

Niederlande
Ein Oni auf Reisen
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Niederlande
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Ein Oni auf Reisen
In alten japanischen Geschichten leben Oni, seltsame Märchenwesen, die Lärm, überraschende Streiche und Orte lieben, an denen sie eigentlich nichts zu suchen haben.
Wenn in einer Küche plötzlich ein Deckel klapperte, sagte vielleicht jemand:
„Bestimmt ist ein Oni vorbeigelaufen.“
Wenn in einer Vorratskammer eine Schachtel herunterfiel, obwohl niemand sie berührt hatte:
„Wahrscheinlich treibt ein Oni Unsinn.“
Natürlich stand manchmal einfach nur eine Schachtel schief. Doch ein Märchen ist ein Märchen. Und deshalb kletterte eines Tages tatsächlich ein junger Oni dorthin, wo ihn niemand eingeladen hatte.
Es geschah in einer Hafenstadt.
In einer großen Lagerhalle wurden Dinge für eine weite Seereise verpackt: lackierte Kästchen, Porzellantassen, Seide, Tee, Fächer und andere kunstvoll gefertigte Waren.
Der Oni steckte den Kopf durch die Tür.
„Nur einmal kurz schauen“, flüsterte er.
Dann machte er einen Schritt hinein.
„Nur einmal um diese Kiste herum.“
Eine Minute später probierte er bereits einen Seidengürtel an, drehte sich vor einem polierten Tablett und sprang über Pakete.
„Ganz leise“, befahl er sich selbst.
Kling!
Eine Tasse wackelte.
Der Oni fing sie gerade noch mit beiden Händen auf.
„Siehst du? Ganz leise.“
Da klirrten Schlüssel an der Tür.
Der Oni erstarrte.
Zum Verstecken war kaum Platz. Er sprang zu einem großen Schränkchen, zog die unterste Schublade heraus, kroch hinein und zog sie hinter sich zu.
Kurz darauf kamen Arbeiter in die Halle. Sie betrachteten das Durcheinander, schüttelten die Köpfe, räumten alles ordentlich ein und begannen zu verpacken.
Das Schränkchen wurde ebenfalls eingepackt.
Mit dem Schränkchen der schläfrige Oni.
Und mit dem Oni gelangte die ganze Ladung auf ein niederländisches Schiff, das über das Meer nach Rotterdam fuhr.
Die ersten Tage schlief der Oni fast nur.
Dann wachte er auf und bemerkte, dass der Boden unter ihm schwankte.
„Erdbeben?“, flüsterte er.
Bumm!
Eine Welle schlug gegen die Schiffswand.
„Ein sehr langes Erdbeben.“
Das Schiff war viele Tage unterwegs.
Der Oni hörte Schritte, knarrendes Holz, Wasser und Möwen, wagte sich aber tagsüber nicht heraus.
Nur nachts schlüpfte er aus seiner Schublade, fand ein wenig Reis, trank Wasser und versteckte sich wieder.
Schließlich erreichte das Schiff die Niederlande.
Die Kisten wurden in ein großes Haus gebracht, wo man die Waren aus dem Osten einem Fürstenpaar zeigen wollte.
Als jemand das Schränkchen öffnete, musste der Oni gerade niesen.
„Hatschi!“
Der Diener sprang zurück.
Der Oni sprang ebenfalls zurück.
Einige Sekunden lang starrten sie einander an.
Dann schrien beide.
„Aaaah!“
„Aaaaaah!“
Der Oni raste durch den Flur.
Der Diener hinterher.
Eine Köchin kam auf den Lärm hin aus der Küche.
„Was ist los?“
„Ich weiß es nicht! Es läuft!“
Der Oni schoss unter einen Tisch, kam auf der anderen Seite heraus, stieß gegen einen Löffel und ließ ihn kreiselnd über den Boden fliegen.
Die Köchin sah die kleinen Hörner und dachte, ein unbekanntes Tier sei ins Haus geraten.
