Cover: Goso, der Lehrer

Tansania

Goso, der Lehrer

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Tansania
Alter
4–8 Jahre
Dauer
7 Min.
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Goso, der Lehrer

Auf der Insel Sansibar lebte ein Lehrer namens Goso. Er hatte keine Schule mit großen Zimmern. Jeden Morgen breitete er eine Matte unter einem weit ausladenden Kalebassenbaum aus, und die Kinder setzten sich im Halbkreis um ihn.

Goso brachte ihnen Lesen, Rechnen und aufmerksames Zuhören bei. Besonders gern stellte er Fragen, die man nicht vorschnell beantworten konnte.

„Bevor ihr jemanden beschuldigt“, sagte er oft, „müsst ihr erst genau herausfinden, was wirklich geschehen ist.“

Eines Abends blieb Goso unter dem Baum, um den Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten. Die Sonne ging bereits unter, die Blätter raschelten leise, und hoch in den Zweigen schlich die Gazelle Paa entlang. Sie hatte eine reife Kalebasse entdeckt und wollte davon kosten.

Paa trat auf einen dünnen Ast.

Knack!

Der Ast schwankte.

Eine große Frucht löste sich und fiel hinunter.

Bumm!

Sie schlug direkt neben Goso auf und traf ihn schmerzhaft. Der Lehrer fiel auf seine Matte und verlor das Bewusstsein.

Zum Glück kamen Menschen vorbei. Sie brachten Goso nach Hause, holten jemanden, der sich mit Heilung auskannte, und ließen ihn ausruhen.

Am nächsten Morgen kamen die Kinder zum Unterricht und fanden die Matte leer.

„Wo ist unser Lehrer?“

Als sie hörten, was geschehen war, wurden alle traurig.

„Wir müssen herausfinden, wer die Kalebasse heruntergeworfen hat!“, sagte der älteste Schüler.

„Aber wir dürfen niemanden vorschnell beschuldigen“, erinnerte ein Mädchen aus der ersten Reihe. „Das sagt Goso selbst immer.“

Die Kinder untersuchten den Baum.

Zuerst vermuteten sie, der starke Südwind habe die Frucht gelöst.

Sie gingen auf einen offenen Weg und riefen:

„Kusi, Südwind! Hast du die Kalebasse auf unseren Lehrer fallen lassen?“

Der Südwind strich durch das Gras.

„Ich bin stark. Aber bin ich wirklich allmächtig? Eine gewöhnliche Lehmwand kann mich aufhalten.“

„Dann fragen wir die Wand.“

Die Kinder gingen zu einer Lehmwand.

„Wand, du kannst den Südwind stoppen. Hast du ihn vielleicht zum Baum zurückgelenkt und dadurch die Frucht heruntergeworfen?“

Die Wand schien zu rumpeln.

„Wenn ich die Stärkste wäre, könnte dann eine kleine Ratte einen Gang durch mich graben?“

Die Kinder sahen einander an.

„Dann suchen wir die Ratte.“

Panya, die Ratte, schaute aus ihrem Loch.

„Panya, du kannst die Lehmwand durchgraben. Hat die ganze Sache vielleicht mit dir begonnen?“

Die Ratte piepste:

„Wenn ich die Stärkste wäre, warum würde ich dann vor der Katze weglaufen?“

Die Kinder fanden Paaka, die Katze, die gerade in der Sonne lag.

„Paaka, die Ratte fürchtet dich. Bist du also stärker als sie?“

Die Katze gähnte.

„Vielleicht. Aber ein Seil kann mich leicht festhalten, wenn mein Besitzer nicht möchte, dass ich an den Fischkorb gehe.“

Also nahmen die Kinder ein Seil.

„Seil, du kannst die Katze halten. Bist du am stärksten?“

Das Seil knarrte leise.

„Ein Messer kann mich mit einem einzigen Schnitt durchtrennen.“

Die Kinder fragten das Messer.

„Messer, du schneidest das Seil. Bist du also am stärksten?“

Die Klinge blitzte in der Sonne.

