Cover: Herr Kotzky

Ukraine

Herr Kotzky

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ukraine
Alter
4–8 Jahre
Dauer
8 Min.
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Herr Kotzky

Bei einem Mann lebte ein alter Kater. Früher war er der flinkste Mäusefänger im ganzen Haus gewesen. Kaum huschte ein Mäuseschwanz unter der Bank vorbei, war der Kater schon da. Doch mit den Jahren wurde er langsamer. Er schlief lieber in der Sonne und jagte die Mäuse nicht mehr wie in seiner Jugend.

Sein Herr war ein unbedachter Mensch. Statt dem Kater für seine langen Dienste zu danken, setzte er ihn eines Tages auf einen Wagen, fuhr mit ihm in den Wald und ließ ihn dort zurück.

„Vielleicht kommst du irgendwie zurecht“, brummte er und fuhr davon.

Der Kater setzte sich unter einen Baum und seufzte schwer.

„Das ist vielleicht ein Dank. Nun gut, dann muss ich ein neues Leben anfangen.“

Er war noch nicht weit gegangen, als ihm eine Füchsin entgegenkam.

Sie sah das unbekannte Tier, blieb stehen und fragte:

„Guten Tag. Wer seid Ihr, und wie kommt Ihr in unseren Wald?“

Der Kater richtete sich auf. Er wollte nicht erzählen, dass man ihn einfach ausgesetzt hatte.

„Ich? Ich bin Herr Kotzky.“

Die Füchsin machte große Augen.

„Herr Kotzky? Einen solchen Herrn habe ich noch nie getroffen. Und wo wohnt Ihr?“

„Im Augenblick nirgends“, antwortete der Kater ehrlich.

Die Füchsin dachte nach und sagte:

„Dann kommt zu mir. In meinem Häuschen ist genug Platz. Ihr könnt bei mir wohnen.“

Herr Kotzky war einverstanden.

Die Füchsin richtete ihm eine warme Ecke ein und brachte ihm Essen. Der Kater benahm sich würdevoll. Er ging langsam umher, strich seine Schnurrhaare glatt und schwieg oft. Die Füchsin fand, dass solche Schweigsamkeit zu einem sehr wichtigen Herrn passte.

Eines Tages lief ein Hase vorbei.

„Schwester Füchsin, darf ich dich heute Abend besuchen?“

„Leiser!“, flüsterte die Füchsin. „Bei mir wohnt jetzt Herr Kotzky. Er ist sehr ernst. Komm lieber nicht ohne Einladung.“

Der Hase rannte weiter und traf unterwegs den Wolf.

„Hast du gehört? Bei der Füchsin wohnt ein gewisser Herr Kotzky. Er soll ungeheuer vornehm sein!“

Der Wolf erzählte es dem Bären, der Bär dem Wildschwein. Nach einem halben Tag wusste der ganze Wald, dass bei der Füchsin ein noch nie gesehener Herr Kotzky wohnte.

„Wir müssen uns ansehen, was das für ein Herr ist“, beschlossen die Tiere.

Doch einfach so hinzugehen erschien ihnen unhöflich.

„Wir kochen ein Mittagessen“, schlug der Bär vor. „Dann laden wir ihn freundlich ein.“

Der Wolf brachte Gemüse und Pilze für die Suppe. Das Wildschwein grub Kartoffeln und Rote Bete aus. Der Bär brachte einen Topf Honig und der Hase frischen Kohl.

Sie kochten ein großes Essen, deckten den Tisch und überlegten dann:

„Wer soll die Einladung überbringen?“

Der Bär kratzte sich hinter dem Ohr.

„Ich bin schwer. Wenn ich plötzlich schnell fortmüsste, wäre ich nicht flink genug.“

Das Wildschwein sagte:

„Ich bin auch nicht besonders schnell.“

Der Wolf räusperte sich.

„Und ich habe heute, äh, wichtige Dinge zu erledigen.“

Alle sahen den Hasen an.

„Warum immer ich?“, seufzte er.

Aber er ging.

Er lief zum Haus der Füchsin und klopfte.

„Schwester Füchsin! Der Wolf, der Bär, das Wildschwein und ich haben ein Mittagessen gekocht. Wir laden dich und Herrn Kotzky herzlich ein.“

Stolz nickte die Füchsin.

„Gut, wir kommen. Benehmt euch aber ordentlich. Herr Kotzky mag keinen Lärm.“

Der Hase hörte nur die letzten Worte und eilte zurück.

„Versteckt euch!“, rief er. „Herr Kotzky ist sehr streng!“

Die Tiere bekamen Angst, bevor sie ihren Gast überhaupt gesehen hatten.

