

Weltweit
Die Quelle der Vilen
Vilen, Zauberquelle, Brüder, Gut und Böse, Mut
- Land
- Weltweit
- Alter
- 7–11 Jahre

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Die Quelle der Vilen
Ein wohlhabender Bauer hatte zwei Söhne. Der ältere zählte am liebsten Getreidesäcke, Münzen und die Fehler anderer Leute. Der jüngere sah vor allem die Menschen: Wer brauchte Hilfe beim Tragen eines Korbes? Bei wem war der Zaun kaputt? Wer hatte nicht genug Brot für das Abendessen?
„Aus dir wird nie ein tüchtiger Bauer“, hielt ihm der ältere vor. „Du verschenkst noch alles.“
„Aber eine Vorratskammer, die nie geöffnet wird, nützt auch niemandem“, antwortete der jüngere ruhig.
Als ihr Vater starb, sollten die Brüder nach seinem letzten Willen das Erbe zu gleichen Teilen erhalten. Doch der ältere hatte andere Pläne.
„Drei Goldmünzen und ein Pferd reichen für dich“, sagte er. „Der übrige Hof braucht eine starke Hand.“
„Das ist ungerecht“, antwortete der jüngere.
„Gerechtigkeit zählt nichts, wenn man keine Macht hat.“
Der jüngere wollte keinen Streit. Er nahm die drei Münzen, stieg auf sein Pferd und ritt los, um seinen eigenen Weg zu finden.
Einige Monate später trafen die Brüder sich zufällig auf einer breiten Landstraße.
„Siehst du?“, prahlte der ältere. „Ich habe Felder, ein Haus und Vieh. Und du ziehst mit drei Münzen durch die Gegend. List ist also stärker als Güte.“
„Nein“, sagte der jüngere. „Nur weil das Böse heute einmal gewinnt, ist es nicht für immer stärker.“
Der ältere lachte.
„Wetten wir! Wir fragen den ersten Menschen, der uns begegnet.“
Ein Mann in einem dunklen Mantel kam ihnen entgegen. Es war ein arglistiger Geist, doch das wussten die Brüder nicht.
„Was ist stärker, das Gute oder das Böse?“, fragte der ältere.
„Das Böse natürlich“, antwortete der Fremde.
Der jüngere gab seinem Bruder eine Münze.
Hinter einem Hügel begegneten sie einem alten Bauern. Es war jedoch derselbe arglistige Geist in anderer Gestalt.
„Das Böse ist stärker“, erklärte er.
Die zweite Münze wanderte zum älteren Bruder.
Als Drittes trafen sie einen Händler mit einem großen Hut. Wieder war es der verkleidete Geist.
„In dieser Welt gewinnt, wer nur an sich selbst denkt“, sagte er.
Der jüngere gab seine letzte Münze her.
„Na, was sagst du jetzt?“, fragte der ältere.
„Ich glaube trotzdem nicht, dass das Gute schwächer ist.“
„Dann setz dein Pferd ein.“
Und auch das Pferd fiel dem älteren zu.
Der arglistige Geist freute sich über den Streit und warf eine Handvoll schwarzen Staub in die Luft. Der Staub wirbelte dem jüngeren direkt ins Gesicht. Seine Augen brannten, alles verschwamm, und einen Augenblick später konnte er nichts mehr sehen.
Der ältere erschrak, doch sein Stolz ließ es nicht zu, dass er sich das anmerken ließ.
„Mit deinem dummen Widerspruch hast du dich selbst ins Unglück gestürzt“, brummte er.
„Hilf mir wenigstens bis zur Quelle unter der großen Fichte“, bat der jüngere. „Ich habe hier in der Nähe Wasser gehört.“
Der ältere führte ihn zu dem Baum und ritt mit beiden Pferden davon.
Der jüngere wusch seine Augen mit dem kühlen Wasser, doch die Dunkelheit blieb. Er setzte sich unter die Fichte und beschloss, den Morgen abzuwarten.
Um Mitternacht weckten ihn Stimmen. Sie klangen leicht wie das Rascheln der Blätter über einem Bach.
Die Vilen waren zur Quelle gekommen, die zauberhaften Jungfrauen der Berge und Wälder.
„Wie schön das Wasser heute leuchtet!“, sagte eine.
„Wenn die Menschen nur seine Kraft kennen würden“, sagte eine zweite, „könnte man manches Leiden lindern.“
„Sogar der Königstochter würde es helfen“, fügte eine dritte hinzu. „Seit vielen Monaten hat kein Arzt sie gesund machen können.“
Als die Stimmen verstummt waren, tastete sich der jüngere Bruder zum Wasser und wusch sich ein zweites Mal.
Ein kalter Tropfen berührte seine Lider.
Die Dunkelheit wurde grau.
Ein zweiter Tropfen, und er erkannte die Umrisse der Fichte.
Ein dritter, und über ihm leuchteten die Sterne.
„Danke“, flüsterte er, obwohl er nicht wusste, ob die Vilen ihn hören konnten.
Bei Tagesanbruch füllte er eine saubere Feldflasche mit Wasser und machte sich auf den Weg in die Hauptstadt.