„Feuer kann mich so heiß machen, dass niemand mich berühren kann.“

Die Kinder gingen zur Feuerstelle.

„Feuer, bist du stärker als das Messer?“

Die Flammen knisterten.

„Wasser löscht mich.“

Am Brunnen füllten die Kinder einen Eimer.

„Wasser, du kannst Feuer löschen. Bist du am stärksten?“

Das Wasser schwappte.

„Ein Ochse kann einen ganzen Eimer von mir trinken.“

Auf dem Feld graste der Ochse Ngombai.

„Ngombai, du kannst das Wasser trinken. Bist du also stärker?“

Der Ochse schlug mit dem Schwanz.

„Eine winzige Fliege bringt mich zur Verzweiflung. Sie summt an meinen Ohren, setzt sich auf meinen Rücken, und ich kann sie kaum vertreiben.“

Die Kinder lachten und suchten die Fliege.

Bald hörten sie:

„Ssssss!“

„Enzi, Fliege! Selbst der große Ochse kann dich nicht loswerden. Bist du vielleicht die Stärkste?“

Die Fliege kreiste in der Luft.

„Wenn ich die Stärkste wäre, würde mich dann die Gazelle mit der Zunge fangen, wenn ich mich auf ein Blatt setze?“

„Die Gazelle!“, riefen die Kinder.

Nun erinnerten sie sich zum ersten Mal daran, dass sie beim Kalebassenbaum Spuren schmaler Hufe gesehen hatten.

Sie folgten ihnen und fanden Paa bei den Büschen.

Die Gazelle sah sehr schuldbewusst aus.

„Paa“, sagten die Kinder ruhig, „wir haben den ganzen Morgen untersucht, wer stärker ist als wer. Der Südwind verwies auf die Wand, die Wand auf die Ratte, die Ratte auf die Katze, die Katze auf das Seil, das Seil auf das Messer, das Messer auf das Feuer, das Feuer auf das Wasser, das Wasser auf den Ochsen, der Ochse auf die Fliege, und die Fliege auf dich.“

Paa senkte den Kopf.

„Ich war auf dem Baum“, gestand sie. „Ich wollte eine reife Kalebasse erreichen und habe aus Versehen eine andere heruntergestoßen. Ich sah Goso unten nicht. Ich bekam Angst und lief davon.“

Die Kinder schwiegen einen Moment.

„Du hast es nicht absichtlich getan“, sagte eine Schülerin. „Aber wegzulaufen und zu schweigen war trotzdem falsch.“

„Ich weiß“, sagte Paa. „Wie kann ich helfen?“

Die Kinder baten sie, für Goso frische Früchte und heilende Kräuter zu holen, die weit außerhalb des Dorfes wuchsen und die eine Gazelle schnell erreichen konnte.

Paa stimmte zu und brachte noch am selben Tag einen großen Bund davon.

Einige Tage später saß Goso wieder vor seinem Haus und lächelte seine Schüler an.

„Habt ihr den Schuldigen gefunden?“, fragte er.

„Wir haben nicht nur einen Schuldigen gesucht“, antworteten die Kinder. „Wir haben die Ursache gefunden. Und wir haben gelernt, dass Stärke immer weitergegeben wird: Der Wind wird von der Wand gestoppt, die Wand von der Ratte durchgraben, die Ratte fürchtet die Katze... und am Ende fanden wir Paa.“

„Und was habt ihr getan?“

„Wir haben ihr zugehört.“

Goso nickte zufrieden.

„Dann habt ihr die Lektion sogar ohne mich gelernt.“

Bald begann der Unterricht wieder unter dem Kalebassenbaum.

Und wenn jemand vorschnell rief:

„Er war es bestimmt!“

lachten die anderen und sagten:

„Nicht so schnell. Geh erst bis zur Gazelle.“

Von da an bedeutete dieser Satz bei ihnen:

Prüfe alles bis zum Ende, bevor du dein Urteil fällst.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