Der Bär kletterte auf einen Baum. Der Wolf versteckte sich hinter einem Busch. Das Wildschwein grub sich in trockenes Laub ein, und der Hase duckte sich hinter einen Baumstumpf.

Bald führte die Füchsin Herrn Kotzky an den gedeckten Tisch.

Der Kater sah die Schüssel mit Essen. Nach seinen Erlebnissen im Wald war er hungrig. Er trat näher und miaute zufrieden:

„Miau! Miau!“

Die Tiere aber glaubten, er sagte:

„Zu wenig! Zu wenig!“

Hinter dem Busch zitterte der Wolf.

„Oho! So viel Essen, und es ist ihm noch zu wenig!“

Der Bär auf dem Baum dachte:

„Dieser Herr Kotzky frisst bestimmt mehr als ich!“

Inzwischen hatte der Kater gut gegessen und streckte sich neben dem Tisch aus. Da setzte sich eine Mücke genau auf den Schwanz des Wildschweins.

Das Wildschwein zuckte mit dem Schwanz.

Aus dem Augenwinkel sah der Kater die Bewegung.

„Eine Maus!“, dachte er aus alter Gewohnheit.

Hopp!

Er sprang geradewegs auf den Laubhaufen zu.

Das Wildschwein glaubte, der schreckliche Herr Kotzky greife es an.

„Rettet euch!“, quiekte es und raste über die Lichtung.

Der Kater selbst erschrak vor dem großen Wildschwein und sprang zur Seite. Dort stand ein Baum.

„Auf den Baum!“, beschloss er und kletterte blitzschnell hinauf.

Auf diesem Baum saß jedoch der Bär.

Als er sah, dass Herr Kotzky gerade auf ihn zukam, dachte er:

„Jetzt ist es aus! Sogar hier hat er mich gefunden!“

Der Bär kletterte höher, auf die dünneren Äste. Ein Ast knackte, und der Bär plumpste weich in einen Haufen vorjähriger Blätter.

„Au!“

Der Wolf sah den Bären fallen und glaubte, Herr Kotzky habe ihn mit einem einzigen Blick vom Baum geholt.

Er rannte so schnell davon, dass man nur noch seinen Schwanz aufblitzen sah.

Auch der Hase flitzte los, ohne herauszufinden, vor wem er eigentlich davonlief.

Eine Minute später war die Lichtung leer.

Auf dem Baum saß ein erschrockener Kater.

Darunter stand eine verwunderte Füchsin.

„Herr Kotzky, warum seid Ihr da hinaufgeklettert?“

„Da war ein Wildschwein!“, antwortete der Kater. „Ein riesiges!“

„Aber es ist vor Euch weggelaufen.“

„Vor mir?“

Vorsichtig kletterte der Kater herunter und sah sich um.

„Ihr habt seltsame Tiere in eurem Wald.“

Inzwischen hatten sich Wolf, Bär, Wildschwein und Hase weit entfernt von der Lichtung wieder versammelt.

Das Wildschwein sagte:

„Habt ihr es gesehen? Er ist direkt auf mich losgesprungen!“

Der Bär fügte hinzu:

„Und dann ist er auf den Baum geklettert, um mich zu holen!“

Der Wolf schüttelte den Kopf.

„So klein und so mutig!“

Der Hase dachte nach und sagte zögernd:

„Vielleicht haben wir uns selbst Angst gemacht?“

Alle schwiegen.

Am nächsten Tag trauten sie sich schließlich noch einmal zum Haus der Füchsin. Diesmal versteckten sie sich nicht.

Herr Kotzky saß in der Sonne und putzte mit seiner Pfote die Schnurrhaare.

Der Bär sah genauer hin.

„Das ist der gefürchtete Herr?“

Der Kater gähnte.

„Eigentlich bin ich nur ein Kater.“

Die Füchsin lachte.

„Ich habe nie gesagt, dass er ein Riese ist. Das habt ihr euch selbst ausgedacht.“

Die Tiere sahen einander an und mussten dann ebenfalls lachen.

Von nun an lebte Herr Kotzky friedlich bei der Füchsin. Niemand fürchtete sich mehr vor ihm. Dafür schätzten alle seine würdevollen Schnurrhaare, sein schönes Schnurren und seine Fähigkeit, die kleinste Bewegung im Gras sofort zu bemerken.

Im Wald erzählte man diese Geschichte noch lange weiter und fügte immer neue Einzelheiten hinzu.

Der Hase aber erinnerte die anderen jedes Mal:

„Bevor man sich vor etwas fürchtet, das man noch nicht gesehen hat, sollte man selbst nachschauen. Manchmal wächst das größte Ungeheuer nämlich nicht im Wald, sondern in der eigenen Vorstellung.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