„Holt den Gärtner!“
Der Oni entdeckte inzwischen eine dunkle Öffnung in der Wand.
„Perfektes Versteck!“, dachte er und kroch hinein.
Es war der Kamin.
Wenige Augenblicke später kam er schwarz vor Ruß wieder heraus, hustend und niesend.
„Nie wieder schwarze Löcher!“, versprach er sich.
Doch niemand verstand seine Sprache.
Die Diener rätselten.
„Er spricht Deutsch!“
„Nein, Französisch!“
„Für mich klingt es Englisch!“
Als die Fürstin den Lärm hörte, kam sie selbst.
„Genug mit dem Raten“, sagte sie. „Ihr versteht seine Sprache einfach nicht.“
Sie ließ alle zurücktreten, damit der ungewöhnliche Gast sich beruhigen konnte.
Der Oni, inzwischen erschöpft, setzte sich mitten auf den Boden und seufzte.
„Er ist wahrscheinlich mit der Fracht hierhergekommen“, vermutete die Fürstin. „Findet jemanden vom Schiff, der Japan kennt.“
Bald brachte man einen Seemann, der einige japanische Worte kannte und alte Geschichten über Oni gehört hatte.
Als er den kleinen Reisenden sah, lachte er.
„Sie haben kein Ungeheuer im Haus. Sie haben einen blinden Passagier.“
Der Oni hörte vertraute Wörter und sprang beinahe vor Freude in die Luft.
Endlich verstanden alle, was geschehen war.
Man gab ihm warmen Brei und Wasser und ließ ihn einige Tage in einem ruhigen Zimmer wohnen.
Zum ersten Mal sah er Holzschuhe, Windmühlen und Dächer mit langen Regenrinnen.
Am meisten faszinierte ihn das Regenwasser.
„Das Wasser läuft direkt vom Dach!“, sagte er begeistert zum Seemann.
In der Stadt lebte ein Handwerker, der schmückende Wasserspeier für solche Rinnen fertigte.
Als er den Oni sah, bat er darum, sein lustiges Gesicht zeichnen zu dürfen.
„Wenn ich einen Wasserspeier mit diesem Gesicht mache, läuft der Regen aus seinem Mund. Die Kinder werden bei jedem Schauer lachen.“
Der Oni richtete sich stolz auf.
„Aber die Hörner müssen gerade sein.“
Der Handwerker versprach es.
Bald erschien auf einem Dach ein seltsames gehörntes Gesicht, aus dessen Mund bei Regen fröhlich Wasser plätscherte.
Den Leuten gefiel es.
Dann entstand ein zweites.
Ein drittes.
Ein zehntes.
Der Oni selbst wartete auf ein Schiff, das nach Osten zurückfuhr.
Dieses Mal reiste er nicht in einer Schublade. Man gab ihm einen trockenen Platz bei der Ladung und warnte ihn streng:
„Nichts umstellen.“
„Auch nicht ein kleines bisschen?“
„Nichts.“
„Nicht einmal eine Tasse?“
„Nicht einmal eine Tasse.“
Der Oni seufzte.
„Seereisen haben erstaunlich viele Regeln.“
Als er nach Hause zurückkam, glaubten seine Freunde kaum ein Wort.
„Du behauptest, die Menschen dort tragen Schuhe aus Holz?“
„Ja.“
„Und auf den Dächern leben steinerne Oni?“
„Sie leben dort nicht. Sie arbeiten. Sie leiten Regenwasser ab.“
„Und sie sehen aus wie du?“
Der Oni nickte stolz.
Seitdem konnte man sich, wenn in einer fernen niederländischen Stadt Regen aus einem gehörnten Wasserspeier plätscherte, vorstellen, dass der alte Oni-Reisende über sein seltsamstes Abenteuer lachte.
Und wahrscheinlich dachte er dabei:
Manchmal reicht eine einzige falsche Schublade, um die halbe Welt zu sehen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
