

Australien
Gumblegabbon, Biarga und Ujan
Vögel, Tiere, Streit, Klugheit
- Land
- Australien
- Alter
- 5–9 Jahre

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Gumblegabbon, Biarga und Ujan
Weit draußen im australischen Busch, zwischen trockenem Gras, niedrigen Bäumen und roter Erde, lagen zwei kleine Lager.
In einem lebte Gumblegabbon, der große Trappenvogel. In der Nähe wohnten Biarga, die Habichtfrau, Ujan, die Brachvogelfrau, und Biargas zwei Kinder.
Wasser gab es dort wenig. Eine kleine Mulde im Boden sammelte Regenwasser, und alle wussten genau: Bei Hitze musste man jeden Tropfen sparen.
Eines Tages wollten Biarga und Ujan Essen aus Körnern zubereiten. Dafür brauchten sie einen Dejorl, einen schweren Stein, auf dem man Dunburr für Durri zerrieb.
Gumblegabbon hatte einen Dejorl.
„Leih uns bitte den Stein“, bat Biarga. „Wir müssen den Kindern etwas zu essen machen.“
„Nein“, antwortete Gumblegabbon.
Ujan wunderte sich.
„Benutzt du ihn gerade?“
„Nein.“
„Warum gibst du ihn uns dann nicht für eine Weile?“
„Weil es mein Stein ist.“
Biarga sah zu seinem Feuer. Gumblegabbons Essen kochte bereits. Der Stein lag unbenutzt daneben.
„Wir bringen ihn sofort zurück“, sagte sie noch einmal.
„Ich habe schon geantwortet.“
Die Frauen gingen schweigend fort.
Die Kinder warteten im Lager.
„Gibt es bald Abendessen?“, fragte das jüngere Kind.
Biarga hockte sich zu ihm.
„Heute müssen wir mit dem auskommen, was wir haben.“
Ujan betrachtete lange die kleine Wassermulde.
„So kann es nicht weitergehen“, sagte sie leise. „Wenn jemand eine Sache hat, ohne die andere kaum Essen zubereiten können, und sie nicht einmal kurz verleiht, bloß weil sie ihm gehört, dann verweigert er morgen vielleicht genauso Wasser oder etwas anderes.“
„Daran denke ich auch“, antwortete Biarga. „Wir haben ruhig gefragt. Mehrmals. Man hat uns nicht zugehört.“
Sie beschlossen, zum großen Fluss zu gehen und einen Ort zu suchen, an dem die Kinder sicherer wären und sie nicht jedes Mal um das Allernötigste bitten müssten.
Mehrere Tage bereiteten sie sich vor. Sie machten stabile Wassergefäße, sammelten Nahrung und prüften, ob die Kinder den langen Weg schaffen würden.
Am Morgen, als Gumblegabbon sich weit vom Lager entfernt hatte, nahmen sie so viel Wasser mit, wie sie tragen konnten, und brachen auf.
Zuerst liefen die Kinder fröhlich.
„Gehen wir zum Fluss?“
„Ja.“
„Ist er groß?“
„Viel größer als unsere Wassermulde.“
„Gibt es dort Bäume?“
„Ja.“
„Und Essen?“
Ujan lächelte:
„Erst kommen wir hin, dann sehen wir weiter.“
Der Tag wurde immer heißer. Der Weg zog sich hin. Biarga und Ujan trugen abwechselnd die Sachen, gaben den Kindern kleine Schlucke Wasser und ruhten sich im Schatten aus.
Endlich glitzerte vor ihnen der Fluss.
„Wasser!“, riefen die Kinder.
Doch die Freude wich schnell der Ratlosigkeit. Der Fluss war breit, und Biarga und Ujan konnten nicht durch so ein Gewässer schwimmen.
Am anderen Ufer entdeckten sie zwei Wanderer. Die bemerkten die Reisenden und setzten zu ihnen über.
