nicht gesagt, wie viele Räuber es waren. Woher weißt du, dass es sechs waren?“
Der Torwächter senkte den Blick. Das Geheimnis war aufgedeckt.
Jack öffnete den Sack.
„Und das ist Ihr Eigentum. Wir haben es im Haus im Wald gefunden und zurückgebracht.“
Lord Dunlavin traute seinen Augen nicht.
„Ihr habt alles zurückgebracht, bis zur letzten Münze!“
Er lud die Reisenden ins Schloss ein, bewirtete sie und hörte sich die ganze Geschichte an. Dann sagte er:
„Wer den Schwachen hilft, das Letzte mit anderen teilt und fremdes Eigentum zurückbringt, verdient Vertrauen. Jack, wenn du möchtest, bleib bei mir und leite meinen Hof.“
Jack war einverstanden, stellte aber eine Bedingung:
„Meine Gefährten bleiben bei mir.“
Neddy bekam den besten Platz im Stall. Cowley wurde der beliebteste Hund auf dem Hof. Tom zog in die Nähe der Küche, wo es immer warm war. Der Schwarze Hahn weckte jeden Morgen das ganze Schloss.
Sobald Jack seinen ersten Lohn erhielt, schickte er einen Teil davon seiner Mutter und holte sie bald zu sich.
So fand er sein Glück. Allerdings nicht dort, wo er zuerst gesucht hatte.
Denn das größte Glück wartete weder im Sack mit Gold noch hinter dem Tor eines reichen Schlosses. Es ging den ganzen Weg neben ihm her: auf vier Hufen, vier Pfoten, weichen Katzenpfötchen und zwei Hahnenfüßen.
Und Jack wusste nun: Wenn man jemandem hilft, aus dem Schlamm herauszukommen, gewinnt man vielleicht eines Tages einen wahren Freund an seiner Seite.
