

Indien
Ein starkes Bündnis
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Ein starkes Bündnis
An einem Morgen führte ein Bauer seine beiden Ochsen aufs Feld. Die Sonne ging gerade auf, die Erde war noch kühl, und der Pflug schnitt leicht durch den weichen Boden.
Der Bauer hatte erst eine Furche gezogen, als aus dem hohen Gras ein Tiger trat.
„Friede sei mit dir, Freund“, sagte er höflich.
Der Bauer ließ beinahe den Pflug fallen.
„Auch mit dir...“, antwortete er und versuchte, seine Angst nicht zu zeigen.
Der Tiger leckte sich über die Lippen.
„Wie gut, dass wir uns treffen. Ich bin sehr hungrig. Deine zwei Ochsen wären ein ausgezeichnetes Frühstück.“
Der Bauer schluckte.
„Aber ohne die Ochsen kann ich das Feld nicht pflügen. Ohne Feld kein Korn. Ohne Korn kein Brot.“
„Das ist dein Problem“, sagte der Tiger. „Mein Problem ist nur mein leerer Magen.“
Der Bauer bat ihn zu warten.
Schließlich sagte er:
„Wenn du die Ochsen verschonst, bringe ich dir anderes Futter. Zu Hause haben wir eine Milchkuh.“
Der Tiger überlegte und stimmte zu.
Der Bauer eilte nach Hause.
Seine Frau wunderte sich.
„Warum bist du schon zurück? Das Feld pflügt sich nicht allein.“
Als er vom Tiger und seinem Versprechen erzählte, schlug sie die Hände zusammen.
„Du hast unsere Kuh versprochen? Was sollen die Kinder trinken? Woraus machen wir Butter?“
„Ohne die Ochsen haben wir kein Korn und kein Brot“, sagte der Mann. „Was hätte ich tun sollen?“
Seine Frau sah ihn an.
„Nachdenken.“
„Dann denk du dir etwas aus“, murmelte er.
„Gut. Aber dann machst du genau, was ich sage.“
Der Bauer stimmte zu.
„Geh zurück zum Tiger und sag, die Kuh wolle nicht allein kommen. Ich bringe sie später.“
„Bringst du sie wirklich?“
„Du wirst sehen.“
Der Bauer kehrte ungern mit leeren Händen zurück.
Seine Frau ging ins Haus, zog seine beste Jacke an, band einen hohen Turban um den Kopf, damit sie größer wirkte, sattelte ein Pony und ritt zum Feld.
Der Tiger lief bereits ungeduldig im Kreis.
„Wo ist die Kuh?“, knurrte er.
„Sie kommt“, sagte der Bauer. „Warte noch ein bisschen.“
Da erschien hinter der Kurve ein Reiter.
Die Frau saß kerzengerade auf dem Pony, sprach mit tiefer Stimme und fuchtelte absichtlich mit den Armen.
„Sehr gut!“, rief sie schon von weitem. „Hoffentlich gibt es hier einen Tiger. Gestern war ich so hungrig, dass drei Tiger gerade für mein Frühstück gereicht haben!“
Der Tiger erstarrte.
„Drei? Zum Frühstück?“
Die Frau ritt direkt auf ihn zu.
Der Tiger drehte sich um und rannte in den Wald, so schnell er konnte.
Der Bauer starrte ihm nach.
„Unglaublich!“
Die Frau nahm den Turban ab.
„Siehst du? Selbst jemand, der gern andere erschreckt, kann sich vor dem richtigen Auftritt fürchten.“
Im Wald rannte der Tiger beinahe einen Schakal um.
„Warum läufst du so?“, fragte der Schakal.
„Ich rette mich! Da draußen ist ein Reiter, der Tiger zum Frühstück isst!“
Der Schakal schaute aus den Büschen.
„Ich kenne diesen Reiter. Das ist keine gefährliche Jägerin. Das ist die Frau des Bauern in Männerkleidung.“
Der Tiger blieb stehen.
„Bist du sicher?“
„Ganz sicher.“
„Und wenn du mich zurücklocken willst?“
Der Schakal war beleidigt.
„Warum sollte ich?“
Der Tiger zweifelte trotzdem.
Da sagte der Schakal:
„Dann gehen wir zusammen. Damit du weißt, dass ich nicht davonlaufe, binden wir unsere Schwänze mit einem Seil zusammen.“
Das gefiel dem Tiger.
Sie banden die Schwänze aneinander und gingen zurück zum Feld.
Der Bauer sah sie zuerst.
„Oh nein! Sie kommen zurück. Und diesmal zu zweit!“
Seine Frau blieb ruhig.
„Still. Lass mich denken.“
Als Tiger und Schakal näher kamen, formte sie die Hände zu einem Trichter und rief laut:
„Herr Schakal! Ich habe Euch doch gebeten, mir einen großen fetten Tiger zu bringen! Vielen Dank, dass Ihr daran gedacht habt. Genau richtig zum Mittagessen!“
Der Tiger hörte das und bekam einen Schreck.
„Ich wusste es!“, schrie er. „Du hast mich verraten!“
Er rannte davon.
„Halt!“, rief der Schakal. „Das ist wieder nur ein Trick!“
Doch der Tiger hörte nichts mehr.
Sie jagten durch Büsche, sprangen über Steine und rutschten über trockenes Laub.
Das Seil zwischen ihren Schwänzen spannte sich immer stärker.
Schließlich verfing es sich an einem Ast und löste sich.
Der Schakal rollte ins weiche Gras, stand auf und sah dem Tiger verärgert hinterher.
„So viel zu unserem starken Bündnis“, brummte er. „Wer sich an jemanden bindet, der vor Angst nicht mehr denken kann, muss am Ende dorthin laufen, wohin dessen Angst rennt.“
Der Tiger blieb noch lange nicht stehen.
Der Bauer und seine Frau kehrten mit den Ochsen nach Hause zurück.
Auch die Kuh blieb im Hof.
Die Kinder hatten Milch.
Und das Feld wurde bald gepflügt.
Auf dem Heimweg sagte der Bauer:
„Heute habe ich viel gelernt.“
„Was denn?“, fragte seine Frau.
„Erstens: Man sollte die Kuh nicht versprechen, bevor man nachgedacht hat. Zweitens: Klugheit kann stärker sein als Krallen. Und drittens...“
„Was drittens?“
„Wenn du sagst: Still, ich denke, sollte ich wirklich still sein.“
Seine Frau lachte.
Und der Schakal fragte sich von da an vor jedem „starken Bündnis“:
Muss ich am Ende vielleicht an die Panik eines anderen gebunden hinterherrennen?
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