„Woher kommt ihr?“, fragten sie.
Biarga erzählte kurz vom Lager, von den Kindern und davon, dass sie einen anderen Ort zum Leben suchen wollten.
Die Wanderer stellten keine unnötigen Fragen.
„Auf der anderen Seite führt ein Pfad zu einem Platz, an dem ihr euch ausruhen könnt“, sagte einer. „Wir helfen euch hinüber.“
Zuerst trugen sie die Kinder hinüber, dann die Sachen, und schließlich halfen sie Biarga und Ujan.
Am anderen Ufer setzten sich endlich alle in den Schatten.
Das jüngere Kind schmiegte sich an seine Mutter.
„Sind wir jetzt weit von zu Hause weg?“
Biarga schwieg einen Augenblick.
„Manchmal ist Zuhause nicht der Ort, von dem man kommt. Zuhause ist dort, wo man leben kann, ohne Angst zu haben, dass einem das Allernötigste verweigert wird.“
Inzwischen war Gumblegabbon zurückgekommen.
„Biarga! Ujan!“, rief er.
Niemand antwortete.
Er ging zu ihrem Lager. Leer.
Er sah Spuren, die vom Lagerplatz zum Fluss führten, und begriff, dass alle fortgegangen waren.
Zuerst wurde Gumblegabbon wütend.
„Wie konnten sie ohne mich gehen? Sie sollen zurückkommen!“
Er packte seine Sachen und folgte den Spuren.
Doch je länger er ging, desto deutlicher hörte er in seinem Kopf das Gespräch vom Vortag.
„Leih uns den Stein.“
„Nein.“
„Benutzt du ihn?“
„Nein.“
„Warum gibst du ihn uns dann nicht?“
„Weil er mir gehört.“
Als Gumblegabbon den Fluss erreichte, wurde es schon Abend.
Am gegenüberliegenden Ufer konnte er noch das Lager sehen. Er erkannte Biarga, Ujan und die Kinder.
„Kommt zurück!“, rief er.
Sie hörten ihn, kamen aber nicht zum Wasser.
„Ich habe gesagt, ihr sollt zurückkommen!“
Biarga antwortete über den Fluss hinweg:
„Wir haben dich früher darum gebeten, uns zuzuhören.“
„Ich gebe euch den Stein!“
„Es geht längst nicht mehr nur um den Stein.“
Gumblegabbon verstummte.
„Worum denn?“
„Darum, dass das Zusammenleben nicht auf dem Wort ‚meins‘ beruht, sondern auf der Frage: ‚Wie kann ich helfen?‘ Wir möchten nicht an einen Ort zurück, an dem wir das jedes Mal wieder erklären müssen.“
Die Sonne ging unter. Der Fluss wurde dunkel.
Gumblegabbon blieb an seinem Ufer, denn auch er konnte nicht durch das breite Wasser schwimmen.
Am Morgen wachte er auf und sah, dass das Lager gegenüber leer war. Die Reisenden waren weitergezogen. Ihr Pfad verlor sich hinter der trockenen Ebene, und Gumblegabbon konnte sie nicht einholen.
Lange saß er am Fluss.
Neben ihm lag derselbe Dejorl, den er mitgebracht hatte.
Gestern war ihm dieser Stein sehr wichtig erschienen, weil er ihm gehörte.
Heute war er einfach nur ein schwerer Stein.
Gumblegabbon strich mit dem Fuß über seine glatte Oberfläche und sagte leise:
„Ich hätte ihn ihnen geben sollen, als sie darum baten.“
Doch manches lässt sich mit einem verspäteten Versprechen allein nicht mehr gutmachen.
Seitdem steckt in dieser alten Geschichte eine einfache Erinnerung: Wenn jemand etwas braucht, ohne das er nur schwer zurechtkommt, ist manchmal nicht die Sache selbst das Wertvollste, sondern die Bereitschaft, sie einem anderen zu reichen.
