Cover: Herr Reissack

Japan

Herr Reissack

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Japan
Alter
6–10 Jahre
Dauer
7 Min.
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Herr Reissack

In Japan lebte einst ein mutiger Krieger namens Fujiwara Hidesato. Später nannten die Menschen ihn Tawara Tōda, also „Herr Reissack“. Wie er zu diesem ungewöhnlichen Namen kam, erzählt diese Geschichte.

An einem klaren Morgen machte sich Hidesato auf den Weg. Auf dem Rücken trug er einen Köcher mit Pfeilen, in der Hand einen großen Bogen, und vor ihm lagen unbekannte Wege.

Bald erreichte er eine Brücke über den Biwa-See. Doch kaum hatte er die hölzernen Bohlen betreten, blieb er stehen.

Quer über die gesamte Brücke lag ein riesiger Drache.

Sein Körper war dick wie der Stamm einer alten Kiefer. Der Schwanz berührte die eine Seite der Brücke, eine Pranke hing über die andere. Aus seinen Nüstern stieg ein schwacher Feuerschein, und mit jedem Atemzug quollen kleine Rauchwolken hervor.

Hidesato spürte, wie sein Herz schneller schlug.

„Zurück führt kein Weg“, sagte er leise zu sich selbst. „Also gehe ich nach vorn.“

Langsam ging er weiter. Vorsichtig stieg er über eine schuppige Pranke, schritt zwischen den Windungen des gewaltigen Körpers hindurch und blickte kein einziges Mal zurück.

Als die Brücke schon hinter ihm lag, rief jemand:

„Edler Krieger, wartet!“

Hidesato drehte sich um.

Der Drache war verschwunden.

Auf der Brücke stand nun ein Mann in grünem Gewand, das mit Muschelmustern verziert war. Auf seinem Kopf glänzte eine seltsame Krone, die an einen Drachenkopf erinnerte.

„Habt Ihr mich gerufen?“, fragte Hidesato.

„Ja. Ich bin der Drachenkönig des Biwa-Sees. Das Ungeheuer auf der Brücke war nur meine verwandelte Gestalt. Seit vielen Tagen warte ich auf einen Menschen, der allein bei meinem Anblick nicht davonläuft.“

„Warum braucht Ihr einen solchen Menschen?“

Der Drachenkönig seufzte.

„Auf dem Berg Mikami hat sich ein riesiger Tausendfüßer niedergelassen. Jede Nacht kommt er zum See hinab und versetzt meine Familie in Angst. Wir können nicht mehr ruhig in unserem eigenen Zuhause leben. Ich suchte jemanden, der mutig genug ist, uns zu helfen.“

Hidesato blickte zum fernen Berg.

„Ich werde es versuchen.“

Der Drachenkönig führte ihn in seinen Palast unter dem See. Das Wasser teilte sich vor ihnen wie ein gläserner Vorhang. Dahinter erschien ein Palast aus weißem Stein mit perlmuttfarbenen Säulen und Gärten, in denen goldene Fische zwischen Korallen schwammen.

Zu Ehren des Gastes wurde ein Festmahl veranstaltet. Goldfische tanzten, rote Karpfen spielten Saiteninstrumente, und silbrige Forellen trugen Speisen auf glänzenden Platten herbei.

Hidesato hatte beinahe vergessen, weshalb er gekommen war, als plötzlich der Boden bebte.

Dumpf. Dumpf. Dumpf.

Aus der Ferne erklang ein Dröhnen, als marschierten hundert Trommeln über die Berge.

„Er kommt“, flüsterte der Drachenkönig.

Im Dunkel des Berghangs leuchteten zwei Lichter auf. Dann noch Dutzende kleinere.

Es waren die Augen und die vielen Beine des riesigen Tausendfüßers.

Hidesato nahm seinen Bogen.

Im Köcher waren nur noch drei Pfeile.

Er spannte die Sehne und schoss.

Der erste Pfeil traf genau, prallte jedoch vom harten Panzer ab.

