Cover: Fancha und die Elster

Südkorea

Fancha und die Elster

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Südkorea
Alter
6–10 Jahre
Dauer
9 Min.
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Fancha und die Elster

Hinter hohen Bergen, auf deren Gipfeln selbst im Sommer manchmal Schnee lag, befand sich ein großes, klares Gewässer.

Am Morgen färbte sich der See rosa vom Sonnenaufgang.

Am Tag spiegelte sich darin der blaue Himmel.

Am Abend wurde das Wasser dunkel, und jeder Stern erschien darin so deutlich, als hätte jemand silberne Körner über die Oberfläche gestreut.

Alte Erzähler behaupteten, dieser Ort sei einst so schön gewesen, dass selbst drei himmlische Schwestern auf ihn aufmerksam wurden.

„Seht nur die Berge“, sagte die älteste.

„Und den See!“, rief die mittlere.

Die jüngste sagte nichts.

Sie sah nur hinunter und lächelte.

Die Schwestern stiegen zur Erde hinab und lebten eine Zeit lang am Ufer.

Sie lauschten dem Schilf, sammelten Blumen an den Hängen und sahen den Wolken zu, die im Wasser vorüberzogen.

Besonders mochten sie die Elstern.

Die Vögel waren mutig und neugierig.

Sie kamen ganz nah heran, hüpften über die Steine und schwatzten von Ast zu Ast, als müssten sie jede Neuigkeit der Welt miteinander besprechen.

„Diesen Vögeln entgeht wirklich nichts“, lachte die mittlere Schwester.

„Dann benehmen wir uns besser gut“, antwortete die jüngste. „Sonst kennt morgen der ganze Wald unsere Streiche.“

Eines Morgens sahen die Schwestern hoch am Himmel eine Elster.

In ihrem Schnabel trug sie eine leuchtend rote Frucht.

Der Vogel sank tiefer und tiefer und legte die Frucht schließlich auf die Kleidung der jüngsten Schwester.

„Die ist für dich“, sagte die älteste.

„Vielleicht für uns alle“, erwiderte die jüngste.

Sie teilte die Frucht in drei Teile.

Sie schmeckte süß und frisch.

Ihr Duft erinnerte gleichzeitig an Morgenfrost, Sommerregen und blühende Kräuter.

„Ein schönes Geschenk“, sagte die mittlere Schwester.

Die Elster flog dreimal um sie herum und verschwand hinter den Bergen.

Später bekam die jüngste Schwester einen Sohn.

In einer alten Überlieferung nannte man ihn den Goldenen Stängel des Geschlechts, denn seine Familie glaubte, aus ihm werde einmal jemand, der Menschen zusammenführen könne.

Seine Mutter sprach jedoch einfacher mit ihm.

„Glaube nie, dass eine ungewöhnliche Herkunft dich besser macht als andere. Wer mehr Kraft, Wissen oder Möglichkeiten besitzt, trägt auch mehr Verantwortung. Wahre Würde zeigt sich nicht im Namen, sondern in Taten.“

Der Junge merkte sich diese Worte.

Er wuchs zwischen Bergen und Wasser auf.

Er konnte länger zuhören als reden.

Er bemerkte, wenn zwei Menschen über dasselbe stritten, es aber mit unterschiedlichen Worten bezeichneten.

Und er machte sich nie über jemanden lustig, der weniger wusste als er.

Als er erwachsen wurde, kam die Zeit, den See zu verlassen.

Seine Mutter segnete seine Reise.

Elstern flogen lange über dem Boot, mit dem er den Fluss hinunterfuhr.

Der junge Mann nannte sich Fancha.

Weiter flussabwärts gelangte er in ein Land, in dem drei Gemeinschaften seit langer Zeit miteinander stritten.

Sie stritten über Weideland.

Über Wasser.

Über alte Kränkungen.

Niemand wusste mehr genau, wie alles begonnen hatte.

Doch jeder konnte stundenlang erklären, warum die anderen schuld waren.

Fancha legte ohne Waffen am Ufer an.

„Zu wem gehörst du?“, fragten die Leute der ersten Gemeinschaft sofort.

„Zu niemandem. Ich bin gerade angekommen.“

„Dann solltest du zu uns gehören. Die anderen sind unerträglich.“

Nur wenige Schritte weiter riefen Leute aus der zweiten Gruppe:

„Hör nicht auf sie! Sie sind die Unerträglichen!“

Und die dritte sagte:

„Die ersten und die zweiten sind gleich laut. Komm besser zu uns.“

Fancha setzte sich auf einen großen Stein.

„Gut. Erzählt mir nacheinander, was passiert ist.“

Bis zum Abend hörte er allen zu.

Am nächsten Tag ließ er sich die Weiden zeigen.

Noch einen Tag später untersuchte er den Bach, um den der größte Streit ging.