Vor dem Palast standen Ärzte, Kräuterkundige und Heiler Schlange. Der König empfing sie alle, denn seine Tochter war schon lange krank und verließ kaum noch ihr Zimmer.
„Ich bin kein Arzt“, sagte der jüngere Bruder ehrlich. „Aber ich kenne eine Quelle, deren Wasser mir das Augenlicht zurückgegeben hat. Lasst die Prinzessin selbst entscheiden, ob sie es versuchen möchte.“
Die Prinzessin war einverstanden. Sie wusch sich Gesicht und Hände und trank ein paar Schlucke. Mit dem restlichen Wasser machten die Ärzte ihr Umschläge.
Es war ein stilles Wunder. Keine Trompeten erklangen, kein Licht flammte auf. Der Prinzessin ging es einfach von Tag zu Tag besser. Nach einer Woche ging sie in den Garten, nach zwei Wochen stieg sie allein die Treppe hinunter zum König.
„Wähle dir eine Belohnung, ganz gleich welche“, sagte der König zu dem jüngeren Bruder.
„Gebt mir ein Stück Land, das ich bewirtschaften kann“, antwortete er. „Und erlaubt mir, an der Straße einen Brunnen zu bauen, an dem Reisende kostenlos Wasser schöpfen dürfen.“
Der König war beeindruckt.
„Du hättest Gold verlangen können.“
„Das Wasser hat mich gerettet, ohne zu fragen, ob ich reich oder arm bin.“
Die Prinzessin kam oft, um zuzusehen, wie der Brunnen gebaut wurde. Sie unterhielt sich mit dem jungen Bauern, hörte seine Geschichten und sah, wie er mit den Arbeitern, den Alten und den Kindern umging. Mit der Zeit wurden sie Freunde, und später verliebten sie sich ineinander. Erst als beide es wollten, beschlossen sie zu heiraten.
Die Nachricht erreichte auch den älteren Bruder.
„Das gibt es doch nicht!“, ärgerte er sich. „Ich habe ihm alles genommen, und trotzdem hat er nun mehr als ich. Das Geheimnis muss in dieser Quelle liegen.“
In der Nacht ritt er zur großen Fichte. Um alles genauso zu machen wie sein Bruder, verband er sich mit einem dunklen Tuch die Augen und setzte sich ans Wasser.
Um Mitternacht kamen die Vilen.
„Hier ist jemand“, sagte eine.
„Und er ist nicht gekommen, weil er Hilfe braucht“, sagte eine zweite. „Ich spüre keine Angst bei ihm, sondern Gier.“
Der ältere Bruder hielt den Atem an.
„Ich will auch Zauberwasser!“, rief er. „Ich habe ein Recht darauf!“
„Auf Wasser hat jeder ein Recht, der es braucht“, antwortete die älteste Vila. „Aber nicht auf die Quelle, wenn er sie ganz für sich allein haben will.“
Die Vilen taten ihm nichts zuleide. Sie verzauberten nur die Pfade rund um die Fichte. Bis zum Morgengrauen lief der ältere Bruder im Kreis und gelangte immer wieder zu demselben Stein zurück.
Als die Sonne aufging, löste sich der Zauber.
Der Bruder nahm die Augenbinde ab und sah den jüngeren neben sich stehen, mit einem Becher Wasser in der Hand.
„Du?“, fragte er erstaunt. „Woher wusstest du, dass ich hier bin?“
„Ich kenne dich schon mein ganzes Leben“, antwortete der jüngere. „Das war nicht schwer zu erraten.“
Der ältere senkte den Blick.
„Ich wollte dasselbe bekommen wie du.“
„Dann fang nicht bei der Quelle an. Fang bei dem an, was du mir genommen hast.“
Lange schwiegen sie.
Schließlich sagte der ältere:
„Ich gebe dir deinen Anteil am Erbe unseres Vaters zurück. Und auch dein Pferd. Wenn du es überhaupt noch haben möchtest.“
„Das Pferd nehme ich“, lächelte der jüngere. „Und über das Erbe reden wir ehrlich, ohne Tricks.“
So machten sie es auch.
Der ältere wurde nicht in einer einzigen Nacht ein guter Mensch. So etwas gibt es nicht. Doch er begann zu lernen: zuerst, seine Schulden zu begleichen, dann, um Erlaubnis zu fragen, und schließlich, hin und wieder etwas abzugeben, ohne selbst davon zu profitieren.
An der Straße aber entstand ein großer Brunnen. Auf den Stein darüber ließ man nur einen Satz schreiben:
„Das Gute kommt nicht immer zuerst. Aber es braucht keine Lügen, um lange zu bleiben.“
Man sagt, dass es in jenen Bergen noch heute die Quelle der Vilen gibt. Tagsüber sieht ihr Wasser klar und ganz gewöhnlich aus. Doch in einer Mondnacht scheint es manchmal, als leuchte es von innen.
Wer aber nur des Reichtums wegen dorthin kommt, sieht darin wohl nichts als sein eigenes Spiegelbild.
