

Vereinigtes Königreich
Habetrót und Scantlie Mab
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Vereinigtes Königreich
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Habetrót und Scantlie Mab
In einem grünen schottischen Tal, zwischen Hügeln und klaren Bächen, lebte eine Frau mit ihrer Tochter.
Das Mädchen war freundlich, fröhlich und neugierig.
Nur spinnen mochte es überhaupt nicht.
Viel lieber lief es über die Wege, hörte den Lerchen zu, sammelte Wiesenblumen und sah dem Wind dabei zu, wie er die Wolken über die Heide trieb.
Seine Mutter dagegen war überzeugt, dass jeder spinnen können müsse.
„Alle lernen mit dem Spinnrad umzugehen“, sagte sie immer wieder. „Auch du musst es lernen.“
Die Tochter versuchte es ehrlich.
Sie setzte sich ans Rad, nahm den Flachs und drehte das Rad.
Doch der Faden wurde entweder dick wie ein Seil oder plötzlich so dünn, dass er riss.
Eines Morgens legte die Mutter sieben große Bündel Flachs vor sie.
„Das ist deine Arbeit für die nächsten drei Tage. Versuch, damit fertig zu werden.“
Das Mädchen sah auf den Flachs.
Dann auf das Spinnrad.
Und seufzte tief.
Am ersten Tag arbeitete es vom Morgen bis zum Abend.
Am zweiten ebenfalls.
Doch am Abend des zweiten Tages war nur ein kleiner Teil geschafft.
„Das schaffe ich niemals rechtzeitig“, flüsterte sie.
Am nächsten Morgen ging das Mädchen hinaus, um den Kopf freizubekommen.
Die Wiesen glänzten vom Tau.
Sie kam zu einem kleinen Hügel, an dem ein Bach plätscherte und wilde Rosen dufteten.
Am Ufer saß eine ältere Frau und spann so mühelos, als würde der Faden ihren Fingern von selbst gehorchen.
„Guten Morgen“, sagte das Mädchen.
„Dir auch einen guten Morgen, mein Herz“, antwortete die Frau.
Das Mädchen setzte sich neben sie und sah fasziniert zu.
„Wie schafft Ihr das? Bei mir reißt der Faden ständig.“
Die Frau lächelte.
„Ich heiße Habetrót. Ich spinne schon sehr lange. Warum siehst du so traurig aus?“
Das Mädchen erzählte von den sieben Bündeln Flachs und davon, dass es unmöglich rechtzeitig fertig werden würde.
„Bring sie her“, sagte Habetrót. „Ich helfe dir.“
Das Mädchen lief nach Hause, holte den Flachs und kehrte zurück.
Kaum hatte es Habetrót die Bündel gegeben, verschwand die Frau zwischen den Bäumen so lautlos, als löste sie sich im Morgennebel auf.
„Habetrót?“, rief das Mädchen.
Keine Antwort.
Es wartete, ging ein wenig um den Hügel herum und setzte sich schließlich unter einen Busch.
Ohne es zu merken, schlief es ein.
Als es wieder erwachte, war es bereits Abend.
Der erste Stern leuchtete am Himmel, und der Bach glänzte silbern in der Dämmerung.
Da hörte das Mädchen plötzlich eine Stimme unter der Erde:
„Schneller, Scantlie Mab! Ich habe die Fäden für heute Abend versprochen, und Habetrót hält immer ihr Wort!“
Das Mädchen blickte sich um.
Neben einem großen Stein entdeckte es eine kleine Öffnung.
Es beugte sich hinunter und sah hinein.
Unter dem Hügel lag eine geräumige Höhle, warm erleuchtet von kleinen Lichtern.
Dort saß eine ganze Gesellschaft von Spinnerinnen.
Die Räder summten leise.
Spindeln blitzten.
Feine, gleichmäßige Fäden liefen durch geschickte Hände.
Habetrót war ebenfalls dort.
In einer Ecke arbeitete ihre Freundin Scantlie Mab und wickelte fertiges Garn zu ordentlichen Strängen.
„Was für ein Wunder“, flüsterte das Mädchen.
Bald kam Habetrót wieder unter dem Hügel hervor.
Sie reichte dem Mädchen sieben wunderschöne Garnstränge.
„Fertig.“
Das Mädchen konnte es kaum glauben.
„Wie kann ich mich bedanken?“
„Gar nicht. Merk dir nur: Nicht jede Arbeit muss deine Arbeit sein. Einer spinnt gern, ein anderer pflegt einen Garten, ein dritter backt Brot. Gut ist, wenn Menschen einander mit ihren verschiedenen Fähigkeiten helfen.“
„Darf ich meiner Mutter erzählen, wer mir geholfen hat?“
Habetrót schüttelte den Kopf.
„Noch nicht. Wir sehen erst einmal, was geschieht.“
Das Mädchen brachte die Stränge nach Hause.
