Cover: Farquhar MacNeill

Vereinigtes Königreich

Farquhar MacNeill

Nächtlicher Weg, geliehenes Sieb, Begegnung mit dem Feenvolk, Einfallsreichtum

Land
Vereinigtes Königreich
Alter
6–10 Jahre
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Farquhar MacNeill

Einst lebte in Schottland ein junger Bursche namens Farquhar MacNeill. Er war fleißig und fröhlich und packte immer gern mit an. Eines Tages nahm Farquhar Arbeit auf einem Bauernhof an, und schon am ersten Abend bat ihn die Bäuerin um einen kleinen Gefallen.

„Farquhar, geh bitte über den Hügel zum Nachbarhaus und leih ein Sieb aus. Meines ist ganz löchrig geworden, und ich muss das Mehl sieben.“

„Natürlich, das mache ich“, antwortete der Junge.

Die Bäuerin trat mit ihm vor die Tür und zeigte ihm den Pfad.

„Geh immer auf diesem Weg über den Hügel. Bieg nicht ab. Das Haus wirst du schon von Weitem sehen, im Fenster wird ein Licht brennen.“

Farquhar machte sich auf den Weg. Die Nacht war still, der Himmel dunkel, und hier und da lag silbriger Nebel auf den Hängen. Der Junge ging pfeifend vor sich hin, als er plötzlich links ein kleines Licht sah.

Das wird wohl das Haus sein, dachte er.

Die Warnung der Bäuerin, den Pfad nicht zu verlassen, hatte Farquhar vergessen, und er ging geradewegs auf das Licht zu.

Es schien schon ganz nah zu sein. Doch plötzlich blieb sein Fuß an einer Wurzel hängen. Farquhar schwankte, machte noch einen Schritt und … fiel hinunter.

Der Sturz dauerte nur kurz, doch ihm kam er wie eine Ewigkeit vor. Dann landete er weich mitten in einem großen unterirdischen Saal.

Farquhar hob den Kopf und erstarrte vor Staunen.

Überall waren Feen.

Zwei alte Frauen mit weißen Hauben mahlten Korn zwischen runden Steinen. Zwei jüngere sammelten das Mehl und buken über einem Torffeuer runde Fladen. Mitten im Saal tanzte eine ganze Schar kleiner Elfen und Geister. Auf einem Felsvorsprung saß ein dunkelhäutiger Musikant und spielte auf einem winzigen Dudelsack.

Als Farquhar bei ihnen hineinfiel, hielten alle für einen Moment inne.

„Guten Abend“, sagte er unsicher.

Die Feen sahen einander an und verbeugten sich dann höflich.

„Da du nun schon hier bist, setz dich“, sagte eine von ihnen.

Doch Farquhar tanzte für sein Leben gern.

„Darf ich lieber mit euch tanzen?“

Die Feen waren überrascht, erlaubten es ihm aber.

Der Dudelsack erklang. Farquhar stellte sich in den Kreis. Zunächst machte er nur die Schritte der anderen nach, dann drehte er sich schneller, immer schneller … und ehe er sich versah, hatte er alles auf der Welt vergessen.

Er vergaß das Sieb.

Er vergaß den Bauernhof.

Er vergaß sogar den Heimweg.

Ihm war, als hätte er schon immer in diesem unterirdischen Saal gelebt, zum Dudelsack getanzt und mit den Feen gelacht.

Die Zeit verging.

Wie viel Zeit, wusste Farquhar nicht.

Er lernte, lautlos über den Tau zu laufen, Honig in den Blumen zu finden, mit den kleinen Geistern durch die Nachtluft zu fliegen und noch vor Tagesanbruch zum Hügel zurückzukehren.

Eines Nachts beschlossen die Feen, eine weite Reise zu unternehmen.

„Lasst uns bis zum Mond fliegen!“, rief jemand.

Und die ganze Gesellschaft erhob sich über die Hügel.

Farquhar flog neben einer jungen Fee her, hörte ihren lustigen Geschichten zu und war so in das Gespräch vertieft, dass er nicht mehr nach vorn schaute.

Plötzlich: Rumms!

Er stieß gegen den Schornstein eines Hauses und blieb im Strohdach stecken.

„He! Wartet!“, flüsterte er.

Doch seine Freunde waren schon weit fortgeflogen und hatten nichts bemerkt.

Farquhar begann, sich vorsichtig zu befreien. Dabei blickte er in den Schornstein hinunter.

