Cover: Gertruds Vogel

Norwegen

Gertruds Vogel

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Norwegen
Alter
6–10 Jahre
Dauer
5 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Gertruds Vogel

Eine alte norwegische Legende erzählt, dass Jesus und der heilige Petrus einst zu Fuß durch das Land wanderten.

Sie gingen über Hügel und steinige Wege, schliefen dort, wo die Dunkelheit sie überraschte, und aßen, was freundliche Menschen mit ihnen teilten.

Eines Tages war der Weg besonders lang.

Die Sonne sank bereits, der Wind wurde kühl, und die beiden waren so hungrig, dass selbst der Rauch aus einem entfernten Kamin wunderbar roch.

Bald erreichten sie eine kleine Hütte.

Vor der Tür stand eine Frau namens Gertrud.

Sie trug ein leuchtend rotes Kopftuch.

Auf dem Feuer lag eine große flache Pfanne.

Gertrud backte Fladen.

„Guten Abend“, grüßten die Wanderer. „Wir kommen von weit her. Könntest du ein kleines Stück Brot mit uns teilen?“

Gertrud sah auf die Schüssel mit Teig.

Dann auf die Gäste.

Sie runzelte ein wenig die Stirn.

„Nun... vielleicht ein ganz kleines Stück“, sagte sie. „Ich mache euch einen winzigen Fladen.“

Sie nahm eine Teigmenge, die kaum zwischen zwei Finger passte, drückte sie flach und legte sie auf die heiße Pfanne.

Da geschah etwas Seltsames.

Der Teig begann zu wachsen.

Zuerst wurde der Fladen so groß wie eine Handfläche.

Dann wie ein Teller.

Und kurz darauf bedeckte er fast die ganze Pfanne.

Gertrud riss die Augen auf.

„Was für ein Fladen! Nein, der ist viel zu groß. Den behalte ich lieber selbst.“

Sie nahm ihn vom Feuer, legte ihn auf den Tisch und zupfte noch weniger Teig ab.

„Dieser hier ist bestimmt für euch.“

Doch kaum lag auch der zweite Fladen in der Pfanne, begann er wieder zu wachsen.

Er wurde rund, breit, goldbraun und groß.

Gertrud schüttelte den Kopf.

„Der ist auch zu groß. Den kann ich ebenfalls nicht hergeben.“

Der heilige Petrus sah sie erstaunt an, sagte aber nichts.

Gertrud nahm ein drittes Stück Teig.

Diesmal war es winzig.

„Jetzt kann wirklich nichts schiefgehen“, sagte sie. „So wenig kann ich bestimmt entbehren.“

Doch das Wunder geschah ein drittes Mal.

Der Fladen wurde groß, locker und so duftend, dass man schon beim Geruch lächeln musste.

Gertrud streckte die Hand danach aus.

Dann zog sie sie wieder zurück.

„Nein“, sagte sie. „Ich habe es mir anders überlegt. Ich habe selbst nicht so viel.“

In der Hütte wurde es still.

Draußen rauschten die Bäume.

Ein Zweig klopfte auf das Dach.

Das Feuer knisterte unter der Pfanne, als warte selbst es darauf, was nun geschehen würde.

Jesus sah Gertrud ruhig an.

„Dreimal hattest du die Gelegenheit, sehr wenig zu teilen“, sagte er. „Und dreimal bekamst du viel mehr zurück, als du gegeben hättest. Trotzdem erschien dir sogar ein kleines Stück für jemand anderen zu viel.“

Gertrud sah zu Boden.

„Ich hatte nur Angst, dass für mich selbst nicht genug bleibt“, sagte sie leise.

„Wer ständig fürchtet, eine Krume zu verlieren“, sagte der Wanderer, „übersieht manchmal, wie viel er längst besitzt. Dann sollst du lernen, Nahrung Krume für Krume zu finden und dich über jeden Tropfen zu freuen, den der Himmel schenkt.“

Ein leichter Wind strich durch die Hütte.

Gertruds rotes Kopftuch flatterte wie ein Flügel.

Ihre Arme wurden zu Flügeln.

Sie wurde klein und leicht.

An ihrer Stelle saß plötzlich ein dunkler Vogel mit einem roten Fleck am Kopf.

Der Vogel blinzelte erstaunt.

Tock.

Er pickte gegen die Holzbank.

Tock-tock.

Dann flog er zum Türrahmen und klopfte mit dem Schnabel ans Holz, als hätte er sofort verstanden, wo er künftig Nahrung suchen würde.

„Hab keine Angst, Gertrud“, sagte der heilige Petrus freundlich. „Im Wald gibt es genug Bäume, Regen und Morgenlicht. Und jedes gefundene Körnchen wird dich daran erinnern, dass man selbst wenig teilen kann.“

Der Vogel flog durch den Kamin aus der Hütte.

Ruß färbte sein Gefieder dunkel.

Das rote Kopftuch aber schien als heller Fleck am Kopf geblieben zu sein.

Seitdem, erzählt die Legende, hört man in den norwegischen Wäldern:

Tock-tock-tock...

Gertruds Vogel sucht unter der Rinde nach kleinen Insekten und Samen.

Wenn Regen kommt, pfeift und ruft er zwischen den Bäumen, als freue er sich über jeden Tropfen, der vom Himmel fällt.

Und wenn man im Wald ein hartnäckiges Klopfen an einem Stamm hört, kann man sich an diese alte Geschichte erinnern.

Denn manchmal beginnt eine wichtige Lektion nicht mit einem großen Geschenk.

Manchmal beginnt sie mit einem kleinen Stück Brot, das man sich schließlich doch entscheidet zu teilen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