„Hier ist genug Wasser für alle“, sagte er. „Man müsste nur den alten Kanal freiräumen.“

„Und wer soll arbeiten?“, fragten die Ersten.

„Die Zweiten!“, riefen die Dritten.

„Die Dritten!“, riefen die Zweiten.

Fancha schüttelte den Kopf.

„Genau deshalb ist euer Kanal zugewachsen. Morgen fange ich selbst an.“

Am frühen Morgen kam er mit einer Schaufel.

Zuerst half ihm ein Junge.

Dann brachten zwei Frauen Körbe für den Schlamm.

Später kamen Leute aus der zweiten Gemeinschaft.

Am Mittag erschienen auch die Dritten.

Nach einigen Tagen floss das Wasser wieder durch sein altes Bett.

Fancha schlug vor, die Weidezeiten gerecht aufzuteilen und am Fluss einen gemeinsamen Markt zu eröffnen.

Die Menschen staunten.

Es stellte sich heraus, dass Handel viel nützlicher war als dauernder Streit.

„Werde unser oberster Ältester“, baten sie Fancha.

„Nur unter einer Bedingung: Ich entscheide nicht alles allein. Jede Gemeinschaft bekommt eine Stimme.“

So wuchs um den gemeinsamen Markt langsam eine Stadt.

Die Jahre vergingen.

Fancha gründete eine Familie und erzog seine Kinder nach den Worten seiner Mutter:

„Ein Name ist nichts wert ohne gute Taten.“

Die Elster wurde für sein Haus zu einem besonderen Vogel.

Wenn eine auf dem Dach landete, riefen die Kinder:

„Die Nachrichten sind da!“

Doch Frieden hält nicht ewig.

Eines Jahres kamen bewaffnete Gruppen aus fernen Gebieten.

Es entstand Unruhe.

Familien flohen in verschiedene Richtungen.

Straßen wurden leer.

Viele Menschen verloren einander im Durcheinander.

Unter ihnen war ein junger Fancha, der Enkel des ersten und nach ihm benannt.

Er wurde von seiner Familie getrennt und stand allein auf einer weiten Ebene.

Hinter ihm näherten sich Reiter.

Vor ihm lag ein dunkler Wald.

Der junge Mann rannte zu den Bäumen.

Äste schlugen gegen seine Schultern.

Trockenes Laub raschelte unter seinen Füßen.

Die Reiter kamen näher.

Fancha begriff, dass er nicht weit genug entkommen konnte.

Also stellte er sich mit dem Rücken an einen dunklen Baumstamm und wurde völlig still.

Nicht bewegen.

Nicht laut atmen.

Keinen Zweig zerbrechen.

Da hörte er über sich:

„Tschack-tschack-tschack!“

Eine Elster landete auf seinem Kopf.

Fancha hätte vor Überraschung beinahe gelacht, hielt aber still.

Der Vogel saß ganz ruhig, als wäre der junge Mann nur ein alter Baumstumpf, auf dem er jeden Tag ausruhte.

Die Reiter kamen in den Wald.

„Wo ist er?“

„Seht hinter die Bäume!“

Einer schaute direkt in Fanchas Richtung.

Der junge Mann bewegte sich nicht.

Der Reiter sah einen dunklen Stamm, eine reglose Gestalt und eine Elster darauf.

„Da ist nur ein Baum“, sagte er und ritt weiter.

Als das Hufgetrappel verklungen war, pickte die Elster Fancha leicht ins Haar.

„Schon gut, schon gut. Ich habe verstanden“, flüsterte er. „Ich darf mich wieder bewegen.“

Der Vogel flog auf einen unteren Ast.

Dann zum nächsten.

Fancha folgte ihm.

So führte die Elster ihn aus dem Wald zu einem Pfad, der in ein sicheres Tal führte.

Einige Tage später fand er seine Familie wieder.

Als die Gefahr vorbei war, kehrte Fancha nach Hause zurück.

Er erzählte nie, er habe sich durch große Tapferkeit oder besondere Klugheit gerettet.

„Ich habe nur rechtzeitig stillgestanden“, sagte er. „Den Rest erledigte eine Elster.“

Von da an schützte die Familie diese Vögel noch mehr.

Viele Generationen vergingen.

Alte Erzähler berichteten Kindern von dem klaren See, den himmlischen Schwestern, der roten Frucht und den beiden Fanchas.

Doch am liebsten mochten die Kinder eine einzige Szene:

Ein junger Mann steht im dunklen Wald.

Sein Herz schlägt laut.

Reiter kommen näher.

Und plötzlich setzt sich eine Elster auf seinen Kopf.

Ein kleiner Vogel.

Er verspricht nichts.

Er prahlt mit nichts.

Er ist einfach genau im richtigen Augenblick da.

Vielleicht blieb die Geschichte gerade deshalb im Gedächtnis.

Denn manchmal kommt große Hilfe auf sehr leichten Flügeln.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