

Laos
Geheimnisse der Liebe
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Laos
- Alter
- 9–12 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Geheimnisse der Liebe
Am Rand eines großen Waldes lebte ein Holzfäller mit seiner Frau und ihrem kleinen Kind.
Ihr Haus war bescheiden: Bambuswände, ein Dach, das im Regen leise rauschte, eine Feuerstelle aus Lehm neben der Tür und eine alte Holzbank, auf der die Familie am Abend zusammensaß.
Jeden Morgen ging der Holzfäller in den Wald.
Er sammelte trockene Äste, schlug umgestürztes Holz klein, band das Reisig zu schweren Bündeln und trug es nach Hause.
Einen Teil behielt die Familie selbst.
Den Rest verkaufte er auf dem Markt, um Reis, Gemüse und andere notwendige Dinge zu kaufen.
Eines Tages war die Hitze so stark, dass selbst die Vögel in den Baumkronen verstummten.
Der Holzfäller arbeitete seit dem frühen Morgen.
Bis zum Abend hatte er ein großes Bündel gesammelt.
„Ich ruhe mich nur noch ein wenig aus“, sagte er zu sich selbst. „Dann gehe ich nach Hause.“
Er setzte sich unter einen breiten Baum, lehnte den Rücken an den Stamm und schloss die Augen.
Der Wald atmete langsam.
In der Ferne murmelte ein Bach.
Über ihm bewegten sich leise die Blätter.
Und der Holzfäller schlief ein.
Sein Schlaf war so tief, dass er nicht bemerkte, wie die Sonne die Bergspitzen berührte und langsam unterging.
Eine alte laotische Geschichte erzählt, dass ein himmlischer Beschützer die Wege und Schicksale der Menschen beobachtete.
Er sah den Mann reglos unter dem Baum liegen und machte sich Sorgen.
Also stieg er in den Wald hinab, beugte sich über ihn und rief leise:
„Wach auf. Der Abend ist fast da.“
Der Holzfäller öffnete die Augen und sprang auf.
„Ich habe versprochen, vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein. Meine Familie wird sich Sorgen machen.“
„Dann gehen wir“, sagte der Fremde.
Sie folgten dem Pfad.
Als sie sich dem Haus näherten, hielt der Fremde den Holzfäller am Tor zurück.
„Warte einen Augenblick. Ich möchte etwas hören.“
Er trat zum offenen Fenster.
Im Haus brannte bereits eine Lampe.
Das Kind saß neben seiner Mutter und blickte immer wieder zur Tür.
„Papa ist spät“, sagte es.
„Ja“, antwortete die Mutter. „Und ich mache mir Sorgen. Er versucht sonst immer, vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein. Vielleicht ist er im Wald müde geworden oder unterwegs aufgehalten worden.“
„Und wenn etwas passiert ist?“
Die Mutter nahm das Kind in den Arm.
„Wir denken nicht sofort an das Schlimmste. Stellen wir ihm lieber Wasser hin und halten sein Abendessen warm. Wenn er kommt, soll er merken, dass wir auf ihn gewartet haben.“
Der himmlische Beschützer hörte diese Worte und lächelte.
Er kehrte zum Holzfäller zurück.
„Geh nach Hause. Dort wartet man mit Liebe auf dich. Dein Bündel lege ich selbst an die Feuerstelle.“
„Ihr habt mir schon geholfen“, sagte der Mann erstaunt.
„Heute lass mich noch ein wenig mehr helfen.“
Der Holzfäller ging hinein.
Sein Kind lief ihm als Erstes entgegen.
„Papa!“
Seine Frau atmete erleichtert auf.
„Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“
„Ich bin im Wald eingeschlafen“, sagte er verlegen. „Verzeiht mir. Wenn ich mich wieder einmal verspäte, lasse ich vorher jemandem Bescheid sagen.“
„Und beim nächsten Mal“, sagte seine Frau, „nimm mehr Wasser mit und arbeite nicht bis zur völligen Erschöpfung.“
Sie aßen gemeinsam und gingen bald schlafen.
Am Morgen trat die Frau hinaus, um Holz für das Feuer zu holen.
Plötzlich blieb sie stehen.
Am Vorabend hatte dort nur gewöhnliches graues Reisig gelegen.
Nun schimmerte jeder Zweig in warmem Gold.
„Komm schnell!“, rief sie ihren Mann.
Er lief hinaus, sah das Bündel und traute seinen Augen kaum.
„Ist das wirklich ...“
„Es sieht wie Gold aus.“
Das Kind berührte vorsichtig einen Zweig.
„Und es ist warm.“
Der Holzfäller erinnerte sich sofort an den Fremden, der ihn am Abend nach Hause begleitet hatte.
Doch die Familie verschwendete das Geschenk nicht.
Sie reparierten das Dach.
Sie kauften gute Werkzeuge.
Sie legten etwas für die Zukunft zurück.
Und sie halfen mehreren Nachbarn, deren Ernte in diesem Jahr schlecht ausgefallen war.