Die Mutter legte sie auf den Tisch und schlug erstaunt die Hände zusammen.
„Was für eine Arbeit! Wie gleichmäßig dieses Garn ist!“
Sie war so stolz, dass sie hinauslief und den Nachbarn erzählte, ihre Tochter habe in drei Tagen sieben wunderbare Stränge gesponnen.
Gerade ritt der junge Besitzer eines benachbarten Gutes vorbei.
Als er den aufgeregten Ruf hörte, hielt er sein Pferd an.
„Was ist denn geschehen?“
Die Mutter zeigte ihm sofort das Garn.
„Das alles hat meine Tochter gemacht!“
Der junge Mann betrachtete die Stränge.
Dann sah er das Mädchen an, das verlegen bei der Tür stand.
„Spinnt Ihr gern?“, fragte er.
Das Mädchen wurde rot.
Sie hätte einfach Ja sagen und das Lob annehmen können.
Doch sie wollte nicht lügen.
„Eigentlich nicht besonders“, antwortete sie. „Ich versuche es. Aber es gibt andere Dinge, die mir viel mehr Freude machen.“
Der junge Gutsbesitzer lachte.
„Endlich sagt einmal jemand die Wahrheit über ein Spinnrad. Ich mag Aufgaben ebenfalls nicht nur deshalb, weil andere finden, ich müsste sie mögen.“
Sie kamen ins Gespräch.
Es stellte sich heraus, dass beide lange Spaziergänge, Pferde, Bücher und den Morgennebel über den Hügeln liebten.
Von da an kam der junge Mann manchmal zu Besuch.
Sie redeten viel, gingen spazieren und lernten einander immer besser kennen.
Mit der Zeit beschlossen sie zu heiraten.
Doch kurz vor der Hochzeit begann das Mädchen sich Sorgen zu machen.
„Was, wenn er trotzdem glaubt, ich könnte in drei Tagen sieben Stränge spinnen?“
Am Abend klirrte ein kleiner Stein gegen ihr Fenster.
Das Mädchen sah hinaus.
Unter dem Baum stand Habetrót.
„Bring ihn morgen zum Hügel“, sagte sie. „Es ist Zeit, ihm meine Werkstatt zu zeigen.“
Am nächsten Tag führte das Mädchen seinen Verlobten zum Bach.
„Hier lebt eine Bekannte von mir.“
Habetrót öffnete eine verborgene Tür zwischen den Wurzeln.
Gemeinsam gingen sie unter den Hügel.
In der Höhle summten wieder zahlreiche Spinnräder.
„Willkommen“, sagte Habetrót. „Heute haben wir viel zu tun.“
Der junge Mann sah erstaunt zu den Spinnerinnen.
Eine rieb ihre müden Finger.
Eine andere streckte den Rücken.
Eine dritte bewegte nach langem Sitzen erschöpft die Beine.
Scantlie Mab zwinkerte den Gästen zu.
„Wenn man von morgens bis abends immer dieselbe Arbeit macht, wird selbst eine geliebte Beschäftigung schwer.“
Habetrót nickte.
„Genau. Arbeit ist wichtig. Aber Menschen brauchen auch Bewegung, frische Luft, Neugier und Freude.“
Der junge Gutsbesitzer sah seine Verlobte an.
„Also haben diese Frauen mit den sieben Strängen geholfen?“
„Ja“, sagte sie ehrlich.
Er lächelte.
„Gut, dass du mir damals schon gesagt hast, dass du nicht gern spinnst. Ich möchte mit dir leben, nicht mit sieben Garnsträngen.“
Alle in der Höhle lachten.
Nach der Hochzeit tat in ihrem Haus jeder das, was er besonders gut konnte.
Das Mädchen pflegte den Garten, führte die Haushaltsbücher, lernte hervorragend zu reiten und kannte bald jeden Pfad rund um das Gut.
Ihr Mann kümmerte sich um Felder und Tiere.
Den Flachs gaben sie Menschen zum Spinnen, die dieses Handwerk wirklich mochten.
Von Zeit zu Zeit stand am Morgen ein Korb mit besonders feinem Garn vor der Tür.
Niemand sah je, wer ihn brachte.
Doch das Mädchen wusste es.
Es stellte dann Kuchen, Äpfel oder ein Glas Honig beim Bach ab.
Und aus dem Hügel erklang manchmal leise:
„Danke, mein Herz!“
Wer abends sein Ohr an den großen Stein legt, kann vielleicht noch heute die Räder von Habetrót und Scantlie Mab summen hören.
Und vielleicht hört man die Spinnerinnen darüber lachen, dass sieben Stränge Garn beinahe darüber entschieden hätten, wer ein Mädchen sein sollte.
Zum Glück taten sie es nicht.
Denn Können ist wichtig.
Noch wichtiger ist es, seine eigene Aufgabe zu finden und dabei man selbst zu bleiben.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
