Cover: Hänsel und Gretel

Deutschland

Hänsel und Gretel

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Deutschland
Alter
5–9 Jahre
Dauer
8 Min.
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Hänsel und Gretel

Am Rand eines großen Waldes lebte ein Holzfäller mit seinen beiden Kindern Hänsel und Gretel. Die Familie war arm, doch in ihrem kleinen Haus gab es immer Platz für Lachen, warme Suppe und eine Geschichte am Abend.

Dann kam ein Jahr mit einer sehr schlechten Ernte.

Das Mehl ging zur Neige, das Gemüse war fast aufgebraucht, und die Erwachsenen flüsterten immer häufiger darüber, wie sie durch den Winter kommen sollten.

Eines Abends hörten die Kinder ein erschreckendes Gespräch.

Die Stiefmutter, die selbst große Angst vor dem Hunger hatte, sagte zum Vater:

„Morgen nehmen wir die Kinder mit in den Wald, wenn wir Holz sammeln. Sie können auf einer Lichtung warten, während wir weiterarbeiten. Vielleicht finden sie von dort den Weg zu einem wohlhabenderen Dorf.“

„Nein“, sagte der Vater. „Das können wir nicht tun.“

Doch der Streit dauerte lange.

Hänsel und Gretel lagen unter ihrer Decke und konnten nicht schlafen.

„Hab keine Angst“, flüsterte Hänsel. „Wir finden den Weg zurück.“

In der Nacht schlich er hinaus.

Der Mond leuchtete hell, und die weißen Steinchen beim Brunnen glänzten wie kleine Münzen.

Hänsel steckte so viele wie möglich in die Taschen.

Am nächsten Morgen ging die Familie in den Wald.

Hänsel lief hinten und ließ von Zeit zu Zeit einen weißen Stein auf den Weg fallen.

Auf einer großen Lichtung machten die Erwachsenen ein kleines Feuer.

„Wartet hier“, sagte der Vater mit schwerer Stimme. „Wir gehen Holz sammeln.“

Die Zeit verging.

Die Sonne sank.

Das Feuer erlosch.

Gretel begann leise zu weinen.

„Warte auf den Mond“, sagte Hänsel.

Als der runde Mond über den Bäumen stand, leuchteten die weißen Steine.

Von einem zum nächsten fanden die Kinder den Weg.

Im Morgengrauen erreichten sie ihr Zuhause.

Der Vater war so erleichtert, dass er sie lange nicht aus den Armen ließ.

Doch der Hunger verschwand nicht.

Nach einiger Zeit gewann die Angst der Erwachsenen wieder die Oberhand.

Die Stiefmutter bestand auf einem zweiten Gang in den Wald.

Diesmal war die Tür nachts verschlossen, und Hänsel konnte keine Steine sammeln.

Zum Frühstück bekam jedes Kind nur ein kleines Stück Brot.

Unterwegs brach Hänsel heimlich Krümel davon ab und streute sie hinter sich.

Doch auch die Vögel im Wald waren hungrig.

Sie kamen auf den Weg und pickten sämtliche Krümel auf.

Als der Abend kam, gab es keine Spur nach Hause.

„Wir schaffen das“, sagte diesmal Gretel. „Solange wir zusammen sind, ist der Wald weniger schlimm.“

Die Kinder wanderten lange.

Sie teilten die letzte Beere.

Sie tranken aus einem Bach.

Nachts schliefen sie dicht aneinander unter einer Tanne.

Am dritten Tag setzte sich ein weißer Vogel auf einen Ast vor ihnen.

Er flog von Baum zu Baum, als wollte er sie führen.

„Vielleicht kennt er den Weg“, sagte Gretel.

Sie folgten ihm.

Bald öffnete sich der Wald.

Vor ihnen stand das seltsamste Haus, das sie je gesehen hatten.

Das Dach bestand aus Lebkuchen.

Die Wände aus süßem Brot.

Die Fenster glänzten wie Zucker.

Am Dachrand lagen Nüsse und kandierte Früchte.

„Ich glaube, ich träume“, flüsterte Hänsel.

Die Kinder waren so hungrig, dass sie ein winziges Stück vom Lebkuchendach abbrachen.

Knusper.

Gretel berührte ein Zuckerfenster.

Knack.

Aus dem Haus rief eine Stimme:

„Wer knuspert an meinem Haus?“

Die Tür öffnete sich.

Eine sehr alte Frau mit einem Stock stand davor.

