Cover: Frau Holle

Deutschland

Frau Holle

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Deutschland
Alter
4–8 Jahre
Dauer
6 Min.
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Frau Holle

Marta war ein ruhiges, fleißiges Mädchen. Sie bemerkte fast immer, wenn jemand Hilfe brauchte. Zu Hause trug sie Wasser, räumte auf, spann Garn und kümmerte sich um den Garten.

Eines Tages saß sie an einem alten Brunnen und spann.

Die Arbeit dauerte lange, ihre Finger wurden müde, und plötzlich glitt ihr die Spindel aus der Hand.

Plumps!

Sie fiel direkt ins Wasser.

„Oh nein“, sagte Marta.

Es war ihre einzige Spindel.

Sie beugte sich über den Brunnen und suchte im Wasser danach. Stattdessen spiegelte sich darin der Himmel. Plötzlich schien es ihr, als leuchte tief unten die Sonne.

Marta stieg vorsichtig auf einen niedrigen Steinabsatz hinab und streckte die Hand aus.

Da fühlte sie einen sanften Wind.

Im nächsten Augenblick lag sie auf weichem grünem Gras.

Um sie herum war eine wundersame Welt. Die Sonne schien mild, Blumen wiegten sich im Wind, und nicht weit entfernt stand ein Backofen.

Aus ihm rief eine Stimme:

„Mädchen, hilf mir! Das Brot ist fertig. Wenn es niemand herausnimmt, wird es zu trocken.“

Marta war überrascht, ging aber hin.

Auf dem Backblech lagen goldbraune Brote.

Mit einer hölzernen Schaufel holte sie eines nach dem anderen heraus.

„Danke!“, seufzte der Ofen zufrieden.

Marta ging weiter.

Bald sah sie einen Apfelbaum, dessen Zweige sich unter reifen Früchten bogen.

„Schüttle mich bitte“, bat der Baum. „Die Äpfel sind reif.“

Marta nahm einen unteren Ast und rüttelte vorsichtig daran.

Die Äpfel fielen ins Gras.

Tupp, tupp, tupp.

Sie ließ sie nicht einfach liegen, sondern sammelte sie ordentlich zusammen, damit keiner ins Gebüsch rollte.

„Danke“, rauschte der Apfelbaum.

Der Weg führte Marta zu einem kleinen weißen Haus.

Vor der Tür stand eine ältere Frau mit freundlichen Augen und schneeweißem Haar.

„Komm herein“, sagte sie. „Ich heiße Frau Holle. Wenn du möchtest, bleib eine Weile bei mir. Es gibt nicht viel Arbeit. Aber eine Sache musst du sorgfältig tun: Jeden Morgen sollst du meine Federbetten kräftig ausschütteln.“

„Warum?“, fragte Marta.

Frau Holle lächelte.

„Du wirst sehen.“

Am nächsten Morgen schüttelte Marta die Decke am Fenster aus.

Die Federn wirbelten in die Luft.

Doch statt zu Boden zu fallen, flogen sie in den Himmel und verwandelten sich in weiße Schneeflocken.

Weit entfernt in der gewöhnlichen Welt liefen Kinder aus ihren Häusern.

„Schnee! Es schneit!“

Marta lachte.

Von nun an schüttelte sie jeden Morgen sorgfältig die Betten aus. Sie half in der Küche, goss Blumen, hörte Frau Holles Geschichten und sah am Abend zu, wie Sterne über den Wolken erschienen.

Sie mochte das magische Haus.

Doch nach einigen Wochen sagte sie:

„Hier ist es wunderschön. Trotzdem vermisse ich mein Zuhause.“

„Das ist gut“, sagte Frau Holle. „Wer sein Zuhause liebt, soll auch dorthin zurückkehren dürfen.“

Sie führte Marta zu einem großen Tor.

Als es sich öffnete, fiel ein warmer goldener Regen auf das Mädchen. Goldene Funken berührten ihr Kleid und wurden zu kleinen leuchtenden Mustern.

„Das ist kein Lohn im gewöhnlichen Sinn“, sagte Frau Holle. „Es ist eine Erinnerung daran, dass du geholfen hast, obwohl dir niemand eine Belohnung versprochen hatte.“

Beim Tor lag auch die verlorene Spindel.

Marta nahm sie.

Im nächsten Augenblick stand sie wieder am Brunnen.

Als die Menschen zu Hause die goldenen Muster sahen und ihre Geschichte hörten, dachte ein anderes Mädchen im selben Haus:

„Ich will auch Gold!“

Am nächsten Morgen warf sie absichtlich eine Spindel in den Brunnen und gelangte in die Zauberwelt.

Der Ofen bat:

„Hol bitte das Brot heraus.“

„Warum sollte ich?“, antwortete sie. „Dann werden meine Hände voller Mehl.“

Der Apfelbaum bat:

„Schüttle meine Äste.“

„Das kann jemand anderes machen.“

Zu Frau Holles Haus fand sie dafür besonders schnell.

Am ersten Tag schüttelte sie das Federbett gründlich.

Am zweiten nicht mehr ganz so gründlich.

Am dritten nur einmal.

Dann hatte sie genug.

„Ich will nach Hause und meine Belohnung“, sagte sie.

Frau Holle stritt nicht.

„Dann komm.“

Das Mädchen stellte sich unter das Tor und schloss die Augen. Es wartete auf goldenen Regen.

Stattdessen rieselte etwas Leichtes und Schwarzes herab.

„Hatschi!“

Es war gewöhnlicher Ofenruß. Schwarze Punkte lagen auf Nase, Wangen und Haaren.

Frau Holle sagte:

„Keine Angst, das lässt sich abwaschen. Vielleicht hast du beim Waschen Zeit, über etwas nachzudenken: Eine Belohnung kommt nicht deshalb, weil wir sie verlangen. Sie wächst aus dem, was wir mit Sorgfalt und ohne Berechnung tun.“

Unter dem Ruß wurde das Mädchen rot.

Zu Hause schrubbte es lange die schwarzen Flecken ab.

Am nächsten Morgen sah es einen Korb Äpfel auf dem Tisch und bot plötzlich von selbst an, beim Sortieren zu helfen.

Marta sagte nichts.

Sie lächelte nur.

Und wenn im Winter weicher Schnee über das Dorf fiel, sahen beide Mädchen aus dem Fenster und wussten:

Irgendwo hoch über den Wolken schüttelt Frau Holle wieder ihre magischen Federbetten aus.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