„Noch habe ich zwei“, sagte Hidesato.

Er zielte erneut.

Auch der zweite Pfeil konnte den starken Schutz des Ungeheuers nicht durchdringen.

Der Drachenkönig wurde blass.

„Nur noch einer.“

Hidesato betrachtete schweigend den letzten Pfeil. Er erinnerte sich an einen alten Rat von Jägern: Gewöhnliche Waffen besiegen nicht immer das, was unbesiegbar scheint. Manchmal braucht es weniger Kraft als Wissen.

Der Krieger befeuchtete die Pfeilspitze, spannte die Sehne erneut und wartete geduldig, bis der Tausendfüßer den Kopf hob.

Surr!

Der Pfeil flog durch die Nacht.

Diesmal hielt das Ungeheuer plötzlich inne. Die Lichter an seinen vielen Beinen erloschen eines nach dem anderen. Der riesige Tausendfüßer wich vom See zurück, kroch hinauf in die Berge und kehrte nie wieder in das Reich des Drachenkönigs zurück.

Im selben Moment erhob sich ein starker Wind. Donner rollte über den See, ein Blitz zuckte auf, dann wurde alles still.

Der Morgen kam.

Über dem Wasser lag Sonnenschein, und die Bewohner des Unterwasserpalastes wagten sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ohne Angst hinaus.

„Du hast unser Zuhause gerettet“, sagte der Drachenkönig. „Erlaube uns, dir zu danken.“

Er ließ Geschenke bringen.

Das erste war eine große Bronzeglocke.

Das zweite ein Sack Reis.

Das dritte eine Rolle Seide.

Das vierte ein wunderbarer Kochtopf.

Hidesato war verlegen.

„Ich habe euch nicht wegen einer Belohnung geholfen.“

„Gerade deshalb wollen wir dir eine geben“, sagte der König lächelnd.

Hidesato bedankte sich und machte sich auf den Heimweg. Diener des Drachenkönigs trugen die Geschenke hinter ihm her. An der Brücke verbeugten sie sich und verschwanden im Morgennebel.

Zu Hause erkannte Hidesato bald, dass die Geschenke nicht gewöhnlich waren.

Die Bronzeglocke war zwar nicht verzaubert, doch ihr Klang war so rein, dass Hidesato sie einem Tempel schenkte. Von da an schwebte ihr Ton über Felder und Dörfer und erinnerte die Menschen an den Lauf der Zeit.

Der Sack Reis aber war magisch. So viel Reis man auch herausnahm, er wurde niemals leer.

Auch die Seidenrolle wurde nicht kürzer. Man konnte ein Stück für ein Festgewand abschneiden, und am nächsten Morgen war sie wieder so lang wie zuvor.

Der Kochtopf schließlich konnte von selbst Speisen zubereiten. Man musste nur die Zutaten hineinlegen, den Deckel schließen und ein wenig warten.

Hidesato hätte all das verstecken und nur für sich selbst nutzen können.

Doch er entschied sich anders.

Als im Nachbardorf die Ernte schlecht ausfiel, verteilte man Reis aus dem magischen Sack an Familien, denen Nahrung fehlte. Mit der Seide half man Menschen, die warme Kleidung brauchten. Und der wunderbare Kochtopf kam häufig bei großen gemeinsamen Festen zum Einsatz.

Die Leute staunten:

„Wie viel Reis steckt eigentlich in diesem Sack?“

„Wahrscheinlich genau so viel, wie ein gutes Herz braucht“, scherzte Hidesato.

So blieb ihm der Name „Herr Reissack“.

Doch seinen größten Schatz sah er nicht in den magischen Dingen.

Denn an jenem Tag auf der Brücke hatte Hidesato verstanden: Mut bedeutet nicht, überhaupt keine Angst zu haben. Mut beginnt dort, wo die Angst da ist und man trotzdem einen Schritt weitergeht, weil jemand Hilfe braucht.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