„Ihr armen Kinder“, sagte sie mit süßer Stimme. „Kommt herein. Ich habe warme Milch, Äpfel und weiche Betten.“

Hänsel und Gretel zögerten.

Doch Müdigkeit und Hunger waren stärker.

Drinnen war es tatsächlich warm.

Die alte Frau gab ihnen Essen und ließ sie schlafen.

Am Morgen klang ihre Stimme ganz anders.

Die Türen waren verschlossen.

„Von jetzt an bleibt ihr hier“, sagte sie. „Dieses Haus ist verzaubert, damit es Helfer anlockt. Hänsel wird Holz tragen, und Gretel wird meine Süßigkeiten backen. Denkt gar nicht erst ans Weglaufen.“

Da begriffen die Kinder, dass ihre freundliche Gastgeberin in Wahrheit eine Waldhexe war.

Wenn die Hexe Kräuter sammeln ging, schloss sie Hänsel in eine kleine Kammer.

Gretel musste in der Küche arbeiten.

„Wir müssen fliehen“, flüsterten sie am Abend.

„Aber den Schlüssel trägt sie am Gürtel“, sagte Hänsel.

Gretel beobachtete die Hexe aufmerksam.

Sie sah nicht besonders gut und verwechselte ständig Gläser, Löffel und Schranktüren.

Eines Morgens sagte die Hexe:

„Gretel, sieh nach, ob der große Ofen heiß genug für Lebkuchen ist.“

Gretel sah die offene Ofentür und beschloss, vorsichtig zu sein.

„Ich weiß nicht, wie ich das prüfen soll“, sagte sie. „Könnt Ihr es mir zeigen?“

Die Hexe kam ärgerlich näher.

„So! Man beugt sich hinunter und schaut hinein.“

Während sie erklärte, rutschte der Schlüsselbund von ihrem Gürtel auf den Tisch.

Kling!

Gretel griff sofort danach und rannte zur Kammer.

„Hänsel!“

Klick.

Die Tür ging auf.

Die Hexe lief ihnen nach.

Doch die Kinder waren schneller und rannten hinaus.

Gretel schloss die Haustür und drehte den Schlüssel um.

„Macht sofort auf!“, rief die Hexe von drinnen.

„Wir öffnen erst, wenn Ihr versprecht, nie wieder Kinder mit Süßigkeiten anzulocken und niemanden gegen seinen Willen festzuhalten“, antwortete Gretel.

Die Hexe schimpfte, klopfte und drohte.

Aber der Schlüssel war bei den Kindern.

Neben dem Haus fand Hänsel eine Truhe.

Darin lagen Münzen und Schmuckstücke, die die Hexe Reisenden abgenommen hatte.

Die Kinder nahmen nur einen kleinen Beutel mit Münzen für Essen auf dem Heimweg.

Den Rest ließen sie zurück, damit Erwachsene später versuchen konnten, die Sachen ihren Besitzern zurückzugeben.

Der weiße Vogel erschien wieder auf einem Ast.

„Da ist unser Wegweiser“, sagte Gretel.

Sie folgten ihm.

An einem breiten Wasserlauf half ihnen eine weiße Ente.

Sie brachte die Kinder nacheinander auf die andere Seite.

„Wir sind zusammen zu schwer“, sagte Gretel. „Wir wollen unsere kleine Helferin nicht überlasten.“

Hinter dem Fluss wurde der Wald vertrauter.

Am Abend sahen sie das Dach ihres Hauses.

Der Vater lief ihnen entgegen.

Während die Kinder fort gewesen waren, hatte er bitter bereut, dass er seine Angst hatte entscheiden lassen.

Die Stiefmutter war nicht mehr dort. Sie hatte das Dorf verlassen, nachdem sie verstanden hatte, dass die Familie einen solchen Plan niemals noch einmal akzeptieren würde.

„Verzeiht mir“, sagte der Vater. „Erwachsene müssen Kinder beschützen, selbst wenn sie selbst Angst haben und nicht wissen, wie es weitergeht.“

Hänsel und Gretel kamen nach Hause.

Die Münzen reichten für Korn, Saatgut und warme Kleidung.

Im Frühling legte die Familie einen großen Gemüsegarten an.

Die Kinder erinnerten sich noch lange an das süße Haus.

Nicht, weil sein Dach besonders gut geschmeckt hatte.

Sondern weil sie dort gelernt hatten: Hänsel konnte einen Weg finden. Gretel konnte einen Ausweg aus einer Falle erkennen. Und gemeinsam waren sie stärker als jeder Zauber im Wald.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