Unten am warmen Feuer saß eine junge Frau und wiegte ein Baby.

Das Kleine gähnte, streckte sich und schlief in ihren Armen ein.

Früher hatte Farquhar Kinder sehr gern gehabt. Und nun regte sich plötzlich etwas Altes, Menschliches und Gutes in seinem Herzen.

„Mögen Frieden und Schutz bei dir sein, Kleines“, sagte er leise.

Kaum waren diese Worte über seine Lippen gekommen, löste sich der Zaubernebel in seinem Kopf auf.

Farquhar erinnerte sich an alles.

An den Bauernhof.

An die Bäuerin.

An den Pfad über den Hügel.

Und an das Sieb, das er noch immer nicht geholt hatte.

„Du liebe Zeit!“, flüsterte er. „Sie wartet bestimmt schon lange auf mich!“

Er kletterte rasch vom Dach hinunter und lief zurück.

Doch der Weg war seltsam geworden.

Wo einst ein freies Feld gewesen war, wuchs ein dichter Hain. Wo eine niedrige Steinmauer gestanden hatte, verlief eine alte Straße. Und den Bauernhof konnte er überhaupt nicht finden.

Farquhar ging hin und her und wunderte sich immer mehr.

Schließlich entdeckte er einen alten Mann, der das Dach einer kleinen Hütte ausbesserte.

„Verzeiht!“, rief Farquhar. „Wisst Ihr, wo der Bauernhof ist, der hinter dem Hügel stand? Und hier wohnte auch mein Vater, MacNeill.“

Der Alte kletterte ein Stück herunter und sah den Jungen aufmerksam an.

„Den Namen habe ich nie gehört“, sagte er. „Aber vielleicht weiß mein Vater etwas.“

„Euer Vater?“, fragte Farquhar erstaunt.

„Ja. Er ist im Haus.“

Drinnen am Feuer saß ein noch älterer Mann. Langsam drehte er ein Seil in den Händen.

Farquhar wiederholte seine Frage.

Der Alte dachte lange nach.

„Ich erinnere mich nicht“, sagte er schließlich. „Aber vielleicht erinnert sich mein Vater.“

Farquhar blieb der Mund offen stehen.

„Auch Euer Vater lebt noch?“

Der Alte nickte und zeigte auf einen großen Lederbeutel, der neben dem Bett hing.

Daraus schaute ein winziges, runzeliges Gesicht mit einer roten Mütze hervor.

Farquhar trat näher.

„Herr, habt Ihr jemals von der Familie MacNeill gehört? Von meinem Vater? Von dem Bauernhof hinter dem Hügel?“

Der uralte kleine Mann überlegte und antwortete dann leise:

„Ich habe sie nicht gesehen. Sie lebten lange vor meiner Geburt. Aber mein Vater hat mir von ihnen erzählt.“

Farquhar setzte sich auf eine Bank.

Jetzt verstand er alles.

Für ihn waren im Feenland scheinbar nur ein paar fröhliche Nächte vergangen. Doch in der Menschenwelt waren viele, viele Jahre verstrichen.

Der Junge blickte ins Feuer und schwieg.

Er trauerte um sein Zuhause und um die Menschen, die er geliebt hatte. Zugleich aber erfüllte ihn ein ungeheures Staunen. Die Welt hatte sich verändert, doch die Hügel waren geblieben, der Wind, der Mond über dem Heidekraut und die Geschichten der Menschen, die von Eltern an Kinder weitergegeben werden.

Der alte Hausherr legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Wenn du wirklich derselbe Farquhar MacNeill bist, von dem früher erzählt wurde, dann ist deine Geschichte noch nicht zu Ende“, sagte er. „Erzähl sie uns.“

Und Farquhar erzählte.

Von dem Licht neben dem Pfad.

Von dem unterirdischen Saal.

Von den Tänzen der Feen.

Von dem nächtlichen Flug.

Und davon, wie ein einziges gutes Wort ihm seine Erinnerung zurückgegeben hatte.

Von da an erzählte man den Kindern in jener Gegend noch lange die Geschichte von Farquhar MacNeill. Und am Ende fügte man stets hinzu:

Wenn du auf einem unbekannten Weg unterwegs bist, höre auf guten Rat und laufe nicht jedem seltsamen Licht nach. Und wenn du doch in ein zauberhaftes Abenteuer gerätst, bewahre im Herzen das, was dich daran erinnert, wer du bist.