„Wenn dieses Geschenk durch Fürsorge in unser Haus gekommen ist“, sagte die Frau, „soll es auch mehr Menschen helfen als nur uns dreien.“
Am selben Abend begegnete der himmlische Beschützer auf einem anderen Weg einem zweiten Mann.
Dieser ging langsam nach Hause und zog ein kleines, schlecht gebundenes Bündel Zweige hinter sich her.
„War es ein schwerer Tag?“, fragte der Beschützer.
„Eigentlich nicht“, antwortete der Mann. „Ich habe nur keine Lust, schnell nach Hause zu kommen.“
„Warum?“
„Dort wird wieder jemand unzufrieden sein. Meine Frau sagt, ich hätte zu wenig Holz gebracht. Ich sage, sie verlange zu viel. Dann ärgern wir uns beide. Warum sollte ich mich zu einem Streit beeilen?“
Der Beschützer dachte nach.
„Warte an den Stufen. Ich gehe zuerst zu deinem Haus.“
Unsichtbar trat er ans Fenster.
Drinnen saß die Frau mit ihrem Kind.
„Papa ist wieder spät“, sagte das Kind.
Die Frau antwortete müde:
„Das kommt oft vor. Ich weiß schon nicht mehr, ob er überhaupt an uns denkt oder nur nicht versteht, wie sehr wir auf ihn warten.“
Sie schwieg einen Moment und fügte ruhiger hinzu:
„Vielleicht spreche ich in letzter Zeit auch nur mit ihm, wenn ich mich ärgere. So wird es ebenfalls nicht besser.“
Der Beschützer kehrte zum Mann zurück.
„Geh nach Hause“, sagte er. „Das Holz lege ich an seinen Platz.“
„Nehmt es meinetwegen mit“, sagte der Mann und winkte ab. „Morgen muss ich sowieso wieder neues holen.“
In der Nacht geschah vor dem Haus ein Wunder.
Doch diesmal wurde das Holz nicht zu Gold.
Bei Tagesanbruch ging die Frau zur Feuerstelle und sah, dass sich das Bündel bewegte.
Sie trat erschrocken zurück.
Zwischen den Zweigen schlängelten sich Schlangen.
„Kommt nicht näher!“, rief sie ihrem Mann und dem Kind zu.
Die Schlangen griffen niemanden an.
Sie krochen nur aus dem Bündel, glitten über den Hof und verschwanden im Gras hinter dem Zaun.
Als die letzte fort war, lagen nur noch einige gewöhnliche trockene Zweige auf dem Boden.
Der Mann schwieg lange.
„Ein seltsames Geschenk“, sagte er schließlich.
„Vielleicht war es gar kein Geschenk“, antwortete seine Frau. „Vielleicht eine Erinnerung.“
„Woran?“
Sie sah ihn an.
„Wir beide gehen um unsere Kränkungen herum wie um Schlangen. Du willst nicht heimkommen, weil du meine Vorwürfe fürchtest. Ich mache dir Vorwürfe, weil ich glaube, dir sei alles egal. Und so geht es jeden Tag.“
Der Mann setzte sich auf die Stufe.
„Ich dachte wirklich, wenn ich später komme, bleibt weniger Zeit zum Streiten.“
„Und genau dadurch wurde alles schlimmer.“
Das Kind, das danebenstand, fragte leise:
„Können wir heute einfach nicht streiten?“
Die Erwachsenen sahen einander an und lächelten.
„Das können wir“, sagte der Vater.
„Aber den ganzen Tag schweigen hilft auch nicht“, sagte die Mutter. „Wir müssen reden. Nur nicht schreien.“
An diesem Abend saßen sie zum ersten Mal seit langer Zeit gemeinsam beim Essen und vereinbarten einfache Dinge.
Wer sich verspätet, gibt Bescheid.
Wer sehr müde ist, sagt es offen.
Wer sich über etwas ärgert, darf es ansprechen, ohne den anderen zu verletzen.
Nicht alles änderte sich an einem einzigen Tag.
Manchmal kamen alte Gewohnheiten zurück.
Doch nun bemerkten sie sie.
„Ich glaube, unser Bündel bewegt sich schon wieder“, scherzte der Mann, wenn ein Gespräch zu scharf wurde.
Und seine Frau antwortete:
„Dann lösen wir es lieber, bevor wieder Schlangen herauskommen.“
So fand die Familie ihren eigenen Weg, Frieden zu schließen.
Die Zeit verging.
Eine Familie hatte Gold.
Die andere nur gewöhnliches Brennholz.
Doch in beiden Häusern wurde es allmählich wärmer.
Nicht wegen Edelmetall.
Nicht wegen des Feuers.
Denn der wichtigste Schatz dieser alten Geschichte war gar nicht golden.
Er lag in den kleinen Dingen:
in einem warmgehaltenen Abendessen,
in der Frage „Bist du müde?“,
in den Worten „Ich habe mir Sorgen gemacht“ statt „Du bist schon wieder zu spät“,
und darin, nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit dem Herzen nach Hause zurückzukehren.
Vielleicht sind genau das die Geheimnisse der Liebe, von denen diese Geschichte erzählt.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
